Dirk Gebhardt, Fotograf, Journalist, Hochschullehrer. Kölner Talkgottesdienst, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Jan Verbeek

31. Kölner Talkgottesdienst 19.09.2021
zu Gast: Journalist Dirk Gebhardt

Dirk Gebhardt, Fotograf, Journalist, Hochschullehrer. Kölner Talkgottesdienst, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Dirk Gebhardt, Verlag NIMBUS. Kunst und Bücher, Schweiz

Dirk Gebhardt erzählte von seinen Erfahrungen mit Afghanistan
(Der ursprünglich vorgesehene Talkgast Martin Gerner, siehe unten, musste wegen eines Krankheitsfalles in der Familie kurzfristig absagen.)

Die aktuelle Lage der Flüchtlinge aus Afghanistan und in Moria

Pfarrer Hans Mörtter und der Kölner Journalist und Fotograf Dirk Gebhardt kennen sich schon länger. Hans Mörtter bezeichnet ihn als Verbündeten, mit dem er über eine Vielfalt an Themen sprechen kann. Die Flüchtlingsthematik ist eine davon, mit der sich Gebhardt durch seine Tätigkeit für UNICEF und World Vision auskennt. Im Fokus des Talks lag aus aktuellem Anlass Afghanistan.

Dieses Mal haben wir eine Videoaufzeichnung des Gesprächs angefertigt, weswegen ein redigiertes Transkript entfällt.

Dirk Gebhardt kann zwar nicht vor Ort sein, ist aber emotional und in seinem Handeln in Afghanistan, weil er versucht, Menschen mit verschiedenen Ethnien und Hintergründen aus dem Land zu holen, erzählt er. Das sind Menschen, die mindestens 20 Jahre lang mit westlichen Ländern zusammengearbeitet haben. Wenn er das geschafft hat, versucht er die in Deutschland gelandeten hier ankommen zu lassen, indem sie entsprechend betreut werden. Die Geflüchteten müssen laut derzeitiger Gesetzeslage trotz ihrer Mitarbeit bei internationalen Organisationen alle Asyl beantragen. Selbst wenn sie Verwandte in Deutschland haben, dürfen sie dort nicht hin, sie müssen in Flüchtlingsunterkünften leben. Die Listen von den Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen das Land noch verlassen wollen/müssen, liegen verschiedenen NGO vor. Es wäre eigentlich nur eine Frage von Verhandlungen zwischen deutschen und afghanischen Regierungsvertretern, die restlichen noch herauszuholen. Aber das geschieht nicht.

Hans Mörtter ist generell erzürnt über den Umgang mit Menschen aus Krisengebieten: „Das Wort 'humanitäre Katastrophe' bringt mich zum Kotzen. Das ist keine humanitäre Katastrophe, das dient gezielt der Abschreckung.“ Dirk Gebhardt bestätigte das: „Das oberste Ziel europäischer Migrationspolitik ist es, keine Migranten aufnehmen zu müssen. In jeglicher Form.“ Dann kam Gebhardt auf den demografischen Wandel zu sprechen. Da unsere Gesellschaft immer älter wird, bräuchten wir den Zuzug jüngerer Menschen. Migration hat es immer gegeben: „Wenn ich jetzt fragen würde, wessen Familie seit über 500 Jahren in Köln lebt, könnte vermutlich keiner die Hand heben“. Wenn Migration ein natürlicherweise stattfindendes Phänomen sei, dann könne man auch Chancen nutzen und nach Entwicklungsmöglichkeiten Ausschau halten, meinte er.

Die afghanischen Flüchtlinge, bei deren Ausreise Gebhardt helfen konnte, hatten gar keine Unterlagen mehr. Die mussten selbst ihre Handys zurücklassen wegen möglichen kompromittierenden Materials, das ihnen hätte gefährlich werden können. „Die haben alle wichtigen Unterlagen zu mir und anderen geschickt, sodass wir deren halbes Leben auf dem Rechner haben. Das bekommen die dann wieder ausgedruckt, wenn sie ihr Asylverfahren bekommen, damit sie nachweisen können, dass sie z. B. von der Bundeswehr engagiert worden waren. Wenn man solche Nachweise nicht erbringen kann, hat man auch kein Recht nach Deutschland zu kommen.“

Mörtter formulierte Gründe, warum viele Bundesbürger*innen eine so ablehnende Haltung Geflüchteten gegenüber hegen: „Wir haben in Deutschland vergessen, wer wir sind. Was macht unsere Kultur aus? Haben wir noch eine Religion oder shoppen wir im religiösen Supermarkt? Wenn ich weiß, wer ich bin, woher ich komme, was mich prägt, was meine Geschichte ist, dann kann ich dem anderen in Freiheit und Offenheit begegnen. Wenn ich aber nicht weiß, wer ich bin, muss ich vor dem anderen, der das für sich womöglich weiß, Angst haben.“ Gebhardt entgegnet: „Aber das ist kein Naturgesetz, letztendlich verhandelt unsere Gesellschaft ständig ihr eigenes Dasein neu. Die eigenen Werte werden immer wieder hinterfragt und da haben wir die Möglichkeit, das auch zu steuern.“ Gebhardt erzählt, dass Flüchtlinge auf deutschen Ämtern auf einmal wie Menschen behandelt würden, wenn er sie begleite und seine Visitenkarte mit seinem akademischen Titel vorlege.

Die beiden Gesprächspartner kamen auch auf das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos zu sprechen. Die Geflüchteten dort, darunter auch Afghanen, haben viele Berufe, es sind viele gebildete und ausgebildete Menschen dabei, die das Lager und ihr Leben selbst gestalten könnten. Man müsste ihnen nur das Material geben. Das wird ihnen aber verwehrt. Die Millionen von Spenden, die nach dem Brand in Moria im Jahr September 2020 eingingen, sind bis heute nicht bei den Betroffenen angekommen. Mörtter beklagte, dass Hilfsgüter hier in Deutschland gekauft und dann nach Griechenland transportiert werden. Er hat darum gebeten, das Geld zu bekommen, um die Bedarfe in griechischen Läden einzukaufen, aber darüber wird nicht nachgedacht. Er empfahl das Buch des ursprünglich vorgesehenen Talkgastes Martin Gerner „Moria. System. Zeugen“, das er als absolutes Muss bezeichnete. Gerner lässt darin Einheimische, Flüchtlinge und Helfer*innen zu Wort kommen und begegnet ihnen auf Augenhöhe (mehr über Gerner weiter unten).

Mörtter beklagte insgesamt, dass in Bezug auf Geflüchtete internationales Recht, das über Jahrhunderte erstritten wurde, Tag für Tag gebrochen würde. Die Flüchtlinge in den Lagern und anderen Flüchtlingsunterkünften seien „Geiseln europäischer Abschreckungspolitik“.


Noch einige Informationen über unseren Talkgast, der so kurzfristig eingesprungen ist: Dirk Gebhardt ist Fotograf, Journalist und Hochschullehrer und veröffentlicht in internationalen Magazinen wie stern, DIE ZEIT, La Repubblica und Time Magazine. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, im Jahr 2002 mit dem Otto-Steinert-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Seit 2007 ist Gebhardt Lehrbeauftragter, seit 2011 Professor für Bildjournalismus und Dokumentarfotografie an der Fachhochschule Dortmund. Er ist ebenfalls Mitglied der Bild- und Fotografenagentur laif, der Fotografenvereinigung Freelens, der Deutschen Fotografischen Akademie (DFA) und der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh).

Er hat 2017 ein Buch über eine Reise geschrieben,
"Quer durch Deutschland - Eine Wanderung von Ost nach West" , das im Verlag NIMBUS. Kunst und Bücher erschienen ist. "Entstanden ist eine «Sozial»-Reportage über die Conditio Humana der Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts in 191 Fotos", heißt es im Verlagstext.

Text: Helga Fitzner
Fotos: Jan Verbeek

Dirk Gebhardt, Fotograf, Journalist, Hochschullehrer. Kölner Talkgottesdienst, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Jan Verbeek

Dirk Gebhardt und Pfarrer Hans Mörtter kennen sich schon länger

Dirk Gebhardt, Fotograf, Journalist, Hochschullehrer. Kölner Talkgottesdienst, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Jan Verbeek

Die Lage in Afghanistan und Moria lag im Fokus des Talks

Dirk Gebhardt, Fotograf, Journalist, Hochschullehrer. Kölner Talkgottesdienst, Moderation Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Jan Verbeek

Thomas Frerichs (Klavier), Martina Thomas (Akkordeon) und Bettina Scheibler (Geige/Bratsche) mit Tangoklängen




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URSPRÜNGLICH VORGESEHEN WAR EIN TALK
mit dem Moria-Autor und Afghanistan-Helfer Martin Gerner
Thema: Die Lage im Flüchtlingslager Moria
Wir wollen zu einem späteren Zeitpunkt auf das Thema zurückkommen

Auswege aus der Schockstarre europäischer Außenpolitik

Eine TATORT- und eine KONFLIKTZONE nennt der langjährige Autor und Journalist Martin Gerner  das Flüchtlingslager in Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Ein Jahr nach dem Brand hat sich an den dortigen Missständen wenig geändert. In seinem gerade erschienenen Buch  „Moria. System. Zeugen“  begegnet der Wahlkölner Einheimischen, Flüchtlingen und Helfer*innen auf Augenhöhe und hört ihnen zu. Pfarrer Hans Mörtter, der im vergangenen Jahr auf der Insel Samos ein Lager besuchte, hat seine eigenen Erfahrungen in der Dokumentation wiedererkannt: „Es deckt sich mit allem, was ich auf Samos erlebt habe. Martin Gerners Buch ist bemerkenswert. Ich bin beeindruckt - da ist einfach alles drin.“

Martin Gerner stellt fest in seinem Buch fest: „Der Fall Moria ist nicht abgeschlossen. Vielmehr verdichtet sich das Bild eines politischen wie humanitären Versagens auf lokaler, nationaler und europäischer Ebene, das im Brand vom 8./9. September 2020 kulminierte.“ Er recherchiert und dokumentiert auch die Ambivalenz und Hilflosigkeit der Flüchtlingshilfe. Beispiele zeigen, was hier falsch läuft – und wie man dem konstruktiv entgegenwirken könnte.

Martin Gerner ist Hörfunk-Korrespondent für DLF/DeutschlandRadio, ARD und ein neugieriger Konfliktforscher. In Afghanistan und im Irak setzt er sich seit 9/11 2001 für Presse- und Meinungsfreiheit ein und hilft mit, eine Zivilgesellschaft dort aufzubauen. So weit das möglich ist. Auf Lesbos und entlang der Balkanroute dokumentiert er die Lage seit 2017 mit Texten und Bildern.

Wie der Autor für den Talk-Gottesdienst ist auch Pfarrer Hans Mörtter seit Jahren im Dauereinsatz für Geflüchtete, hat schon drei Benefizveranstaltungen in der Kölner Philharmonie organisiert und viele andere Aktionen. Es werden im Talkgottesdienst etliche ernste und öffentlich gar nicht so bekannte Fakten benannt werden.

Musikalisch verstärkend kommt der Tango dazu, der entgegen der Ohnmacht von der Kraft und Würde des Menschseins erzählt: Kantor Thomas Frerichs, Klavier, Bettina Scheibler, Violine/Bratsche und Martina Thomas, Akkordeon.

Text: Helga Fitzner, Martin Gerner, Hans Mörtter

Buchcover von