Werkstattgottesdienst an der Lutherkirche

Kunst für den Augenblick

In diesem Gottesdienstformat wird mit dem „lebenden Werkstoff“ Ton gearbeitet, der uns mit den Elementen Erde und Wasser verbindet. Silke Speckenmeyer praktiziert das in der Werkstatt für Lebenskunst seit mehreren Jahren. Im Gegensatz zur traditionellen Töpferei, werden die Kunstwerke hinterher nicht gebrannt und emailliert. Der Ton wird zum Schluss wieder in seinen Urzustand zurückversetzt. Es geschieht also ein stetiger Wandel. Die entstandenen Objekte sind nur Momentaufnahmen, ähnlich den Sandburgen von Kindern am Strand, die entweder wieder zerstört werden oder mit der nächsten Flut vergehen.

Unser Leben ist heute fast ausschließlich zweckgerichtet und ergebnisorientiert. Wir tun Dinge, um etwas damit zu erreichen. Wenn wir aber kreativ mit dem Ton arbeiten, ohne die Resultate hinterher auf den Kaminsims stellen zu können, entsteht eine Freiheit von der dinglichen Welt. Es wird die Einheit von Sein und Handeln wiederhergestellt, und wir können sagen: Ich bin, was ich tue. Das alles geschieht in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

Pfarrer Hans Mörtter will damit ein familiengerechtes Erlebnis schaffen

„Wir haben den Gottesdienst Werkstattgottesdienst genannt, aber im Grunde genommen ist jeder Gottesdienst eine Werkstatt, eine Denk- und Erlebenswerkstatt, wo Energien zusammen kommen, weiterwirken und sich etwas zusammenfügt.

Wir haben dafür ungefähr zwei Stunden und einen Sonntagnachmittag im November angesetzt. In dem trüben Novemberwetter, noch vor der Adventszeit, ist das vielleicht eine willkommene Abwechslung. Anstatt zu Hause zu hocken, kann man mit Kindern, mit Omas und Opas in die Lutherkirche kommen. Es ist für alle Generationen gedacht. Die werden sich zusammen im Miteinander erleben, indem sie gemeinsam etwas tun, sich verabreden, sich einigen müssen.

So bauten wir beim ersten Werkstattgottesdienst einen Flusslauf aus Ton durch die Kirche. Die Tonstücke werden über den ganzen Flusslauf verteilt. Silke Speckenmeyer kann Hilfestellung und Tipps geben, sich eventuell ganz behutsam einbringen. Jeweils ein Grüppchen ist für einen Abschnitt des Flusslaufs zuständig. Am Ende kommt dann ein ganz wilder Flusslauf zustande. Man kann die Ufer gestalten oder Zuflüsse bauen. Da gibt es ganz viel Raum für Phantasie, die man da ausleben kann. Wir wollen den Flusslauf schräg herunter bauen. Hinterher lassen wir das Wasser herunterfließen, das in einer Zinkwanne aufgefangen wird.

Der Gedanke ist, dass Flusslauf und Lebenslauf ganz nahe beieinander liegen. Da fließt etwas in meinem Leben, das verliert sich auch schon mal am Ufer, nimmt etwas mit oder etwas bleibt hängen. Es gibt Zuflüsse, da kommt etwas dazu. Wir spielen gedanklich und meditativ mit dieser Basis. Unser Kantor Thomas Frerichs ist dabei. Musik wird dabei eine große Rolle spielen. Wir versuchen etwas Sinnlich-Spirituelles hinzukriegen. Es ist ein Abenteuer.

Man macht sich die Hände schmutzig. Man macht sich schmutzig in der Kirche. Das soll so sein. Am Ende wird der ganze Flusslauf wieder in seine Einzelstücke zerlegt, zu Klumpen gemacht und auf die Erde geworfen. Solange bis ein Ziegel daraus geworden ist, also wieder ein Stück fester Ton, um irgendwann wieder Neues daraus zu gestalten. Am Ende ist nichts mehr von dem Geschaffenen da, aber wir nehmen Erfahrungen mit nach Hause. Wir bleiben nicht starr daran haften, denn der nächste Tag bringt schon wieder etwas Neues. Es geht darum, den Augenblick wahrzunehmen, miteinander in diesem Moment zu sein und sich zu erleben. Doch auch gleichzeitig zu spüren, da ist noch mehr. In jedem Jahr bauen wir etwas anderes, haben ein neues Thema, mit dem wir in den 'Fluss' gehen.

Zum Abschluss gibt es dann ein gemeinsames Spaghetti-Essen.“

Siehe auch Interview mit Silke Speckenmeyer

Text: Hans Mörtter und Helga Fitzner
Fotos: Lothar Wages

Werkstattgottesdienst in der Lutherkirche. Pfarrer Hans Mörtter begutachtet die Werke aus Ton, Foto: Lothar Wages
Die Ergebnisse auf Ton beim Werkstattgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Lothar Wages
Werkstattgottesdienst in der Lutherkirche mit Pfarrer Hans Mörtter und der Bildhauerin Silke Speckenmeyer, Foto: Lothar Wages