Gottesdienste in der Lutherkirche der Kölner Südstadt, Foto: Helga Fitzner

Kirche, Kunst und Corona

Rückblick und Status quo im Jahr 2021

Welche Bedeutung die Künste für uns haben, erleben wir derzeit, wo keine oder kaum Veranstaltungen, Ausstellungen und Gottesdienste stattfinden. Es fehlt etwas Essentielles, das über reinen Zeitvertreib hinaus geht, es fehlt das gemeinsame Erleben, es fehlt der Genuss und/oder die Reibung, die durch Kunst entstehen können.

Als Hans Mörtter 1987 Pfarrer der Lutherkirche wurde, engagierte er fast umgehend Künstler und Künstlerinnen und widmete sich ebenfalls dem Turm der Lutherkirche. Der hat seit dem Zweiten Weltkrieg keine Spitze mehr, Einschlagspuren von Granaten im Eingangsbereich und erzählt allein durch seine Existenz von den Auswirkungen von Gewalt.

1989
Der damalige Presbyter Hermann Vogel war von 1989 bis 2017 als Kurator für
„kunst im turm“ verantwortlich und hat eine beachtliche Anzahl von hochwertigen Ausstellungen auf dessen verschiedenen Etagen kuratiert. Als er 2017 verabschiedet wurde, würdigte Pfarrer Hans Mörtter ihn mit emotionalen Worten: „Weite statt Enge / Freiheit und Mut statt kleinmütiger Angst / die Lutherkirche mit Ihrem Gütesiegel / das sind Sie für mich und werden es immer bleiben / Und so mache ich weiter mit Ihnen im Rückgrat und im Herzen“.

1995
Kein Künstler hat das Interieur der Lutherkirche so geprägt wie Christos Koutsouras, als er 1995 das 12 mal 6 Meter große Wandbild malte, das hinter dem Altar angebracht und heute ein Wahrzeichen der Lutherkirche ist. Pfarrer Hans Mörtter erinnert sich: "Fünf Wochen lang arbeitete er auf dem Boden der Lutherkirche rund um die Uhr daran wie ein Besessener und er stand vor einer fast unmöglichen Aufgabe. Dabei kam er und ging er, und immer schauten Menschen herein, auch nachts mit Staunen und spannenden Gesprächen: Eine Gemeinde im Prozess". Seit Karfreitag 1995 hängt es dort und 2020 fand an diesem Tag erstmals kein Gottesdienst vor dem Wandbild statt, am höchsten Feiertag der Protestanten und Protestantinnen.

Ebenfalls 1995 wurde der Vringstreff e. V.  unter Mitwirkung von Pfarrer Hans Mörtter gegründet, eine Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Obdach, mit Beratungsmöglichkeiten und einem Restaurant, in dem Obdachlose für kleines Geld eine Mahlzeit einnehmen können. Malkurse, Kunstausstellungen, Krimilesungen oder der jährliche Besuch des Kölner Dreigestirns erlauben Menschen am Rande der Gesellschaft die Teilhabe an Kunst und Tradition. Die Obdachlosen, Straßenmusiker*innen und wirtschaftlich Schwachen sind besonders von der jetzigen Krise betroffen. Die Arbeit des Vringstreffs ist sein März 2020 nur eingeschränkt möglich: zwischendurch gab es den "Mittagstisch to go" und eine Fensterausstellung von Ingrid Bahß über das Obdachlosenfrühstück, das es seit 15 Jahren in Köln gibt, das aber eingestellt werden musste.

1998
Der kulturelle Förderverein der Lutherkirche Südstadt Leben e. V. wurde 1998 gegründet und ist  für die künstlerischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen in der Lutherkirche zuständig. Unter der Leitung von Sonja Grupe mauserte sich die Lutherkirche u. a. zu einem beliebten Ort für Weltmusik. Tanzen, Mitsing-Abende, Bazare, Flohmärkte und die Partys machen seitdem die Lutherkirche zu einem beliebten Treffpunkt. Etliche Konzerte mussten in den Jahren 2020/2021 abgesagt werden, einige wurden vorerst verschoben. Von Juni bis November 2020 gelang es dem Team, ein Hygienekonzept zu entwickeln und  eine ganze Reihe von „Hofkonzerten“ im Atrium zu veranstalten, mit immerhin bis zu 100 Besucher*innen. Die Lutherkirche war in dieser Zeit einer der wenigen Orte in Köln, an dem Kultur live stattfand.

2001
Im Jahr 2001 gründeten der italienische Jazz-Saxophonist Alessandro Palmitessa und Pfarrer Hans Mörtter das Menschensinfonieorchester (MSO), das zunächst für Menschen mit und ohne Obdach gedacht war, in dem heute Menschen verschiedener Ethnien, sozialer Herkunft, gesellschaftlicher Stellung sowie Menschen mit Krankheiten und Behinderungen gemeinsam musizieren. Das MSO hat schon drei CDs aufgenommen, aber sein Erhalt für 2021 ist noch nicht gesichert. Leider können sie jetzt weder proben noch auftreten.

Seit 2017
Im Jahr 2017 übernahm Rochus Aust das Amt des Kurators der Lutherkirche und stellt  jeden Monat eine Soirée sonique  auf die Beine, und er hat sich auf Klangbasierte Künste spezialisiert, was sich in seinen Ausstellungen niederschlägt. Die ehemalige „kunst im turm“ findet jetzt unter LTK4 statt. Diese Mischung von visueller und akustischer Kunst brachte Rochus Aust 2019 den Kölner Kulturpreis für „Junge Initiativen“ ein. Videos hier.

Bis 2016 gab es jedes Jahr die Nachtstillen, die an mehreren Abenden vor Ostern und vor Weihnachten stattfanden. „Diese Nachtstillen wollen wir als ein 'Lebensprinzip' anbieten, um zur Ruhe zu kommen, nicht zugedröhnt zu werden, einfach still zu sein und diese Stille zu genießen. Das erfolgt mit einfühlsamer Musik (auch Obertongesang) und einem aussagekräftigen Text. Hier entsteht ein Raum, in dem ich anhalten und mich in ein Gesamtgefüge hineinnehmen lassen kann, damit vielleicht etwas ins Schweben gerät. Ich halte an und bin,“ meinte damals Hans Mörtter. - Wir mögen nun unfreiwillig in unserer Bewegung eingeschränkt und nicht mehr so viel Ablenkungen ausgesetzt sein, die Stille, die wir meinen, kann verinnerlicht und gefüllt werden. Sie ist auch von keiner Zeit und keinem Ort abhängig.

Rochus Aust hat statt der Nachtstille und der bisherigen "passio" im Jahr 2018 das Format „Unterbrechung“ erschaffen, einen Raum für Stille, Empathie und Schwerelosigkeit: „Die Größe von Empathie hat keinen Raum mehr in uns, weil schon zuviel Lärm und Information und tägliches Brot den Platz dort wegnehmen. Ein Katzenvideo hier, ein süßes Baby dort, mehr ist nicht mehr zu wollen. Und in der Konsequenz schwindet auch die Selbstempathie. - Die Stille beobachtet dies und legt es bestenfalls frei und könnte Voraussetzung für eine Erkenntnis sein, wenn sie nicht gleichzeitig soviel Verdecktes und Verstecktes aufwirbeln würde, das loszuwerden zunächst unmöglich erscheint. - Der Kosmos, die Schönheit der Schöpfung, könnte die Lösung sein“.

Kunst ohne Gemeinde und Publikum in den Jahren 2020/2021
„Wir lassen uns nicht unterkriegen“, sagt Hans Mörtter und wirbelt verstärkt in den Social Media herum. Auf Facebook und Youtube erscheint wöchentlich  sein „Kölner Wort zum Sonntag“  als Video.  - Rochus Aust hat zu seinen letzten Aktivitäten Videos unter c-view  veröffentlicht. Alle Termine zur „Unterbrechung“ wurden auf Video aufzeichnet, inklusive die an Karfreitag. Auch für den Ostergottesdienst konnten die Scheine per E-Mail   eingereicht werden, auf denen stand, was man loslassen und dem Osterfeuer übergeben will. Ein sehr kleines Team führte das stellvertretend für die Gemeinde im Atrium der Lutherkirche aus. Mit den Weihnachtsgottesdiensten und dem Jahresabschlussritual wurde ähnlich verfahren und für Ostern 2021 ist es auch in dieser Art vorgesehen.

Die Kunst und die eigene Kreativität eröffnen neue Lebensräume und bringen uns unserem inneren Funken näher; sie macht einen Teil des Menschseins aus und verbindet uns mit uns selbst, mit Gott und mit den anderen. Es ist wichtig, dass wir uns das erhalten.

Text: Helga Fitzner

Spendenaufruf
Kunst kostet nun mal Geld, weil wunderbare Menschen davon leben. Wir brauchen aber auch dringend für die gesamte Arbeit Spenden. Die fließen insgesamt in unsere Projekte.

Wir sammeln insbesondere für einen Hilfsfond für in Not geratene Künstler*innen und Selbstständige, die gerade in eine finanzielle Katastrophe stürzen durch den Wegfall von Konzerten, Auftritten und Kunden. Ebenso für alleinerziehende Mütter und deren "Lebenskunst" der Kinderversorgung.

Spendenkonto: Ev. Gemeinde Köln
IBAN: DE49 3705 0198 0007 7020 12
Stichwort: Lutherkirche
Bei Angabe der Adresse gibt es eine Spendenbescheinigung.

Verabschiedung unseres Kurators Hermann Vogel, der seit 1989 die Ausstellungen

Pfarrer Hans Mörtter verabschiedet Kurator Hermann Vogel
Foto: Sonja Grupe, auch das Foto ganz oben

Ewigkeitssonntag an der Lutherkirche, Foto: Helga Fitzner

Das Wandtuch ist fester Bestandteil des Interieurs der Lutherkirche,
Foto: Helga Fitzner

Begegnungsstätte Vringstreff in Köln, Malprojekt, Foto: Helga Fitzner

Der Vringstreff mit einer Ausstellung der dort erstellten Bilder
Foto: Helga Fitzner

Sonja Gruppe, die Organisatorin des kulturellen Fördervereins der Lutherkirche Südstadt Leben e. V., Foto: Helga Fitzner

Sonja Grupe organisiert den Südstadt Leben e. V.

Das Menschensinfonieorchester in der Besetzung von Juni 2019 unter der Leitung von Alessandro Palmitessa beim Song Release im Vringstreff, Foto: Sonja Grupe

Das Menschensinfonieorchester bei einem Auftritt 2019, Foto: Sonja Grupe

Verabschiedung unseres Kurators Hermann Vogel, der seit 1989 die Ausstellungen

Rochus Aust und Hans Mörtter vor dem Eingang zum Turm, Foto: Sonja Grupe

LTK4 - Klangbasierte Künste kuratiert von Rochus Aust im Turm der Lutherkirche, Foto: LTK4

Interieur des Lutherturms, Foto: Rochus Aust