Widerstand gegen die SA 1933
in der Elsaßstrasse

Im Gottesdienst am Sonntag, den 2. März 2008 erinnerte die Lutherkirche an den Widerstand der Südstädter 1933

3. März 1933

Ein SA-Trupp zieht durch die als kommunistische Hochburg geltende Elsaßstraße in der Kölner Südstadt. Bewohner der Straße schmeißen unter Beschimpfungen Blumen- und Nachttöpfe auf die marschierende Kampforganisation. Schüsse fallen, SS- und SA-Männer durchsuchen Wohnungen, nehmen 70 Personen fest und stellen die Bewohner der Straße für drei Tage unter Hausarrest.

Bericht über den Gottesdienst 1. Teil

2. März 2008: kämpferische Marschmusik wird immer wieder unterbrochen von dem Klirren zerbrechender Töpfe und aufprallender Schalen. Mit dieser Klang-Installation von Rochus Aust eröffnet der Gottesdienst der Lutherkirche zur Erinnerung an den letzten Straßenkampf der Bewohner der Elsaßstraße gegen die Nazis vor 75 Jahren.

Blumentöpfe schmeißen, statt einfach die Fenster zu schließen, wenn draußen die SA vorbei marschiert, nicht der Hitlerjugend beizutreten und damit einen Haftbefehl zu riskieren, Gestapo-Mitglieder, die jüdische Bürger „abholen“, zu beschimpfen - das sind Formen des Widerstands, die Sabine Eichler in den Befragungen von Zeitzeugen aus der Elsaßstraße dokumentiert hat. Die Hobby-Historikerin arbeitet die Geschichte des Stadtteils seit seiner Begründung Ende des 19. Jahrhunderts auf. Im Gottesdienst schildert sie, wie hier - anders als in anderen Stadtteilen - eine bunte Bevölkerung friedlich miteinander lebte: Katholiken, „Evangelen“ und Juden wohnten in der Elsaßstraße, „Zigeuner“ bezogen während des Winters ihre Wohnungen. In den dreißiger Jahren einte die Bewohner große Armut, Kohlsuppe war das Hauptessen und „Heil Moskau“ war als Gruß häufig zu hören. Hitlers Machtergreifung sah die Bevölkerung unterschiedlich, und oft zogen sich tiefe politische Gräben durch eine Familie.

Franz Lottner hat den Straßenkampf und die Repressalien als Sechsjähriger miterlebt. Im Erinnerungsgottesdienst wird durch seinen Bericht lebendig, wie SA-Truppe und Polizisten in die Elsaßstraße einmarschieren, wie Mülltonnen, Blumen- und Nachtöpfe sowie anderer Unrat unter wüsten Beschimpfungen aus den Fenstern fliegen und dann Schüsse zu hören sind. Wie dann per Lautsprecher den Bürgern befohlen wird, ihre Häuser nicht zu verlassen. Wie gegen Abend ein SS-Mann die Wohnung der Familie Lottner durchsucht, während vor dem Haus in kurzem Abstand SA-Leute mit angeschlagenem Gewehr stehen. Und wie Panzerwagen die komplette Straße abgesperrt haben, und die Bewohner für drei Tage unter Hausarrest gestellt werden. In einem – ebenfalls im Gottesdienst vorgelesenen – Artikel verunglimpft die NSDAP-Presse hingegen die Geschehnisse als einen „schweren kommunistischen Feuerüberfall auf die SA in der Elsaßstraße“.

Franz Lottner hat auch gesehen, wie das jüdische Ehepaar Oppenheimer - Simon Oppenheimer war Schuhmacher in der Elsaßstraße - im Herbst 1941 unter lauten Geschimpfe anderer Bewohner mit einem schwarzen Auto abgeholt wurde.

Bericht über den Gottesdienst 2. Teil

„Hinsehen, aufstehen und sich entgegen setzen, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird – das können wir von den Bewohnern der Elsaßstraße lernen“ meint Pfarrer Hans Mörtter. Dass diese Wachsamkeit auch in Kreisen der evangelischen Kirche keineswegs die Regel war - darauf verweist er in seinen Gedanken zur unrechtmäßigen Entlassung von Georg Fritze  im Oktober 1938. Fritze war Pfarrer an der Kartäuserkirche. Nachdem er sich geweigert hatte, einen Eid auf Hitler zu schwören, entließ ihn das Presbyterium. In seiner letzten Predigt stellte er sich mit dem Psalm 34 unter den Schutz Gottes, statt sich von der Naziherrschaft vereinnahmen zu lassen. Erst 1980 wurde er rehabilitiert.

Die Liedauswahl zum Gottesdienst - „Die Gedanken sind frei“, „Die Internationale“, Kurt Weills „Yukali“, Wolf Biermanns „Du, lass Dich nicht verhärten“, Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“, das Spiritual „This little light of mine“ sowie das von Thomas Frerichs und dem Chor „Jazz and more“ gesungene „Mein kleiner grüner Kaktus“ - erinnert daran, wie sich in allen Zeiten Menschen verschiedener politischer und weltanschaulicher Überzeugungen für die Wahrung von Menschenwürde, Solidarität und Freiheit eingesetzt haben.

Nach dem Gottesdienst führt Pfarrer Hans Mörtter die versammelte Gemeinde zu dem Hochbunker in der Elsaßstraße. Vor dem beschädigten Anti-Nazi-Graffito mahnt Klaus der Geiger  mit verschiedenen Liedern zur Wachsamkeit gegenüber der „braunen Suppe“, uniformverliebten Deutschen und Korrumpierbarkeit durch Geld und Macht.

Anschließend zieht die „Prozession“ weiter zur Gedenktafel in der Elsaßstraße 41.  Dr. Wolfgang Uellenberg-van Dawen vom DGB dankt für die Gedenkveranstaltung zu diesem Widerstand aus der Arbeiterbewegung und erinnert daran, dass auch die Gewerkschaften weitestgehend angepasst waren. Bei der Musik von Achim Fink und Bernd Winterschladen von den „Talking Horns“  vor der Gedenktafel und dem anschließenden Verzehr von Kohlsuppe im Gemeindehaus wird das Leben in der Elsaßstraße von damals noch einmal gegenwärtig.
Text: Andrea Preiß

 
Spendenaufruf
Die Lutherkirche sammelt für Stolpersteine  für Anna und Simon Oppenheimer sowie für die Restaurierung des Graffitos am Hochbunker in der Elsaßstraße:

Ev. Gemeinde Köln,
Sparkasse Köln-Bonn, BLZ: 370 501 98
Kontonummer: 7702 012
Stichwort: „Elsaßstraße“

Themengottesdienst zum Widerstand gegen die SA 1933 in der Elsaßstraße, Foto: Christel Plöthner
Der Gottesdienst beginnt im Kirchraum mit Informationen
Themengottesdienst zum Widerstand gegen die SA 1933 in der Elsaßstraße mit Klaus dem Geiger, Foto: Christel Plöthner
Dann geht es raus an den  Ort des Geschehens. Klaus der Geiger spielt dazu
Themengottesdienst zum Widerstand gegen die SA 1933 in der Elsaßstraße mit Talking Horns, Foto: Christel Plöthner
Auch die Talking Horns sind mit von der Partie