Die „vergessene Generation“

Gottesdienstformat zum Gedenken an die Kriegskinder

Kollateralschaden heißt das im Kriegs- und Katastrophenjargon. Abermillionen Kinder gehören weltweit dazu, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Heute liegen die Krisengebiete weit weg, in der Karibik, Afghanistan, China und anderswo. Aber auch in Deutschland gibt es noch Millionen von Kriegskindern - nur dass sie jetzt erwachsen sind und sich im Rentenalter befinden. Es sind unsere Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, die zwischen 1933 und 1945 geboren wurden und das Dritte Reich als Kinder erlebt haben. Die Schrecken des Krieges haben an ihnen nicht halt gemacht. Wie die Erwachsenen waren sie von der Kriegs- und  Nachkriegszeit gezeichnet und von der Kriegsschuld der Deutschen und dem Völkermord an den Juden stigmatisiert. Es hat über ein halbes Jahrhundert gedauert, bis allmählich mal gefragt wurde, wie es ihnen denn ergangen ist und wie sie mit dem Erlebten zurecht kommen.

Seit Anfang des neuen Jahrtausends geraten diese Kinder zunehmend in den Blickpunkt der Medien. Mit Veröffentlichungen, wie „Kriegskinder - Das Schicksal einer Generation“ von Hilke Lorenz, haben sich mehrere Autoren dieser Lebensgeschichten angenommen. Die Autorin Sabine Bode hat mit ihrem Buchtitel „Die vergessene Generation“ einen Begriff geschaffen, der weit über ihr Buch hinausgeht und ein Synonym für dieses weitgehend unbearbeitete Phänomen geworden ist.

Grund genug für Pfarrer Hans Mörtter und die Lutherkirche, ein Gottesdienstformat zu schaffen, bei dem einmal im Jahr – so um den Jahrestag des Kriegsendes herum – dieser Generation gedacht wird. Im Jahr 2008 waren in der Lutherkirche die Skulpturen der Künstlerin Barbara Riege ausgestellt, die versucht hat, das Leiden sichtbar zu machen. 2009 war der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Köln, Norbert Burger, zu Gast und hat von seinen Erlebnissen als Kriegskind erzählt. 2010 kam der Journalist und Theologe Curt Hondrich zu Wort und machte auf ein zentrales Archiv aufmerksam, in dem die Geschichten der Kriegskinder aufgezeichnet und wissenschaftlich ausgewertet werden.

Curt Hondrich war danach so freundlich, uns zu einem Interview zur Verfügung zu stehen, in dem er ausführlicher auf die "transgenerationale Weitergabe von Kriegstraumata" eingeht. Mehr dazu hier.

Über die Entstehung des Gottesdienstformats "Vergessene Kinder" erzählt Pfarrer Hans Mörtter in diesem Interview.

Die Seniorenkreise der Lutherkirche haben 2009 ein Buch mit solchen Geschichten veröffentlicht „Angerichtet – Vom Überleben und Kochen in schlimmer Zeit“, in dem insgesamt 23 Kriegskinder zu Wort kommen.

Text: Helga Fitzner
Foto: Simon Vogel

Themengottesdienste
Skulptur der Künstlerin Barbara Riege