29. Kölner Talkgottesdienst am 30.09.18
zu Gast: Fritz Pleitgen

Journalist, Autor, langjähriger Intendant des WDR und Auslandskorrespondent in Moskau und Washington

Zurück zur Gesprächskultur mit Russland

Am 6. Juni 2018 fand die erste direkte Fragestunde im Deutschen Bundestag statt, in der Kanzlerin Angela Merkel klar sagte, dass sie keinen Weg zurück zu den G8-Verhandlungen sähe, also einem Treffen der sieben großen Industrienationen G7, bei dem auch Russland als achtes Land mit am Verhandlungstisch sitzt. Das Gipfeltreffen im Juni 2018 in Kanada fand wieder nur als G7 statt, also ohne Russland, das im Jahr 2014 nach der Krise mit der Ukraine und der Krim ausgeschlossen worden war. Pfarrer Hans Mörtter meint aber: „Wir müssen mit Präsident Putin klar kommen, ob wir wollen oder nicht. Mit Russland verbindet uns eine Jahrhunderte lange gemeinsame Geschichte. Wir müssen zur Gesprächskultur zurückkehren, wie es damals Willy Brandt und einige seiner Mitstreiter während des Kalten Krieges geschafft haben. Gerade jetzt sind Vertrauensbildung, kulturelle Begegnungen und der Dialog besonders wichtig.“

Für den 29. Kölner Talkgottesdienst hat Mörtter Fritz Pleitgen eingeladen, den
langjährigen Intendanten des WDR (1995 bis 2007), der davor Auslandskorrespondent sowohl in Moskau als auch in Washington war. Nach eigenen Aussagen hat diese Erfahrung sein Denken geprägt und Pleitgen wiederum prägte die Eindrücke derer, die seine Beiträge sahen. Fritz Pleitgen hat in sehr jungen Jahren als Zeitungsreporter angefangen, bekam dann Angebote vom WDR Fernsehen, danach vom WDR Rundfunk, wo er immer größere Verantwortung übernahm. Vielen Zuschauern ist er noch als Korrespondent in Ost-Berlin zur Zeit der Wende in Erinnerung und als Moderator des Presseclubs (1993 – 2006) bekannt.

Mörtter will Pleitgen nach seinem großen Erfahrungsschatz befragen, denn heute basiert die Berichterstattung immer mehr auf „gefühlten“ Wahrheiten als auf Fakten, während aufgebauschte Falschmeldungen und Bagatellen im Vordergrund stehen und die Vermittlung von Tatsachen übertünchen, manchmal sogar ersetzen. Pleitgen war lange vor Ort in Moskau tätig und bereist Russland heute noch regelmäßig, so dass er aus der Position eines wirklichen Kenners über einen langen Zeitraum heraus sprechen kann.

Es ist zu vermuten, dass sich die Konflikte mit Russland nicht ohne Gespräche und Verhandlungen werden lösen lassen. Mörtter sagt, dass wir uns im Dialog mit Russland aber von einem Schwarzweißdenken in Gegensätzen von gut und böse verabschieden müssten. Feindbilder und die herablassende Haltung des Westens gegenüber Russland sowie das grassierende Russland-Bashing in der Presse wären nicht weiterführend. Ohne Zustimmung der Russen, damals noch Sowjets, wäre die Wiedervereinigung Deutschlands nicht möglich gewesen. „Wir dürfen uns nicht über die Russen stellen, denn wir sind nicht der Maßstab der Dinge. In dem Gespräch mit Fritz Pleitgen wollen wir uns nicht auf das Trennende konzentrieren, sondern das Augenmerk auf das richten, was uns verbindet,“ verkündet Mörtter, der sich auf seinen Talkgast und dessen reichhaltiges Insider-Wissen schon sehr freut.
Text: Helga Fitzner


WDR-Dokumentation über Fritz Pleitgen vom 16. März 2018
Artikel in der FAZ vom 21. März 2018
Interview im Deutschlandfunk vom 30. März 2017