Notwendige Abschiede - Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Buch von Klaus-Peter Jörns, Buchcover: Gütersloher Verlagshaus


Jörns' "Abschiede" und die Lutherkirche



Jesus Christus sei durch unsere Glaubensvorstellungen eingesponnen worden wie eine Schmetterlingspuppe, meint Klaus-Peter Jörns in seinem Buch „Notwendige Abschiede – Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“. Das Christentum könne nur zu sich selbst finden, wenn es diesen Kokon verließe, wobei es sich aber um keine Zerstörung handele, sondern um die Metamorphose in einen Schmetterling, der sich von seinen selbst gewählten Fesseln befreie.



In dem viel beachteten Werk, das 2017 in sechster Auflage erschien, erläutert Jörns detailliert sehr komplexe Zusammenhänge, die sich nur sehr verkürzt zusammenfassen lassen. Wir wollen deshalb nur ein paar Schlaglichter auf Aussagen werfen, die nicht unbedingt den von Jörns gewählten Schwerpunkten entsprechen, aber Bezug zur Arbeit der Lutherkirche haben und für theologische Laien, wie die Autorin dieser Zeilen, von Interesse sein könnten.

Pfarrer Hans Mörtter rief am 31. Oktober 2017 die „Reformation II“ aus, damit – um in Jörns' Bild zu bleiben – der Schmetterling seine Flügel ausbreiten kann. Das ist aber nicht der Beginn, sondern ein Wendepunkt in Mörtters Arbeit, die er seit rund 30 Jahren ausübt. Für den Schmetterling ist es eine ungeheure Kraftanstrengung, sich aus seinem Kokon zu zwängen, doch die ist nötig, damit er tragfähige Flügel bekommt. Es sieht so aus, als ob wir in der spannenden Zeit leben, in der wir Zeuge dieser Umwandlung sein können.

„Theologie muss dem Glauben dienen und nicht der Glaube der Theologie“

Abschied 1
Das Christentum sei keine Religion wie die anderen Religionen
Das Christentum hat nach Jörns' Ausführungen keine Sonderstellung, sondern ist aus einer pluralistischen Kultur entstanden und immer Teil einer solchen gewesen. Es ist keine „kulturunabhängige Sonderwelt“, sondern von der Geschichte gestaltet worden und hat diese gleichzeitig mitgeprägt.

Abschied 2
Die Bibel sei unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung entstanden
Die kanonischen (als unveränderbarer Bestandteil der Bibel festgelegten) Texte und Riten gehen auf die „soziokulturellen Standards“ ihrer Entstehungszeit zurück. „Es gibt nicht die Theologie des Alten und Neuen Testamentes, sondern eine Vielfalt von Theologien und Anthropologien, die der jüdisch-christliche Doppelkanon (von Altem und Neuen Testament) unter seinem Dach zusammenhält... Dieser Kanon hat einerseits in sich sehr unterschiedliche religiöse Vorläufertraditionen aufgenommen, und hat andererseits in den Koran hineingewirkt.“ (S. 117f.) Die Bibel wurde vom Aramäischen ins Griechische (genauer gesagt in die überregionale Gemeinsprache Koiné) übersetzt, also von einer Sprache des afroasiatischen Sprachraums in eine indogermanische. Europa war damals vom (spätgriechischen) Hellenismus geprägt, es handelt sich also um sehr unterschiedlich gewachsene Kulturkreise. Um diese Übersetzung leisten zu können, war eine „kulturelle Transformation“ notwendig. „Denn die kulturellen Übergänge haben erhebliche Bedeutungsverschiebungen von Begriffen und ganzen Vorstellungen mit sich gebracht“. (S. 135). (Eine weitere solche kulturelle Transformation fand statt, als Martin Luther Jahrhunderte später die Bibel vom Griechischen ins Deutsche übersetzte).

Das Neue Testament ist etliche Jahre nach Jesu Tod entstanden, es wurde also aus der Erinnerung heraus geschrieben; auch Paulus verfasste seine Briefe um die 30 Jahre nach Jesu Tod. Bei Jörns heißt es unmissverständlich: „Kein biblischer Text ist kodifiziertes 'Wort Gottes'“, und er mahnt Kirche und Theologie zur Zurückhaltung, ihre eigenen Aussagen und Handlungen „mit Gottesworten zu autorisieren“. (S. 140). Dann verallgemeinert er das: „Alle heiligen Schriften sind sekundäre Erinnerungsgestalten Gottes.“ (S. 141). Für ihn ist die „Schriftreligion“ des Christentums ein Irrweg, denn auf der Suche nach Wahrheit in dogmatisierten Interpretationen der Bibel hätten wir verlernt, eigene Gotteserfahrungen zu machen und ein auf Gott vertrauendes Leben zu führen.

Abschied 3
Ein einzelner Kanon könne die universale Wahrnehmungsgeschichte Gottes ersetzen
In diesem Kapitel erläutert Jörns die Einflüsse bereits vorhanden gewesener religiöser Kulte und Praktiken, darunter die ägyptischen Triaden (Osiris-Isis-Horus) und die Rolle des Pharaos als Vermittler zwischen Mensch und Gott. Besondere Erwähnung findet Asklepios, der griechische Gott der Heilkunst, im Vergleich zu den Heilungsgeschichten Jesu.

Jörns führt viele Beispiele von Einflüssen an, die auf die Erzählart und Vorstellungen der biblischen Texte eingewirkt haben. Durch die Kanonisierung und Dogmatisierung (die Festschreibung, was als wahr und relevant gilt) entzog sich die Bibel einer Weiterentwicklung und Anpassung, so dass sie heute von theologischen Laien nicht mehr selbständig interpretiert werden kann und dadurch auf die Auslegung durch die Kirche angewiesen ist. „Dogmen werden von Offenbarungsreligionen mit dem Anspruch tradiert, absolute, in sich geschlossene und daher unbezweifelbare Wahrheit zu sein... Die Einsicht, dass Dogmen zeitbedingte Antworten auf zeitbedingte Fragen gegeben haben und daher notwendig vorläufige Aussagen sind, passt in dieses Konzept nicht“. (S. 186).

Abschied 4: von Erwählungs- und Verwerfungsvorstellungen
Wenn eine Gruppe oder Gemeinschaft sich VOR anderen erwählt wähnt, heißt das immer, das andere „verworfen“ werden. „Dass es immer wieder Kriege gegeben hat, weil Erwählungsvorstellungen miteinander konkurrierten, stellt eine besonders schlimme Seite des Themas dar“. (S. 188). Dadurch wird Gott reduziert, weil man ihm eine Parteinahme unterstellt, ihn menschlichem Willen unterwirft und ihn für menschliche Zwecke instrumentalisiert. Das steht im Gegensatz zur Größe Gottes und zur Lehre von Jesus Christus, der für unbedingte und unbegrenzte Liebe steht.

Abschied 5: von der Vorstellung einer wechselseitigen Ebenbildlichkeit von Gott und Menschen
„Die Ebenbildlichkeitsvorstellungen der Menschen behindern die Universalität Gottes.“ (S. 234). Es gibt kein authentisches Abbild von Jesus, geschweige denn von Gott, auch wenn die Künstler über die Jahrtausende hinweg die wunderbarsten Kunstwerke zur Verehrung Gottes erschaffen haben. Und in den 10 Geboten ist einbegriffen, dass wir uns kein Bild machen sollen. Im Prinzip können wir es auch nicht. - Wir sind zwar zu Stellvertretern Gottes auf Erden erkoren, aber nicht als Herren, sondern als „Diener“. Die Religionen haben viel Schuld auf sich geladen, als sie aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen das Recht über Leben und Tod herleiteten, z. B. bei der Kriegsführung und Inquisition.

Abschied 6: von der Herabwürdigung unserer Mitgeschöpfe
Es hat bis 1986 gedauert, bevor das deutsche Tierschutzrecht Tiere als Mitgeschöpfe anerkannt hat, für deren Wohlergehen wir Verantwortung tragen. Ihnen wurde keine Seele zugestanden. Das steht aber im Widerspruch zum Schöpfungsgedanken, in dem alle Schöpfung beseelt ist. In der Antike war der Verzehr von Tierfleisch an ein Opferfestmahl gebunden. Wie weit sich die Massentierhaltung, Tierversuche und unser übermäßiger Fleischverzehr davon entfernt hat, ist nicht akzeptabel.

Abschied 7: Der Tod sei der „Sünde Sold“
Der Tod als Strafe für den Ungehorsam von Adam und Eva: „Diese Vorstellung hat den Tod verunstaltet und zu einem Feind gemacht, gegen den wir einen aussichtslosen Kampf führen.“ (S. 266). Jörns interpretiert die Vertreibung aus dem Paradies aber als „Vertreibung ins Leben und zum Leben“. (S. 269). Einen Gott, der für die Verfehlung von Adam und Eva die ganze Menschheit bis zum heutigen Tag bestrafe, ist für ihn ein Widerspruch zur Liebe Gottes. Aus der Vertreibung aus dem Paradies wurde aber ein Gott geschuldeter Gehorsam abgeleitet, nicht weil Gott den fordert, sondern als Herrschaftsinstrument, das für menschliche Zwecke missbraucht wurde/wird. So ist es zu einer „Gehorsamstheologie“ (S. 282) gekommen. Sterblichkeit ist aber keine Strafe, sondern „geschöpflich, und insofern unser und aller anderen Kreaturen Schicksal“. (S. 280). Doch „durch die Auferstehung sind sterbliche und gestorbene Menschen des lebendigen Gottes Zeitgenossen, mit ihm gleichzeitig.“ (S. 285).

Abschied 8: vom Verständnis der Hinrichtung Jesu als Sühneopfer und von dessen sakramentalen Nutzung in einer Opfermahlfeier
Diese Abkehr hat für viele kontroverse Diskussionen gesorgt und Jörns hat das Thema mit weiteren Publikationen vertieft. - Schon im Alten Testament wurde das Menschenopfer durch Tieropfer ersetzt, als Abraham zunächst seinen Sohn Isaak opfern sollte, Isaak aber dann durch die Opferung eines Widders ersetzt wurde. (Das ist eine von vielen möglichen Auslegungen). Jörns Überlegungen kreisen um den Gedanken, warum Gott mit dem Menschenopfer Jesu wieder dazu zurückkehren sollte, wenn doch der Neue Bund auf Nächstenliebe basiert. Religiös motivierte Menschenopfer waren im Prinzip abgeschafft. Ein ganz weltliches Motiv zur Verurteilung Jesu steht im Johannes Evangelium. Der jüdische Hohepriester Kaiphas soll der Hinrichtung (!), nicht der Opferung, Jesu zugestimmt haben in der Hoffnung, dass der Tod des einen ein Blutbad unter seiner Gefolgschaft durch die römische Besatzungsmacht verhindern möge. Als Menschenopfer wurde es aber theologisch funktionalisiert, und Jörns sagt ganz klar: „Nur ohne ein solches Sühnekonzept ist mir Gott glaubhafter“ (S. 318). Das Sühneopfer überlagert aber Jesu bedeutsame Leistung: „Vor allem aber hat er die deprimierende Furcht der Welt vor dem Tod besiegt“ (S. 320). Jörns ist der Ansicht, dass eine Theologie, die an der Sühneopfertheorie festhalte, „das Evangelium in einem zentralen Punkt widerruft“. (S. 321). Jesu Verzicht auf Gegengewalt ist ein anschauliches Beispiel für die von ihm gepredigte Nächstenliebe. „Für die Instrumentalisierung von tödlicher Gewalt soll sich niemand mehr auf Gott berufen dürfen“. (S. 331).

Vergleich mit unserer Praxis
Die Lutherkirche versteht sich als Vertreterin einer Religion unter anderen, und hält auch die Aussagen der Bibel nicht für absolut oder losgelöst vom Rest der Welt. (Abschiede 1 bis 3). Pfarrer Hans Mörtter betont immer wieder den Zusammenhang der abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Dazu gehört auch die Gleichheit vor Gott. Keiner ist geringer oder wertvoller als der andere. (Abschied 4). Projekte wie der Vringstreff e. V., der sich gemeinsam mit der katholischen Severinskirche um Obdachlose kümmert und ein Restaurant als Begegnungsstätte führt, gehören dazu, wie auch das Menschensinfonieorchester, das eine einzigartige Inklusion von Menschen ohne Wohnsitz und Menschen mit Behinderungen lebt. Mörtters unermüdlicher Einsatz gilt insbesondere den Geflüchteten. Seit 2015 begeht die Lutherkirche einmal im Jahre eine christliche-muslimische Begegnungsfeier.

Die Ebenbildlichkeit mit Gott äußert sich in unserer Aufgabe als Hüter der Erde. (Abschied 5). Wenn das nicht so wäre, könnte die Lutherkirche in der multikulturellen und multiethnischen Kölner Südstadt kaum bestehen, und sie will integraler Bestandteil des Stadtteils sein. Mit Themengottesdiensten zu „Plastikmüll im Meer“ oder „Genverändertes Saatgut von Monsanto“ wollen wir unseren Anteil leisten, Hüter der Erde zu sein und auf Missstände aufmerksam zu machen. Auch die Einladung von Valentin Thurn, dem Gründer des Ernährungsrats Köln und Umgebung, als Talkgast setzte ein Zeichen für die Wertschätzung von Nahrung und den Schutz der Schöpfung.

Die Würdigung von Tieren haben sich insbesondere Prädikantin Alida Pisu und Pfarrerin Anna Quaas auf die Fahnen geschrieben. Nach dem Themengottesdienst „Das Tier als Mitgeschöpf“ brachten Gottesdienstbesucher Kostproben ihrer liebsten veganen Speisen mit. Die Vielfalt und Köstlichkeit der tierfreien Ernährung war überzeugend. Ein anderes Mal luden sie die Biobäurin vom Klefhof ein. Die erzählte im Gottesdienst „Unser Umgang mit Tieren“ von der artgerechten Haltung der Tiere, die ein Teil der Gemeinde dann auf dem Hof besuchte. Das war ein bewegendes Erlebnis, vor allem die zärtlichen Schweine haben einen nachhaltigen Eindruck auf uns hinterlassen.

Den Tod als Strafe Gottes auszulegen, käme Mörtter gar nicht in den Sinn. Er orientiert sich an der grenzenlosen Menschenliebe Gottes, und so sind seine Trauerfeiern eine Würdigung des Lebens in all seinen Facetten. Er versucht, das Leben des Verstorbenen zu ergründen im Scheitern, Versagen und Gelingen sowie in Bezug auf die Hinterbliebenen. Dazu gehören Vergebung, Dank, Liebe und die Aussöhnung mit dem Leben und dem Tod. Das befreit im Idealfall die Seele des Verstorbenen und stellt einen Abschluss dar, der den Hinterbliebenen über den Verlust hinweghilft. 

Der angebliche Sühnetod Jesu bereitet wohl vielen Probleme. Die Lutherkirche hat ein Konzept, das sich vom Palmsonntag bis zum Ostermontag erstreckt. Am Palmsonntag schreiben wir auf Zettel, woran wir uns schuldig gemacht haben. Es gibt als kein „Outsourcing“ unserer Schuld. Das Erkennen und Bekennen zeugt schon von Eigenverantwortung. Am Gründonnerstag lädt Pfarrer Mathias Bonhoeffer zum Feierabendmahl ein. Er gedenkt der Nacht vor der Kreuzigung Jesu und stellt das letzte Abendmahl nach. In jedem Jahr gibt es eine neue Perspektive, sei es Jesus selbst, Petrus, Judas oder andere, und er lässt uns diese Nacht der Nächte nachempfinden. Der Karfreitag ist der ungewöhnlichste von allen. Es gibt Klanginstallationen, Obertongesang, kurze Texte, die von Schauspielern gesprochen werden und Zeit, das auf sich wirken zu lassen. Keine Predigt oder sonstiges, bis auf das Abendmahl. Am Ostermorgen werden frühmorgens die „Schuldscheine“ vom Palmsonntag beim Osterfeuer draußen verbrannt. Danach folgt ein Gottesdienst in der dunklen nur durch ein paar Kerzen erhellten Kirche in die Morgendämmerung hinein. Beim gemeinsamen Frühstück im Gemeindesaal gibt es dann viel zu besprechen. Am Ostermontag haben die Kinder Vorrang und können noch mal Ostereier suchen. Da herrscht die Freude vor.

Fazit
So steht bei Mörtters erster These zur Reformation II die Wiederentdeckung des gnädigen Gottes im Vordergrund. Die zweite These prangert die Herrschaft der Finanzoligarchie und anderer an und er ruft zu mutigem Widerstand dagegen auf, damit die Welt wieder menschlich wird. Zum Schluss die dritte These, die eine moderne selbstbewusste Kirche fordert, „die Menschen in ihrem Bedürfnis nach Spiritualität und Lebensbezug des Glaubens wahr- und ernst nimmt und sich darin kommunikativ erneuert.“ - Er stimmt da mit Jörns überein, wenn Mörtter sagt: „Es ist Zeit für eine neue globale Ökumene. Glaube ist kein statischer Besitz der christlichen Kirchen. Wir lassen uns nicht mehr zu Sklaven der Angst machen.“ - Jörns stellt am Ende seines Buches Überlegungen zu einem Ökumenischen Rat der Religionen an und einem gemeinsamen Kanon aus den kanonischen Schriften der verschiedenen Religionen. Das hört sich nach tragfähigen Schmetterlingsflügeln an.

Helga Fitzner