"Der Gesandte" von Abdallah Frangi

Mein Leben für Palästina
Hinter den Kulissen der Nahost-Politik
Heyne Verlag

Buchcover

„Was hat dich da hoch-getrieben? Was hast du da oben zu suchen? Bete ich nicht schon genug für dich?“ (*1) Abdallah Frangis Mutter war über die Unbändigkeit ihres fünften Kindes nicht sehr erfreut. Er war mal wieder die Stangen eines Beduinenzeltes heraufgeklettert und hatte sich beim Herunterrutschen verletzt. Frangi war der Spross eines einflussreichen und wohlhabenden Beduinenscheichs und wuchs in der Nähe von Beersheva  am nördlichen Rand der Negev-Wüste auf. Sein Vater war ein umsichtiger und großzügiger Großgrundbesitzer, baute Obst, Gemüse und Getreide an und hielt Schafe und Kamele. „In der Welt, deren Licht ich 1943 erblickte, gab es keine Angst. Ich lebte im Paradies“ (*2), erinnert sich Frangi. Er war fünf Jahre alt, als diese Welt unterging. 1948 wurde der Staat Israel gegründet.

Es begann die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung. Der kleine Abdallah kannte die Hintergründe nicht, aber eines Tages entschloss sich sein Vater zur Flucht nach Gaza. Frangi beschreibt Gaza als einen Käfig, der 40 Kilometer lang und 10 Kilometer breit ist. Der Knabe Abdallah, der ein privilegiertes Leben und die Weite der Plantagen gewohnt war, erlebte das Chaos und die Enge des Flüchtlingsdaseins. Sein ältester Bruder Mohammed hatte sich einer geheimen Widerstandsorganisation angeschlossen, für die Abdallah als Zwölfjähriger schon kleinere Botengänge übernahm: „Ich entdeckte in diesem Durcheinander die Politik als Ersatz für die verlorene Weite der alten Heimat und das Gefühl der Freiheit, das damit verbunden gewesen ist“. (*3) Mit 16 Jahren wird auch Abdallah in die Gruppe aufgenommen, die sich inzwischen einen Namen gegeben hat: al Fatah.

Gaza beschreibt Frangi weiterhin als ein großes Labor, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur zusammengeschmolzen wurden zu etwas, was es in der Geschichte vorher noch nicht gab: eine gemeinsame palästinensische Identität. Es gab auch eine charismatische Person, die dieses heterogene Konglomerat von Menschen zusammenhalten konnte: Jassir Arafat, Gründungsmitglied der Fatah, späterer Vorsitzender der PLO, der zum Vorbild und Mentor des jungen Abdallah wird. Frangi klettert fortan zwar keine Zeltstangen mehr herauf, aber die politische Karriereleiter, und er wird sich beim Herabrutschen oft genug weh tun. Gegner werden ihm nach dem Leben trachten und er wird viele Mitstreiter auf seinem Weg verlieren.

Anfang der 60-er Jahre geht Frangi nach Deutschland, um Medizin zu studieren. Er ist sehr angetan von der Gastfreundlichkeit der Deutschen; vor allem die Vertriebenen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg sympathisieren mit den jungen Palästinensern. Frangi findet väterliche Lehrer, darunter einen Germanistikprofessor, der ihm Bücher über den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung zu lesen gibt. „Ich las sie alle, und meine Irritation wuchs. Von den Leiden der Juden war bei uns ... nie die Rede gewesen“. (*4) Zu der Zeit lebten etwa 25.000 Palästinenser in Deutschland. Frangi leistet seinen Anteil daran, sie in den studentischen und Arbeiter-organisationen GUPS und GUPA zu vereinen. Das Medizinstudium bleibt zunehmend auf der Strecke, bis nicht mehr daran zu denken ist, dass Frangi es jemals abschließen wird, aber er ist daran beteiligt, wichtige Interessensvertretungen der Palästinenser in Deutschland zu schaffen.

Der Sechstagekrieg 1967, bei dem den Israelis erhebliche Landgewinne gelingen, bedeutet eine zusätzliche Härte für die Palästinenser, deren Hoffnungen auf Autonomie dadurch auf unbestimmte Zeit verschoben scheinen. Frangi und ein paar andere junge Hitzköpfe kehren nach Palästina zurück, um sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Das Unternehmen gerät für Frangi und seine Freunde zum Fiasko. Ohne eine ausreichende militärische Grundausbildung oder andere einschlägige Erfahrungen, überqueren sie eines Tages als „opferbereite Kämpfer“ den Jordan, um auf das gut ausgerüstete israelische Militär Anschläge zu verüben. Palästina befreien sie an diesem Tag nicht, aber sie werden, bevor sie auch nur eine Aktion durchführen können, von den Israelis gefangen genommen. Die geben sich überraschend viel Mühe mit ihnen. In etlichen Verhören wollen sie über Frangis Motivation Auskunft erhalten, wollen wissen, warum er das komfortable Leben in Deutschland aufgegeben habe und warum er nicht lieber als ausgebildeter Arzt in seine Heimat zurückgekehrt wäre. Frangi und seine Mitkämpfer beharren auf ihrer Position. Nach zwei Monaten werden sie in ein anderes Gefängnis verlegt. Sie werden nicht mehr von Offizieren verhört, sondern es finden Gesprächsgruppen statt, in denen Juden über ihre Verfolgung und den Holocaust erzählen und ihre Gründe und Hoffnungen darlegen, die sie mit dem Staat Israel verbinden. Das löst auch die Zungen der jungen Palästinenser, die nun ihrerseits ihre Lebensgeschichten und Beweggründe preisgeben. Frangi kann Empathie für die Juden und ihr Schicksal entwickeln, ohne dabei seine eigene Herkunft und Position zu verraten.

Die Israelis lassen ihn laufen und zwei Dinge werden ihn für immer begleiten. Er hat gelernt, zwischen Militärpolitik und den Menschen zu unterscheiden. Deshalb schwört er der Gewalt ab und verschreibt sich der Diplomatie. Innerhalb von palästinensischen Kreise wird auch noch Jahrzehnte später ein gewisses Misstrauen gegen ihn bestehen, angeblich mit den Israelis zu kooperieren, weil er so sang- und klanglos entlassen wurde. „Wenn ich ehrlich war, stellte sich mir die Frage, welche Absicht ich jetzt überhaupt hatte – als vermeintliches Sicherheitsrisiko, als gescheiterter Freiheitskämpfer, als erfolgloser Student? ... Wo gehöre ich hin?“ (*5).

Frangi kehrt danach nach Deutschland zurück, um sich künftig auf diplomatischem Weg für die palästinensische Sache einzusetzen. 1967 übernimmt Jassir Arafat den Vorsitz der PLO, der sich die Fatah angliedert, ohne sich ihr unterzuordnen. Die PLO ist zu dieser Zeit noch gewaltbereit und wird als terroristische Organisation eingestuft, weshalb Frangi seine Familie in Gaza nicht besuchen darf. 1972 entwickelt sich für Frangi zum Jubel- und zum Schreckensjahr. Er heiratet seine deutsche Freundin Benita und wird Vater eines Sohnes. Im gleichen Jahr nimmt während der Olympischen Spiele in München eine palästinensische Terrorgruppe israelische Sportler als Geiseln. Der Befreiungsversuch endet für 17 Menschen tödlich. Abdallah Frangi und viele andere Palästinenser werden ausgewiesen. Erst zwei Jahre später, nachdem die Klärung der Hintergründe so weit fortgeschritten ist, dass er als unbeteiligt eingestuft wird, kann er nach Deutschland zurückkehren. Arafat hatte für die Zwischenzeit u. a. in Algier einen Posten für ihn. Dort ist er einem Briefbombenanschlag ausgesetzt, bei dem ein Freund schwer verletzt wird. Die Zeit im unfreiwillig gewählten Exil ist eine Belastungsprobe für die Ehe, die die junge Liebe aber besteht. Abdallah Frangi und seine Frau sind seit nunmehr 40 Jahren verheiratet.

Mehr als einmal gerät Frangi in Lebensgefahr, gerade weil er den Dialog sucht. Als er im Dezember 1980 in der Sendung „Pro und Contra“ auftritt, gerät er auf die Todesliste des militanten Palästinensers Abu Nidal, weil der damalige israelische Außen- und Verteidigungsminister Moshe Dajan per Satellit der Sendung zugeschaltet war. Das Attentat, das keine zwei Wochen später auf Frangi verübt wird, wird nur durch einen Zufall vereitelt.

Erfolge und Rückschläge reihen sich auch in den folgenden Jahrzehnten aneinander. Frangi bleibt seiner Politik des diplomatischen Umgangs mit dem Nahostkonflikt treu. Sein politischer Aufstieg und Einfluss dürfte auf seine Beharrlichkeit und seinen steten Einsatz zurückzuführen sein. 1974 wird er zum offiziellen Vertreter der PLO in Deutschland ernannt. Von 1993 bis 2005 ist er Generaldelegierter Palästinas in Berlin, zwischen 2007 und 2009 außenpolitischer Sprecher der Fatah. Heute fungiert er als persönlicher Berater des palästinensischen Präsidenten Abbas.

In der zweiten Hälfte des Buches findet er deutliche Worte gegen die Militärpolitik Israels, die sich seitdem Attentat von 1995 auf den israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin durch einen ultraorthodoxen Juden verschärft hat. Er hat seinem Mentor Jassir Arafat trotz einiger Fehlentscheidungen die Treue gehalten. Abschließend schreibt Frangi über Arafat: „Er hat uns die Vision einer Versöhnung zwischen Palästinensern und Israelis hinterlassen, deren Verwirklichung Präsident Abbas allen Widerständen zum Trotz weiterhin unbeirrt anstrebt. Nichts wäre dem Frieden auf der Welt zuträglicher als das... Eine Lösung dieses Konflikts würde in allen muslimischen Ländern die Kräfte der Vernunft und des Friedens stärken. Vieles deutet darauf hin, dass wir uns diesem Ziel unaufhaltsam nähern, jetzt, da die arabischen Völker sich im Aufbruch befinden“. (*6)

Text: Helga Fitzner
Buchcover und Zitate mit freundlicher Genehmigung von Abdallah Frangi und dem Heyne Verlag

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*1 Der Gesandte, Heyne Verlag München 2011
     ISBN 978-3-453-19354-3, S. 25
*2. S. 19
*3. S. 41
*4. S. 93
*5 S. 125
*6 S. 423