Veedel ohne Waffen

Verkauf von Anscheinswaffen an Jugendliche ist noch legal

Protestaktion gegen Waffengeschäft in der Südstadt

Ein Waffengeschäft mitten in "seiner" Südstadt. Das rief Ende 2010 Pfarrer Hans Mörtter und eine Gruppe Gleichgesinnter auf den Plan, die die Bürgerinitiative "Veedel ohne Waffen" gründeten. Mit friedlichen Aktionen ohne Provokation machten sie fortan auf das Problem aufmerksam. Eine Mahnwache wurde ins Leben gerufen, die anfangs an jedem verkaufsoffenen Samstag stattfand. Dabei waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Während die WaffengegnerInnen den Witterungsbedingungen trotzten, gab es Glühwein und Waffeln: "Waffeln statt Waffen" wurde zur Devise. Es ging auch einen Tick härter: "Frikadellen statt Hackfleisch".

Der Journalist Stefan Rahmann geht in seinem Artikel auf www.kirche-koeln.de ausführlich auf die Zusammenhänge ein (Link unten).

Das christliche Gebot "Du sollst nicht töten" erweiterte Hans Mörtter auf: Du sollst nicht töten spielen".

Insgesamt stellten sich Hans Mörtter und seine MitstreiterInnen der Bürgerinitiative "Veedel ohne Waffen" darauf ein, einen langen Atem haben zu müssen. Aber das schreckte sie nicht. Im Jahr 2012 zeichnete sich die Schließung des Waffengeschäfts schon ab, das mittlerweile tatsächlich geschlossen wurde.

Damit ist das eigentliche Problem aber noch nicht gelöst. Im Interview erläutert Pfarrer Hans Mörtter, wie und warum es weitergeht.

Artikel auf www.kirche-koeln.de

Artikel im Kölner Express

Text: Helga Fitzner
Fotos: Sonja Gruppe

Hans Mörtter: „Waffen gehören nicht dahin, wo Menschen wohnen“

Frage
Der Waffenladen in der Kölner Südstadt ist weg. Stellt die Bürgerinitiative „Veedel ohne Waffen“ ihre Arbeit jetzt ein?

Hans Mörtter
Leider nicht. Es gibt noch einen Waffenladen in Köln Ehrenfeld und bundesweit noch viele andere.

Frage
Die Schließung des Waffenladens ging dann doch relativ schnell.

Hans Mörtter
Unsere verschiedenen Aktionen in der Südstadt haben den Betreibern des Waffenladens nicht gefallen. Das ist eindeutig und die sind denen auch nicht gut bekommen. Wir wissen von den Anwohnern, dass da nur wenige hineingegangen sind. Da war auch ein Stück Scham. Ich denke, dass wir auch einige abgeschreckt haben, da herein zu gehen. Ich weiß von vielen Familien, die mit ihren Kindern darüber diskutiert haben. Jungs haben oft eine Neigung, Waffen toll zu finden. 

Frage
Hatten Sie Ihre Aussichten auf „Erfolg“ nicht selber eher niedrig eingestuft?

Hans Mörtter
Wir, die Bürgerinitiative „Veedel ohne Waffen, sind natürlich keine Träumer. Wir wissen, dass solche Anscheinswaffen, um die es uns hauptsächlich ging, auch an Kiosken verkauft werden und wir können nicht vor jedem Kiosk eine Mahnwache abhalten. Es ist uns aber gelungen, es zum Thema zu machen, das auch immer wieder von den Medien aufgegriffen wurde. Vor allem aber haben wir es in die Politik gebracht, so dass der SPD-Parteitag hier in Köln beschlossen hat, die Bundespartei aufzufordern, im Bundestag eine neue Gesetzgebung einzubringen – nach der nächsten Bundestagswahl, wo sie die Hoffnung haben, eine Mehrheit zu bekommen.

Frage
Wie soll das genau aussehen?

Hans Mörtter
Die wollen einen Gesetzentwurf einbringen, dass „Anscheinswaffen“, die von echten Waffen kaum unterscheidbar sind, nur an Volljährige, also ab 18 Jahren, verkauft werden dürfen. Zur Zeit dürfen 14-Jährige die schon erwerben.

Frage
Wie kann das sein, dass 14-jährige „Kinder“ die schon kaufen dürfen? Gibt es nicht schon genug Gewalt an den Schulen?

Hans Mörtter
Ja, da haben alle geschlafen. Wir sind leider auch erst wach geworden, als der Laden hier zu uns kam. Heute sage ich: Zum Glück ist der Laden in die Südstadt gekommen, so dass wir endlich darauf aufmerksam geworden sind. Da wir uns verantwortlich für unsere Gesellschaft fühlen, sind wir herausgefordert. Auch wegen der schrecklichen Amokläufe an Schulen. Ich möchte da einen Schritt weitergehen und nachhaken. Ich finde, dass diese Anscheinswaffen bunt gemacht werden müssten. Es gab früher mal eine Diskussion über die Wasserpistolen. Wir haben als Kinder auch damit gespielt. Die sahen damals Pistolen ähnlicher als heute. Auf einmal wurden die knallbunt und groß. Das hatte sogar den Vorteil, dass die Wassertanks viel größer waren und für Kinder ist das eine große Gaudi. Bei den Wasserpistolen sieht man eindeutig und schon aus der Ferne, dass das ein Spielzeug ist. Diese Kenntlichmachung als Spielzeug müsste man auch mit den Anscheinswaffen machen. Dann wären es keine vermeintlichen Spielzeuge mehr, die den Anschein erwecken, echt zu sein, denn die müssten an sich verboten sein.

Frage
Es geht Ihnen nicht darum, Waffen als Spielzeug generell zu bieten? Sie sind vermutlich auch als Junge zu Karneval mit einem Spielzeugrevolver durch die Gegend gezogen.

Hans Mörtter
Ich hatte eine Schreckschusspistole, weil die so schön laut geknallt hat. Die musste ich mir allerdings von meinem Taschengeld kaufen. Mein Vater war als Jugendlicher Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen, der war grundsätzlich gegen so etwas. Der hat es damals zwar nie erklärt, aber das gab es bei ihm nicht.

Frage
Aber selbst den Schreckschusspistolen sah man an, dass sie Spielzeug waren.

Hans Mörtter
Ja, deswegen finde ich, dass Anscheinswaffen bunt gemacht werden sollten. Damit entgehen die Jungen auch dieser Falle. Es sind meistens Jungen, die sich die kaufen.

Frage
Aber wozu braucht man als Jugendlicher ein „Spielzeug“, das wie eine echte Waffe aussieht?

Hans Mörtter
Die braucht man nicht. Aber da geht es um das Spiel: Wer ist stärker? Ich bin hier der Sheriff!

Frage
Es wurde bei Polizeieinsätzen schon auf Jugendliche geschossen, weil sie Anscheinswaffen trugen und die Polizei nicht wissen konnte, ob die echt sind oder nicht. Sind die Anscheinswaffen denn an sich ungefährlich?

Hans Mörtter
Nein. Auch mit Anscheinswaffen kann man jemanden verletzen. Deshalb sind die ja auch verboten. Sie dürfen auf der Straße und in öffentlichen Anlagen nicht benutzt werden. Wenn jemand so eine Waffe kauft, muss die eingepackt sein, und man darf sie erst zu Hause auspacken. In der Wohnung darf man sie zeigen, aber nicht draußen. Das ist ja schon merkwürdig und lässt sich doch gar nicht überprüfen. Wir hatten mal einen Schneemann im Volksgarten gebaut, der war von Pistolenschüssen solcher Anscheinswaffen durchsiebt. Wenn die Polizei das gesehen hätte, hätte sie die Waffe sofort konfiszieren müssen.

Frage
Das ist doch alles widersinnig. Wozu braucht man denn so ein Ding?

Hans Mörtter
Um stark zu sein. Dafür sind gerade heranwachsende Jungen sehr anfällig: Schau her, ich bin hier der König, ich habe eine Waffe, die einer echten täuschend ähnlich sieht. Er wird vermutlich dann auch von denen bewundert, die eine solche Waffe nicht haben.

Frage
Ist das nicht – hoffentlich – nur eine Phase, durch die Jugendliche gehen?

Hans Mörtter
Ich habe den Eindruck, dass es bei den Jugendlichen, die von solchen Anscheinswaffen begeistert sind, zwei Kategorien gibt. Bei den einen ist es eine vorübergehende Sache, die entwickeln sich weiter, andere bleiben aber in diesen kindlichen Mustern stecken. Die wollen sich dadurch weiter stark fühlen, Krieg spielen und freuen sich schon, dass sie eine echte Waffe kaufen können, wenn sie endlich 18 sind.

Frage
Nachdem es schon unerklärlich ist, dass diese Anscheinswaffen an 14-Jährige verkauft werden dürfen, müsste der Gesetzgeber nicht ganz schnell reagieren?

Hans Mörtter
Das liegt jetzt auch ein bisschen an uns, dass wir da weiterhin am Ball bleiben und nachhaken. Denn ich habe von einem Zwölfjährigen erfahren, dass die Jungs, die schon 14  oder älter sind, Anscheinswaffen für die noch jüngeren kaufen.

Nach dem Amoklauf in Wingenden hat sich eine Bürgerinitiative gegründet, die präventiv arbeitet. Die informieren darüber, was da passiert ist, wieso es passiert ist und wie man verhindern kann, dass ein solcher Amoklauf eines Jugendlichen in anderen Schulen auch passiert. Deren Aufklärungsarbeit hat mich sehr beeindruckt und die würde ich im kommenden Jahr gerne mal nach Köln einladen.

Frage
Haben sich denn außer der SPD noch andere Parteien das auf die Fahnen geschrieben?

Hans Mörtter
Die Waffenlobby ist sehr stark. Die Parteien, die unser Begehren unterstützen, sind die SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke. Das ist es bis jetzt. Bei der CDU gibt es zwar auch potentielle Unterstützung, aber nicht vom Mainstream. Ich habe immer wieder versucht, da jemanden zu bekommen.

Frage
Der Bürgerinitiative ging es also nicht darum, den einzelnen Waffenladen in die „Knie zu zwingen“.

Hans Mörtter
Nee, das wäre die schöne heile Welt der Südstadt. Hier gibt es keine Zäume drum herum, wir sind verbunden mit allem. Auch in der Südstadt gibt es bewaffnete Überfälle. Uns geht es hier zwar relativ gut, aber gerade deshalb müssen wir uns dafür einsetzen, was mit unserer Gesellschaft ist, was ihr gut tut und was ihr nicht gut tut.

Unser Logo hieß ja auch „Veedel ohne Waffen“, das der Grafiker Timo Belger kreiert hat. Der hat dann die beiden Buchstaben „f“ in dem Wort Waffen wie zwei Pistolen gestaltet, die nach unten zeigen. Das war eine tolle Idee. Bei der Gründung der Bewegung haben wir dann auch beschlossen, nicht zu sagen „Unser Veedel ohne Waffen“, sondern „Veedel ohne Waffen“, weil das für jeden Stadtteil gilt in jeder Stadt. Waffen gehören nicht dahin, wohin Menschen wohnen.

Das Interview führte Helga Fitzner am 3. September 2012

Widerstand gegen ein Waffengeschäft auf der Bonner Straße in Köln
Dampfende Waffeln statt rauchende Colts: Fantasievoller Widerstand gegen Waffenladen
Pfarrer Hans Mörtter mit dem Banner "Du sollst nicht töten spielen"