Appell an die Flüchtlingspolitik

Pfarrer Hans Mörtter hielt eine "Brandrede" bei der Matinee in der Kölner Philharmonie zugunsten der Flüchtlingshilfe

#türauf - Kölner Philharmonie 28. Juni 2015

Der Bundesregierung ist der kategorische Imperativ von Immanuel Kant und der jesuanische Anspruch abhanden gekommen, die goldene Regel: „Behandele deinen Mitmenschen so, wie auch du behandelt werden möchtest!“

Bundesinnenminister Thomas de Maizière verantwortet eine Flüchtlingspolitik der Entwürdigung von Menschen in Not. Die Behandlung von Flüchtlingen in unseren Städten soll abschreckend wirken. Das widerspricht der Präambel unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ - In Deutschland ist sie nach 1945 wieder antastbar geworden!

Wir Menschen in Köln und allen Städten schauen schon länger nicht mehr zu. Wir sind eine Bewegung geworden und werden jeden Tag mehr. Und wir werden inzwischen wütend, Herr Bundesinnenminister. Und wir werden als BürgerInnen selbstbewusst und kompetent. Wir erfahren die Geschichten von Flüchtlingen und erleben den unwürdigen staatlichen Umgang mit ihnen. Machen Sie endlich Ihre Arbeit, Herr Bundesinnenminister. Die Arbeit, die wir alle im Augenblick ehrenamtlich für Sie leisten.

Darum bitten wir nicht – das fordern wir als BürgerInnen unseres Landes!
In der Zwischenzeit sind wir alle gefordert.

Nötig sind mehr Freiwillige, die zu Paten für Flüchtlinge werden. Wir nennen sie in der Kölner Südstadt „friends“, die sie im Dschungel ihrer Situation begleiten. So werden wir zu einer starken Bewegung, die unser Land letztlich verändern wird. Kontakt am besten über: www.wiku-koeln.de. und dort bei den Willkommensgruppen, wo ihr andocken wollt. Einfach und direkt.

Wir brauchen auch Ärzte und Zahnärzte, die ihre Praxen öffnen. Sie können sich bei ihren kassenärztlichen Vereinigungen melden, die mit dem Gesundheitsamt zusammenarbeiten.

Einen oder zwei Ambulanzwagen, die mit Ärzten ambulant Flüchtlingsheime besuchen, in denen kein Platz für einen Behandlungsraum ist. Zusätzlicher Kontakt auch da über www.wiku-koeln.de

Forderungen
Von landes- und bundespolitischer Seite muss jeder Flüchtling eine Krankenkassenkarte erhalten. - Letzte Woche hatten wir z.B. den Fall einer schweren Lymphknotenschwellung, die nach Voruntersuchungen eine sofortige Operation erforderte. Die Freiwilligen, die sich zum Glück kümmerten, erlebten eine unglaubliche Odyssee im Sozialamt, um die Kostenübernahme zu klären, was eine riskante Verzögerung ergab. Dahinter steckt, dass das Sozialamt wie auch die Ausländerbehörde personell völlig unterbesetzt ist. Wir fordern Deutsch-Kurse für Flüchtlinge, die lange auf ihr Asylverfahren warten müssen. Sie haben derzeit kein Recht auf Kurse, kein Recht auf Arbeit...

Spenden für zertifizierte Kurse und Freiwillige

Psychologische Betreuung wegen traumatischer Belastungsstörungen...

Spielpädagogische Angebote für Kinder Auch über www.wiku-koeln.de
(Kölner Flüchtlingsrat e. V. und Freiwilligen-Agentur sind ebenso Kontaktpartner)

Dolmetscher, bzw. Sprach- und Kulturmittler

Praktikumsplätze in Betrieben, Geschäften usw.

Wohnungen / Zimmer - Aufnahmen in die eigene Wohnung (Auszugsmanagement der Stadt / Wohnungsamt und Willkommensgruppen) 
 
Wir brauchen Koordinatoren für jede Willkommensgruppe, bzw. jede Flüchtlingsunterkunft. Diese müssen vom Bund finanziert werden, weil die Kommunen dazu nicht in der Lage sind. Dass das nicht im Blick ist, ist ein klares Signal der Politik: Freiwillige Flüchtlingshelfer sind nicht wirklich erwünscht. Zumindest werden sie achtungslos im Stich gelassen. Also auch hier: Kompetente Freiwillige und „learning by doing“.

Durch alles entsteht doch eine Bereicherung. Wir werden in der Stadt wieder zu Nachbarn, die füreinander einstehen. Wir werden Menschen, die sich in der Begegnung völlig neu erleben. Und das begeistert und schweißt zusammen. Ich bin mir sicher, dass daraus eine neue Kraft in unseren Städten entstehen wird, die neu gestaltende Wirksamkeit haben kann.

Ich fordere den Paradigmenwechsel von abschreckender Flüchtlingspolitik zu einem anderen Umgang mit Menschen in Not, der ihnen gerecht wird. Dazu gehört auch ein Ende der Bürokratisierung von Flüchtlingsarbeit, in der Flüchtlinge entmenschlicht werden zu „Fällen“ und „Objekten“. Jeder Mensch hat seine eigene individuelle Geschichte und ein Gesicht.

Es müssen Wege für eine legale Zuwanderung ermöglicht werden, ein Masterplan für Flüchtlingshilfe in den Städten und in Deutschland.

Deutschland kann und muss mindestens 1 Mill. Flüchtlinge aufnehmen!!!!!

Herr de Maizière, es ist Zeit. Machen Sie endlich Ihre Arbeit. Wir Bürger tun, was wir können, aber das entbindet Sie nicht von Ihren politischen Aufgaben. Inzwischen lernen wir jeden Tag dazu und wir werden stark!

Pfarrer Hans Mörtter, Rede bei der Flüchtlings-Matinee in der Kölner Philharmonie,
28.06.2015

Post scriptum vom 29. Juni 2015:
Natürlich ist ein großer Teil eine Forderung an die Bundesregierung. Da die aber blockt, müssen wir in der Zwischenzeit handeln. Wichtig dabei (auch bei den Ärzten), dass Freiwillige keinen Frust kriegen, wenn sie sich an offizielle Anlaufstellen wenden! www.wiku-koeln.de  ist eine gute Adresse zur Orientierung. Dort sind alle bisherigen Willkommensgruppen in den verschiedenen Stadtteilen aufgelistet inklusive ihrer Seiten und Kontaktmöglichkeiten. Ich habe begriffen, dass Leute sich am besten direkt an sie wenden, weil sie da die wirklich Kompetenten sind.
Hans Mörtter