Kunst trotz(t) Ausgrenzung, Wanderausstellung der Diakonie Deutschland, zwei Veranstaltungen in der Lutherkirche Köln, Grafik: Diakonie Deutschland

"Kunst trotz(t) Ausgrenzung"
am 05. u. 07.08.22 in der Lutherkirche

Wanderausstellung des Kurators Andreas Pitz in der Diakonie Michaelshoven, im Kölner Süden und der Kölner Innenstadt

Die Wanderausstellung "Kunst trotz(t) Ausgrenzung" wurde von der Diakonie Deutschland initiiert und erteilt eine künstlerische Absage an Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus, an Ideologien von angeblicher Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschen.

Die Lutherkirche im Kölner Süden veranstaltet die Midisage zu der Wanderausstellung am 5. August 2022 um 19:30 Uhr

Es sprechen zu den gezeigten Arbeiten von Katharina Sieverding, David LaChapelle und ihren eigenen Pfarrer Hans Mörtter und Cornel Wachter.

Am 7. August 2022 um 19:30 Uhr kommt es zur Uraufführung von
"OHNE TITEL / MIT RICHTUNG (2022)
für vier räumliche settings"

Eine Gemeinschaftskomposition der LTK4 ALLSTARS
gespielt von Mitgliedern des Ensembles RE-LOAD FUTURA

"Ausgrenzung, Trotz und Reaktion werden in grafischen Notationen festgehalten, in räumlich-installativen settings interpretiert und in musikalisch-instrumentale Versatzstücke transformiert.
Keine Antworten, kein Stillstand"(Rochus Aust, Künstler und Kurator von LTK4 – Klangbasierte Künste" an der Lutherkirche).

Anschließend führen Thomas Scheible, Kölner und Sea-Watch-Koordinator und Pfarrer Hans Mörtter ein Gespräch zur aktuellen Situation der Seenotrettung im Mittelmeer. Beide reden über das, worüber öffentlich kaum geredet wird.

In der Lutherkirche werden Arbeiten von
Katharina Sieverding,
David LaChapelle
und der "Böll-Spiegel" von Cornel Wachter, Pfarrer Hans Mörtter und Timo Belger gezeigt.

ZU DEN KÜNSTLERN

Katharina Sieverding
ist u.a. ausgezeichnet mit dem Deutschen Kritikerpreis, Lovis-Corinth-Preis, Goslarer Kaisering, Cologne Fine Art Preis oder dem Käthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der Künste.

David LaChapelle
gewann zahlreiche Auszeichnungen: den "12 Annual MVPA Award" für „Video des Jahres“, den MTV Europe Music Award für „Bestes Video“ für seinen Film "Elton John: The Red Piano", Art Director’s Club Award für „Bestes Buch-Design“ oder den Vito Russo Award (an offen lesbisch oder schwul lebende Mitglieder der Unterhaltungs- oder Mediengesellschaft für ihren besonderen Beitrag zur Eliminierung der Homophobie verliehen)

Cornel Wachter
ist u.a. ausgezeichnet mit dem "Kunstpreis der Stadt Köln", dem Friedrich-Vordemberge-Stipendium für bildenden Kunst, 2 x mit dem "Felix-Burda-Award"(mit dem Kommunikationsdesigner Timo Belger) und er ist 2022 Ehrenamtspreisträger der Stadt Köln "KölnEngagiert".

Pfarrer Hans Mörtter
ist mit seinem katholischen Kollegen Franz Meurer mit dem "Georg Leber-Preis für Zivilcourage" ausgezeichnet.
Helmut Frangenberg nennt Hans Mörtter im KSTA zu dessen 60.Geburtstag "das soziale Gewissen von Köln".

ZU DEN ARBEITEN

Katharina Sieverding - "Am falschen Ort"
Katharina Sieverding hat für die Flüchtlingsinitiative "Stay" ein Kunstwerk zur Flüchtlingsthematik geschaffen. Präsentiert wurden die Plakatversionen dieses Kunstwerkes an 66 prominent aufgestellten Plakatwänden in Düsseldorf.
Der Titel zitiert dabei den Titel der Biografie des Palästinensers Edward W. Sais. Für die Montage kombinierte die Fotokünstlerin die Luftaufnahme von einem syrischen Flüchtlingscamp in Jordanien, in dem mehr als 100.000 Menschen leben, mit dem Foto zweier russischer Soldaten beim Anbringen eines Geschosses.
"Immer weniger Menschen wissen, wo ihr Platz in der Welt ist", erklärt Sieverding den Titel ihres Werks. Hubert Ostendorf von der Initiative fiftyfifty war besonders stolz auf die "reine Form des Kunstwerks: Es gibt kein Logo oder Ähnliches auf den Plakaten. Wir betreiben damit keine Werbung, sondern ermöglichen Kunst an öffentlichen Plätzen". Vor allem wolle man mit Aktionen wie dieser einen Beitrag gegen Menschenverachtung und Ausgrenzung leisten, so Ostendorf.

David LaChapelle -  "Make Love not Walls" und "Berlin Stories"
Wir freuen uns das wir David LaChapelles Diesel-Kampagne #makelovenotwalls zeigen können, die zu mehr Miteinander und Diversität in der Gesellschaft aufruft.

David LaChapelle wird auch als der Erfinder des öffentlichen Bildes der Kardashians oder des erwachsenen, späten Michael Jackson bezeichnet. Mit seiner oft bunt manierierten Art zog er vielen "Popstars" den für sie prägenden Style über und wurde so zu dem begehrtesten, künstlerischen Celebrity Photographer und teuersten Photokünstler weltweit.

Seine Kompositionen interpretieren aber nicht nur die Welt der Popstars wie Pamela Andersen, David Bowie, Michael Jackson, Axillar Clinton, Milet Tyrus, Lama Deal Re bis hin zur Jenaer-Familie, er interpretiert auch bekannte Werke der Kunstgeschichte neu, genauso gerne spielt er mit den Vorstellungen von Weiblichkeit und Schönheit – besonders im ersten Teil seiner Bildbände, „Lost + Found“, ist dies zu erleben. Diese drehen sich um die Welt, in der wir leben, und die Probleme, die diese Zeit mit sich bringt – von Naturkatastrophen über den absurden Schönheitswahn, Dekadenz, Armut und Krieg. Der Mann passt in die Lutherkirche, dachte Cornel Wachter, der vor ein paar Jahren mit seinem Klassenkameraden, dem Kunstvermittler Reiner Opoku die erste große Ausstellung von David LaChapelle im Groninger Museum, beim ehemaligen Direktor des Kölner "Wallraf" Prof. Andreas Blühm etablieren, so kam der Kontakt zum David LaChapelle, der sonst nur in den allgemeinhin als wichtigsten Kunsttempeln der Welt angesehenen Häusern, so aktuell im "Mudec – Museo delle Culture" in Mailand, ausgestellt wird, zustande. https://www.mudec.it/eng/david-lachapelle-i-believe-in-miracles/

Wir zeigen in der Lutherkirche zwei Photos und ein Video von David LaChapelle, dem Photographen von Andy Warhols "Interview Magazine", einem der einflussreichsten Popphotographen, der die Fähigkeit hat, den Betrachter in eine ganz neue Welt, seine Welt,  zu entführen. Ähnlich wie Warhol arbeitete David jahrelang für Popstars, schuf deren Bild in der Öffentlichkeit, drehte Musikvideos von Prominenten wie Michael Jackson, Lady Gaga oder Kanye West.

Wir zeigen ein Photo und das Video von David LaChapelles Diesel-Kampagne #makelovenotwalls, die zu mehr Miteinander und Diversität in der Gesellschaft aufruft.
Die italienische Modefirma Diesel möchte mit dieser gesellschaftskritischen Kampagne unter dem Motto #makelovenotwalls sich für das Einreißen geistiger und physischer Mauern zwischen Menschen und für mehr Diversität und Einigkeit stark machen. - Renzo Rosso, Diesel-Gründer, verweist auf die lange Tradition der gesellschaftskritischen Kampagnen bei Diesel: "Beginnend mit David LaChapelles Kampagne zweier sich küssender Seeleute aus dem Jahr 1995 bis heute hat Diesel immer versucht, Grenzen zu überschreiten und wird dies auch weiterhin tun – gerade in einer Welt, in der Ängste die Menschen auseinander bringen und immer mehr gesellschaftliche Mauern errichtet werden. Diesel hat sich schon immer als ein Kommentator gesehen, der relevante gesellschaftspolitische Themen anspricht."

David LaChapelle hat dieses "Einreißen von Mauern" wörtlich genommen und einen bunten aufblasbaren Panzer entworfen, der sowohl auf den Kampagnenbildern zu sehen ist als auch auf Städtetour gehen wird. Den Auftakt macht London: Am Valentinstag 2017 wird der "Love Tank" hier seinen ersten Stopp machen, bevor es weitergeht nach Mailand, Shanghai, New York, Berlin und Tokio. Weitere Motive der #makelovenotwalls-Kampagne, die mit dem Balletttänzer Serhij Polunin und dessen Freunden produziert wurde, sind die Hochzeit eines homosexuellen Paares und das herzförmige Einreißen einer Mauer mittels des Panzers.

Das zweite Motiv mit dem Titel „Berlin Stories“ zeigt eine ganz offensichtlich aus dem Ruder gelaufene Party zum Jahreswechsel 1932. Nach dem „Tanz auf dem Vulkan“ der Wilden Zwanziger und dem Börsencrash von 1929 ist auch hier die Katerstimmung deutlich zu spüren – trotz glitzernden Kostüme und viel nackter Haut. Mit dem Maybach Zeppelin DS 8, der durch eine Wand in den Salon gebrochen ist und dabei mindestens einen der Silvestergäste überfahren hat, strömen rußverschmierte Menschen von der Straße hinein, die auch die letzten Reste der avantgardistischen Orgie zu plündern drohen. Die sit david LaChapelles "Appell an alle, die glauben es könne ewig so weiter gehen, mit der Ausbeutung des Erdballs und der weniger gut gestellten Mitmenschen". David will heute kein "Celebrity Photographer" mehr sein, er ist ein wichtiger Umweltaktivist geworden und dies nicht nur im von ihm mit getragenen Verein "Parley", der mit Umweltschützern, Kreativen, Wissenschaftlern und Unternehmern den kritischen Zustand der Ozeane sowie des Klimawandel anspricht und Visionen, Initiativen, Projekte, Erfindungen und Lösungen vorstellt.
https://www.parley.tv/#fortheoceans

Pfarrer Hans Mörtter, Cornel Wachter und Timo Belger - "Böll-Spiegel"
„Tausende Flüchtlinge ertrinken jedes Jahr im Mittelmeer. Das ist ein unerträglicher Zustand", beklagte Pfarrer Hans Mörtter an Weihnachten 2011 und tat sich mit Künstler Cornel Wachter und dem Graphiker Timo Belger zusammen, erdachten eine Aktion um dieses Thema ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. „Wir haben unter anderem überlegt, so ein Flüchtlingsschiff, das ja meistens aus Müll zusammengeflickt ist, vorne an den Altar zu stellen“, erzählt Belger. „Das wäre zwar ein eindrucksvolles Bild geworden, war uns aber nicht nachhaltig genug.“ „Wir wollten, dass die Menschen das Thema mit nach Hause nehmen“, meinte der Künstler Cornel Wachter. Irgendwann habe es Klick gemacht und man sei auf die Idee eines Kunstwerks gekommen, das die Gottesdienstbesucher:innen mit nach Hause nehmen könnten.

In der Christvesper der Lutherkirche in der Südstadt wurden die Handspiegel als Kunstobjekt an die Gemeindemitglieder verschenkt. Dies mit der Bitte den Inhalt der Kunstwerke im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis zu besprechen.
Die Spiegel waren eine Spende des dm-Marktes. Für die Rückseite hat Timo Belger eine trügerische Postkartenidylle entworfen: Auf herrlich blauem Meer schwimmt ein Flüchtlingsboot. „Auf der anderen Seite kann man sich selbst im Spiegel sehen“, sagt Cornel Wachter, „aber transparent aufgeklebt ist hier ein Schriftzug“. Zu lesen ist ein Zitat von Heinrich Böll: „…der vom Ertrinken bedroht ist, den frage nicht nach seiner politischen Einstellung, auch nicht nach seiner sozialen Herkunft. Ich denke wir sollten wirklich zurückgehen auf das Urmotiv der Lebensrettung“.

Nun haben Mörtter, Wachter und Belger nach den originalgroßen Handspiegeln mit der Schreinerei Lohre in Köln-Zollstock und der Firma Logo-Text in Köln Rath einen Spiegel auf die Größe von zwei Metern gebracht. Ein Objekt wie aus der Welt der Alice im Wunderland und durch die Vergrößerung à la Klaas Oldenburg auch verstörend wie eine Figur aus der Geschichte der Alice.

Der Betrachter kann sich aus hoher Verpixelung das Bild von flüchtenden Menschen, die sich unter der Gefahr zu ertrinken in einem fragilen Schlauchboot aus Mülltüten auf diesen Weg gemacht haben, erfassen. Dieses beunruhigende Bild verstört, erschreckt, doch wenn man den Spiegel dreht schaut man auf der anderen Seite in einem echten Spiegel und spiegelt sich darin. So zwingt sich die Frage auf, wie stehe ich zu dem eben erfassten Elend, der Bedrohung für das Leben der sich retten wollenden Mitmenschen. Antwort gibt das oben erwähnte Zitat von Heinrich Böll, welches er Ende 1978 anlässlich der Aktion "Comité un bateau pour le Vietnam" (Ein Schiff für Vietnam) des Troisdorfer Rupert Neudeck (Chef des Komitees "Cap Anamur - Deutsche Notärzte") gesprochen hatte.

Text und Fotos: Cornel Wachter


Kunst trotz(t) Ausgrenzung. Wanderausstellung, Spiegel, Seenotrettung, Midisage Lutherkirche, Foto: Cornel Wachter

The mirror goes to the house

Kunst trotz(t) Ausgrenzung. Wanderausstellung, Spiegel, Seenotrettung, Midisage Lutherkirche, Foto: Cornel Wachter

Spiegel mit Böll-Zitat