Hans Mörtter zur Moscheedebatte in Köln

Tiefe kulturelle Verunsicherung bei den "Ureinwohnern"

"Bei der monatelangen Debatte um den Moscheebau wird mir schlecht. Als ehemaliger Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde Kolumbiens in Bogotá habe ich viel gelernt. Dort werden die Gottesdienste in deutscher Sprache abgehalten. Muttersprache ist nun mal Muttersprache: In der Fremde einer anderen Kultur erlebe ich darin Geborgenheit und Bejahung. Inzwischen gibt es in Bogotá viele Mischehen, also gibt es, anfangs gegen große Widerstände, inzwischen auch spanischsprachige Gottesdienste. An der Lutherkirche in Köln fragt mich dieser Tage ein evangelisch-muslimisches Paar, ob ich bereit sei, ihr Kind zu taufen, gemeinsam mit einem segnenden Iman. Für mich völlig selbstverständlich. Dafür könnte ich wohl mal wieder Ärger kriegen. Aber der dazu bereite Iman um so mehr. Oder auch nicht. Das ist doch die Wirklichkeit: In Köln leben viele Paare mit muslimischer und christlicher Herkunft. Darin liegt eine neue Zukunft des Miteinanders. Ich halte es frei mit Lessings (anscheinend vergessenem?) „Nathan der Weise“: Lasst uns miteinander leben und uns endlich durch unsere Glaubwürdigkeit bewahrheiten, so nah und eng verbunden in unseren Wurzeln. Froh bin ich auf eine im Grunde sehr undeutsche Stadt, die den Fremden seit Jahrhunderten Heimat geboten hat, oft genug zum eigenen Vorteil. Ich sage „Ja“ zum Moschee-Bau inklusive der Minarette, die schon darum nicht gekürzt werden dürfen, weil das den großartigen Architekturentwurf ästhetisch einfach ramponieren würde. Und Geschäftsläden gehören sowohl im Finanzierungskonzept als auch zur religiösen Alltagskultur des Ganzen nun mal dazu.

Die Diskussion der CDU-Mitgliederversammlung ist mutig und wichtig. Mitglieder anderer Parteien haben ebenso Bedenken, die sie aber nicht derart öffentlich diskutieren. Nur sind das Diskursniveau und der Beschluss selbst einfach beschämend und geradezu hinterwäldlerisch. Denn es geht dabei nicht wirklich um die Höhe der Minarette und die Größe der Kuppel. Diese Stellvertreterdebatte offenbart vielmehr eine tiefe kulturelle Verunsicherung, und zwar bei uns „Ureinwohnern“ – besonders der Christen beider Konfessionen. Da geht es nämlich eigentlich um die Fragen: Wer sind wir? Was glauben wir? Damit haben wir Deutschen ein Problem. Unsere Positionen sind beliebig, austauschbar und käuflich geworden. Darum sind wir so wenig gelassen und selbstbewusst, wenn es jetzt um die – schöne, große und stolze – Moschee geht. Ich weiß genau, wovon ich rede: Von sieben Kirchen in der Kölner Innenstadt hat unsere evangelische Gemeinde Köln zwei schmerzhaft aufgeben und verkaufen müssen und vielleicht werden es noch mehr. Da stehen wir vor ganz neuen und großen Herausforderungen! Mit Respekt nehme ich zugleich wahr: 100.000 Muslime in unserer Stadt halten zusammen und wollen ihr kulturelles und religiöses erkennbares Zuhause, mit Recht, wie ich finde - denn sie leisten viel für unsere Stadt.

Genau diese Solidarität (die wir unter uns oft so vermissen…) und jenes gewachsene Selbstbewusstsein unserer muslimischen Mitbürger der zweiten und dritten Generation machen nun denen Angst, die selbst gar keine Position mehr haben, die sich längst haben ausverkaufen lassen. Und so steckt hinter der Frage nach der Existenzberechtigung einer Kölner Moschee für 2000 Gläubige mitten im Herzen der „Kirchenstadt“ Köln, für mich am Ende die Frage nach unserem eigenen kulturellen Selbstbewusstsein, nach unserem „christlichen“ Profil. Offenbar fühlen wir uns inzwischen recht klein. Und genau darum fordern wir jetzt von den Anderen, die einige von uns (leider immer noch) als Fremde empfinden, sich – in dem Fall architektonisch – zu verkleinern.

Das muss man durchschauen. Ich schlage darum vor: Lasst unsere muslimischen Mitbürger ihre Moschee bauen. Halten wir „das“ aus und freuen uns mit ihnen! Und lasst uns – damit wir uns vielleicht echt freuen und „das“ aushalten können – als „Einheimische“ neu in Position gehen und nach unseren Wurzeln, nach unserer Identität fragen, nach dem, was uns kostbar und erhaltenswert ist.

Nur so werden wir in dieser Stadt zu Partnern, die sich auf Augenhöhe und offen und ehrlich herausfordern können, miteinander in einen kulturellen Dialog zu gehen, der unsere Stadt weiterbringt und der lokale Zeichen setzt für eine auf globalen Frieden setzende Zukunft. Nur so kann gelingen, was für eine friedvolle und gedeihliche Zukunft der Stadt und Region Köln unabdingbar ist: gemeinsam gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Die Ditib scheint dazu bereit. Setzen wir uns darum zusammen, und setzen wir zusammen in Achtung voreinander jetzt ein „Kölner Signal“ in die Welt, wie es doch eigentlich so typisch und so sympathisch für diese weltoffene und immer auch ein bisschen größenwahnsinnige tolle Stadt am Rhein wäre: „Seht her, wir evangelischen, katholischen, jüdischen, muslimischen und religiös ungebundenen Kölschen zeigen Euch allen, dass es doch geht: dass wir alle miteinander leben können, wollen, nicht nur, weil wir auch müssen. Seht her, so lernen wir von einander und fordern uns heraus in kritischer Wertschätzung - und ohne Angst."

Hans Mörtter

Moschee-Neubau in Köln Ehrenfeld, Foto: Helga Fitzner
Moschee-Neubau in Köln Ehrenfeld, Foto: Helga Fitzner