Gottesdienste in der Lutherkirche der Kölner Südstadt, Foto: Helga Fitzner

Kirche, Kunst und Corona

Rückblick über die Kunst an der Lutherkirche

Welche Bedeutung die Künste für uns haben, erleben wir derzeit, wo keine Veranstaltungen, Ausstellungen und Gottesdienste stattfinden. Es fehlt etwas Essentielles, das über reinen Zeitvertreib hinaus geht, es fehlt das gemeinsame Erleben, es fehlt der Genuss und/oder die Reibung, die durch Kunst entstehen können.

Ein kleiner Rückblick
Als Hans Mörtter vor über 30 Jahren Pfarrer der Lutherkirche wurde, engagierte er fast umgehend Künstler und Künstlerinnen und widmete sich ebenfalls dem Turm der Lutherkirche. Der hat seit dem Zweiten Weltkrieg keine Spitze mehr, Einschlagspuren von Granaten im Eingangsbereich und erzählt allein durch seine Existenz von den Auswirkungen von Gewalt.

1989
Der damalige Presbyter Hermann Vogel war von 1989 bis 2017 als Kurator für
„kunst im turm“ verantwortlich und hat eine beachtliche Anzahl von hochwertigen Ausstellungen auf dessen verschiedenen Etagen kuratiert. Als er 2017 verabschiedet wurde, würdigte Pfarrer Hans Mörtter ihn mit emotionalen Worten: „Weite statt Enge / Freiheit und Mut statt kleinmütiger Angst / die Lutherkirche mit Ihrem Gütesiegel / das sind Sie für mich und werden es immer bleiben / Und so mache ich weiter mit Ihnen im Rückgrat und im Herzen“.

1995
Kein Künstler hat das Interieur der Lutherkirche so geprägt wie Christos Koutsouras, als er 1995 das 12 mal 6 Meter große Wandbild malte, das hinter dem Altar angebracht und heute ein Wahrzeichen der Lutherkirche ist. Fünf Wochen lang arbeitete er auf dem Boden der Lutherkirche rund um die Uhr daran wie ein Besessener und er stand vor einer fast unmöglichen Aufgabe. Dabei kam er und ging er, und immer schauten Menschen herein, auch nachts mit Staunen und spannenden Gesprächen. Eine Gemeinde im Prozess. Seit Karfreitag 1995 hängt es dort und 2020 wird an diesem Tag erstmals kein Gottesdienst vor dem Wandbild stattfinden, am höchsten Feiertag der Protestanten und Protestantinnen.

Ebenfalls 1995 wurde der Vringstreff e. V. unter Mitwirkung von Pfarrer Hans Mörtter gegründet, eine Begegnungsstätte für Menschen mit und ohne Obdach, mit Beratungsmöglichkeiten und einem Restaurant, in dem Obdachlose für kleines Geld eine Mahlzeit einnehmen können. Malkurse, Kunstausstellungen, Krimilesungen oder der jährliche Besuch des Kölner Dreigestirns erlauben Menschen am Rande der Gesellschaft die Teilhabe an Kunst und Tradition. Die Obdachlosen, Straßenmusiker*innen und wirtschaftlich Schwachen sind besonders von der jetzigen Krise betroffen.

1998
Der kulturelle Förderverein der Lutherkirche Südstadt Leben e. V. wurde 1998 gegründet, der für die künstlerischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen in der Lutherkirche zuständig ist. Unter der Leitung von Sonja Grupe mauserte sich die Lutherkirche zu einem beliebten Ort für Weltmusik. Tanzen, Mitsing-Abende, Bazare, Flohmärkte und die Partys machen seitdem die Lutherkirche zu einem beliebten Treffpunkt. Etliche Konzerte mussten derzeit abgesagt werden, einige wurden vorerst verschoben.

2001
Im Jahr 2001 gründeten der italienische Jazz-Saxophonist Alessandro Palmitessa und Pfarrer Hans Mörtter das Menschensinfonieorchester (MSO), das zunächst für Menschen mit und ohne Obdach gedacht war, in dem heute Menschen verschiedener Ethnien, sozialer Herkunft, gesellschaftlicher Stellung sowie Menschen mit Krankheiten und Behinderungen gemeinsam musizieren. Das MSO hat schon drei CDs aufgenommen und sein Erhalt für 2020 ist schon fast gesichert, nur dass es jetzt weder proben noch auftreten kann.

Seit 2017
Im Jahr 2017 übernahm Rochus Aust das Amt des Kurators der Lutherkirche und stellt  jeden Monat eine Soirée sonique  auf die Beine, und er hat sich auf Klangbasierte Künste spezialisiert, was sich in seinen Ausstellungen niederschlägt. Die ehemalige „kunst im turm“ findet jetzt unter LTK4 statt. Diese Mischung von visueller und akustischer Kunst brachte Rochus Aust 2019 den Kölner Kulturpreis für „Junge Initiativen“ ein.

Bis 2016 gab es jedes Jahr die Nachtstillen, die an mehreren Abenden vor Ostern und vor Weihnachten stattfanden. „Diese Nachtstillen wollen wir als ein 'Lebensprinzip' anbieten, um zur Ruhe zu kommen, nicht zugedröhnt zu werden, einfach still zu sein und diese Stille zu genießen. Das erfolgt mit einfühlsamer Musik (auch Obertongesang) und einem aussagekräftigen Text. Hier entsteht ein Raum, in dem ich anhalten und mich in ein Gesamtgefüge hineinnehmen lassen kann, damit vielleicht etwas ins Schweben gerät. Ich halte an und bin,“ meinte damals Hans Mörtter. Wir mögen nun unfreiwillig in unserer Bewegung eingeschränkt und nicht mehr so viel Ablenkungen ausgesetzt sein, aber die Stille, die wir meinen, ist eine gefüllte.

Rochus Aust hat statt der Nachtstille und der bisherigen "passio" im Jahr 2018 das Format „Unterbrechung“ erschaffen, einen Raum für Stille, Empathie und Schwerelosigkeit: „Die Größe von Empathie hat keinen Raum mehr in uns, weil schon zuviel Lärm und Information und tägliches Brot den Platz dort wegnehmen. Ein Katzenvideo hier, ein süßes Baby dort, mehr ist nicht mehr zu wollen. Und in der Konsequenz schwindet auch die Selbstempathie. - Die Stille beobachtet dies und legt es bestenfalls frei und könnte Voraussetzung für eine Erkenntnis sein, wenn sie nicht gleichzeitig soviel Verdecktes und Verstecktes aufwirbeln würde, das loszuwerden zunächst unmöglich erscheint. - Der Kosmos, die Schönheit der Schöpfung, könnte die Lösung sein“.

Kunst ohne Gemeinde und Publikum
„Wir lassen uns nicht unterkriegen“, sagt Hans Mörtter und wirbelt jetzt in den Social Media herum. Auf Facebook ist schon mehrfach sein „Kölner Wort zum Sonntag“  als Video erschienen. Mit Birgit Schlenther können wir per Video spirituelle Lieder singen. Rochus Aust hat zu seinen letzten Aktivitäten Videos unter c-view  veröffentlicht. Alle Termine zur „Unterbrechung“ werden auf Video aufzeichnet, inklusive die an Karfreitag. Auch für den Ostergottesdienst können die Scheine per E-Mail eingereicht werden, auf denen steht, was man loslassen und dem Osterfeuer übergeben will. Ein sehr kleines Team wird das stellvertretend für die Gemeinde im Atrium der Lutherkirche durchführen.

Die Kunst und die eigene Kreativität eröffnen neue Lebensräume und bringen uns unserem inneren Funken näher; sie macht einen Teil des Menschseins aus und verbindet uns mit uns selbst, mit Gott und mit den anderen.

Text: Helga Fitzner

Spendenaufruf
Kunst kostet nun mal Geld, weil wunderbare Menschen davon leben. Wir brauchen aber auch dringend für die gesamte Arbeit Spenden. Die fließen insgesamt in unsere Projekte.

Wir sammeln insbesondere für einen Hilfsfond für in Not geratene Künstler*innen und Selbstständige, die gerade in eine finanzielle Katastrophe stürzen durch den Wegfall von Konzerten, Auftritten und Kunden. Ebenso für alleinerziehende Mütter und deren "Lebenskunst" der Kinderversorgung.

Spendenkonto: Ev. Gemeinde Köln
IBAN: DE49 3705 0198 0007 7020 12
Stichwort: Lutherkirche
Bei Angabe der Adresse gibt es eine Spendenbescheinigung.

Verabschiedung unseres Kurators Hermann Vogel, der seit 1989 die Ausstellungen

Pfarrer Hans Mörtter verabschiedet Kurator Hermann Vogel
Foto: Sonja Grupe, auch das Foto ganz oben

Ewigkeitssonntag an der Lutherkirche, Foto: Helga Fitzner

Das Wandtuch ist fester Bestandteil des Interieurs der Lutherkirche,
Foto: Helga Fitzner

Begegnungsstätte Vringstreff in Köln, Malprojekt, Foto: Helga Fitzner

Der Vringstreff mit einer Ausstellung der dort erstellten Bilder
Foto: Helga Fitzner

Sonja Gruppe, die Organisatorin des kulturellen Fördervereins der Lutherkirche Südstadt Leben e. V., Foto: Helga Fitzner

Sonja Grupe organisiert den Südstadt Leben e. V.

Das Menschensinfonieorchester in der Besetzung von Juni 2019 unter der Leitung von Alessandro Palmitessa beim Song Release im Vringstreff, Foto: Sonja Grupe

Das Menschensinfonieorchester bei einem Auftritt 2019, Foto: Sonja Grupe

Unterbrechung, Stille, Empathie, kuratiert von Rochus Aust, Foto: Rochus Aust

Rochus Aust und die Klangbasierten Künste, Grafik. LTK4

Verabschiedung unseres Kurators Hermann Vogel, der seit 1989 die Ausstellungen

Rochus Aust und Hans Mörtter vor dem Eingang zum Turm, Foto: Sonja Grupe