30. Kölner Talkgottesdienst, zu Gast Thomas Scheible, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Thema Seenotrettung im Mittelmeer, Foto: Helga Fitzner

30. Kölner Talkgottesdienst 22.09.2019
zu Gast: Thomas Scheible

Seenotrettung im Mittelmeer

Der im Vringsveedel geborene und aufgewachsene Gastronom und Politaktivist Thomas Scheible (46) hat bereits in jungen Jahren auf dem Rhein seine Affinität zur Schifffahrt entdeckt und befährt in seiner Freizeit seit 20 Jahren deutsche und internationale See- und Binnengewässer als Skipper von Motor- und Segelbooten. Sozialisiert und politisiert in der multikulturellen Kölner Südstadt der 80er Jahre hat er sofort seine Hilfe angeboten, als er 2015 das erste Mal vom Projekt SEA-WATCH erfuhr.

Scheible hat seit Anfang 2016 ein gutes Dutzend Rettungsmissionen als Einsatzbootfahrer und Smutje auf den Schiffen SEA-WATCH 2 und SEA-WATCH 3 absolviert und war an der Rettung von mehreren Tausend Menschen beteiligt. Seine Erfahrungen und Erlebnisse an Europas tödlichster Grenze haben ihn geprägt und sein bisheriges Leben auf den Kopf gestellt. Hinter den Kulissen ist er auch in der Organisation und Verwaltung des gemeinnützigen SEA-WATCH e.V. aktiv.

Text: Thomas Scheible
Fotos: Helga Fitzner
Tonaufnahme: Bonny Engelmann

Artikel über Thomas Scheible im Kölner Stadtanzeiger vom 28.12.2018

Das redigierte Transkript des Gesprächs

Teil 1:  „Als Laien eine staatliche Aufgabe in die Hand genommen“

Hans Mörtter
Das ist Thomas Scheible. Thomas, seit wann kennen wir uns eigentlich?

Thomas Scheible
Du hast mich im Jahr 1990 getauft, aber schon Ende der 80er, im Altersheim am Friedenspark, hast du einen Gottesdienst gehalten, bei dem ich mit der Klarinette Weihnachtslieder gespielt habe. Also wir kennen uns schon eine ganze Weile.

Hans Mörtter
Auf dem ersten Weihnachtsmarkt vor fast vier Jahren haben wir das erste Mal darüber gesprochen, was im Mittelmeer passiert, wie du dich dafür einsetzt und das fand ich einfach fantastisch.

Thomas Scheible
Danke.

Hans Mörtter
Du bist Urkölscher, du liebst das Meer, das Wasser und du kannst kochen.

Thomas Scheible
Ich habe lange eine Gaststätte mitbetrieben und da auch Einblicke in die Küche genommen.

Hans Mörtter
Also kannst du mehr als nur Frikadellen braten. Du bist ja auch Smutje, also Schiffskoch.

Thomas Scheible
Ich fahre überwiegend das Einsatzboot, mit dem wir die eigentlichen Rettungen machen, aber ich mache nebenbei auch den Smutje, und meine Frikadellen sind ohne Tiere, aber schmecken auch sehr gut.

Hans Mörtter
Du bist immer wieder mit der Sea Watch 2 und Sea Watch 3 gefahren und gehörtest ziemlich oft zur Crew. Wie ist es dazu gekommen?

Thomas Scheible
Ja, ich bin seit vier Jahren fester Bestandteil der Crew und in der Regel zwei Monate in Köln, einen Monat auf dem Schiff, was heißt, dass ich jetzt von den letzten vier Jahren zusammengerechnet fast ein Jahr da draußen verbracht habe. Ich habe als Ehrenamtlicher angefangen, bin auf dem Schiff auch immer noch ehrenamtlich, habe aber mittlerweile eine halbe Stelle in der Administration vom Verein Sea-Watch, bin Vereinsmitglied und auf jeden Fall Vollblut-Sea-Watcher geworden.

Hans Mörtter
Was machst Du genau in der Administration von Sea-Watch?

Thomas Scheible
Ich hab eine halbe Stelle innerhalb der Verwaltung im sogenannten Crewing-Team, also kümmere ich mich darum, wer wann auf dieses Schiff kommt, schreibe die Einsatzpläne, sichte die Bewerbungen und habe verschiedene Positionen auf dem Schiff, wo ich die Leute aussuche, die darauf mitfahren.

Hans Mörtter
Wenn jemand kommt und sagt, ich möchte unbedingt mitfahren, den siehst du dir an?

Thomas Scheible
Genau.

Hans Mörtter
Gibt es auch Leute, bei denen du sagst: Nee, lass es lieber?

Thomas Scheible
Ja, auf jeden Fall, das sind auch ziemlich viele. Wir haben im Jahr um die 1.000 Bewerbungen, und es fahren immer nur rund 20 Leute auf diesem Schiff mit. Wir haben ausschließlich sehr nette und interessante Bewerbungen, aber viele von Menschen, die nicht unbedingt das mitbringen, was man braucht, um auf so einem hochseegängigen Schiff unterwegs zu sein. Leider!

Hans Mörtter
Dazu gehört – das ist ja auch das deutsche Syndrom –, dass wir die Welt immer retten wollen. Wahrscheinlich sind Standfestigkeit, Bodenhaftung und eine praktische Orientierung eine wichtige Bedingung. Wie wichtig ist die Empathiefähigkeit dabei?

Thomas Scheible
Die spielt eine sehr große Rolle, und die ist bei vielen Bewerber*innen auch vorhanden, die auch Erfahrung im Umgang mit Menschen in Ausnahmesituationen haben, aber das reicht nicht immer. Wir sind nur 22 Menschen auf diesem Schiff und da sollte ziemlich jede/r in der Lage sein, mit armdicken Tauen zu hantieren, ohne sich dabei die Hand abzureißen, auch eine gewisse nautische Kenntnis ist auf jeden Fall von Vorteil. Wir haben vier Ärztinnen und Ärzte an Bord, die müssen jetzt nicht die Obernautiker sein, aber sollten bestenfalls schon mal ein Seil in der Hand gehabt haben, weil da halt jede/r ran muss. Wenn das Schiff bei schlechtem Wetter anlegt, dann ist es gut, wenn die Leute eine Idee davon haben, was sie da tun.

Hans Mörtter
Übt man solche Einsätze?

Thomas Scheible
Ja, wir sind immer zwei, drei Tage im Hafen, bevor wir herausfahren, und üben verschiedene Manöver, üben die Rettungen selber, machen Trainings mit unseren kleinen Einsatzbooten, was dann mein Job ist, eins dieser beiden Boote zu fahren. Wir machen die Rettungen nicht mit dem Schiff, weil das nur schiefgehen kann. Wenn du so ein kleines Fluchtboot siehst und da mit einem 50-Meter-Schiff heranfährst, dann kann das eigentlich nur schiefgehen, weil die Leute versuchen, aufs Schiff zu kommen und Panik entsteht. Du fährst da mit einem kleinen Bötchen hin, und das üben wir halt vorher, wie man dieses Boot krant, also mit uns drin aufs Wasser setzt von dem großen Schiff, und wie wir die Menschen von dem Schlauchboot auf unser Boot oder aus dem Wasser auf unser Bötchen kriegen und dann von unserem Bötchen sicher auf das große Schiff über eine Strickleiter hieven. Das sind schon ein paar Sachen, wo du sehr drauf achten musst und wir bei der Creweinteilung sehr aufpassen, dass wir immer ein gutes Mischungsverhältnis haben aus Menschen, die das schon mal gemacht haben, und aus neuen Menschen, dass da auch immer eine gewisse Routine drin ist, weil es einfach immer ganz schnell gehen muss. Wenn was schiefgeht, geht es immer direkt um Menschenleben und nicht um Sachschaden. Dafür, dass wir das jetzt schon seit vier Jahren machen und uns mittlerweile sehr professionalisiert haben, ist es schon bemerkenswert, dass nie was passiert ist. Da sind wir ein bisschen stolz drauf, dass wir quasi als Laien eine staatliche Aufgabe in die Hand genommen und bisher auf jeden Fall weniger Dramen produziert haben als irgendwelche professionellen Kriegs- und Küstenwachenschiffe.

Hans Mörtter
Was war deine Motivation, wie bist du auf diese Idee gekommen, da mit zu machen?

Thomas Scheible
Ich mache das eigentlich seit ich ungefähr 16 bin, ich glaube, das war 89. Da sind das erste Mal die Republikaner in den Kölner Rat gewählt worden, und das war das erste Mal, dass ich mit ein paar Leuten aus meiner Klasse abends über die Severinstraße gelaufen bin und selbst zusammengeklebte Flugblätter an Zigarettenautomaten gekleistert habe, wo draufstand, ich glaube, 7,8 Prozent waren das, ist zu viel. Ich bin schon sehr lange politisiert, ich mache auch seit 25 Jahren Flüchtlingsarbeit. Ich liebe die Seefahrt, bin über den Rhein und über Freunde, die irgendwelche Boote haben, aufs Bootsfahren, aufs Schiffsfahren gekommen. Schon bevor es Sea-Watch gab, war ich mir dessen bewusst, dass da Menschen auf dem Wasser sterben, und habe immer wieder mit Freundinnen und Freunden zusammengesessen und eins dieser berühmten „Eigentlich müsste man“-Gespräche geführt. Dann habe ich von Sea-Watch gehört und dachte: Ja, Flüchtlingspolitik und Boote zusammen, das musst du machen. Das hat dann auch funktioniert. Ich habe mich beworben, bin nach Hamburg auf die Werft gefahren, wo die Sea-Watch 2 gerade fit gemacht wurde, und bin seitdem fester Teil von Sea-Watch.

Hans Mörtter
Erinnerst du dich an ein Erlebnis in der ersten Zeit, wo du Einsätze gefahren bist, von denen du sagst: Das ist mir eingebrannt. Es gibt ja manchmal so Situationen, Bilder, die wir fest in uns gespeichert haben, die wir aus der inneren Festplatte nicht mehr herauskriegen.

Thomas Scheible
Es ist nicht eine Situation, das sind wirklich sehr, sehr viele kleine, bewegende einzelne Situationen, schöne Momente, dramatische Momente. Man muss sich das so vorstellen: Man sitzt da auf diesem Riesenschiff, stiert durch ein Fernglas, und irgendwann sieht man am Horizont so einen ganz kleinen Fleck. Dann setzt man das Einsatzboot aus und fährt hin, und entweder, es ist ein treibender Kühlschrank oder es ist ein Boot mit 140 Menschen, die dir mit aufgerissenen Augen entgegenstarren. Das ist auf jeden Fall bis heute so ein ganz, ganz prägender Moment. Ja, und dann da anzukommen, und die Menschen danken erst Mal welchem Gott auch immer und dann dir, das ist bis heute sehr bewegend. Dieses Gefühl – ein Mitfahrer hat das mal so schön gesagt –, dieses Gefühl, sich auf einmal in der „Tagesschau“ wiederzufinden, also auf einmal mitten in irgendeinem Geschehen zu sein, was man eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt, ist schon seltsam.

Hans Mörtter
Da sitzen junge Männer auf den Schläuchen, weil das die Überlebensfähigsten und die Stärksten sind, und dann heißt es oft: Ja, guck mal, da kommen all die Testosteronmänner. Wie sieht das in der Realität aus?

Thomas Scheible
Das ist anders, das ist sehr gemischt. Ja, der Männeranteil ist größer, aber es gibt immer auch Frauen und Kinder, und die Männer sitzen außen auf den Schläuchen. Die Boote sind immer so vollgestopft, dass gar nicht alle im Bootsinneren sitzen können, sondern die Männer dann wirklich auf diesen Schläuchen sitzen, mit einem Fuß im Wasser, und die Frauen und Kinder sitzen im Bootsinneren, was vermeintlich sicherer ist. Aber diese Boote sind nie dicht, die haben Benzin in irgendwelchen billigen Plastikkanistern herumstehen, die auslaufen. Das heißt, die Menschen im Boot sitzen wirklich in so einer Gülle aus Exkrementen, Salzwasser, Benzin, Erbrochenem, was auch immer, und haben dadurch, weil Benzin und Salzwasser eine sehr aggressive Mischung sind, immer sehr, sehr starke Verbrennungen am Unterleib. Unser meist benutztes Medikament ist Flammazine, eine Salbe gegen Brandwunden. Ja, und es ist eine sehr breite Mischung. Da sind auf jeden Fall auch kräftige junge Männer bei, aber wer bei uns ankommt, der war mal kräftig. Das sind alles Leute, die schlimme Sachen erlebt haben auf ihrer monate-, teilweise jahrelangen Flucht. Und dass die alle Smartphones haben, stimmt übrigens auch nicht. Die meisten haben eine Unterhose am Leib, und das war’s. Die haben noch nicht mal Schuhe an.

Teil 2:  „Der Wolf hat Kreide gefressen“  

Hans Mörtter
Wir haben ganz aktuell wieder die Situation, dass die Ocean Viking von Ärzte ohne Grenzen mit ungefähr 180 geretteten Menschen auf See herumkurvt und in keinen Hafen einlaufen darf. Die Geschichte kennen wir ja pausenlos, und du hast sie auch erlebt mit der Sea-Watch. Was heißt das, nicht einlaufen zu dürfen, keinen Hafen zu haben, mit den vielen Menschen an Bord ein- und ausgesperrt zu sein? Das muss eine Belastung für die Crew und die Gäste sein, wie ihr die Geretteten nennt. Das finde ich ein wunderbares Wort, nicht Gerettete, sondern Gäste zu sagen. Was läuft da eigentlich ab?

Thomas Scheible
Ja, das baut sich so langsam auf. Wenn die bei uns an Bord kommen, sind die erst mal happy, fallen auf die Knie, beten, tanzen, schreien, umarmen sich, was auch immer. Ich hab das letztes Jahr Weihnachten/Neujahr persönlich selber erlebt, dass wir 22 Tage lang 37 Menschen an Bord hatten und die EU darüber gefeilscht hat, welches Land vier aufnimmt und welches Land sechs aufnimmt, während draußen schlimmste Winterstürme tobten. Das Einzige, was wir genug hatten, waren Kotztüten, die wir wirklich die ganze Zeit gebraucht haben. Ja, das schaukelt sich dann so hoch. Erst mal sind die Menschen entspannt und glücklich, auf Dauer werden sie aber sehr nervös, weil sie schon mitkriegen, dass wir irgendwie gute Menschen sind, aber natürlich auch nicht sicher wissen, wie sehr sie unserer Entschlossenheit, sie auf gar keinen Fall zurück nach Afrika zu bringen, trauen können. Die kriegen ja mit, dass wir keinen Hafen anlaufen dürfen, dann vergeht wieder ein Tag, und es vergeht wieder ein Tag, wir dürfen da nicht hin, wir dürfen dort nicht hin, und irgendwann machen sie sich halt Gedanken, und irgendwann kriegen sie natürlich einen Koller. Die sind bei uns auf sehr, sehr engem Raum untergebracht. Wenn das Wetter gut ist, haben sie viel Platz auf dem Achterdeck, im Winter sind alle in einen sehr, sehr kleinen Raum, man kann sagen, gepfercht. Es waren starke Stürme, der Raum ist kaum möbliert, wir haben die wirklich wie Gepäckstücke mit Spanngurten am Boden befestigt, damit die nicht durch dieses Schiff fliegen. Das ist natürlich, so nett wir sind, keine Behandlung, die man sich irgendwie wünscht. Am Ende haben wir Schutz vor dem Sturm im Windschatten von Malta gesucht. Wir hatten ein Verbot, in maltesische Hoheitsgewässer zu fahren, das haben wir gebrochen insofern, dass wir näher an die Insel herangefahren sind, damit wir ein bisschen im Windschatten sind, sind aber nicht in den Hafen eingelaufen, weil uns das das Schiff gekostet hätte. Das ist immer so eine Abwägung, nimmt man jetzt Rücksicht auf die Menschen, die man an Bord hat, auf deren Wohlbefinden, oder nimmt man Rücksicht auf das Schiff, damit man nächste Woche auch noch Menschen retten kann. Ja, da waren wir sehr nah an Malta, und da sind dann auch die ersten ins Wasser gesprungen und haben versucht, herüberzuschwimmen, und wir mussten sie wieder einsammeln, weil sie es definitiv nicht geschafft hätten. Das sind Situationen, die es immer wieder auf Rettungsschiffen gibt, dass Menschen wirklich aus Verzweiflung ins Wasser springen und versuchen, in die Freiheit zu schwimmen.

Hans Mörtter
Wie verarbeitest du das, wie verarbeiten die Crewmitglieder solche Erlebnisse?

Thomas Scheible
Ich glaube, ich arbeite noch dran. Wir haben eine psychologische Betreuung vor und nach den Einsätzen auf dem Schiff als Crew und auch in Einzelgesprächen. Wir haben die Möglichkeiten eigentlich in jeder Stadt – es gibt so ein Netzwerk von Notfallseelsorger*innen und Supervisor*innen, an die sich jedes Crewmitglied jederzeit anonym wenden kann. Da gibt es eine Liste, nach Postleitzahlen sortiert, und in jeder Stadt und in jedem kleineren Ort ist jemand. Das nehmen die Leute in Anspruch, das habe ich auch schon in Anspruch genommen. Meine Verarbeitung ist definitiv, darüber zu sprechen, egal ob in einem Rahmen wie hier oder in kleineren Runden. Ich verarbeite die Dinge, indem ich sie mit anderen teile. Ich habe zum Beispiel nach meinem schlimmsten Einsatz, wo wirklich 50 Menschen vor unseren Augen ertrunken sind, während wir die anderen 100 gerettet haben, Leute in meinem Freundeskreis gesucht, die sich mit mir zusammen die Videos davon angucken. Das war schwer, diese Leute zu finden, ich wollte auch niemanden dazu nötigen, aber für mich war das total wichtig, das zu teilen. Ich hab auf meinem Boot immer eine Kamera auf dem Kopf und eine Kamera hinter mir, weil es wichtig für uns ist, alles zu dokumentieren, gerade wenn es irgendwie zu Übergriffen kommt von irgendwelchen Milizen oder für uns, quasi als Lehrmaterial. Je schlimmer der Einsatz war, desto mehr sitze ich abends zu Hause und gucke mir diese Videos an, weil ich das einfach brauche zur Bearbeitung, zur Aufarbeitung, und mir das sehr wichtig ist, dass Menschen, die mich auf welche Art auch immer kennen, schätzen, lieben, das mit mir teilen und einfach wissen, was ich da erlebt habe.

Hans Mörtter
Das Teilen, und dass es Menschen gibt, die zwar keine Rettungsfahrten mitmachen, aber zuhören und da sind und auf die Art das mittragen, das finde ich super. - Ich würde jetzt gerne auf Horst Seehofer und die libysche Küstenwache eingehen. Ich freue mich so sehr, dass Gerhart Baum, der erste Gast hier im Kölner Talkgottesdienst, seinen FDP-Vorsitzenden Lindner schallende Ohrfeigen verpasst hat für seine menschenverachtenden Aussagen zum Ertrinkenlassen. Es geht um den angeblichen „Pull-Faktor“: Sea-Watch und die Rettungsschiffe, so heißt es immer wieder, sorgen dafür, dass so viele Menschen deswegen aufs Mittelmeer fahren, weil sie wissen, dass sie gerettet werden. Thomas, mit dem Vorwurf hast du es ja immer wieder zu tun.

Thomas Scheible
Ja, das ist der Lieblingsvorwurf unserer Kritiker. Meine kürzeste und einfachste Antwort lautet: Da haben sich nicht Leute hingesetzt und gesagt: Mensch, pass auf, wir kaufen uns ein Rettungsschiff, fahren raus, und dann werden schon irgendwelche Leute in ein Schrottboot steigen und versuchen, zu uns zu kommen. Es war anders herum. Es sind Tausende von Menschen dort jämmerlich ertrunken, nachdem sich staatliche Rettungsdienste immer mehr zurückgezogen hatten, nachdem Italien seine Operation Mare Nostrum 2014 eingestellt hatte. Die Bootsflüchtlinge waren vor uns da, erst danach sind wir gekommen. Das wird immer wieder von Instituten und von Universitäten recherchiert und geprüft: Diesen Pull-Faktor gibt es nicht. Es fahren genauso viele Boote heraus oder mehr noch, wenn keine Rettungsschiffe da sind, und es sind unheimlich viele Menschen ertrunken in dieser Lücke zwischen 2014 und 2015, nachdem das italienische Programm beendet wurde. Wir haben nichts damit zu tun, dass Leute herausfahren. Es kann durchaus sein, dass irgendein Schleuser auch mal auf einer elektronischen Seekarte sehen kann, wo unsere Schiffe sind. Wenn der ein Boot herausschickt und es in unsere Richtung schickt, dann ist das doch gut, weil die Menschen nicht in den sicheren Tod fahren. Aber diese Menschen, die werden da herausgeschoben, und es ist total egal, ob wir da sind oder nicht, für den Schleuser.

Hans Mörtter
Was ich so erschreckend finde bei solchen Diskussionen, dass nicht gesehen wird, dass da Menschen auf der Flucht sind, weil sie zu Hause keine Chance haben. Keiner verlässt freiwillig sein Zuhause, seine Wurzeln. Ich sehe das sehr stark bei Hermon aus Eritrea, der als Jugendlicher geflohen ist und den wir zweimal freigekauft haben, im Sudan und in Libyen, der gestern auch wieder bei mir war. Er leidet sehr darunter, seine Heimat verloren zu haben, seine Geschwister noch dort zu haben und hier mit seiner Mutter allein zu sein und den Geschwistern nicht wirklich helfen zu können. Er soll sagen, dass er glücklich ist, in Deutschland zu sein, und er sagt auch: Ich bin jetzt hier zu Hause. Gleichzeitig ist er aber auch in Eritrea zu Hause, und das zerreißt ihn fast. Man verlässt seine Heimat nicht einfach so. Alle wissen, dass der Weg lebensgefährlich ist, der Weg durch die Wüste allein schon. Die Wahrscheinlichkeit, Menschenhändlern zum Opfer zu fallen, ist extrem hoch, von ihnen ausgeschlachtet zu werden, die Organe entnommen zu bekommen, ist hoch. Auf das Boot zu steigen, das ist Glück. Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Boot unterzugehen, ist hoch. Wie verzweifelt müssen Menschen sein, dass sie all diese vielfachen Risiken auf sich nehmen und es trotzdem tun? Und wie krank sind Menschen, die behaupten, dass Rettungsschiffe einen Sog verursachen würden. Unsere Wirtschaft und unsere Politik verursachen den Sog, aber es ist kein Sog, weil die meisten sowieso in Afrika bleiben. Und jeder hat einen Namen, einen Vornamen, ein Alter, eine Mutter, einen Vater, soweit sie denn noch leben Großeltern, eine Geschichte, ist ein Mensch, hat seinen eigenen einzigartigen Fingerabdruck. Deswegen ist die Seenotrettung, die ihr macht, so unverzichtbar.

Thomas Scheible
Ja, und wir nennen auch immer als eins der Beispiele: Wenn wir die Feuerwehr abschaffen, wird es immer noch Menschen geben, die mit einer Zigarette im Bett einschlafen.

Hans Mörtter
Jetzt haben wir den großen Wandel des Horst Seehofer, Bundesinnenminister, eines absoluten Hardliners erlebt. Der hat uns, seit er Minister ist, das Kirchenasyl abschafft und uns dermaßen Knüppel zwischen die Beine geworfen, dass Kirchenasyl eigentlich unmöglich geworden ist und sich auch immer weniger Gemeinden trauen, das zu gewähren. Wir haben trotzdem sieben Kirchenasyle hier in der Lutherkirche laufen, wir stellen uns dem entgegen. Wir lassen uns nicht einschüchtern und halten da durch. Ist stressig, ist aber so. Da entlarvt sich ein Innenminister eben auch, wenn er uraltes heiliges Recht infrage stellt, Menschen zu schützen für einen bestimmten Zeitraum. Jetzt sagt er ja laut und deutlich, dass Deutschland bereit ist, 25 Prozent Gerettete von den Rettungsschiffen aufzunehmen. Frankreich ebenfalls 25 Prozent, das ist der Deal, das ist schon die Hälfte, und die restlichen 50 Prozent wollen sie am Montag in Malta verhandeln, wie sich das dann noch verteilt. So ist das Problem gelöst, dass die Rettungsschiffe nicht in Häfen einlaufen dürfen. So! Da wundert man sich: Auf der einen Seite hat unser massiver öffentlicher Protest schon gewirkt. Dieser Mann hat gemerkt, dass er seine knallharte Linie nicht durchhalten kann, die Menschen einfach ertrinken oder sie nicht an Land zu lassen. Also erinnert er sich irgendwie vielleicht an das Christlich-Soziale, wobei die vielleicht gar nicht mehr wissen, was das ist. Aber was heißt das wirklich? Wird ein Wolf plötzlich zum Schaf, oder bleibt er Wolf und zieht sich ein bisschen Fell über, den Schafspelz?

Thomas Scheible
Der Wolf hat Kreide gefressen oder die Wölfe haben Kreide gefressen. Es ist in den letzten Monaten ein starker öffentlicher Druck entstanden, nicht zuletzt durch die sehr medienwirksame Geschichte mit unserer Kapitänin Carola Rackete, die vor mittlerweile fast drei Monaten entgegen aller Anordnungen nach Lampedusa in den Hafen eingefahren ist. Seitdem ist übrigens auch unser Schiff nach wie vor beschlagnahmt. Das Schöne ist, dass Carola nicht ins Gefängnis musste und das Strafverfahren wahrscheinlich auch ziemlich glimpflich ausgehen wird, denn es gab eine riesige Solidaritätswelle, die bis heute anhält. Es ist aber schlimm, dass wir bis heute kein Schiff haben und die Politik sich gezwungen gesehen hat, über diese große Öffentlichkeit, sich über diese mediale Aufmerksamkeit, die wir hatten, zu äußern und da eben ein bisschen Kreide zu fressen, aber das ist auch alles sehr, sehr doppelzüngig. So sehr sich jetzt irgendwelche Staatenlenker dazu äußern und sagen, dass Seenotrettung kein Verbrechen ist, wir können immer noch nicht auslaufen. Und auf die Protestnote der deutschen Regierung gegen die Beschlagnahme unseres Schiffes, auf die warten wir bis heute. Stattdessen wurde zwischendurch unser Suchflugzeug von italienischen Behörden stillgelegt – das haben wir mittlerweile wieder lösen können.

Hans Mörtter
Das ist die Moonbird.

Thomas Scheible
Die Moonbird. Wir betreiben auch ein Flugzeug, mit dem wir die Menschen finden, weil staatliche Stellen sich mittlerweile auch weigern, mit uns zusammenzuarbeiten. Der neuste Clou ist, dass vor Ort von Militärschiffen unsere Funkfrequenzen gestört werden. Also es ist nicht so, dass da ein Sinneswandel stattgefunden hat, sondern man sieht sich gezwungen, öffentlich in irgendeiner Form Farbe zu bekennen, aber gleichzeitig wird dann hinter den Kulissen die sogenannte libysche Küstenwache, was einfach irgendwelche kriminellen Milizen sind, mit menschenverachtenden Mördern an Bord, weiter aufgebaut. Es wird nach wie vor alles dafür getan, dass wir unsere Arbeit nicht machen können. Es wurde die Lösung geschaffen oder man arbeitet dran, dass wir nicht mehr vier Wochen mit Geretteten an Bord durch die Gegend irren müssen, es wird aber auch alles versucht, dass wir keine Menschen mehr retten, nach wie vor.

Teil 3:  Die „sogenannte“ libysche Küstenwache

Hans Mörtter
Noch mal ganz konkret: Die Sea-Watch liegt in Lampedusa fest – Lampedusa ist es, oder?

Thomas Scheible
Sizilien mittlerweile, sie ist überführt worden in der Beschlagnahme nach Licata in Sizilien und liegt dort fest.

Hans Mörtter
Der Staatsanwalt, der Carola Rackete freigelassen hat, ist nicht auf der Salvini-Linie gewesen, also ein Mensch als Jurist eben auch, der das internationale Seerecht kennt. Die Sea-Watch war von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt und ist vor drei Tagen frei gegeben worden. Jetzt erzähl mal, wie der Schacher da läuft. In der Zeit ertrinken Menschen. Erzähl mal den Trick, wie es weitergegangen ist.

Thomas Scheible
Ja, das Schiff ist im Rahmen des Strafverfahrens gegen unsere Kapitänin Carola Rackete als Beweismittel beschlagnahmt worden von einem Staatsanwalt, mit dem wir schon mehrfach zu tun hatten, der auf jeden Fall kein Hardliner ist, der halt seinen Job macht und wo wir auch davon ausgegangen sind, dass das Schiff in absehbarer Zeit wieder freikommt. Das ist vor drei Tagen passiert, also die Beschlagnahmung im Rahmen des Strafverfahrens wurde erwartungsgemäß aufgehoben. Man hat uns dann aber zwei Tage vor dieser Aufhebung mitgeteilt, dass wir doppelt beschlagnahmt sind und man nur vergessen hat, uns das mitzuteilen, und wir noch beschlagnahmt sind, weil wir gegen eins dieser tausend Sondergesetze verstoßen hätten. Der zum Glück nicht mehr amtierende Innenminister Salvini von der sehr rechten Lega Nord hat eigentlich jedes Mal, wenn ein Rettungsschiff Gäste an Bord hatte, irgendein neues 35-seitiges Gesetz herausgebracht mit Millionenstrafen. Ja, und davon war jetzt die ganze Zeit nicht die Rede, und als schon klar war, wir werden jetzt Ende der Woche freigesetzt, wurde uns dann mitgeteilt, dass wir übrigens seit zwei Monaten auch noch wegen einem dieser Verstöße gegen diese Gesetze beschlagnahmt sind, und da fangen wir jetzt erst an mit dem Widerspruchsverfahren. Wir gestern den Widerspruch eingereicht, und bis zum 3. Oktober muss sich dann irgendwie der Präfekt äußern, und wir haben gerade Sorge, dass sich das noch ein bisschen hinziehen wird.

Hans Mörtter
Das ist schrecklich. - Aber ich freue mich über die Evangelische Kirche Deutschlands. Ich kenne die Diskussionen seit Anfang Mai und bin in engem Kontakt mit der EKD gewesen wegen der Seebrücke und der Seenotrettung. Die Diskussion, dass jetzt endlich beschlossen worden ist, dass die EKD auch ein Rettungsschiff ins Mittelmeer schickt, eng verbunden mit der Sea-Watch, der Seenotrettung und der Seebrücke. Es sind deswegen Menschen aus der evangelischen Kirche austreten. Deswegen! Aber andere sagen wie ich: Ich bin stolz auf meine Kirche, ich bin froh, dass die Kirche aus dem Reden ins Handeln übergeht und damit ein Bekenntnis abgibt. Da wird es dem Innenminister und der Bundesregierung schwerer fallen, der gesamten Evangelischen Kirche Deutschlands zu sagen: Das sollt ihr aber eigentlich nicht machen. Das ist eine Verstärkung, eine gute Verstärkung, finde ich. Aber wir wissen inzwischen, dass die Seenotrettung blockiert und verhindert wird – ganz bewusst, ganz strategisch, hintenherum. Deswegen gehe ich noch mal auf die libysche Küstenwache ein. Sie wird von Europa finanziert, zu einem großen Teil von Deutschland – mit neuen Schiffen, mit Ausbildung, mit Logistik, was auch immer. Gleichzeitig habe ich am Donnerstag von einer neuen Entführung gehört, der Schwester eines jungen Eritreers, den ich seit Anfang 2015 kenne. Sie wurde zum zweiten Mal in Libyen entführt, sie war auf dem Boot, sie war auf dem Mittelmeer, mit vielen anderen zusammen. Die libysche Küstenwache tat, wofür sie von Europa bezahlt wird, sie hat das Boot aufgebracht, die Leute in ein geheimes Lager gebracht, die Angehörigen angerufen, und für jeden Menschen werden 3.000 Euro Lösegeld verlangt, sonst gehen die auf den Sklavenmarkt. Das heißt, die libysche Küstenwache lässt sich doppelt bezahlen: einmal von Europa zum Abhalten und zum zweiten Mal von den Angehörigen zum Freikaufen. Dann setzen sie diese Menschen wieder auf ein Boot nach Italien. Das ist die libysche Küstenwache. Du hast erzählt, gerade ist ein Mensch erschossen worden, der aus einem Lager fliehen wollte. Man kann ganz klar sagen: Die libyschen Milizen sind Kriminelle und sie sind Mörder. Bei den Rettungen habt ihr das erlebt, ihr versucht zu retten, und die libysche Küstenwache verhindert das.

Thomas Scheible
Genau. Wir nennen sie immer sehr konsequent die sogenannte libysche Küstenwache, wobei es gar nicht darum geht, die irgendwie zu beleidigen, sondern wirklich noch mal klarzustellen: Das ist keine Küstenwache. Dieses Land hat keine einheitliche Regierung, es gibt die sogenannte Einheitsregierung in Tripolis, die dann irgendwie 50 Kilometer im Umkreis von Tripolis das Sagen hat, ansonsten wird dieses Land von geschätzt 200 bis 400 Milizen regiert, und jede Miliz, die küstennah ist, hat auch ihre eigene Truppe, die sie dann Küstenwache nennt. Das muss man sich so vorstellen, dass da irgendwelche bärtigen Männer in Flipflops und in Shorts dastehen mit irgendwelchen Kalaschnikows, wo mit Gaffer Tape die Ersatzmagazine angeheftet sind, die mit einer Kippe im Maul da irgendwie durch die Gegend fahren und in die Luft schießen, wenn ihnen irgendetwas nicht gefällt. Die nehmen an irgendwelchen Trainingsprogrammen teil, haben aber tatsächlich keine Ahnung, was sie machen, und sind einfach brutale Mörder. Das sind genau die Milizen, die sich jahrelang durch Schleuserei finanziert haben. Es sind wirklich EU-Beauftragte durch Libyen getingelt, haben mit verschiedenen libyschen Milizenführern gedealt und gesagt: Okay, wie viel Millionen braucht ihr, um statt zu schleusen Küstenwache zu spielen – was natürlich wunderbar funktioniert hat, die machen jetzt einfach beides. Die schicken Boote heraus gegen Geld, fangen diese Boote dann wieder ein gegen Geld und verkaufen die Leute gegen Geld und schicken sie gegen Geld wieder heraus und sammeln sie gegen Geld wieder ein, was dazu führt, dass die sich einen Konkurrenzkampf mit uns liefern. Ich habe vorhin von den 50 Ertrunkenen erzählt. Das war eine Situation, wo wir ein Schlauchboot mit 150 Menschen gefunden hatten, die libysche Küstenwache unseren Funkverkehr mit der Seenotleitstelle mitgekriegt hatte und sich mit ihrem wesentlich schnelleren Boot als unserem ein Wettrennen mit uns lieferte. Sie waren schon am Fluchtboot angekommen, während wir gerade unsere Einsatzboote ins Wasser setzten. Die können noch nicht mal richtig manövrieren und sind dann mit ihrem Schiff über dieses Boot drübergefahren, woraufhin das auseinandergerissen ist und 150 Nichtschwimmer im Wasser waren, im November bei ein Meter hohen Wellen, und wir halt wirklich nur noch wie am Fließband die Leute aus dem Wasser gezogen haben, währenddessen von der libyschen Küstenwache erst bedroht und später auch angegriffen worden sind. Wenn es nicht so dramatisch wäre, wäre es ganz lustig: Wir sind mit Kartoffeln beworfen worden von diesem Schiff, während wir Menschen aus dem Wasser gezogen haben, nachdem sie uns vorher mit Schusswaffen bedroht hatten und wir trotzdem weiterhin Leute aus dem Wasser zogen. 50 Leute haben es auf das Schiff von den Libyern geschafft, 50 Leute haben wir aus dem Wasser ziehen können, und 50 Leute haben das leider nicht mehr überlebt. Ja, das war ein sehr krasses Beispiel, wie diese Menschen drauf sind. Nachdem klar war, dass wir jetzt trotzdem weiter retten, haben die irgendwann auch aufgehört, uns daran zu hindern, und haben wirklich alle mit ausdruckslosem Gesicht an der Reling gestanden mit ihren Smartphones und gefilmt, wie da die Leute verrecken. Ja, das ist die sogenannte libysche Küstenwache. Die haben noch nicht mal ihr kleines Rettungsboot ins Wasser gesetzt. Die standen neben Stapeln von EU-finanzierten Rettungsringen und haben die lediglich benutzt, um sie uns an den Kopf zu werfen, und nicht um die den Ertrinkenden zuzuwerfen.

Hans Mörtter
Es kommt auch immer wieder vor, dass Menschen, die auf einem der libyschen Boote sind, wieder ins Wasser springen und ertrinken, bewusst ertrinken, um nicht nach Afrika zurück in die Lager gebracht zu werden. Auch das ist ein Fakt. Pia Klemp hat von einer Rettungssituation erzählt, wo Soldaten auf einem europäischen Militärschiff mit Maschinengewehren in der Hand Maschinengewehre auf die Ertrinkenden und die Rettenden gerichtet haben. Da ist die Pia ziemlich ausgerastet und hat dem Kapitän des Militärschiffes auf ihre klare, deutliche Weise zur Schnecke gemacht, das ist herrlich. Der hat dann auch angeordnet, dass die Maschinengewehre gesenkt werden. Die Soldaten blieben aber weiter in der Warteposition, während Menschen ertranken oder drohten zu ertrinken. Pia forderte dann den Kapitän auf, sich an der Rettungsaktion mit zu beteiligen. Die Antwort darauf war: Es täte ihm leid, er könnte jetzt nichts tun, da seine Mannschaft gerade in der Mittagspause wäre. Zitat, laut Pia. Das sind diese Lügen, diese Heucheleien, die die Politik begeht, und viele fallen dann auch noch darauf herein. Fakt ist: Europäische Politik verhindert Menschenrettung. Ich finde da keine Worte für, das ist einfach so beschämend, es ist niederträchtig.

Thomas Scheible
Genau.

Hans Mörtter
Thomas, hast du noch einen Punkt, der dir ganz wichtig ist?

Thomas Scheible
Nicht wirklich, nein. Ich bin froh, dass ich hier sein kann, ich freue mich immer wieder, dass Menschen sich für das Thema interessieren, und ja, wie du gerade schon gesagt hast, dass die EKD mit uns zusammen hoffentlich in absehbarer Zeit ein Schiff betreiben wird, ist super, und ich wünsche mir einfach, dass es nach wie vor zum Thema wird. Und dass der Wolf Kreide gefressen hat, ist ein Ergebnis von einem starken öffentlichen Druck, von einer starken Anteilnahme von vielen Menschen. Ja, lasst uns da dranbleiben.

Hans Mörtter
Darum geht es jetzt, genau wie bei „Fridays For Future“. Wir sind hier, wir stehen hier für etwas ein, wir verlangen und erwarten, dass von den Steuergeldern, die wir bezahlen, womit die deutsche Bundesmarine auch finanziert wird, dass deutsche Marineschiffe im Mittelmeer sich an den Rettungsaktionen beteiligen – fertig, Ende, aus. Und dass das ganz Europa tut. Da ist ganz klar, dass Europa Italien alleingelassen hat mit Mare Nostrum und der Situation, jahrelang, denn wie kommen Flüchtlinge nach Europa, ohne durch Italien zu müssen? Italien hat es am Hals gehabt, und man muss einfach sehen, dass da Menschen sind, die auch Unglaubliches leisten in der Flüchtlingsarbeit, aber das geht nur zusammen, das ist eine europäische Geschichte.

Thomas Scheible
Es ist unheimlich einfach, was wir da machen. Wir haben einen Jahresetat von ungefähr zwei Millionen Euro – es wird auch immer mehr, je größer die Schiffe werden. Am Anfang waren es, glaube ich, 500.000 mit dem kleinen Schiff. Wir haben mit diesem Etat mit einer Handvoll Freiwilligen die letzten vier Jahre 60.000 Menschen das Leben gerettet. Es geht, es ist einfach, man muss es einfach nur tun!

Hans Mörtter
An Spenden kommen wir nicht vorbei. Ich freue mich auch über die Aktionen von letztem Freitag, wo weltweit, man schätzt 1,4 Millionen auf die Straßen gegangen sind, auch in Köln. In allen Städten ist es weit über die Zahlen hinausgegangen, die man erwartet hat. Und Junge und Alte waren auf der Straße, das war unglaublich stark. Darum genau geht’s, dass wir aufstehen und dass wir keinen Schritt mehr zurückgehen. Das heißt, spenden, wer spenden kann, und anpacken, wer anpacken kann, und dass wir uns nicht mehr einlullen und für dumm verkaufen lassen. Wer Angst hat, ist beherrschbar. Angst ist ein Herrschaftsinstrument. Die Herrschenden brauchen das, damit wir klein bleiben. Wer Angst hat, hält die Klappe, duckt sich und kriegt einen krummen Rücken. Da ist nichts mehr mit Rückgrat. Deswegen werbe ich noch mal für, „Save Our Souls“ am 3. Oktober 2019 in der Kölner Philharmonie um 20 Uhr, mit einem wunderbaren Programm. Auch Navid Kermani hat zugesagt, worüber ich mich sehr freue, und wird an dem Abend eine Stellungnahme abgeben. Für mich ist ganz entscheidend, dass Pia Klemp dabei sein und erzählen wird. Mitglieder des Schauspiel Köln werden Ausschnitte aus ihrem neuen Buch „Lasst uns mit den Toten tanzen“ lesen. Also das ist ein Abend, der unter die Haut gehen wird. Aber das Entscheidende ist für mich, dass wir nicht kommen, weil irgendwelche Namen oder PeterLicht oder andere da auftreten, sondern nur einzig und allein, weil eine Frau wie Pia Klemp auf der Bühne steht und erzählt. Nur deswegen, nur wegen ihr, und stellvertretend in ihrer leibhaftig anwesenden Person für alle Seenotretter und Seenotretterinnen, die auf dem Meer, auf dem Land unterwegs sind, da ein klares Bekenntnis zu setzen. Dafür muss man aufstehen, dafür müssen wir hingehen.

Zum Schluss sag ich dir einfach mal, was die Pia gesagt hat. Sie hat auf ihre unvergleichliche Art beschrieben, was die Freiwilligen für sie sind: Alle Freiwilligen in der Seenotrettung sind Diamanten im Scheißhaufen der Unmenschlichkeit. Ist das nicht genial? Also Thomas, du bist ein Diamant. Strahle weiter und danke für deine Arbeit.

Transkribiert vom Büro Kolb, Südstadt
Redigiert von Helga Fitzner

30. Kölner Talkgottesdienst, zu Gast Thomas Scheible, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Thema Seenotrettung im Mittelmeer, Foto: Helga Fitzner

Thomas Scheible und Pfarrer Hans Mörtter bei der Vorbereitung

30. Kölner Talkgottesdienst, zu Gast Thomas Scheible, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Thema Seenotrettung im Mittelmeer, Foto: Sonja Grupe

Thomas Scheible und Pfarrer Hans Mörttre während des Gesprächs
Foto: Sonja Grupe

30. Kölner Talkgottesdienst, zu Gast Thomas Scheible, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Thema Seenotrettung im Mittelmeer, Foto: Helga Fitzner

Thomas Frerichs am Klavier mit der Sopranistin Aurora Sperduto

30. Kölner Talkgottesdienst, zu Gast Thomas Scheible, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Thema Seenotrettung im Mittelmeer, Foto: Helga Fitzner

Pfarrer Hans Mörtter und Thomas Scheible nach dem Gottesdienst

Thomas Scheible, Einsatzbootfahrer und Smutje auf den Schiffen SEA-WATCH 2 und SEA-WATCH 3 beim 30. Kölner Talkgottesdienst, Foto:

Thomas Scheible, Smutje und Einsatzbootfahrer auf der Seawatch 2 und 3 in Köln
Foto: Stephan Somberg

Thomas Scheible, Einsatzbootfahrer und Smutje auf den Schiffen SEA-WATCH 2 und SEA-WATCH 3 beim 30. Kölner Talkgottesdienst, Foto:

Thomas Scheible, Smutje und Einsatzbootfahrer auf der Seawatch 2 und 3 auf See
Foto: Fabian Melber, SEAWATCH e. V.