Martina Böhmer, Buch, Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen, Mabuse Verlag, Buchcover: Mabuse Verlag

Paulas Vermächtnis

Demenz entwickelt sich zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem, für die Betroffenen, die Angehörigen, die Pflegenden und auch für die Krankenversicherungen. Sie ist nicht heilbar und der Zustand der erkrankten Person verschlechtert sich zusehends. Schon in den 1990er Jahren machte die damalige Altenpflegerin Martina Böhmer aber eine im Prinzip bahnbrechende Entdeckung: Sie beobachtete, dass sich die Symptome von Demenz und die einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder ähnlichen Störungen gerade bei Frauen der älteren Generationen ähneln.


Böhmer stellte Recherchen an, fand aber in der Fachliteratur nur verhältnismäßig wenig Hinweise. Die älteren Frauen mussten in ihrer Kindheit und in den jungen Jahren kriegsbedingt Gewalt erleben und viele waren auch Übergriffen auf ihre Person ausgesetzt. In ihrem Fachbuch „Erfahrungen sexualisierter Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen“ hat sich Böhmer auf die Spur dieser Zusammenhänge begeben und Erstaunliches zu Tage gefördert: „... ich glaube, daß für Frauen die 'Demenz' eine letzte Bewältigungsstrategie darstellt, um erlebte Traumata, wie zum Beispiel auch sexualisierte männliche Gewalterfahrungen, weiterhin zu verdrängen. Das heißt, daß es sich in diesen Fällen um sogenannte Pseudodemenzen handelt, die therapierbar sind, wenn die Ursachen der Symptome erkannt werden“. (S. 78).

Heute gehören Vergewaltigungen fast zu den täglichen Schlagzeilen in den Medien, was grauenhaft ist, aber das Bewusstsein der Bevölkerung dafür stärkt. Das große Schweigen ist gebrochen und heute weiß man, dass eine solche Gewalttat Auswirkungen auf das ganze restliche Leben der Opfer haben kann. Und heute gibt es viele Einrichtungen, die sich um diesen Personenkreis kümmern. Martina Böhmer hat den Paula e. V. mitgegründet und ist u. a. als Fachberaterin für Psychotraumatologie tätig. An den Paula e. V. können sich Frauen über 60 in solchen Fällen wenden. Manchmal liegen die Taten viele Jahrzehnte zurück, mitunter zieht sich die Gewalt aber auch durch das ganze Leben. Denn die alten Frauen wurden seit frühester Kindheit auf Pflichterfüllung getrimmt, auf Aufopferung fürs Vaterland und die Familie. Sie waren mehr oder weniger der Besitz ihrer Väter und später ihrer Ehemänner. (Noch in den 1970er Jahren benötigten Frauen die Erlaubnis ihrer Ehemänner, um arbeiten gehen zu dürfen.) Viele der Frauen haben nie gelernt, sich abzugrenzen und wertzuschätzen oder sind auf die Idee gekommen, ihre Traumatisierung ernst zu nehmen und sich helfen zu lassen. Stattdessen suchten sie die Schuld bei sich selbst, was mitunter in Selbsthass umschlug. Nach dem Krieg wurden die Geschehnisse sehr stark verdrängt: „Auf ihr Elend setzten sie ihre Autos, ihre Ferienreisen und ihre Fernsehgeräte; sie begegneten der eigenen Gewalt mit der Gewalt des Konsums. Arbeiten, um nicht nachdenken zu müssen und verreisen, um vor sich selbst zu fliehen...“, (S. 56) schreibt Böhmer.

Dann bringen das Alter, Krankheit und Hinfälligkeit diese Frauen ins Krankenhaus oder Pflegeheim, wo sie fast völlig fremdbestimmt werden, im harmloseren Fall, was den Tagesablauf und das Essen angeht, am Schlimmsten bei pflegerischen und medizinischen Anwendungen, wie die Säuberung des Genitalbereiches, die Verabreichung von Vaginalzäpfchen, Blasenkathetern und anderen Eingriffen, insbesondere die, bei denen man die Beine spreizen muss. Dann kommen die lange verdrängten Taten als „Erinnerungsblitze“ hoch und es macht den Anschein, dass die Frauen an Wahnvorstellungen leiden. Aus Angst wehren sie sich gegen die Behandlung, können aber die Gründe nicht erkennen oder artikulieren, werden oft ruhiggestellt und die Symptomatik wird auf eine Demenz geschoben. Böhmer schildert in dem Buch ein prägnantes Aha-Erlebnis in der Pflege: Eine bislang ausgeglichen wirkende Patientin bekam plötzlich Panikattacken und Halluzinationen. Auf Nachfrage erzählte sie ihr, dass sie nach dem Krieg von Amerikanern vergewaltigt worden wäre. Ihre Bettnachbarin war mit einem Amerikaner verheiratet und die beiden sprachen bei seinen Besuchen amerikanisches Englisch miteinander. Nachdem die Patientin in ein anderes Zimmer verlegt wurde, normalisierte sich ihr Zustand allmählich wieder.

In welchem Ausmaß diese Generationen von Frauen sexualisierter Gewalt durch Männer ausgesetzt waren, belegt Böhmer mit Zitaten aus Helke Sanders Studie „BeFreier und Befreite“ (1995, Frankfurt/M., Fischer TB Verlag). In Berlin sind 60 bis 70 % der Frauen vergewaltigt worden, das sind um die 800.000 Opfer. 40 % davon erlitten Mehrfachvergewaltigungen. - 1,9 Millionen Mädchen und Frauen wurden allein von der Roten Armee vergewaltigt, viele davon auf der Flucht aus den Ostgebieten. Nach dem Krieg mussten sich Frauen „freiwillig“ prostituieren, um zu überleben. Verletzungen, Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaften und schwere Traumatisierungen waren die Folge. Für die alliierten Soldaten war Deutschland zum einen ein riesiges Bordell, führt Böhmer aus: „Zum zweiten: Wird es die Moral der Truppe gehoben haben; es muss für den siegreichen amerikanischen Soldaten ein Hochgefühl gewesen sein, den deutschen Mann, den Verlierer, zu demütigen, indem er dessen Frau und/oder Tochter zur Prostituierten machte, das 'Eigentum' des deutschen Mannes schändete.“ (S. 54).

Nun sind diese Frauen alt und gebrechlich, leben im Heim und werden oft wie unmündige Kinder behandelt. Kuchenessen und einheitliche Beschäftigungstherapie statt Psychotherapie und die Förderung individueller Talente. Durch ungeeignete Medikamente, Fixierungen und falsche Pflege werden sie mitunter kränker gemacht als sie sind, und das verschärft ihren Kontrollverlust, ihre Ohnmacht und ihre Isolation.

Manchmal kann mit kleinen Achtsamkeiten seitens des Pflegepersonals schon Linderung erreicht werden. Gerade Nachtwachen sollten möglichst leise Schuhe tragen, bei ängstlichen Frauen kann man nachts vielleicht für etwas mehr Licht sorgen und auf Taschenlampen verzichten. Es hilft auch immer wieder zu fragen. Das hat Martina Böhmer vor vielen Jahren mit ihrer mittlerweile verstorbenen Patientin Paula Limbertz praktiziert, deren Bild auf dem Buchcover abgebildet ist. Frau Limbertz war zunächst einfach nur eine Patientin, die versorgt werden musste, durch die Gespräche ist sie für Martina Böhmer aber zu einem Menschen geworden. Sie gehört zu den Patientinnen, die Böhmer mit ihrer wichtigen Vision auf den Weg gebracht hat, dass gerade bei älteren Frauen die Biografie bei der Diagnostik unbedingt mit einbezogen werden muss. Das erfordert ein Umdenken und steht dem Personalnotstand im medizinischen Bereich leider entgegen. Böhmer hat den Verein nach Frau Limbertz Paula e. V. genannt. Solche Anlaufstellen werden selbst mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Zweiten Weltkrieg nötig sein: „Auch die nachfolgenden Generationen von Frauen, die keine Kriege erlebten, sind ebenso von sexualisierter Gewalt bedroht oder betroffen. Der sexualisierte Krieg gegen Frauen im alltäglichen Leben geht weiter“.

Böhmer berücksichtigt die Studien vieler anderer Autor*innen. Ihre Abhandlung stammt aus dem Jahr 2000 und wurde im November 2018 neu aufgelegt. Weitere Bücher von ihr und Literaturempfehlungen befinden sich auf der Webseite des Paula e. V.

Text: Helga Fitzner