Solidarität mit der Opposition der Ukraine

Gottesdienst mit Pfarrer Hans Mörtter und Mariana Sadowska

Dieser außergewöhnliche Gottesdienst findet in Solidarität und in Verbindung mit dem Widerstand in der Ukraine gegen ein menschenverachtendes korruptes Politik-System statt.

Neben Berichten über das Erschütternde und auch Besondere dieses Aufstandes wird es eine Skype-live-Schaltung nach Kiew geben im Gespräch mit einer oppositionellen Parlamentarierin und voraussichtlich mit Rostyslav Patrek, einem Kölner Künstler, der seit dem 22. November 2013 auf dem Maidan aktiv ist und gerade mit seinem Rap für Vitali Klitschko große Wellen schlägt und in der Ukraine zu einem berühmten Fanal geworden ist.

Die ukrainische Kölner Sängerin Mariana Sadowska, die selbst mehrere Wochen auf dem Maidan war, wird beeindruckend erzählen und vor allem auch dazu singen. Sie wurde mit dem Deutschen Weltmusikpreis RUTH 2013 ausgezeichnet.

Im Gespräch mit Hans Mörtter geht es um die Frage, warum dieser unglaubliche
Protest in der Ukraine für uns in Europa, in Köln, wichtig ist. Was macht die Kraft dieses Widerstands aus, der Menschen aller Schichten zu solch einem Mut und Zusammenhalt verbindet?

In Kiew geht es um unser Menschsein und die große Kraft, die darin liegt, sich nicht
abzufinden. Das erinnert an den Mauerfall, das „Wir sind das Volk!“ Und es geht um Europa, um unsere grundlegenden Werte. Während sich im Westen eine europa-kritische Stimmung breit macht, stehen die Menschen der Ukraine auch mit ihrer Existenz und ihrem Leben für ein Europa ein, das dem Menschsein Raum gibt und ohne das es keine Zukunft geben wird. Aus Rückmeldungen erfahren wir, wie bedeutsam das Zeichen dieses Kölner Gottesdienstes für die Menschen in Kiew ist. Und vielleicht ermutigt das auch deutsche Politik.

Text: Pfarrer Hans Mörtter
Fotos: Helga Fitzner, Sonja Grupe

Kölner Stadtanzeiger vom 21.02.2014

Webseite von Mariana Sadowska

Siehe auch: Mahnwache am Chlodwigplatz am 20.02.2014

Themengottesdienst als Ausdruck der Solidarität mit der ukrainischen Opposition auf dem Maidan in Kiew mit Mariana Sadowska und Skype-Live-Schaltungen nach Kiew, Foto: Helga Fitzner

Gottesdienst in Solidarität mit der ukrainischen Opposition in Kiew

Beim Themengottesdienst zur Solidarität mit der Opposition in der Ukraine erzählt die ukrainische Sängerin Mariana Sadowska von ihren Erfahrungen als Demonstrantin auf dem Maidan in Kiew, Foto: Sonja Grupe

Die ukrainische Sängerin und Komponistin Mariana Sadowska war selbst mehrere Wochen auf dem Maidan in Kiew und stellte per Skype Leitungen zu zwei Mitstreitern her. Zusammen mit Pfarrer Hans Mörtter initiierte sie den Solidaritätsgottesdienst.

Mariana Sadoska berichtete:
„Es demonstrieren nicht nur Ukrainer auf dem Maidan, sondern auch Russen, Armenier, Georgier und andere Nationalitäten. Ganz normale Bürger versuchen, die Demonstranten auf dem Maidan zu versorgen, mit warmen Sachen und Essen, zum Beispiel. Ich habe erlebt, dass jemand rief, er könne zehn Leute zum Duschen mitnehmen. Ich selbst half als Küchenhilfe aus und neben mir stand eine Journalistin, die auch Essen zubereitet hat. Andere Bürger verteilen Bücher an die Demonstranten, damit sie sich die Wartezeit verkürzen können. Viele Ärzte haben sich uns angeschlossen und versorgen kostenlos die Verwundeten. Bei den Schwerverletzten entstehen manchmal Operationskosten, für die Geld gesammelt wird. Verwundete werden versteckt, um zu verhindern, dass sie vom Krankenbett weg verhaftet werden. Es geschieht so viel Solidarität auf so vielen Ebenen. Es gibt über 2000 Verfahren gegen Oppositionelle. Über 30 unserer Leute werden vermisst. (Stand 16.02.2014)“

Themengottesdienst als Ausdruck der Solidarität mit der ukrainischen Opposition auf dem Maidan in Kiew mit Mariana Sadowska und Skype-Live-Schaltung zum Rapper nach Kiew, Foto: Helga Fitzner

Der Rapper Rostyslav Patrek hat einen Song geschrieben, der zur Hymne der Revolution avancierte. In einer Skype-Live-Schaltung berichtet er direkt vom Maidan in Kiew: Rostyslav Patrek: "Es herrscht offene Gewalt gegen die Demonstranten, was aber zur Folge hat, dass es immer mehr werden. Am schlimmsten ist die Ungewissheit, denn es kann jeden treffen. Dabei geht die Regierung systematisch vor. Es kommt zu Folterungen und Verschleppungen. Oppositionelle werden verschleppt. Manchmal werden sie in Waldstücken gefoltert und dann in der Kälte liegen gelassen. Die Staatsanwaltschaft geht dem nicht nach."

Unsere Presbyterin Alida Pisu schreibt über ihre Eindrücke:
"Sonntagmorgen, die Lutherkirche ist rappelvoll. Kein Wunder, geht es doch um ein Thema, das unter die Haut geht: den Widerstand in der Ukraine. Schon als die ukrainische Künstlerin Mariana Sadowska erzählt, wie sie Pfarrer Mörtter angerufen und um seine Unterstützung gebeten hat, wird klar, wie dramatisch die Lage in Kiew ist. Zu hören, wie Menschen gefoltert, misshandelt und auf die Straße geworfen werden, als wären sie ein Stück Dreck, tut fast schon körperlich weh. Um so bewundernswerter, dass die meisten Demonstranten besonnen bleiben und friedlich demonstrieren. Über Skype wird eine direkte Verbindung nach Kiew auf den Maidan hergestellt. Am anderen Ende der Leitung ist ein junger Mann, der in Köln studiert hat und im November 2013 zurück nach Kiew ging: der Rapper Rostyslav Patrek. Ein Rap, den er ursprünglich für Vitali Klitschko geschrieben hat, ist der Revolutions-Hit geworden, den er täglich mit den Demonstranten singt. In bewegenden Worten schildert er die Situation vor Ort. Ganze Familien, Studenten, alte Menschen, sie alle kommen täglich auf dem Platz im Herzen Kiews zusammen und zu meinem Erstaunen höre ich, dass sie sonntags, über alle Konfessionen hinweg, immer gemeinsam Gottesdienst feiern, weil ihr Glaube ihnen wichtig ist und Kraft gibt. Als Rostyslav Patrek gefragt wird, was er sich wünscht, gibt er zur Antwort, dass er uns  alle gerne in der Kirche sehen würde. Wir stehen auf und winken ihm zu, seine Mutter steht in der ersten Reihe, sie hatte ihrem Sohn noch zugerufen, wie stolz sie auf ihn ist und ich denke, dass sich in diesen Stolz auch die Angst um ihren Sohn mischt. Denn Protestler lebten zu allen Zeiten gefährlich, mussten um Leib und Leben bangen. Rostylav sieht über Skype die winkende Menschenmenge, weint hemmungslos, auch ich kann meine Tränen nicht länger zurückhalten und weine mit ihm. Da tut es gut, dass Pfarrer Mörtter ein Lied ausgesucht hat, welches wie kein zweites Hoffnung auf eine gerechte Zukunft ausdrückt: „We shall overcome“. Die Gemeinde singt es mit Inbrunst und ist mit ihren Gedanken bei denen, die in einem anderen Land auf der Straße stehen, um für ihre Rechte, für Frieden und Freiheit, einzustehen. Zur Zukunft gehört auch die Erinnerung an die Vergangenheit und wieder trifft Pfarrer Mörtter den richtigen Ton, als er über 1989 redet, über das Jahr, in dem geschah, was niemand jemals ernsthaft für möglich gehalten hätte. Die Berliner Mauer fiel. Und sie fiel vor allem deshalb, weil in Leipzig und anderswo unerschrockene Menschen keine Furcht vor den Mächtigen und ihren Soldaten hatten und genau das machten, was gerade in der Ukraine passiert: auf die Straße gehen und demonstrieren. Ich wünsche den Menschen dort weiterhin viel Kraft und einen glücklichen Ausgang ihrer Proteste."

Themengottesdienst als Ausdruck der Solidarität mit der ukrainischen Opposition auf dem Maidan in Kiew mit Mariana Sadowska und Skype-Live-Schaltung zum Rapper Rostyslav Patrek nach Kiew, Foto: Helga Fitzner

Gänsehautmoment: Die Gemeinde der Lutherkirche sendet während einer Skype-Live-Schaltung zum Rapper Rostyslav Patrek Grüße zum Maidan in Kiew

Themengottesdienst als Ausdruck der Solidarität mit der ukrainischen Opposition auf dem Maidan in Kiew mit Mariana Sadowska und Skype-Live-Schaltung zum Schriftsteller Juri Prohasko nach Kiew, Foto: Helga Fitzner

Der ukrainische Schriftsteller und Germanist Jurko Prochasko sprach in einer Skype-Live-Schaltung über die Situation in der Ukraine und beantwortete die Frage, warum die Oppositionellen nicht bis zur nächsten Wahl 2015 warten können:

"Wenn man jetzt alles dabei beläßt, wird es 2015 kaum noch Wahlen geben, die diese Bezeichnung verdienen. Es ist allen hier so was von glasklar... Das Taktieren von Präsident Viktor Janukowitsch geht ausschließlich darauf hinaus, den Machterhalt und die weitere Bereicherung zu ermöglichen. Dabei wären ihm diese "Wahlen" ein höchst willkommenes Instrument, das Votum abermals zu falsifizieren, nachdem er nach wie vor alle Mittel dazu hat, und an der Macht zu bleiben. Mit einem "demokratischen Prozess" hätte das keine geringste Gemeinsamkeit. Ausserdem wären diese "Wahlen" überhaupt nicht das einzige legitime demokratische Verfahren, die Machtverhältnisse zu transformieren. Genauso gut kann man sofort die eklatanten Missbräuche und Rechtsverletzungen bei der Etablierung der sogenannten "Verfassung von 2010" anklagen und wiedergutmachen. Dabei bliebe Janukowitsch zwar eine Weile - eben bis zu den nächsten Wahlen - nach wie vor Präsident, aber mit drastisch abgeschnittenen Vollmachten, die ihm die weitere Machtusurpation massiv erschweren oder gar verunmöglichen würde. Wichtig ist aber bei alledem, dass Janukowitsch und seine Partei immer noch - nach all den tragischen Ereignissen und bei den äußerst dramatischen Gefahren für das Land - nicht den geringsten Willen weder zu ehrlichen Gesprächen noch zur Bestrafung von Schuldigen aus dem Machtapparat zeigen, was wenig Vertrauen in ihre Glaubwürdigkeit entstehen lässt. Die Kraft weiter zu kämpfen, gibt uns die Zuversicht aus der Vergangenheit, das Begehren einer besseren Zukunft, und die zivile Reife, die wir in diesen Tagen und Monaten alle gemeinsam erreicht haben. Das ist eine der beglückendsten Einsichten überhaupt. Der Geist der Solidarität und das Gefühl, in Wahrheit zu sein."

Beim Themengottesdienst sang der Chor der Ukrainischen Gemeinde Düsseldorf unter Leitung von Yaromz Bozhenko zwei ukrainische Lieder zum Gedenken an die Gefolterten und Getöteten auf dem Maidan in Kiew, Foto: Sonja Grupe

Der Chor der Ukrainischen Gemeinde Düsseldorf unter Leitung von Yaromz Bozhenko sang zwei ukrainische Lieder zum Gedenken an die Gefolterten und Getöteten auf dem Maidan in Kiew.

Pfarrer Hans Mörtter, Caren Klaschka, Mariana Sadowska und André Erlen haben sich engagiert beim Themengottesdienst

Pfarrer Hans Mörtter, Caren Klaschka, Mariana Sadowska und André Erlen haben gemeinsam den Themengottesdienst "Ukraine" eingebracht