Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester., Foto: Sonja Grupe

Tangogottesdienst an der Lutherkirche

mit Musikern und Berufstänzern

Warum Tangogottesdienst?

Im Tango Argentino vereint sich alles, was das Leben ausmacht. Sehnsucht, Einsamkeit, Leidenschaft, Erotik und Wut. Es ist ein Tanz, der sich zwischen Beherrschung und Unterwerfung abspielt, zwischen Begehren und Zurückweisung. Tango ist aber vor allem der getanzte Traum von einem besseren Leben.

Der Tango Argentino entsteht Mitte des 19. Jahrhunderts in Buenos Aires und den argentinischen Hafenstädten. Dort kommen Menschen verschiedener Abstammung zusammen: Indios, Kreolen, Europäer. Sie gehören keiner bürgerlichen Oberschicht an. Die meisten sind Glückssucher, die der Armut und Hoffnungslosigkeit entrinnen wollen. So entsteht ein Tanz, der genau dieses Lebensgefühl widerspiegelt. Da sind die Gegensätze, die aus der multi-ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung entstehen, das soziale Elend, die Kriminalität und das Verlassensein. Viele der männlichen Europäer sind allein gekommen und wollen ihre Familien irgendwann nachholen. Den Tango tanzen sie meist mit Freudenmädchen, weil die den engen Körperkontakt zulassen, der aber im 19. Jahrhundert ein eklatanter Tabubruch ist. Der neue Tanz ist gesellschaftlich nicht akzeptabel, er stammt aus den Hafenkaschemmen und Bordellen. Erst ein halbes Jahrhundert später wird er in stark reglementierter Form als Standardtanz Tango (ohne Argentino) salonfähig.

Tango Argentino wird immer dann aktuell, wenn sich wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen auftun. Er ist ein Spiegel der Unsicherheit und Zerbrechlichkeit einer Welt, die sich in rasender Geschwindigkeit verändert. Der Tango Argentino symbolisiert enttäuschte Erwartungen, die Sehnsucht nach Heimat und Zuhausesein. Seit 2003 veranstaltet die Lutherkirche regelmäßig Tango-Gottesdienste. „Wie das gehen sollte, wussten wir am Anfang auch nicht so genau“, erklärt Mörtter. „ Die ersten zwei Tango-Gottesdienste habe ich mit Gustavo Llano gestaltet, der auch im ZDF-Fernsehgottesdienst bei uns getanzt hat“, erinnert er sich „In seinen Tänzen hat Gustavo auch schon ‚Flüchtlingsströme’ thematisiert. Und dann noch ‚Palästina’. Ich habe das ‚Mensch ohne Erde, ohne Heimat’ genannt. Und es hat geklappt. Mehr als 250 Menschen haben das begeistert und berührt miterlebt. Am Ende wagten sogar einige ein Tänzchen. Vielen von uns ging es so: Noch Tage danach waren wir erfüllt von Energie und Kraft.“

Es finden sich immer wieder wundervolle Musiker ein, die einzig in diesem Gottesdienst zusammen spielen. Immer dabei ist unser Kantor Thomas Frerichs. Maßgeblich an der Konzeption des Gottesdienstformats beteiligt, ist das Tangopaar Kathrin & André.

Das Format des Tango-Gottesdienstes wurde von der EKD, der Evangelischen Kirche Deutschlands, als Beispiel guter Praxis gewürdigt.  Kirche im Aufbruch

Text: Helga Fitzner
Fotos: Sonja Grupe

Tangogottesdienst, 2018, Thema: Würde der Obdachlosen, Tangopaar Ezequiel & Lena, Pfarrer Hans Mörtter und Tangoorchester, Foto: Markus Gaedertz
Thema 2018: Die Würde der Obdachlosen

Tangogottesdienst 2018

Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester. 2017 waren die Kölner Zigeuner-Rapper Richardo und Samjo zu Gast, Foto: Sonja Grupe
Thema 2017: Vorurteile 

"Ich bin hier!"
Zu Gast waren die Zigeuner-Rapper Samjo und Ricardo

Tangogottesdienst  Thema: "Vertrauen"  am 21. Juni 2009

Thema Vertrauen

Am 3. März 2009 stürzten das Kölner Stadtarchiv und zwei angrenzende Gebäude ein. „An diesem Tag brach den Menschen in unserer Südstadt nicht nur im wörtlichen Sinn der Boden unter den Füßen weg“, sagte damals Hans Mörtter, der als Pfarrer und Notfall- und Katastrophen-seelsorger nah dran war. „Die Menschen haben auch im übertragenen Sinn den Boden unter den Füßen verloren, haben Angst, nicht mehr getragen zu sein.“ Daher half er, einen Schweigemarsch mit anschließender Gedenkfeier für die bei dem Unglück getöteten jungen Männer zu organisieren. In seinem nächsten Talk-Gottesdienst tauschte Hans Mörtter sich mit dem Chef der Kölner Berufsfeuerwehr, dem Branddirektor Stephan Neuhoff, aus.

Fast logisch ergab sich für den nächsten Tangogottesdienst das Thema von ganz allein. Es ging zwar nicht mehr um den Einsturz des Archivs, aber um das grundsätzliche Thema Vertrauen. Es fand sich ein sechsköpfiges Tango-Orchester zusammen. Das Tangopaar Kathrin und André führte dieses Mal keine einstudierten Choreografien vor, sondern improvisierte. Vielleicht stärker ausgeprägt als bei anderen Tänzen, muss der Mann beim Tango Argentino führen und die Frau sich führen lassen. Kathrin wusste nicht, welche Schrittfolgen kommen würden und musste sich der Führung Andrés in noch stärkerem Maße als sonst anvertrauen.

Lesung Hebräer 11, 9 - 10
„Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“.

Auszug aus Pfarrer Mörtters Predigt

"Das ist die phantastische Geschichte von Abraham und Sarah. Die Sarah wird in der Bibel zwar nicht erwähnt – die ist schließlich von Männern geschrieben – aber Sarah gehört unverbrüchlich dazu. Ich finde diesen Gedanken so genial, dass Abraham als erfolgreicher Geschäftsmann und Herdenbesitzer, er war ein Großunternehmer in seiner Zeit, aus dem Glauben heraus auf Gott hört und tatsächlich geht. Gott sagte zu ihm: ‚Ich will, dass du jetzt gehst. Verabschiede dich nicht einmal von deinen Nachbarn und Freunden. Geh. Mit deiner Familie. Geh. Jetzt. Denn ich, dein Gott, werde dich führen. ’-  Und Abraham geht wirklich. Deswegen heißt Abraham der Urvater des Glaubens bei den Muslimen, bei den Juden und bei uns Christen. Er glaubt und geht im Vertrauen den Weg, den er gehen muss, um eines größeren Ganzen willen, weil er Teil einer großen Geschichte, eines Sinnzusammenhanges ist. So wie jeder Einzelne von uns auch. Wie der Stein, der einmal ins Wasser geworfen, seine Kreise zieht, ohne dass wir das vielleicht merken. Dazu gehört auch, dass Abraham und Sarah durch ihren Glauben wie Fremdlinge waren in einem neuen Land. Sie lebten in einem Zelt, das jederzeit abbaubar war, um neu aufzubrechen.

Fremd, so erlebe ich mich auch immer wieder in diesem Land. Hier die Titelseite des Kölner Stadtanzeigers vom 20.06.2009:  Über eine Milliarde Menschen hungern. Durch die Wirtschaftskrise erhöht sich die Zahl der Hungernden um 100 Millionen Menschen. Das sind 20 Millionen mehr, als Deutschland Einwohner hat. Mich entsetzt, dass das niemand in unserem Land schmerzt. Ich verstehe nicht das kollektive Schweigen angesichts dieses Entsetzens. Mir tut das weh.
 
Abraham geht. Er glaubt, dass es Wege gibt, die weiterführen, ganz anders und neu. Das habt ihr gerade beim Tangotanz von Kathrin und André gesehen. Der Tango funktioniert nur, wenn ich vertraue und mich darin versenke. Kathrin muss ihrem Partner André unbedingt folgen. Der Tangotänzer aber, der tanzt nicht nur für sich. Der tanzt noch nicht einmal MIT seiner Partnerin, er tanzt FÜR seine Partnerin. Das ist genau die Botschaft aller biblischen Geschichten.  Ich kann vertrauen, dass ich als Mensch geführt werde. Gott sagt:  Du bist nicht allein. Ich habe dich im Blick. Komm, geh - - - mit mir. Geh. Ich bin da. Du bist mir wichtig."

Um den Tango Argentino auch für die Gemeinde erfahrbar zu machen, luden Kathrin und André zu ein paar Übungen ein, in denen man sich paarweise auf das Thema Vertrauen im Sinne von Sich-Führen-Lassen einlassen konnte. So ließen sich etliche Gottesdienstbesucher mit geschlossenen Augen durch die Kirche führen, durften aber auch ihre Fähigkeiten bei der Führung ausprobieren. Das machte Spaß und klappte ganz gut.  Pfarrer Mörtter fasst das Thema des Gottesdienstes so zusammen: „Vertrauen, dass unser Leben auf Erfüllung angelegt ist. Achtsam zu reagieren auf die Impulse, die das Leben uns schenkt, die wir spüren können. Die Kostbarkeit des uns geschenkten und anvertrauten Lebens.“

Text und Fotos: Helga Fitzner

Das Tangopaar Kathrin und André macht mit der Gemeinde Übungen zu Führen und Geführt-Werden, Foto: Helga Fitzner

Thema: "Männer/Frauen – Führen/Geführt werden " am 22. Juni 2008

Mit dem Tangopaar Kathrin & André
und Texten der Autorin Alida Pisu
Musik: Thomas Frerichs (Klavier), Ruddi Sodemann (Cello),
Martina Thomas (Akkordeon)

Eigentlich klingt es befremdlich: Führen und geführt werden. Schmeckt es doch zu sehr nach der klassischen Geschlechterkonstellation, bei der die Frau sich dem Manne zu unterwerfen hat. „Aber das stimmt nicht“, sagt Kathrin, die „folgende“ Hälfte des Tangopaars Kathrin & André. „Wir waren vor Kurzem in Argentinien und obwohl es da bei den Tangosalóns viel traditioneller zugeht als hier, bestimmt selbst da immer noch die Frau, mit wem sie tanzt. Wenn sie den Blick des sie auffordernden Mannes nicht erwidert, zieht der sich zurück. Damit kann sich die Dame einen Tanzpartner aussuchen, der ihrem tänzerischen Niveau entspricht.“  Und André, die „führende“ Hälfte des Tangopaars, erzählt von der Verantwortung, die er als Führender für beide übernimmt. Er muss seine Partnerin sicher über das Parkett führen. „Ich als Tänzer muss also das Vertrauen der Tanzpartnerin haben oder erwerben“, erklärt André, „das ist mindestens ebenso wichtig wie die korrekte Haltung und die Schrittfolge.“ Gesagt, getan, lässt André die freie Fläche in der Lutherkirche zur Tanzschule werden. Viele der Anwesenden bilden spontan Paare. Die erste Übung besteht darin, nebeneinander zu gehen, wobei einmal der eine führt und der andere folgt. Danach wird gewechselt. So können Männer wie Frauen die Erfahrung machen, wie es ist zu führen und zu folgen. Das anfängliche Amüsement der „Probanden“ geht sehr schnell in Konzentration über und den Versuch, sich aufeinander einzustellen. Die ersten Tangoschritte kommen nach dieser ersten Übung fast von ganz allein. 

Pfarrer Hans Mörtter interpretiert dies mit dem Tango-Einmaleins:

„Eins und eins sind eins;
und eins sind drei;
und drei sind eins.
Das ist das Tango-Einmaleins.
Eins und eins ist in der Beziehung, auch der tänzerischen, immer drei. Vereinigen können sich zwei nur in etwas Drittem. Alles andere wäre Vereinnahmung. Im Tango ist dieses Dritte die Musik und die Kunstsprache des Tanzes, in welcher wir, nur über den Körper sprechend, ausgehend von den Thesen, die der Führende dazu entwirft, in Dialog miteinander treten.“

Aus nebenstehendem Buch von Ralf Sartori

Die Autorin Alida Pisu ging in ihrem Vortrag auf das heutige Rollenverständnis von Mann und Frau in der heutigen Gesellschaft ein, in der sich die Polarität der Geschlechter mindert: „Es sind Dinge selbstverständlich geworden, die man nie für möglich gehalten hätte, dass Michael im Kreißsaal ist, wenn sein Kind geboren wird, dass Wolfgang einen Kinderwagen schiebt und Gerd sogar Windeln wechseln kann, vor 20 Jahren noch: ‚Undenkbar!’ Dass Frauen in typischen Männer-Berufen arbeiten, Michaela bei Ford eine Kolonne leitet,  Simone als Ingenieurin Verantwortung trägt, dass Gaby zur Bundeswehr geht und Soldatin wird, vor 20 Jahren noch: ‚Undenkbar!’“

Das Finden des rechten Partners bleibt oft eine ständige Suche und Versuchung. Dazu Alida Pisu: „Im März dieses Jahres wurde eine Studie veröffentlicht, nach der jeden Monat sieben Millionen Alleinstehende in Deutschland einen Partner übers Internet suchen, Profile anlegen, Profile durchforsten, hin und her mailen, sich verabreden, sich treffen und oftmals  wieder auseinander gehen, weil das Gegenüber die geweckten Profil-Erwartungen nicht erfüllt hat. Ein Satz aus der Studie: ’Bei den Online-Singlebörsen hat man einen breiten Marktplatz zum Aussuchen, muss sich aber wie ein Produkt verkaufen.’ Sieben Millionen in jedem Monat – was für eine Zahl, hinter der so viel Sehnsucht steckt! Und dann der Zwang, sich auf dem Markt als Produkt verkaufen zu müssen!“

Zusammengestellt von Helga Fitzner
Foto: Helga Fitzner 

Das Tangopaar Kathrin und André macht mit der Gemeinde Übungen zu Führen und Geführt-Werden, Foto: Helga Fitzner

Thema: "Hartz IV – Theorie und Wirklichkeit" am 21. Oktober 2007  

Den Boden unter den Füssen spüren

Jemand fragte mich vor Kurzem: ‚Hartz IV und Tango? Was hat das denn miteinander zu tun?’ -  Ganz viel. Denn der Tango Argentino entstand am Rio de la Plata in Argentinien in einer menschlich grausamen Situation, die wir uns hier in Köln kaum vorstellen können.

Was passiert im Tango?! Menschen gehen in den Stand. Dazu braucht man Spannung, d. h. der Körper ist gerade und ganz leicht nach vorne gebeugt, um in Kontakt mit dem Partner oder der Partnerin zu kommen. Man muss mit beiden Füssen auf der Erde stehen. Das Erste ist also, den Boden unter den Füssen spüren und in eine aufrechte Haltung gehen. Völlig gegenwärtig sein, in dem, was ich im Augenblick tue und die Zeit verliert sich in diesem Augenblick. Und das, was mich verletzt und klein macht, spielt keine Rolle, weil ich bin – nur das, ich bin. Und ich gehe, Schritt für Schritt, gehe und gehe – immer weiter – nichts als Weite vor mir, Horizont. Und da passiert etwas, eventuell – aufgerichtet, mit mir. Und darüber reden wir heute, hören, spüren, fühlen, sehen.

Wie bei jedem Gottesdienst sammeln wir. Was wir damit tun, ist teilen. Das ist etwas ganz, ganz Wichtiges. Darüber werden wir heute noch mehr erfahren. Weil es immer mehr Menschen gibt, die in sozialer Not sind, nicht „nur“ in psychischer Not, in realer sozialer Not. Deshalb sammeln wir heute für die diakonische Arbeit unserer Gemeinde. Das ist nicht nur der seelische Beistand, wir gucken, ob was finanziert werden muss. Eure Spende lohnt sich, sie kommt direkt bei den Menschen an.


Für Bildung sind 0 % vorgesehen

Der Hartz IV-Satz von 347,-- € beruht nicht etwa auf dem belegbaren Bedarf von Familien, sondern auf dem Verbrauchsverhalten der unteren 20 % der Ein-Personen-Haushalte. Mehrheitlich sind das Rentner. Den Bedarf von Arbeitslosen und Kindern an Rentnern zu messen, ist absurd. Der Berechnung des Arbeitslosengeldes II liegen Kosten und Preise zugrunde, die acht Jahre alt sind. 2,6 Millionen Kinder leben heute von staatlicher Unterstützung. 1,93 Millionen Kinder unter 15 Jahren leben von Hartz IV. Das sind 17 % der Kinder in Deutschland. Von 2006 auf 2007 ist ihre Zahl um 10 % gestiegen – trotz Wirtschaftswachstums. 32,3 % aller Sozialhilfebezieher sind Kinder und Jugendliche. Ein Drittel der Kinder unseres Gemeinwesens leben auf einem Einkommensniveau, das sie faktisch von ganz alltäglichen, normalen, gesellschaftlichen Vollzügen ausschließt. Ihre Zukunftsaussichten...

Der Regelsatz für ein Kind im Alter von 0 bis 14 Jahren beträgt 207,-- € monatlich. 2,57 pro Tag für Essen und Getränke. 1,63 € pro Tag für die Schule und deren Bedarf. 0,05 € für Schuhe. Für die tägliche Ernährung 15- bis 18-Jähriger werden 3,42 € angesetzt. Eine 15-Jährige braucht für eine gesunde Ernährung pro Tag mindestens 4,68 €, und das nur, wenn ausschließlich bei Lidl oder Aldi eingekauft wird. Oder 7,44 € bei Einkauf im Supermarkt, und nicht im Bioladen.
(Quelle: Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) an der Universität Bonn;Zeit online 24.11.2006; Caritas in NRW, Ausgabe 4/07; u.a.)

Der Schulbedarf für Bücher, Stifte, spezielle Hefte, Farbmalkästen, Turnzeug, Füller, Taschenrechner, Kopien, Einschulungstüte muss angespart werden – von nichts. Die Grundausstattung eines Schulkindes kostet nach Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes rund 180,-- €. Teilhabe armer Kinder und Jugendlicher an der Gesellschaft wird faktisch ausgeschlossen. Für Bildung sind 0 € vorgesehen. Für Nachhilfeunterricht, das Erlernen eines Musikinstruments, Schwimmen, Sport sind keine Ausgaben vorgesehen. Ebenso nicht für Geburtstage oder Weihnachten. Teilnahme an Geburtstagsfeiern anderer Kinder stellen ein Problem dar: Das Geschenk.

Die Gesundheitsversorgung ist mehr als mangelhaft. Liegen die durchschnittlichen privaten Ausgaben für Gesundheit bei monatlich 26,50 € pro Kopf der Bevölkerung, eingeschlossen sind Praxisgebühren, Zuzahlungen für Arzneimittel usw., sind bei Hartz IV monatlich nur 12,74 € vorgesehen.

Im Juli 2007 bezogen 7,3 Millionen Menschen in 3,7 Millionen Bedarfsgemeinschaften Hartz IV, jeder neunte Bürger unter 65 Jahren. Überdurchschnittlich stark betroffen, sind alleinerziehende Mütter und Frauen im Alter zwischen 25 und 50 Jahren. Weit über eine Million Arbeitende erhalten zusätzlich Hartz IV, weil ihr Einkommen zum Überleben nicht reicht. ALG II müsste nach Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes mindestens um 19 % erhöht werden, um ein gesundes minimalistisches Auskommen zu gewährleisten. Seit Jahren hat es keine Anpassung an die erhöhten Lebenshaltungskosten gegeben, bis auf die kosmetische Erhöhung von 345,-- auf 347,-- € monatlich.

Die Frage ist, wie lange es sich eine Gesellschaft leisten kann, dass Millionen von Menschen nicht mehr haben, als sie zum Überleben benötigen.

Der Tango Argentino ist aus der Krise geboren am Rio de la Plata in Argentinien vor über 100 Jahren. Der Tango wird geboren und wächst aus der Auflehnung des Lebens heraus, das sich nach Glanz, Schönheit und Energie sehnt, gegen die Umstände, die in die völlig andere Richtung weisen. Man muss genau hinschauen, um auf das Brodeln, das revolutionäre Brodeln im Innersten zu stoßen.

Psalm 85
„Könnte ich doch hören, was Gott, der Herr, redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, damit sie nicht in Torheit geraten.
Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn achten,
dass in unserem Lande EHRE wohne,
dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.“

Was für ein Text. 3000 Jahre alt. EHRE wohnt nicht in unserem Land, nicht in Deutschland. Da ist sie nicht zu Hause. In Deutschland müssen viele Menschen am Essen sparen, und die Hungerküchen werden immer mehr. Das ist nicht haltbar. Das ist aber nicht die Aufgabe von uns Kirchen und Sozialeinrichtungen, die Löcher des Versagens eines Gesellschaftssystems notdürftig zu stopfen. Wir sind da dran, weil die Leute vor der Tür stehen. Aber es ist absurd. Ehre wohnt nicht mehr in unserem Land, wenn wir das zulassen. Ich habe das mal im Brockhaus nachgelesen. Da steht u. a.: „Recht: Die bürgerliche Ehre ist das Maß an Achtung, das jedem unbescholtenen Menschen zukommt. Sie ist Ausfluss der in Artikel 1 des Grundgesetzes garantierten Unantastbarkeit der Menschenwürde und juristisch geschützt.“ Klare Worte. Das System, so wie es real existiert, ist menschenverachtend.

Der Tango, er kennt diese Situation. Aus ihr heraus ist er stark geworden. Weil Menschen sich nicht ersticken lassen wollen. Denn sonst wären sie erstickt, wenn sie nicht hätten tanzen können. Da gehören Lackschuhe mit dazu. Kein Mensch weiß, wie man in solch einer Situation zu Lackschuhen kommt. Vielleicht noch weniger essen, und wenn es sein muss, in dem Müll der Wohlstandsgesellschaft suchen!? Lackschuhe, ein weißes Hemd, ein Kleid, Strümpfe aus Seide, vielleicht mit Löchern, aber elegant. Durch den Tango haben die Menschen am Rio de la Plata wieder entdecken und lernen können, dass sie Könige und Königinnen sind. Der Tango ist aus der Krise geboren, durch all die Namenlosen, die ihm ihre Liebe gaben, denn die gehört dazu. Menschen, die an anderer Stelle nicht gewollt waren. Kein Elend ist dem Tango fremd. Doch er hat Haltung. Er kommt in Lackschuhen und Seidentuch daher, wie ein König, leuchtend, wie eine Prinzessin. Tango ist, als würde er uns aus unserer grauen Welt hinausziehen, als würde er uns über alles erheben.

Im Hartz IV-Gesetz ist die Rede davon, dass Menschen Teilhabe an der Gesellschaft gewährleistet werden soll. Wir haben heute im Gottesdienst viele Zahlen und Beispiele gehört. Es ist das Gegenteil der Fall, es ist Ausschluss. Der Arme hat ein Recht auf Respekt, auf Würde, auf Ehre, und er gehört dazu. Wieder zum Tango. Zum Tango gehört Selbstbewusstsein und der Mut zum ersten Schritt. Das ist wie in unserer Gesellschaft. Die, die in der Scheiße hängen, so sage ich mal, können sich schlecht selber helfen. Da sind die gefragt, die im Augenblick stark sind, dass sie dem anderen die Hand reichen.

„Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Klar, und so wahr. Im Tango finde ich das wieder. Das ungeheure Dürsten – nach allem. Nach allem, was Leben ausmacht und das Leben wert macht. Amen.

Thema: "Afrikanische Flüchtlinge" vom 19. November 2006 

Tango ist caminar. Tango ist gehen. Wisst ihr, wie Tango entstanden ist? En corazón – im Herzen. Menschen, die aus Europa geflohen sind, nach Buenos Aires, an den Rio de la Plata. Sie glaubten, dort eine neue Heimat zu finden, vor allem aber, satt zu werden. Und das jeden Tag. Groß war ihre Enttäuschung, über ihre Chancenlosigkeit. Arm, heimatlos, ohne Recht. Lange mussten sie gehen. So fingen einige an, Musik zu machen und zu tanzen. Dieses Urmenschliche, die Sehnsucht nach Heimat, nach Menschsein, nach Würde ist vom Tango nicht zu trennen. Auch heute nicht. Wir sind Menschen. Aber das wird nur spürbar, wenn wir auch das zulassen können - den Schmerz der anderen. Raúls Tanz, der Koffer, der Stuhl, die Einsamkeit, das Ausgeliefertsein, die Verzweiflung. Ein bisschen was konnten wir spüren. - Aber es war ein Tanz, und Raúl ist kein Asylant. Wir alle hier auch nicht.

Flüchtling oder Migrant. Man kann spüren, das Entsetzen, das er bekam, als er es nach zehn Tagen auf hoher See geschafft hat, zu überleben, und an einem schönen Strand auf den Kanaren ein Land wartet mit sich sonnenden, fetten Billigurlaubern – sag ich jetzt mal so.

An der Lutherkirche haben wir einen Illegalen im Augenblick, seit gut einem halben Jahr. Er kommt aus einem anderen Land, nicht aus Afrika. Ich sage nicht, woher. Aus diesem Land gibt es einige, die illegal in Köln leben. Es gibt auch welche, die legal hier leben. Aus diesem Land bringt er eine wunderbare Geschichte mit: Solidarität! Seine Landsleute halten halbwegs zusammen. Denn was passiert, wenn J., das ist der erste Buchstabe seines Namens, denn er hat einen Namen, krank wird oder ins Krankenhaus muss. Er hat einen Pass der Lutherkirche, in dem ein paar Sätze stehen und unser fast 200 Jahre altes Gemeindesiegel. Das ist ein gleichschenkeliges Dreieck mit zwei Händen, die sich reichen und drum rum steht: Lasst uns einander lieb haben. J. kann sich auf uns verlassen und auf manchen Polizisten oder manche Polizistin in Köln, denen er diesen Ausweis zeigt. „Ausweis“ heißt hier in Anführungsstrichen, denn er ist ja nichts wert, außer einem Appell: Lasst diesen Menschen in Frieden. Lasst ihn in unserer Stadt leben. Denn er kommt mehr oder weniger allein zurecht. Verdient sogar sein Geld und überweist jeden Monat seiner Familie im Heimatland das Geld, das sie dort brauchen, um überleben zu können. Aber es ist kriminell, einen solchen Menschen zu schützen. Es ist nach wie vor ein Verbrechen. Und doch nötiger denn je.

Ich habe vielleicht nicht die Antwort, aber der alte Prophet Jesaja gibt eine. Nach wie vor aktuell. In einer Vision beschreibt er im Lesungstext, den wir gehört haben, den Berg Zion, zu dem die Völker Wallfahrten machen werden, weil dort Frieden und Gerechtigkeit herrschen werden, so die Verheißung.

Vielleicht ist es gerade das - dass wir der Innenministerkonferenz alles überlassen – und sagen schön, die haben doch einen Beschluss gefasst, der zwar wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat, aber immerhin, die wollen ja. Doch reicht das nicht. Wir haben Raum in Deutschland, und wir haben Arbeit, weil die andere Menschen nicht tun wollen. Und wir sind satt, wo andere hungern. Wir können Fisch essen, wo bei anderen Küsten alles leer gefischt ist, weil wir so unermesslich gierig sind. Das eine hat mit dem anderen was zu tun.

Ich träume davon, dass wir hier in dieser Kirche Tango tanzen als Reiche und Satte mit afrikanischen Flüchtlingen. Von Herz zu Herz. Ich träume davon, dass uns diese Frage bewegt uns nicht los lässt und ins Diskutieren bringt: Wie sieht eine Welt aus, in der nicht 191 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut sein müssen oder in der es kein Problem ist, 30 Millionen Schusswaffen wie in Afrika zu haben. Und Rheinmetall expandiert und entwickelt immer „perfektere“ Waffen.

Wir sind Menschen. Aber es droht uns zu entgleiten unser Menschsein mit all dem, was da geschieht. Jeder Flüchtling dieser Erde stellt das in Frage. Was für ein Wahnsinn ist das! Stellt euch die Kinder vor. Stellt sie euch vor an ihren Orten, in ihrem Leben, in ihrem Sterben. Ja, wir sind Menschen, aber wir sehen gar nicht so aus. Sonst wären wir mutig und standhaft, lebten in der Erkenntnis: Kein Tango ohne Stand. Kein Tango ohne Rückgrat und Perspektive. All das ist uns seit unserer Geburt als Menschen mitgegeben. All das besitzen wir, auf das wir beginnen zu gehen, in unser Leben hinein mit all denen, die auf diesem Planeten leben. Gehen wir! Amen. 

Hans Mörtter

Hintergrundbericht zum Thema "Afrikanische Flüchtlinge"

Kein Preis zu hoch
Afrikanische Flüchtlinge stürmen die Festung Europa

Die Urlaubsidylle auf Teneriffa wird jäh unterbrochen. Wie schon so oft in diesem Sommer 2006 empfangen die Mitarbeiter des Rotes Kreuzes auf der Kanarischen Insel einen Funkspruch der Küstenwache. Wieder wurde ein Boot mit afrikanischen Flüchtlingen aufgebracht, wieder wird die Anzahl der Überlebenden durchgegeben und die der Gehunfähigen. Während das Boot auf die Insel zufährt, setzt sich das Räderwerk der Hilfsorganisation in Bewegung. Wenn die Flüchtlinge ankommen, ist alles bereit: Tragegestelle und medizinische Erstversorgung für die Kranken, heißer Tee und Kekse für alle. Menschen mit Mundschutz und Latex-Handschuhen helfen den Flüchtlingen von Bord, die nach rund zehn Tagen das erste Mal wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Während sie auf dem Boden sitzend ihren Tee schlürfen, ertragen sie matt das Blitzlichtgewitter der Fotografen und Urlauber. Vierzig Tage und ein paar Verhöre noch, dann haben sie es geschafft. Die spanischen Einwanderungsgesetze haben sich in Afrika schon lange herumgesprochen. Im Auffanglager dürfen sie nur vierzig Tage lang festgehalten werden. Wenn die Behörden bis dahin nicht herausgefunden haben, aus welchem Land sie stammen, werden sie sich selbst überlassen. Vierzig Tage überfülltes Lager sind eine Lappalie - im Vergleich: Sie müssen sich keinen unverantwortlichen Fahrern mehr anvertrauen, keine Schlepper mehr finanzieren, keine korrupten Beamten schmieren. Einige haben Tausende von Kilometern Wegstrecke hinter sich, vielleicht sogar eine Wüste durchquert, bevor sie überhaupt an der Küste Westafrikas, im Senegal oder in Mauretanien, angekommen sind. Dann kommt die riskante Überfahrt in nicht immer seetauglichen Fischerbooten. Nur 60 bis 80 Prozent überleben diesen letzten Teil der Odyssee.

Nein, dieser Haufen zerlumpter Afrikaner, der da brav im Gänsemarsch auf den Transportlaster zum Lager zumarschiert, besteht keineswegs aus Verlierern. Oft sind es nur die Stärksten und Besten, die die afrikanischen Familien aussuchen, um in Europa ihre Existenz zu sichern. Sie haben sie unter Entbehrungen zur Schule geschickt, damit sie Lesen und Schreiben lernen - in Afrika keine Selbstverständlichkeit. Einige haben sogar einen Beruf erlernt. Und gesund müssen sie sein, damit sie die schwere Arbeit, die Illegale verrichten müssen, auch schaffen. (Anm. d. Red. von Oktober 2013: Mittlerweile befinden sich auch zunehmend Frauen und Kinder auf diesen Booten).

Die Flüchtlinge haben ihre Papiere weggeworfen, kurz bevor sie ins Boot stiegen, damit sie nicht zurückgeschickt werden können. In Spanien müssen sie ihr Leben als „sin papeles“ fristen, als Menschen ohne Papiere. Die Tageszeitung, taz, hat am 29. September 2006 einen Brennpunkt zu dem Thema veröffentlicht und Ali Kadhim interviewt. Kadhim ist der Leiter der Albergue El Parque in Madrid, der Erstunterkunft für Flüchtlinge, die aufs spanische Festland ausgeflogen werden. Frage an Kadhim: „Das Rote Kreuz ... bietet Sprachkurse, Rechtsberatung und Tipps für den Alltag in Spanien an. Bereitet das Rote Kreuz die Immigranten nicht mit staatlichen Geldern auf den schwarzen Arbeitsmarkt vor – und damit auf ein rechtloses Dasein mit Niedriglöhnen? ‚Der informelle Arbeitsmarkt ist ihre einzige Chance. Er macht 20 Prozent der spanischen Wirtschaft aus’, weist Kadhim diesen Vorwurf zurück... ‚Ohne Papiere können sie nicht einmal die wenigen Integrationsmöglichkeiten in Anspruch nehmen, die das Land biete’, sagt Kadhim. Denn nur, wer sich als Illegaler auf dem Einwohnermeldeamt einschreibt, wird kostenlos ärztlich versorgt. Wichtiger noch: Die Einschreibung beweist, wie lange man schon im Lande ist. Arraigo – Verwurzelung – heißt das Zauberwort. Wer nachweisen kann, dass er drei Jahre in Spanien gelebt und gearbeitet hat, hat laut Ausländergesetz das Recht auf eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung.“

Trotz dieser harten Bedingungen schaffen sie es, ihre Familien finanziell zu unterstützen. Es gibt weltweit 191 Millionen Migranten. Nach Schätzungen der Weltbank haben sie von ihrem Verdienst in der Fremde im Jahr 2005 insgesamt 232 Milliarden Dollar zur Unterstützung Angehöriger in ihre Heimatländer überwiesen. Das ist weit mehr als die gesamte Entwicklungshilfe.

Stacheldraht zur Flüchtlingsabwehr, Foto: Helga Fitzner

Die EU setzt auf Abwehr

Als die Mittelmeerstaaten - im wesentlichen Spanien, Italien und die Insel Malta - wegen des anhaltenden Flüchtlingsstroms im Sommer 2006 Alarm schlagen, ist die Europäische Union überfordert. Es ist schwierig, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen. Die Strategie ‚Abwehr’ erweist sich jedoch allgemein als konsensfähig. Mit Patrouillen-Booten will man den Flüchtlingen zu Leibe rücken und sie an der Überfahrt hindern. Zudem will man Druck auf die afrikanischen Staaten ausüben, damit sie die Flüchtlinge zurücknehmen. Uneinig ist man nur, aus welchem Fond das finanziert werden soll. Schuldzuweisungen werden geäußert.


Im Jahr 2005 hat Spanien 700.000 Migranten nachträglich legalisiert und ihnen Aufenthaltsgenehmigungen erteilt. Das hat einen Sog-Effekt ausgelöst, kritisieren die einen. María Teresa Fernández de la Vega, Vizepräsidentin der spanischen Regierung, ist da anderer Meinung. In der Frankfurter Rundschau vom 30. September 2006 äußert sie: „Ich habe immer gesagt, dass wir keinen Sogeffekt haben, sondern einen Fluchteffekt. Im Senegal leben 58 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle. Brauchen die einen Sogeffekt?“

Rund 30.000 Flüchtlinge zählen allein die Kanarischen Inseln für das Jahr 2006. Es würden mehr werden, wenn die Witterungsverhältnisse weitere Überfahrten erlaubten. Die Zahl derer, die auf der Überfahrt gestorben oder ertrunken sind, kann nur geschätzt werden. Man weiß mit Sicherheit von Tausenden, mit Dunkelziffer sind es möglicherweise Zehntausende. Der Atlantik ist seit ein paar Jahren ein Massengrab.
Der EU-Justizkommissar Franco Frattini „droht“ laut dpa-Meldung verzweifelt: Wenn die EU ihren geplagten südlichen Mitgliedern nicht spürbar helfe, dann müssten die EU-Staaten sich die legale Einwanderung teilen.

Dann haben die diplomatischen Bemühungen der EU „Erfolge“ aufzuweisen. Der Senegal ist bereit, seine Flüchtlinge zurückzunehmen. Der Tagesspiegel vom 22. September 2006 berichtet: “Seit einigen Tagen startet täglich ein Passagierflugzeug von den Kanaren in Richtung Senegal, mit weinenden Senegalesen an Bord, die gefesselt in ihre Heimat zurücktransportiert werden.“ Die taz hatte am 14. September 2006 schon berichtet, was sich im Senegal abzeichnet: „Die Richter – die von der Regierung angehalten sind hart durchzugreifen – können Strafen von bis zu zehn Jahren und 7.600 Euro Bußgeld verhängen.“

Das verlorene Gedächtnis!?

„Wir haben nicht unser Gedächtnis verloren aus der Zeit, als wir das Land verließen, als wir nach Lateinamerika, nach Frankreich, Deutschland oder die Schweiz emigrierten“ beteuert María Teresa Fernández de la Vega, Vizepräsidentin der spanischen Regierung, in der bereits zitierten Frankfurter Rundschau. „Heute ist Spanien ein entwickeltes Land mit solider Demokratie, die Wirtschaft wächst über europäischem Durchschnitt. Vor gut 30 Jahren lebten wir in einer Diktatur, wir hinkten der europäischen Entwicklung hinterher... Spanien ist selbst ein Land der Emigration gewesen.“

Leider wird in der EU nicht nach dieser Erkenntnis gehandelt. Die Europäer haben scheinbar ihre eigene Geschichte vergessen. In den vergangenen Jahrhunderten hat es von Europa aus immer wieder große Einwanderungswellen in die USA oder nach Australien gegeben. Nach der Oktoberrevolution 1917 in Russland kam es zur Massenflucht. Vor rund 70 Jahren war Deutschland an der Reihe. Da haben viele das Land verlassen und dem Hitler-Regime den Rücken gekehrt. Es waren jüdische Deutsche, aber auch Kommunisten, Künstler und Intellektuelle. Deutschland, einstmals das Land der Dichter und der Denker, verkam geistig und kulturell in dieser Zeit.

Europa treibt Afrika in den Ruin

So ergeht es auch den afrikanischen Ländern, weil die Besten von ihnen abwandern und damit ihre Länder der Willkür der Ungebildeten, Korrupten und Kriegsherren überlassen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte am 7. September 2006 alarmierende Zahlen: „Daß Migration schlimme Folgen für die Herkunftsländer haben kann, zeigt der Weltbevölkerungsbericht am Beispiel der Abwanderung ausgebildeter Krankenschwestern, Hebammen und Ärzte aus den maroden Gesundheitssystemen ihrer Länder... Aus Ghana etwa seien im Jahr 2000 doppelt so viele Krankenschwestern ausgewandert, wie dort ihren Abschluß gemacht hätten... In der britischen Stadt Manchester arbeiten mehr malawische Ärzte als in ganz Malawi.“

Doch nicht nur durch die abgewanderten Fachkräfte haben wir zur Verschärfung der Situation in Afrika beigetragen: Die taz vom 16. Juni 2006 titelt: „Wie sich die EU ihr Flüchtlingsproblem selber schafft“ und klärt auf. „Europas Gewässer sind fast leer gefischt. Um ihre Fischerei am Leben zu erhalten, schickt die EU ihre hoch subventionierten Fangflotten immer öfter vor die Küste Afrikas. So treibt sie die Fischer Westafrikas in den Ruin – und damit in das Geschäft mit der illegalen Migration nach Europa.... Die’„Atlantic Dawn’ aus Irland (eine schwimmende Fischfabrik)... holt pro Tag bis zu 400 Tonnen aus dem Wasser; dafür bräuchte ein lokaler Kleinfischer zehn Jahre. Nach Angaben des World Wide Fund for Nature gehen 80 Prozent des Fischfangs vor Westafrika seit 1960 auf das Konto ausländischer Flotten“.

In einem Lied von Klaus dem Geiger heißt es: „Du bist arm, damit ich reich sein kann“.

Text und Foto: Helga Fitzner

Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester, Foto: Sonja Grupe
Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester, Foto: Sonja Grupe
Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester., Foto: Sonja Grupe

Das Tangopaar Kathrin & André gestaltet seit vielen Jahren regelmäßig den Tangogottesdienst mit. So auch 2017 als unser Tangoorchester aus Burkhard Müller am Saxofon, Martina Thomas am Akkordeon, Bettina Scheibler an der Geige und Kantor Thomas Frerichs am Klavier bestand.