Silke Speckenmeyer

Bildhauerin

Silke Speckenmeyer, Bildhauerin, Foto: Marion Körner

Geboren 1968 in Dortmund. Aufgewachsen in bürgerlichen Verhältnissen, zunächst in der freien Wirtschaft und bei Film und Fernsehen tätig.

1996 Bewusstseinswandel, „I feel power in my arms". Ausstieg aus dem nine to five-Alltag  - Studium der Steinbildhauerei u. a. bei Ulrich Münch, Leverkusen.

2001 noch ein großer Wandel durch die Geburt der Tochter. Hinwendung zur „sozialen Bildhauerei“ mit Projekten für Kinder und Erwachsene. 2003 Entdeckung der Pädagogik Rudolf Steiners. Seitdem tiefe Auseinandersetzung mit dessen anthroposophischen Gedanken.

Januar 2006 Initiierung der „Werkstatt für Lebenskunst“ an der Lutherkirche. 2009 erster Kölner Werkstattgottesdienst an der Lutherkirche, bei dem die Teilnehmer der Werkstatt und die Gottesdienstbesucher 1600 kg Ton zu einem Flusslauf plastizieren.

Text: Silke Speckenmeyer
Foto: Marion Körner

Interview mit Silke Speckenmeyer

„Kunst ist nicht im Museum eingeschlossen
und Religion nicht in der Kirche“

Frage
Der 1. Kölner Werkstattgottesdienst war ein solcher Erfolg, dass wir sowohl von Seiten der Lutherkirche, aber auch insbesondere auf Ihren Wunsch hin ein paar wichtige Intentionen und Impressionen festhalten wollen. Was ist Ihr Anliegen in diesem Zusammenhang?

Silke Speckenmeyer
Als am 15. November 2009 der Werkstattgottesdienst stattfand, steckte ich noch zu sehr drin, weil die Vorbereitungen so intensiv waren. Ich hatte sehr viel geschleppt, also körperlich gearbeitet, so dass das den Verstand noch nicht erreicht hatte. Ich hatte nur gesehen, was noch zu tun war, aber es war auch noch nicht im Herzen gelandet. Jetzt habe ich die Eindrücke einigermaßen verarbeiten können.

Für mich treffen sich beim Werkstattgottesdienst die Kunst und die Religion, die beide eigentlich separiert wahrgenommen werden. Die Kirche ist in eine Situation geraten, in der sie sich bewegen muss, weil sie so nicht verharren kann, und in der Kunst geht es so auch nicht weiter. Für mich war es wichtig, diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden und damit etwas stattfinden zu lassen. Das Grundthema ist für mich: Kunst ist nicht im Museum eingeschlossen und Religion nicht in der Kirche.

Frage
Sie leiten seit ungefähr drei Jahren einen Kurs an der Lutherkirche, die „Werkstatt für Lebenskunst“. Die Teilnehmer dieses Kurses waren an der Vorbereitung des Gottesdienstes beteiligt.

Silke Speckenmeyer
Die Kursteilnehmer haben vor dem Altar plastiziert, was ihnen zum Thema Ursprung und Quelle, also einer impulsgebenden Form einfällt. Deshalb war mir die Vorbereitung sehr wichtig. Ich möchte, dass meine Formen von den Menschen durchdrungen werden, dass sie möglichst erkennen, warum sie etwas gemacht haben. Damit war die Vorlage für den Flusslauf geschaffen, den die Gottesdienstbesucher dann bauen und bebauen sollten.

Frage
Das Interieur der Lutherkirche wirkte noch einladender als sonst.

Silke Speckenmeyer
Ich weiß nicht, wem das aufgefallen ist, aber es war eine Rauminstallation. Das konnte man von der Empore aus sehen. Da war ja auch ein Kamerateam dabei, das eine Dokumentation über Pfarrer Hans Mörtter machte, und die habe ich extra auf die Empore geschickt, damit sie den Gesamteindruck filmen können. Die Bänke standen in einer bestimmten Abfolge und das T-Stück der Tischanordnung stand parallel zum Altar und in der Mitte ging diese weiße Tafel durch die Mitte bis hin zu den hinteren Bänken. Dann hatte ich an den Seiten rechts und links vier riesige große Kreise wie eine Ziegelmauer gebaut. Es waren verschiedene Farben: gelb, rot, schwarz und weiß. Man muss sich vorstellen, dass bei der Anlieferung 100 Pakete à 10 kg gekommen sind. Da hätte ich nicht einfach nur die Plastikumhüllung aufschneiden können. Es sollte ja einladend wirken und vor allem praktisch sein. Deshalb war es mir sehr wichtig, das Material in die handliche Größe von Ziegeln zuzuschneiden.

Frage
Bei einigen sorgte es für Überraschung, dass der Ton verschiedene Farben hatte.

Silke Speckenmeyer
Für mich war das für den Wasserlauf wichtig, denn er sollte verschiedene Facetten haben und bunt und lebendig wirken. Ich wusste auch nicht, ob die Leute alle so mitmachen. Das war nun eindeutig eine Premiere, so eine Art Recherche-Gottesdienst. Wir konnten das alles gar nicht denkend durchdringen. Ich kann das so und so schlecht. Ich muss die Dinge tun und dann weiß ich, wie es läuft. Ich kann das nicht von vorneherein zu Ende denken. Darum bin ich auch eher in der Aktion.

Frage
Ihre Aktion war als Familiengottesdienst konzipiert und jeder sollte mitmachen können. Das Zerflocken der Tonziegel war für den Einstieg ziemlich geeignet.

Silke Speckenmeyer
Meine Erfahrung zeigt wirklich, dass es da schon die Denkstrukturen verändert. Man denkt nicht mehr im Ganzen. Man hat etwas Ganzes in der Hand und lässt los. Damit beginnt schon der eigentliche Teil meiner Arbeit. Das kann jeder! Da hat auch keiner Bange. Mir ist es wichtig, möglichst gleich zum Kern vorzudringen. Deshalb ist es wichtig, erst einmal seine Denkstruktur abzubauen, diese Hemmschwelle, die einem vielleicht sagt: Das ist aber gar nicht so einfach. Bei vielen Menschen ist es so, dass es ihnen die Kehle zuschnürt, wenn sie aufgefordert werden, kreativ zu sein. Wir erfahren in unserer Kindheit und Jugend so viel an kreativen Ohrfeigen, dass man das ganz behutsam angehen muss.
Bei meiner Arbeit kommt es nicht auf ein Ergebnis an. Ich wusste nicht, ob dieser Wasserlauf ohne eingebautes Gefälle wirklich funktionieren würde. Wenn kein Wasser geflossen wäre, wäre das auch in Ordnung gewesen. Das war mir egal, es ging mir um den Prozess. Die rund einhundert Leute dahin zu bringen, gemeinsam etwas zu schaffen und auch wirklich dran zu bleiben, war das Ungewisse. Ich war froh. Es haben „sogar“ die Männer mitgemacht.

Frage
Sie sind einige Unwägbarkeiten eingegangen, da man die Reaktion der Gottesdienstbesucher nicht voraussehen konnte. Wie haben sie es bewerkstelligt, fast alle zum Mitmachen zu motivieren.

Silke Speckenmeyer
Man muss die Menschen da abholen, wo sie sind, und ihnen einen Ort geben. Darin sind sich Hans Mörtter und ich einig. Deshalb habe ich das getrennt. Es sollte an den Ziegelmauern zerflockt werden und nicht an den Tischen. An der Stelle wollte ich es umständlich. Ich war sozusagen Oberhäuptling und habe die Menschen „plastiziert“. Gar nicht laut, eher leise und beobachtend. Das Zupfen war für die Kinder prima, denn die kennen das einfach. Da war ein Gebilde und da kommen die Flocken rein. Das war den Kindern sofort klar. Dann dieses gemeinsame Erleben: wir nehmen uns einen Packen Flocken heraus, gehen zum Tisch. Wo will ich eigentlich stehen? Wer ist mein Gegenüber? Will ich das denn? Wieso steht der jetzt da, wo ich gerade noch gewesen bin, ich habe mir doch nur neuen Ton geholt? Wie geht man in einem Gottesdienst in einer solchen Situation miteinander um? Für mich hat Bildhauerei damit zu tun, wie eine Form im Raum steht. Bei dieser Art der „sozialen Bildhauerei“ sind auch wir Skulpturen, die sich ständig hin und her bewegen, wenn man so will. Wie bewegen sich Menschen, wenn sie vorhaben, etwas gemeinsam zu bauen, wenn sie eng aufeinander hängen? Wo hat wer seinen Platz und wie gehen die miteinander um?

Frage
Sie haben vorher ganz klar und deutlich gemacht, dass das Werk hinterher wieder abgebaut wird. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Silke Speckenmeyer
Der Sinn ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass es sich hier um einen Prozess handelt. Du steigst nicht zweimal in den selben Fluss. Nichts bleibt, wie es ist. Wenn Leute kreativ sein sollen, sind die gar nicht mehr so frei. Sobald es um ein Ergebnis geht, platzen die schönsten Phantasien. Dann klebt man an der Form, dann klebt man am Material, dann ist man überhaupt nicht im Fluss. Dann erinnert man sich an seine ersten Frustrationserlebnisse, obwohl man es selber doch so schön fand. Wenn ich weiß, dass es hinterher wieder eingesaftet wird, dann bin ich viel freier. Dann probiere ich viel mehr aus und versuche Dinge, die vielleicht ein bisschen schräg sind und lebe Phantasien aus. Kunst soll ja auch ein bisschen unverschämt sein. Ich muss ja nicht immer nur mittelmäßig sein. Ich kann doch auch mal über das Ziel hinausschießen. 

Frage
Der Flusslauf und seine Bebauung ist so schön und ansehnlich geworden, dass es wirklich schade war, ihn wieder abzubauen. Nach anfänglichem „O-wie-schade-Gefühl“ wurde dann aber beherzt eingesaftet.

Silke Speckenmeyer
Der Abbau war in diesem Rahmen auch sehr wichtig. Während des Aufbaus war ein sehr schönes und rücksichtsvolles Miteinander entstanden und selbst beim Abbau kam es nicht zu Kommunikationsschwierigkeiten. Das war sehr kraftvoll, es war aber nicht aggressiv. Ich glaube, der Sinn war klar und so wurde mit einer Engelsgeduld eingerissen und abgebaut.

Frage
Trotz all der vielen Aktion blieb es immer noch ein Gottesdienst. Da ist das Zusammenbringen dieser Art von Kunst und Religion in der Tat gelungen. Das passte.

Silke Speckenmeyer
Das Schöne ist: auch Jesus Christus war rein prozessorientiert. Der war nicht ergebnisorientiert. Sein Weg ist ein Prozess. Er verurteilt niemanden. Da setzt Hans Mörtter ein und da  holen wir einander ab. Da greifen der schöpferische Gott und der spirituelle Gott ineinander. Mehr kann man da gar nicht sagen. Alles andere wäre nur Gelaber. Es war ein Versuch, ein Stück von diesem göttlichen Sein entstehen zu lassen.


„Ich möchte, das der Alltag >durchkunstet< wird“

Frage
Sie haben eingangs gesagt, dass sich nicht nur die Kirche, sondern auch die Kunst wandeln müsse. Warum auch die Kunst?

Silke Speckenmeyer
Das ist jetzt meine persönliche Sicht, da mögen andere ganz anders denken. Ich finde das, was ich an modernen Sachen mitbekomme, ist alles schon mal da gewesen. Es schockt nicht mehr, es haut mich nicht um, es macht mir keine Angst. Es erfreut mich auch nicht mehr. Wenn ich mir den Kunstmarkt anschaue, dann finde ich die Preise völlig überzogen, das ist fast wie ein Aktiengeschäft geworden. Ich finde keine Erschütterung mehr, Trauer, Tränen oder das Ringen, Lachen, Sex oder Geilheit, alles, was dazu gehört. Mir fehlt da ein bisschen die Bandbreite des Lebens.

Frage
Der Kunstmarkt hat seine eigenen Anforderungen und Gesetze. Wie wirkt sich das auf die Qualität der Kunst aus.

Silke Speckemeyer
Zweischneidig. Es gibt viel schlechte Kunst, grottenschlechte Kunst. Ich glaube aber auch, dass sich Begabung irgendwann durchsetzt, ob das in der Kunst, der Musik oder Schauspielerei ist. In der Kunst gibt es ganz klar eine erste Liga: Rosemarie Trockel, Gerhard Richter, Sigmar Polke, Richard Serra. Deren hoher Stellenwert ist berechtigt. Da zähle ich mich nicht zu. Die kann man nicht mit jemandem vergleichen, der hier so eine kleine Aktion macht oder eine winzige Galerie in einem Kölner Hinterhof hat.

Frage
Sie haben sich den Anforderungen des Kunstmarktes schon ein wenig entzogen, insbesondere durch den Abbau vieler der Skulpturen, die sie herstellen (lassen).

Silke Speckenmeyer
In der Kunstszene passieren immer mehr unlogische Dinge, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Deswegen habe ich mich tatsächlich ein bisschen zurückgezogen. Ich schaue mir jetzt einfach die Menschen an. Das ist an den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys angelehnt. Die Theorie der „Sozialen Plastik“ besagt, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken.

Frage
Das ist ein ganz schön weiter Weg. Sie haben als junge Frau in einem gutbezahlten Fernsehjob gearbeitet und sich nun ganz der Kunst verschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Silke Speckenmeyer
Mit 28 Jahren geschah eine Wende. Ich spaziere ganz gerne am Rhein entlang und zünde im Dom auch schon mal eine Kerze an. Danach bin damals draußen herumgelaufen und habe darüber nachgedacht, was ich mit meinem Leben machen soll. Ich schaute also hinunter in die Dombauhütte. Da habe ich auf einmal ein Licht und Wärme gespürt und auf einmal war ein inneres Wissen da, dass ich Steinbildhauerin werden musste. Ich fand das so schräg, denn ich kannte den Beruf nicht. Ich war existentiell auch ganz anders ausgerichtet. Ich hatte auch irgendwie einen Schock. Ich habe dann recht schnell gekündigt. Einfach so. Wenn man beim Fernsehen arbeitet, ist man nicht arm und kommt ganz gut über die Runden. Aber ich wusste nur, dass ich dem folgen musste, was sich mir da offenbart hatte. Ich habe dann in Leverkusen bei Ulrich Münch Steinbildhauerei gelernt. Ich hatte gute Lehrer, die Ausbildung hatte schon ein gewisses Niveau. Heute weiß ich, dass das alles gut war, vor allem die handwerkliche Ausbildung. Aber das ist etwas, was ich nicht so schön finde. Dieses Müssen. Das Gefühl, das tun zu müssen.
 
Frage
Vielleicht hat das mit Bestimmung zu tun!?

Silke Speckenmeyer
Das ist aber groß. – Vielleicht. Vielleicht hat es mit Bestimmung zu tun.

Frage
Wenn man eine Begabung hat, dann kann man ja sagen, dass das auch eine Gnade ist. Und die bekommt man im Regelfall nicht umsonst.

Silke Speckenmeyer
Man bekommt es nicht umsonst und man sollte es auch nicht wegwerfen und dankbar sein. Aber ich bin furchtbar ungeduldig und finde, dass das bei mir immer viel zu langsam geht. Ich bin jetzt Anfang 40. Das ist mir alles zu langsam. Ich will die Menschen erreichen.

Frage
Das tun Sie doch.

Silke Speckenmeyer
Viel mehr. Noch viel mehr. Das sie sich als etwas begreifen, das mehr ist als nur Mensch.

Frage
Das sind wir wieder bei Hans Mörtter angelangt.

Silke Speckenmeyer
Ja. Hans und ich sind ein echt gutes Team. Das ist als ob wir unsere Hände gemeinsam falten. Man kann das wirklich so sagen und so verstehen.

Frage
Hat dieser innere Drang eine Richtung?

Silke Speckenmeyer
Wenn ich durch Köln gehe, wird mir das alles manchmal zu eng. Wenn die Menschen erst wieder wissen, wie viel schöpferische Macht sie haben, wie viel Macht jeder Einzelne hat, dann entsteht auch nicht da, wo das Stadtarchiv war, ein neues Hochhaus. Da entsteht vielleicht ein Park mit Bänken und einer großen Rutsche. Das wäre doch mal was. Die ganzen Baulücke könnte dann begrünt werden. Die Menschen wollen sich vielleicht mal auf etwas anderem bewegen als Asphalt. - Die ganzen Baulücken: Das wäre noch mal ein riesiges Happening, das ich gerne mal machen würde. Die ganzen Baulücken begrünen. Leute umgraben und dann säen lassen. Da würden alle staunen, wie grün das ist. Da schließt sich der Kreis zu Joseph Beuys mit seinem Projekt der Pflanzung von 7000 Eichen. So etwas fällt heute keinem mehr ein.

Frage
Wo soll das enden?

Silke Speckenmeyer
Mir geht um Kunst im Alltag. Ich möchte, dass der Alltag „durchkunstet“ wird.

Das Gespräch führte Helga Fitzner am 01.12.2009