Tangogottesdienst am 25. Juni 2017

zu Gast: die Kölner Zigeuner und Rapper Ricardo und Samjo

Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester. 2017 waren die Kölner Zigeuner-Rapper Richardo und Samjo zu Gast, Foto: Sonja Grupe

"Ich kann mich sehr gut erklären"

Hans Mörtter
Ich habe Ricardo und Samjo letzte Woche auf dem Zigeunerfestival in Köln Deutz kennen gelernt. Das fand auf der LVR-Wiese statt unweit des Bahnhofs in Deutz, von dem aus in den Jahren 1940/41 mehr als 1500 Kölner Zigeuner*innen deportiert wurden. Sie landeten in Auschwitz oder anderen Konzentrationslagern und mussten dort Schwerstarbeit leisten. Viele kamen ums Leben. Bis zum heutigen Tag finden Ausgrenzungen dieser Bevölkerungsgruppe statt. Deshalb habe ich die beiden spontan gefragt, ob sie heute beim Tangogottesdienst etwas zum Thema Vorurteile sagen möchten.

Ricardo Schwarz
Ich heiße Ricardo, bin 26 Jahre alt und aus Köln. Ich bin Sinto und kann sagen, dass wir Sinti gut klar kommen. Ich selbst habe nicht so viele Vorurteile mitbekommen, weiß aber, dass es sie noch gibt. Wir Sinti leben seit 600 Jahren in Westeuropa und sind schon länger in Köln als manche andere. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, was soll ich dann sagen? (Gelächter) Zigeuner sind sehr unterschiedlich. Es gibt die Sinti und die Roma, die aus Rumänien und Bulgarien stammen. Das heißt nicht, dass die einen besser sind als die anderen. Ich selbst habe keine Probleme mit Vorurteilen, weil ich mich sehr gut erklären kann. Da gibt es z. B. das Vorurteil, Zigeuner leben steuerfrei. Stimmt leider nicht. (Gelächter).

Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester. 2017 waren die Kölner Zigeuner-Rapper Richardo und Samjo zu Gast, Foto: Sonja Grupe

Samjo aka Tuncay Sebek performte seinen Song "Vorurteile"

Part 1:
Guck, ich bin ein Sinto, doch für die meisten hier nicht selbstverständlich
Die Vorurteile gegen uns sind für mich nicht menschlich
Ich bin ein Mensch, geboren so wie ihr, guck, leb' so wie ihr
Das wollen die meisten nicht kapieren
Ja, ich habe schwarze Haare, doch mein Herz pumpt rotes Blut
Leb' mein Leben lang in Köln, mir ging's ein Leben lang schon gut
Ab und zu krieg ich mit, wie meine Nationalität
Vermieden wird und frag mich dann, warum und wie so was geht

Denn egal wo ich bin, ob draußen oder in Häusern
Sieht mich jeder von euch nur als diesen "einen Zigeuner"
Traurig aber wahr, doch was ich sage, ist Realität
Was ich sage, das ist das, was der Mensch hier erlebt
Trotz alledem nimm ich mein'n Mut zusammen
Erzähle euch davon, ja das hat gut getan
Hand aufs Herz, denn keines dieser Jahre war verkackt,
Denn genau wie ihr, trag ich den Adler auf dem Pass.

2 x Refrain:
Über 600 Jahre schon hier
Wir sind Sinti , wir sind deutscher als ihr
Egal in welcher Stadt wir wohn'n
Wir sind überall zuhause und wir fühlen uns wohl.

Part 2:
Sperrt die Ohren auf. Ich erzähl euch wie ein Sinto lebt
Schritt für Schritt damit ihr alles versteht
Ein Sinto lebt immer mit Respekt Ehre und Stolz
Die Familie ist das größte und wertvoll wie Gold
Von Oma, Opa, Mami, Papo lernt man vieles dazu
Nachts am Feuer auf dem Land die Gitarre klingt gut
Denn Musik liegt im Blut wie Respekt vor den Älteren
Ganz egal, ob fremd oder Menschen, die wir länger kennen.

Ich heb' mit Stolz die Flagge mit dem Wagenrad
Sinto 4 life, Wörter, die ich schon seit Jahren sag'
Jedes Jahr auf Reisen, um Familie zu sehen.
Essen, trinken, feiern ist, wofür ein Sinto lebt.
Die Cousins stets dabei, man erlebt alles zusammen.
Dieses Band, das zusammenhält, setzt keiner in Flammen.
Check den Wohlstandsbauch, ich hab vieles erlebt
Das Leben eines Sintos wird dir in die Wiege gelegt.

Copyright: Tuncay Sebek

Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester. 2017 waren die Kölner Zigeuner-Rapper Richardo und Samjo zu Gast, Foto: Sonja Grupe

"Ich bin hier"

Hans Mörtter
Zur Zeit finden wieder massiv Abschiebungen statt, darunter auch Zigeuner*innen, die schon seit 20 Jahren hier leben. Ich war schon ein paar Mal in Ungarn. Wie die Roma da leben, das ist unwürdig. Die Zigeuner*innen, das sind die Ausgestoßenen Europas, wie damals die Tangotänzer und Tangotänzerinnen in den Hafenkaschemmen von Buenos Aires die Ausgestoßenen in Südamerika waren. Damals wie heute ist die Missachtung so beschissen, dass den Zigeunern heute oft die Perspektive und Zukunft genommen wird. Die Musik spielt eine wichtige Rolle. Ein großer Teil der Zigeuner sind christlich und sehr gläubig. Sie haben in allem eine unglaubliche Würde, wie wir sie gerade auch beim Tanz von unserem Tangopaar Kathrin und André gesehen haben. Ricardo und Samjo: Ihr strahlt eine ungeheure Kraft aus. Wie macht ihr das?

Ricardo Schwarz
Wir alle sind stolz, Sinti zu sein. Die Familie steht bei uns an erster Stelle. Wir sind nichts Besseres, aber manche Sachen können wir vielleicht besser, Musik zum Beispiel. Musik verbindet, und das Tanzen gehört dazu. Auch als Deutscher sollte man stolz sein. Ich bin ein deutscher Zigeuner mit einer eigenen Sprache und Kultur und: Ich bin hier!

Samjo schreibt alle seine Texte selbst. Unser zweiter Song ist ein Liebeslied "Samzey Miri Tschei"

Der Tangogottesdienst ist ein eigenes Format von Pfarrer Hans Mörtter mit dem Tangopaar Kathrin & André und einem von unserem Kantor Thomas Frerichs immer wieder neu zusammengestellten Tangoorchester. 2017 waren die Kölner Zigeuner-Rapper Richardo und Samjo zu Gast, Foto: Sonja Grupe

Den zweiten Rap "Samzey - Miri Tschei" performten Samjo und Ricardo gemeinsam

Lyrics von "Miri Tschei"

Part 1
Dig mo me Brinjrau i tschei doch digam lat noch nie
Nur ab bilde nei ahnram me ha schuka jeu hi
Irgendwann his halt Jake und o ziero his keu
Tschinam lat an doch ganz ehrlich me djinau ga vorheu
"Latscho diewes kei her we und ha pures hal du ?"
"Pazau digam irgendwo Mol" tschinsi pale ganz cool
Mer putscham men lauta win und tschinam i Zelli rat
Pral paar Koma und pral Mende mer heiwen men einfach Latz
Irgendwann tschinam mer butega dengram Menge tschie
Ab und zu Mol "ha djalla" aber buteda nie
Dig mer djam maro drom me djam miro und jeu peskro
Irgendwann digam me lat ab i feira Kotte beschto
Mer sanam men einfach an und nascham dann vorbei
Ohne kei jek menda Mol i Tikno lap te rakreis
Doch lako mui bistrau me ga , lakro Sapen sonekei
Seid kor diewes an kamam me nur te wes tu miri tschei

Refrain 2 x
Miri tschei .. Senle Jaka schuka Sapen
Tran miro djie Kotte weh tu butega win
Miri tschei schun Mol zu Heu me penau
Tu und me , me und , du kor djine du ganz genau

Part 2
I schuka diewes his dann Jake Me djinau buga wann
Nebudenza unterwegs und jeu tschineis man an
Atscham dran und Tran diewesa wan monte heiwe
Tschinas an whatsapp tschei und jeu Penas ok
Mer rakram und sanam his echt lauta korrekt
Dig ta Wals ab miri rik Wals echt lauta perfekt
Irgendwann penam me dann mau lat pale digel
Pen tapras men ga Mol tschei mau Mol tura rakrel
An Tire Jaka digel tiro wast te rikrel
Mange jek pen dann mange nur wann mal tu kor krel
... Naschela halauta Mischto ki tschei
Dig lakri Arta hi korrekt und Nina nice
Kaudies hili miri me Pazau les naschte ga
Enja Monte ab tu rik doch ha Berscha wel kor glan
Dau ab Tute Achta djiepen ganz egal Heu noch hi
o dewel mas kor Jake du ta wes an miro djie

Refrain 2 x 
Miri tschei .. Senle Jaka schuka Sapen
Tran miro djie Kotte weh tu butega win
Miri tschei schun Mol zu Heu me penau
Tu und me , me und , du kor djine du ganz genau.
Copyright: Tuncay Sebek


"Mit Strahlkraft"

Hans Mörtter
Wir haben eben in der Lesung von der Schöpfungsgeschichte gehört. Gott schied das Licht von der Finsternis. In JEDEM Menschen kannst Du das Angesicht Gottes erkennen. Dort steht auch, dass Gott lebendige Wesen geschaffen habe, das ist aber unzureichend übersetzt. Es muss heißen, Gott schuf lebendige Seelen.

Gott schuf lebendige Seelen, indem er uns mit seinem Geist beatmete. Darin liegt die kostbare, einzigartige Würde jedes einzelnen Menschen. Das drückt auch der Tango Argentino aus. Egal wie arm und gesellschaftlich ausgegrenzt Menschen sind, sie sind Könige, göttlich beseelte Menschen mit starkem Rückgrat und offener weiter Brust. Mit Strahlkraft. So sind wir herausfordert, einander zu begegnen und zu achten, und wie im Tango Schritt für Schritt zu machen, miteinander im Hier und Jetzt in die Zukunft aufzubrechen.

Vielen Dank Ricardo und Samjo