"Handeln statt hoffen" -  Carola Rackete

"Aufruf an die letzte Generation"

Kapitänin Carola Rackete im Gespräch mit dem Journalisten Ulrich Noller, Foto: Buchcover


Die Notwendigkeit einer Systemänderung


Carola Rackete hat Nautik und Naturschutzmanagement studiert und arbeitete auf Forschungsschiffen wie Meteor, Polarstern und der Arctic Sunrise. Seit 2016 ist sie aufgrund der Krise im Mittelmeer dort in Sachen Seenotrettung unterwegs und machte Schlagzeilen, als sie als Kapitänin im Juli 2019 ohne Genehmigung mit 40 Geretteten an Bord in den Hafen von Lampedusa einlief. Dies brachte ihr Hausarrest und eine Anklage wegen Begünstigung illegaler Einwanderung ein. In ihrem Buch „Handeln statt hoffen – Aufruf an die letzte Generation“ erzählt sie die Geschichte dieser Rettung, der Notsituation an Bord, der Verhöre und des anschließenden Urteilsspruchs.

Im Kapitel „Hören wir auf zu hoffen“, erklärt sie zudem, warum die Hoffnung auf Veränderung nicht ausreicht und gehandelt werden muss. Schon 1972 hat der Club of Rome, ein internationaler Zusammenschluss von Experten verschiedener Disziplinen, die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ vorgelegt. Obwohl damit der Kausalzusammenhang zwischen der kapitalistischen Forderung nach immer größerem Wachstum und der Zerstörung des Planeten belegt ist, wurde mit dem Raubbau der Erde fortgefahren, und man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu verstehen, dass es bei begrenzten Ressourcen gar kein un-begrenztes Wachstum geben kann. Durch den Klimawandel sind Notsituationen entstanden, die vor allem die Menschen betreffen, die ihn gar nicht verursachen. „Der Wohlstand weniger Länder, multinationaler Unternehmen und reicher Personen basiert auf der Arbeitsleistung und den Bodenschätzen armer Länder ohne eigene Perspektive. Die Industrienationen in Europa und andernorts tragen an Bürgerkriegen und wirtschaftlicher Not, an Ausbeutung und Misshandlung eine hohe Mitverantwortung – mehr noch, sie verdienen daran“, schreibt Rackete (S. 34). Sie nennt als Beispiel unsere Handys, für deren Produktion u. a. Kobalt und Coltan benötigt wird, wofür z. B. im Kongo unter menschenunwürdigen Bedingungen geschürft wird, auch unter Einsatz von Kinderarbeit. Das führt zur Umweltzerstörung, zu Armut und schafft Fluchtursachen. Für Rackete ist dies keine Flüchtlingskrise, sondern eine Krise der globalen Gerechtigkeit.

Rackete erzählt von ihrem Werdegang und ihren Einsätzen als Nautikerin auf Schiffen in der Arktis und Antarktis. Hier hatte sie Gelegenheit, das Schmelzen des ewiges Eises mit eigenen Augen zu schauen und die Dringlichkeit eines zielführenden Handelns zur Abmilderung oder Abschaffung der Ursachen zu erkennen. Sie zählt viele Gründe auf, die zur Verschärfung der Flüchtlingskrise beitragen: die Verschmutzung und Vergiftung von Trinkwasser, die Zerstörung von Ackerböden durch industrielle Landwirtschaft, das Ansteigen des Meeresspiegels, Dürren und Überschwemmungen. Das wird immer mehr Menschen zur Migration zwingen, obwohl es Klimaflüchtlinge offiziell gar nicht gibt. Damit sind auch unsere Errungenschaften, z. B. in der globalen Gesundheit gefährdet (S. 78f). Die Verursacher sind leicht zu identifizieren: darunter Öl- und Energiekonzerne, die Finanzwirtschaft sowie die Politiker, die deren Begehrlichkeiten unterstützen.

In dem Buch werden die Kipp-Elemente erklärt, die, wenn sie einmal überschritten sind, nicht mehr umkehrbar sind. Da alles mit allem zusammenhängt, beeinflussen sich diese Elemente gegenseitig, wie das erwärmte Meerwasser sich auf das ewige Eis. Wenn das einmal angestoßen wurde, würde das „Kaskaden von Kipppunkten in anderen Elementen auslösen“ (S. 82), woraufhin dann eine ungebremste Erderwärmung die Folge wäre, die dann wiederum die Ökosysteme zerstören und uns die Lebensgrundlagen entziehen würden. Die Denkfabrik Global Footprint Network berechnet den „Erdüberlastungstag“ für einzelne Länder, also den Tag, an dem wir unser klimaverträgliches Jahrespensum erreicht haben. Katar verhält sich so klimaschädlich, dass es 2019 diesen Tag schon am 11. Februar erreicht hat, Deutschland bereits am 3. Mai, während eines der bevölkerungsreichsten Länder, Indonesien, erst am 13. Dezember so weit sein wird.

Weder Politik noch Wirtschaft kommen zu effektiven Lösungen und Rackete bezeichnet ihre Versuche als „hilfloses Herumdoktern“ (S. 101), denn sie entstehen innerhalb jenes Systems, dass die Krise verursacht. Also muss das System geändert werden. Die Wirtschaft darf nicht mehr weiter wachsen, und die „Degrowth“-Bewegung hat vielfältige Vorschläge, wie das erreicht werden kann, darunter: die Abschaffung des Bruttoinlandsprodukts, das als Indikator für wirtschaftlichen Fortschritt gilt, die Festsetzung ökologischer Obergrenzen für CO² und natürliche Ressourcen, die Beendigung umweltschädlicher Subventionen und Investitionen, ein Mindesteinkommen sowie ein Höchsteinkommen... (mehr auf S. 126)

Des weiteren muss Ökozid strafbar werden, also die Naturzerstörung, damit Firmen wie BP für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko oder Tepco für die Nuklearkatastrophe in Fukushima zur Verantwortung gezogen werden können. Es sieht derzeit nicht so aus, dass die Politik und die Wirtschaft die Systemänderung selber vornehmen werden, deswegen müssen möglichst viele Menschen sie über einen längeren Zeitraum einfordern. Es hat sich in der Geschichte gezeigt, dass der gewaltfreie Widerstand, der nachhaltigste ist, also könnten wir zusammen daran mitwirken, den Planeten und unsere Zukunft zu erhalten. Deshalb plädiert Carola Rackete für den zivilen Ungehorsam: „Wir leben in Zeiten, in denen die Ordnung, die wir haben, falsch und zerstörerisch ist. Sie muss gestört werden, weil sonst Menschen sterben“, (S. 160) beschließt Rackete ihre Ausführungen, die sie zusammen mit der Autorin und Umweltaktivistin Anne Weiss zusammengestellt hat. Es sind viele weitere Aspekte und komplexe Zusammenhänge aufgeführt und das Buch regt insgesamt zur Diskussion an.
Text: Helga Fitzner