Fukushima - Gedenken
Gottesdienst am 03.04.2011

Es gibt Zeiten, an denen die Menschen näher zusammenrücken

Zum Gedenkgottesdienst stand uns Herr Kojo Mochizuki zum Gespräch zur Verfügung, ein Japaner, der in unmittelbarer Nachbarschaft zur Lutherkirche wohnt.

Im Nachtrag schrieb er Pfarrer Mörtter den folgenden Brief:

"Lieber Herr Mörtter,
Anbei die Datei eines Gedichtes.

Ich möchte es gerne verbreiten, weil es die Wahrheit ist! Und
weil ich die Verlogenheit der Politiker, Lobbyisten etc. auch
nicht mehr ertrage und die Welt auch für unsere Kinder und
deren Kinder noch lebenswert sein soll, mit Ehrlichkeit,
Empathie und allem, was menschlich und liebenswert ist! Diese
Katastrophe in Japan ist so unvorstellbar schrecklich!

Dieses Gedicht bringt all das zum Ausdruck so gut mit frischen
Augen von einer 16-jährigen, dass ich fest davon überzeugt bin,
es hat eine sehr wichtige Botschaft auch für Deutsche!
Mit herzlichem Gruß
Koji Mochizuki"


Gedicht einer Fukushima-Schülerin

Hilf mir,
ich bin eine Schülerin
aus Minami-Soma in Fukushima.

Durch den Tsunami habe ich Freunde verloren,
meine Freunde haben ihre Eltern verloren,
meine beste Freundin steckt in Minami-Soma, weil sie ohne Benzin nicht fliehen kann.

Nur mit Telefon und Email
kann ich sie ermuntern.

Ich kämpfe jetzt mit der Furcht
vor der Radioaktivität.

Ich bin aber resigniert.

Mit sechzehn
Bin ich bereit für den Tod;
Ich fühle den herannahenden Tod.

Wäre ich auch gerettet,
so müßte ich ständig mit der Furcht vor der Radioaktivität leben.

Die Politiker, der Staat,
die Massenmedien, die Experten,
die Bosse des AKW,
sie alle sind Feinde.
Sie alle sind Lügner.

Das Fernsehen berichtet immer weniger über das AKW,
immer dieselbe Szene des Tsunami,
herzlose Interviews durch die Medien,
Beileidsbekundung nur als Lippenbekenntnis,
der Politiker, der den AKW-GAU als „Naturkatastrophe“ bezeichnet.

Politiker, helfen Sie uns mit Ihrem Gehalt und Ihren Ersparnissen.

Hören Sie auf mit dem Luxus und
helfen Sie den Opfern zu überleben.

Nicht nur Befehle erteilen,
nicht nur von sicheren Orten zuschauen,
sondern bitte vor Ort uns helfen!

Wir sind vernachlässigt,
wahrscheinlich wird Fukushima isoliert.

Wir werden vernachlässigt,
wir werden von dem Staat getötet.

Wir Katastrophenopfer werden dem Staat, der uns vernachlässigt hat, nie verzeihen, wir werden ihn immer hassen.

Ich möchte demjenigen, der diesen Zettel gelesen hat, mitteilen:

Sie wissen nicht, wann ein für Sie wertvoller Mensch plötzlich verschwindet. Stellen Sie sich vor, dass derjenige, der jetzt nebenan lacht, plötzlich verschwindet.

Gehen Sie bitte mit ihm behutsamer um,
Unsere Schule, in der wir unsere Jugend verbringen, ist zur Leichenhalle geworden,
In der Turnhalle, in der wir Sport und Clubaktivitäten treiben, liegen nun die reglosen Toten.
Wie kann ich die Wahrheit möglichst vielen mitteilen?
Wenn auch nur einer diesen Zettel liest,
wäre ich glücklich.
Ich habe mir überlegt und so einen Zettel geschrieben.
Ich entschuldige mich
und ich bedanke mich.
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Schülerin wohnhaft ganz nah zum havarierten AKW Fukushima, veröffentlicht am 30.03.2011 in:
http://ameblo.jp/tsukiji14/entry-10844839979.html
Übersetzt von (Herrn) Koji Mochizuki
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Gedanken von Pfarrer Hans Mörtter dazu

"Berichtet wird seit dem 11. März massenweise.

Aber erst das Gedicht einer 16-jährigen Schülerin aus Fukushima
wird zum Gesicht der Katastrophe
der Lebensfeindlichkeit der
Atomenergie und der Raffgier, der Verschleierungstaktik  ihrer Betreiber.
Die Politiker sind hilflos, versagen.

Die Wahrheit ihrer Klage rüttelt uns aus unserem Dornröschenschlaf
unsanft wach
die Titanic war nicht unsinkbar
Atomenergie ist nicht
sicher, sondern tödlich, jetzt
und auf lange Zeit.

Und plötzlich geraten auch die Menschen und Gesichter und Leben
wieder in den Blick, die fast totgeschwiegen noch heute unter den Folgen
von Tschernobyl leiden.

ES IST GENUG !

Es ist Zeit, die Erde und ihr Leben wieder zu behüten und zu bewahren.
Das liegt an uns allen."
                 
In der Passionszeit 2011  -  Hans Mörtter