Historisches über die Lutherkirche Köln

In ihrer über hundertjährigen Geschichte hat die Lutherkirche in der Kölner Südstadt schon vieles erlebt und überlebt

Wie sie die Räumlichkeiten heute nutzen und empfinden, davon erzählen Thomas Frerichs und Hans Mörtter unter "Kirchenraum".

Der Architekt Volker Langenbach hat sich Gedanken über die Verbindung von Spiritualität und Kirchenraum gemacht. Seine erhellenden Gedanken finden Sie unter  "Architektur und Tranzendenz".

In unserer  Zeittafel   geben wir Ihnen ein paar Fakten und Daten zur Zeitgeschichte in Bezug auf die Lutherkirche. Wussten Sie, zum Beispiel, dass Pfarrer Hans Mörtter schon seit 1987 an der Lutherkirche ist? Oder wann die Lutherkirche wiederaufgebaut wurde?

Text und Detailfotos: Helga Fitzner
Foto vom Interieur: Simon Vogel

Kirchenraum

Ein geschützter Raum

Gemütlich ist der Raum zunächst nicht, aber der Backstein der Wände strahlt für mich Wärme aus. Es ist schön, dass der Raum die fast kreisförmige Sitzanordnung zulässt. Dadurch betont er die Gemeinschaft.

Das absolut Schöne an dem Raum ist, dass er das spirituelle „Zusammen-Feiern“ ermöglicht. Das ist ganz klar ein geschützter Raum.

Thomas Frerichs

Ein dialogischer Raum


Da steht zum Beispiel eine Urne oder ein Sarg, es entstehen teilweise schwierige Situationen, bei denen man fast den Atem anhält und dann irgendwann findet dort die Karnevalsfete oder der Tangogottesdienst statt, das gehört alles dazu.

Manchmal denke ich, atmet hier noch jemand? Soviel spirituelle Dichte lässt dieser Raum zu.

Im Rückblick fällt mir auf, dass die Offenheit des Raumes, unsere Suche nach den verschiedenen Möglichkeiten Abendmahl zu feiern, immer zugelassen hat.

Der Raum gibt das eben her, dass ich erst einmal ankommen kann. Dass ich hier sein kann. Dass ich für den Augenblick hier zu Hause bin, mit dem was mich bewegt.

Ein dialogischer Raum auch, weil er Begegnungen ermöglicht, erst einmal mit mir selbst und dann darüber hinaus. Ich kann darin frei sein und loslassen und damit empfänglich werden.

Kirchenraum als Werkstatt - So entstand das Wandbild

Den Maler des Wandbildes, Christos Koutsouras, habe ich außerhalb der üblichen Kirchenszene kennen gelernt. Das Bild hat sich wie selbst-verständlich aus unseren gemeinsamen Gesprächen entwickelt. Erde, Blut, Versöhnungsritus, Opfer, all das hat uns schon vor dem Bild in den gemeinsamen Gesprächen beschäftigt. Als Künstler hat er dann die Kraftdimensionen entdeckt. Eine ältere Dame aus der Gemeinde hat die Leinwand genäht. Gemalt hat der Künstler rund um die Uhr auf dem Boden der Kirche. Die Kirche war vier Wochen lang eine Werkstatt. Die Bänke waren an die Seite geräumt. Von dort haben die Menschen den Prozess beobachtet. Der Prozess im Dialog mit dem Ort war der Wahnsinn. Ohne den Ort wäre das Bild so nicht entstanden.

Hans Mörtter

Architektur und Transparenz

Mensch und Raum

Nicht die große, um Aufmerksamkeit heischende architektonische Geste prägt diese Kirche, sondern es ist der einzelne Stein, der gleich den Gliedern der Gemeinschaft das Ganze erschafft. Die Steine geben sich gegenseitig Halt. Ihr Verbund ermöglicht Stabilität.

Auf der Suche nach uns selbst erleben wir einen Raum, der mit seiner Leere den notwendigen Freiraum lässt. Die Leere des Raumes wirft den Ruf des Suchenden auf ihn selbst zurück.

Klarheit in der Raumbildung, kein barockes Abbild eines imaginären Reiches Gottes, sondern das Wesentliche „sichtbar-machen“, so tritt die Architektur in einen Dialog mit den Menschen, der von großer Aktualität ist.

Die reduziert eingesetzten architektonischen Mittel geben den Menschen Raum. Der offene, klare Raum bietet Zuflucht, „hier darf ich ankommen“. Dabei bringt die Höhe des Raumes die Erdenschwere der Wände ins Gleichgewicht.

Darüber hinaus wird die Monumentalität der Wände durch die asymmetrische Anordnung der Öffnungen gebrochen. Diese Brüche sind es, die eine Nähe zum Menschen herstellen.

Der Erdverbundenheit der Wände und des Bodens werden die Buntheit der Fenster und das plastische Streiflicht im Altarraum als Kontrapunkte gegenüber gestellt.

So bekommt der Raum sein Gleichgewicht. Eine Harmonie stellt sich ein, wie sie nur von einem „von Gott beseelten“ Architekten geschaffen werden kann. Ein Raum, der mit den Menschen in Balance ist, Schutz und Verheißung zugleich. Die Gemeinde, die hier versammelt ist, ruht in sich selbst.

Interieur der Lutherkirche, Foto: Helga Fitzner

Licht wird wie ein kostbares Gut sparsam behandelt, so wird es zu einer Botschaft aus einer fernen Welt. Im Innern des Kirchraumes wird die Außenwelt nur noch spärlich angedeutet. Selbst das raumhohe Fenster an der Südostwand ist mit tiefen Betonlaibungen und antikem Glas so trennend gestaltet, dass die Erinnerung an das Atrium dahinter nur eine leise Ahnung bleibt. Ein schemenhafter Blick auf das Vergangene, den Hinweg, und das Zukünftige, den Rückweg. Der Lichteinfall aus dem Fenster zum Atrium umschmeichelt den Besucher selbst bei hartem Sonnenlicht sanft wie in einem Blätterwald. Doch es gibt auch eine Steigerung in der Lichtführung. Von der Dunkelheit am Eingang unter der Orgelempore hin zur Helligkeit des Altarraumes mit den raumhohen, seitlichen und ebenfalls blickdichten Lichtöffnungen.

Der Bogen der Altarwand unterstützt dabei den Eindruck der Befreiung.

Orgel der Lutherkirche, Foto: Helga Fitzner


Radikal fragmentarisch wirkt das fragile Gefüge aus Glassplittern des kleinen, quadratischen Fensters über der Kanzel. Die farbliche Grundstimmung ist kräftig, dunkelrot und purpur gemischt mit Meeresfarben von Türkis bis zu einem tiefen Blau. Die Meeresfarben blasser aufnehmend, aber um so größer in der Fläche ist das Fenster neben der Orgel, es bringt die asymmetrische Anordnung der Orgel und deren Farbigkeit an der rückseitigen Querwand der Kirche ins Gleichgewicht. Material und Wirkung Decke, Wände und Boden

erzeugen eine Körperlichkeit, deren Magnetismus innerhalb des Raumvolumens wie eine schützende Hülle „Heimat“ bietet.

Die innen sichtbaren, tönernen Dachziegel des Satteldachs und die im Innenraum erlebbare archaische Stärke der Mauerwände stehen für einen Raum, der beherbergen und schützen möchte. In den Außenwänden ragen einzelne aus dem Maß geformte Brandsteine heraus, wie Findlinge in einem mediterranen Bauernhaus. Schlichte Holztüren weisen den Weg. Die Stufen zu Orgel und Kanzel, frei aus dem Mauerwerk herauswachsende Platten, setzen im Innern dieses Thema fort.

Taufbecken der Lutherkirche, Foto: Helga Fitzner

Die hartgebrannten Handstrichziegel zeugen von dem Wiederaufbau nach dem Krieg, „Neues Schaffen“ mit einfachen, vorhandenen Mitteln. In der Fügung der Steine an den Laibungen der Fenster wird eine Detailsorgfalt sichtbar, die uns von einem liebenden Architekten erzählt. Über drei Stufen erhebt sich sanft der Altarraum wie ein Teppich aus Travertin, aus dem ein Altartisch in gleicher Materialität entwächst. Der Altar, Tisch und aus dem Boden gewachsener Fels zugleich, wirkt schwebend und schwer, ganz in sich ruhend. Seitlich des Altarraumes, eine Stufe unter dem Bodenniveau, markiert die wasserfarbene Mosaikoberfläche, aus der sich bauchhoch ein roher Travertinstein mit Taufschale erhebt, einen Ort, der die Erinnerung an plätscherndes

Wasser in sich trägt. Gleich Engelsflügeln schwebt der Prospekt der Orgel auf einem schmalen Sockel auf der Empore und bringt damit, die Bedeutung der Orgel unterstützend, das Transzendente ins Spiel.

Text: Architekt Volker Langenbach


Lithographie der Lutherkirche Köln von 1906, Foto: urheberrechtlich geschützt

Zeittafel der Lutherkirche - 1906 bis heute

Die Lutherkirche wurde 1906 erbaut und im Zweiten Weltkrieg zerstört. Nur noch der Turm erinnert an die alte Kirche, hier in einer Lithografie von 1906 abgebildet.

Hermann Vogel erstellte diese Zeittafel anlässlich des 100. Geburtstages der  Lutherkirche 2006. Wir haben sie seitdem fortgesetzt und sie gibt einen kurzen, aber prägnanten Überblick über die Geschichte des Gotteshauses.

Räumlichkeiten der Lutherkirche in der Kölner Südstadt zum Mieten, Foto: Simon Vogel