25. Kölner Talkgottesdienst am 25.09.2016
zu Gast: Valentin Thurn

Der Filmemacher und Autor ist der Gründer des Ernährungsrates Köln und Umgebung und des Vereins  Taste of Heimat

Welternährung, Wertschätzung und Wandel

Valentin Thurn ist ein kritischer Journalist und Filmemacher und hat 2011 einen Nerv der Zeit getroffen, als er seinen Film "Taste the Waste" herausbrachte, in dem er zeigte, wie ein Drittel unserer Lebensmittel auf dem Müll landen. Thurn lamentierte aber nicht und beließ es beim immer noch sehr umtriebigen Schreiben und Filmemachen, er fing an, aktiv die Menschen zu mobilisieren.

Im Jahr 2013 gründete er Foodsharing, eine Initiative, die seitdem bereits über 4,5 Millionen Kilo Lebensmittel gerettet hat. 2014 gründete er den Verein Taste of Heimat, der eine Plattform für Anbieter und Verbraucher sowie für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit zu Ernährungsthemen ist. Der Verein will u. a. "regionale Lebensmittel zugänglicher machen und in die Mitte der Gesellschaft bringen, insbesondere solche, die ressourcenschonend produziert wurden ... sowie eine tierfreundliche Landwirtschaft stärken und so die Wertschöpfungskette für Mensch, Tier & Natur in der Region fair und nachhaltig mitgestalten". Ebenso will er über die Zusammenhänge zwischen unserem Konsumverhalten und den Problemen bei der Welternährung aufklären.

Ein weiteres Ziel von Taste of Heimat ist bereits erreicht. Am 7. März 2016 wurde der Ernährungsrat Köln und Umgebung  gegründet. "Ein Ernährungsrat ist ein beratendes Gremium, das eng mit der Kölner Stadtverwaltung zusammenarbeitet. In Ausschüssen zu verschiedenen stadtrelevanten Ernährungsthemen erarbeiten Experten und engagierte Bürger Programme und Projekte, die jedem einzelnen Kölner eine gesunde und nachhaltige Ernährung ermöglichen sollen."

Die Gründung des Ernährungsrates wurde im Historischen Rathaus Köln in feierlichem Rahmen abgehalten und Pfarrer Hans Mörtter gefiel an diesem Abend besonders, dass das Wort Wertschätzung zu den zentralen Begriffen gehörte. Das gehört natürlich auch zu seiner Berufung als Pfarrer, die uns anvertraute Schöpfung zu behüten. Wertschätzung ist dabei ein Dreh- und Angelpunkt, denn wir sind von der Nahrungsmittelproduktion teilweise so entfremdet, dass wir auch die Verbindung zur Natur und ihren Kreisläufen, ja manchmal zur Wertschätzung der eigenen Person und anderer verloren haben. Er setzt sich für die ökologische Agrarwende und Ernährungssicherheit ein.

Valentin Thurn beweist durch seine Aktivitäten, dass es möglich und lohnenswert ist, sich für unseren Planeten einzusetzen. 2014 brachte er als Co-Autor das Buch "Harte Kost - Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt" heraus und 2015 kam seine erfolgreiche Dokumentation zur Welternährung "10 Milliarden - Wie werden wir alle satt?" in die Kinos.

Der Talkgottesdienst fand im Rahmen des Aktionsmonats "Köln isst joot" statt.

Text: Helga Fitzner
Technik: Lothar Wages
Musik: Kantor Thomas Frerichs (Klavier), Burghard Müller (Saxophon)

Teil 1:  "Uns ist eine ganz große Katastrophe komplett entgangen"

Hans Mörtter
Ich freue mich sehr, dass dieser Termin heute geklappt hat. - Ich finde es gut, dass die Produktionsbedingungen, die Herkunft unserer Nahrung und die Lebensmittelverschwendung keine Nischenthemen mehr sind, und du gehörst als Filmemacher und Autor zu den Menschen, die früh darauf aufmerksam geworden sind, die ständig drangeblieben sind und nie nachgelassen haben. Du bringst unsere Stadt auf den Weg in die Zukunft und hast im März 2016 den Ernährungsrat Köln und Umgebung gegründet. Ich war damals dabei im Historischen Rathaus von Köln und fand es sehr beeindruckend, wie viele Bündnispartner anwesend waren und was für ein breites Netzwerk das schon ist. Das geht vielfach auf dein Engagement zurück, auf deine Ideen. Was ist der Ernährungsrat eigentlich, wie kamst du da drauf, was passiert da?

Valentin Thurn
Um im Rathaus diese 300 Menschen zusammenzubringen und dann auch noch die politische Unterstützung zu bekommen, haben wir ein Jahr lang vorher viele Treffen veranstaltet. Wir wollten unbedingt die Stadtspitze dabei haben und haben die Gründung verschoben, um die Oberbürgermeisterwahl in Köln abzuwarten. Dann gab es dieses unselige Attentat auf die damalige Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker, so dass sich das Ganze noch einmal hinauszögerte. Aber tatsächlich muss ich sagen: für mich begann das alles zehn Jahre vorher, mit dem Blick in die Mülltonnen unserer Supermärkte.

Hans Mörtter
War das für deinen Kinofilm „Taste the Waste“ ?

Valentin Thurn
Das war sogar noch früher. Als Filmemacher habe ich für den WDR eine Reportage gemacht, in der ich Containerer oder Mülltaucher begleitet habe. („Gefundenes Fressen – Leben vom Abfall“, Erstausstrahlung am 18. Mai 2008 im WDR Fernsehen). Anfangs war ich eigentlich mehr an deren Lebensstil interessiert und hatte gar nicht so sehr begriffen, welches Ausmaß die Müllverschwendung hat. Das war der Ursprung. Ich habe mich damals gefragt, was das für ein krankes System ist, in dem es sich für Unternehmen lohnt, Werte in Millionenhöhe wegzuwerfen – und das sind nicht nur Warenwerte, sondern auch kostbare Lebensmittel. Das Wegwerfen ist für die aber ökonomisch rentabel und das ist der Punkt, an dem bei mir alles begonnen hat.

Hans Mörtter
Mein Vater hatte früher einen kleinen Laden in Bonn, und für ihn war es nicht rentabel, wenn er Waren wegwerfen musste. Der musste so rechnen, dass er möglichst alles verkaufte, sonst kam er in die Miesen.

Valentin Thurn
Ja, in den Supermärkten ist das anders, das haben Versuchsreihen von Psychologen über Jahrzehnte ermittelt. Wir sind einfach nicht so, dass wir rational nach Einkaufszettel einkaufen, 70 Prozent unserer Kaufentscheidungen sind spontane Impulsentscheidungen. Also wenn die Regale voll sind und wenn alles immer schön aussieht, kaufen wir mehr. Wenn das nicht so ist, läuft der Supermarkt Gefahr, dass der Kunde enttäuscht ist und zur Konkurrenz geht. Das führt dazu, dass sie die Regale immer voll haben, und am nächsten Morgen, wenn frische Ware kommt, muss die alte halt raus. Deswegen lohnt sich am Ende das Wegwerfen dann doch für die Supermärkte. Für die Volkswirtschaft und für die Ökologie ist das eine Katastrophe, aber fürs Einzelunternehmen ist es durchaus vernünftig. Diesen Gegensatz, den lösen wir nicht einfach mit einem Fingerschnippen auf, das ist etwas, wozu es Beharrlichkeit braucht.

Hans Mörtter
Viele Märkte versuchen, besser da zu stehen, indem sie den Tafeln, die es in sehr vielen Städten gibt, die abgelaufene Ware geben, damit sie nicht im Abfallcontainer landet.

Valentin Thurn
Das geht schon mal in die richtige Richtung. Aber wenn die Supermärkte sagen, wir geben alles, was übrig ist, der Tafel, dann ist das nicht wahr. Schaut in die Tonnen, ich kann das überhaupt jedem empfehlen, das ist ein Stück Volksbildung, einmal den Supermarkt von hinten zu besuchen. Es ist wirklich beeindruckend, welche Mengen immer noch rausgekloppt werden, die die Tafel nicht bekommt. Die Tafel ist allerdings auch sehr vorsichtig und nimmt längst nicht alles. Wir haben damals den Foodsharing e. V. gegründet, der anders als die Tafeln funktioniert. Die Tafeln haben einen Fuhrpark und ein Zentrallager. Foodsharing beruht sehr auf dem Engagement Einzelner. Bei denen wird das mit dem Lastenfahrrad oder mit dem Privat-Pkw sofort verteilt. Das ist eine gute Ergänzung zu den Tafeln, die ausgerechnet samstags und zwischen den Feiertagen, an denen der meiste Müll anfällt, nicht kommen können. Aber das ist auch keine Lösung des Problems. Die Lösung wäre, die Überproduktion zu verringern, das ist aber ein mentaler Prozess. Das Thema war komischerweise nicht in unserem Bewusstsein. In Deutschland gab es keine Universität, kein Amt, noch nicht einmal Greenpeace, wo sich jemand darum kümmerte. Wir haben über Verpackungsmüll geredet, aber nicht über die Lebensmittel.

Hans Mörtter
Gibt es auch persönliche Gründe, warum Dir genau dieses Thema so am Herzen liegt?

Valentin Thurn
Wenn ich genau überlege, hat das natürlich damit zu tun, dass meine Mutter wie viele in der Nachkriegszeit extrem Hunger gelitten hat. Das ist hier in Deutschland gerade mal zwei Generationen her, und umso verwunderlicher ist es, dass wir das schier vergessen haben. Also bei mir in der Familie war es noch ein bisschen schärfer, das hab ich allerdings erst mit ungefähr 40 Jahren erfahren, weil meine Mutter mir das bis dahin nie erzählt hatte. Sie war mit ihrer Mutter, also meiner Großmutter, in einem Gefangenenlager und hat die ihr immer ein bisschen Essen von ihrer eigenen Ration zugesteckt. Deshalb ist meine Großmutter am Ende an Unterernährung und Auszehrung gestorben. Das war mir zwar lange nicht bewusst, aber das wurde durch die Erziehung dennoch weitergegeben. Vielleicht hat mich dieser Blick in die Supermarkttonnen deshalb mehr geschockt als andere. Obwohl, eigentlich hat das jeden geschockt, der es im Kino gesehen hat. Wir zeigen jetzt mal den Kinotrailer von „Taste the Waste“ (Link siehe unten).

Hans Mörtter
Erschreckend. Aber ich sehe auch an mir selber, wie schwer es ist, im eigenen Haushalt mit dem Essen umzugehen. Man muss schon aufpassen, was und wie viel man kauft, und wie man Reste verwertet. Du hast die Generation unserer Mütter erwähnt: da war immer ganz klar, Essen wird nicht weggeworfen, du kannst immer noch was damit machen. Wir Kinder fanden das nicht immer lustig, das muss ich eindeutig sagen, aber inzwischen weiß ich, dass man da achtsam sein sollte.

Valentin Thurn
Die Müllberge begannen im Laufe der Nachkriegszeit stetig anzuwachsen. Es wurde immer schlimmer, aber keiner hat das so richtig wahrgenommen. Wir alle werfen Lebensmittel weg, fast täglich. Wir tun es aber ungern und da passiert etwas, was die Psychologen Verdrängung nennen. Eine Wissenschaftlerin hat das untersucht und erst einmal Leute befragt: Was schätzt ihr denn, was ihr so in der Woche wegwerft? Dann hat sie sich die Mülltonnen vorgenommen und die Abfälle gewogen: alle haben sich viel zu niedrig eingeschätzt. Die haben nicht gelogen, sondern verdrängt. Ich glaube, was da individuell passiert, geschieht auch gesamtgesellschaftlich. Wir wollen es nicht wahrhaben. Wir haben uns über Plastikmüll und viele andere wichtige Themen informiert, aber mit dem Lebensmittelmüll ist uns eine ganz große Katastrophe komplett entgangen, und zwar weltweit in allen Industrieländern. Erst jetzt, in den letzten fünf bis zehn Jahren, änderte sich das. Ich hatte das Glück, dass ich da nicht komplett alleine war. In Deutschland war wirklich niemand da, aber in Österreich beschäftigte sich schon eine Wissenschaftlerin damit und in England war ein Institut entstanden, das an dem Thema arbeitete. Dadurch hatte ich eine Datengrundlage, konnte vom englischen Verbraucher auf den deutschen schließen, was sich später auch als korrekt herausgestellt hat. Das eigentlich Interessante ist, dass wir es ausgeblendet haben, und nachher haben dann die Menschen sehr emotional auf diese Erkenntnis reagiert. Einer sagte mal im Kino: man fühlt sich ertappt. Das war es wahrscheinlich, ein Weckruf, schaut nicht weg.

Danach passierte unglaublich viel. Plötzlich war ich ein Experte im Bundestagsausschuss, das hatte ich so noch nicht erlebt. Wobei das auch wiederum interessant war. Es war nicht nur schön, sich in so einer Rolle zu sonnen, sondern auch ein Lehrstück in Sachen Lobbyismus. Das Bundesministerium hat eine Studie in Auftrag gegeben und diese Studie wurde so verkürzt, dass man am Ende die ganze Schuld auf den Verbraucher geschoben hat. In den Tageszeitungen stand, zu 61 Prozent ist der Verbraucher schuld. Das steht aber so gar nicht in der Studie, das hätten die Wissenschaftler auch nie behauptet. Ihnen wurde nämlich gesagt, ihr könnt die Landwirtschaft weglassen, die braucht ihr nicht zu untersuchen. Ohne diese wesentliche Menge aber kann man keine Prozentzahlen errechnen. In der Ausschusssitzung, bei der ich neben diesen ganzen Lobbyisten vom Handelsverband usw. saß, merkte ich, dass die diese Studie nutzten. Das war ein abgekartetes Spiel, um zu behaupten, wir werfen ja kaum etwas weg, lasst uns auf den Verbraucher konzentrieren. Das ist leider der Stand der Dinge: Die Bundesregierung machte eine Kampagne, die sich nur an den Verbraucher richtete, anstatt das Ganze darzustellen. Es wäre auch falsch, nur die Supermärkte an den Pranger zu stellen, aber es ist eben eine geteilte Verantwortung, ein komplexeres Geschehen, wo man nicht einfach nur den Schwarzen Peter auf eine einzelne Gruppe schieben kann.

Teil 2:  "Ein Drittel des Klimawandels wird durch unsere Ernährung verursacht"

Hans Mörtter
Aber hat das auch mit den Dumpingpreisen zu tun, dass einfach Quantität vor Qualität geht. Ich kaufe immer noch ein bisschen mehr ein, um was da zu haben, wenn Besuch kommt. Oder bei einem Essen mit Freunden, ein bisschen mehr ist besser, damit ich kein Risiko eingehe.

Valentin Thurn
Wenn man sich über Wertschätzung – letztendlich eine fehlende Wertschätzung – Gedanken macht, kommt man unweigerlich auf die Preise, und da hat sich im System irgendwas heißgelaufen. Nach dem Krieg gab es natürlich den Bedarf, die Menschen satt zu bekommen und zunächst einfach nur Masse zu erzeugen. Das machte damals in den 1950er-, vielleicht auch noch den 1960er-Jahren Sinn. Aber dann gab es plötzlich Butterberge und Rindfleischberge, und irgendwann war das System unsinnig geworden. Trotzdem hat man es nicht geändert. Das war für mich der Auslöser, mich nicht nur mit dem Müll, sondern auch mit der Produktion zu beschäftigen. Wie kommt es, dass die Supermärkte so günstig sein können? Wir haben noch nie so wenig für unsere Lebensmittel gezahlt wie heute, im Durchschnitt 11 Prozent unseres Einkommens. Das liegt auch daran, dass die Preise unehrlich sind. Einen Liter Milch oder ein Kilo Fleisch zahlen wir ja doppelt, einmal an der Supermarktkasse und einmal über die Steuern. Damit meine ich noch gar nicht mal die Subventionen, die kommen auch noch dazu, sondern auch die ganzen Umweltschäden, Trinkwasserschäden, das müssen wir ja über die Stadtwerke bezahlen, über den Trinkwasserpreis, denn die müssen das Nitrat aus dem Grundwasser filtern...

Hans Mörtter
… die Düngung der Felder, der Mist der Tiere, genau.

Valentin Thurn
Ja, es ist auch der Kunstdünger, der Mist der Tiere ist ein Teil davon. Die Art und Weise, wie wir Landwirtschaft machen, hat gigantische Folgen für den Klimawandel. Mindestens ein Drittel des Klimawandels wird durch unsere Ernährung verursacht.

Hans Mörtter
Wie war das noch mal mit dem Ausstoß von Methangas - das Furzen der Kühe ist 25 mal klimaschädlicher als der CO2-Ausstoß der Autos?

Valentin Thurn
Ja, die massenhafte Tierhaltung hat einen ganz kräftigen Anteil daran. Das Furzen der Kühe leuchtet einem immer sofort ein, weil man das riechen kann, aber es ist leider auch der Anbau der Futtermittel. Die Tierhaltung, wie sie z. B. im Bergischen Land auf grünen, saftigen Wiesen praktiziert wird, ist da weniger problematisch. Problematisch ist es, wenn wir Tiere mit Mais oder Soja, also Pflanzen vom Acker füttern, die dann mit viel Kunstdünger angebaut werden müssen. Und noch viel schlimmer – das ist für mich ein Grund gewesen, meinen Fleischkonsum auch ganz kräftig einzuschränken - Soja aus Brasilien oder Argentinien heißt Vertreibung von Kleinbauern, heißt Abholzen von Regenwald, das sind Dinge, ich habe sie selber gefilmt, für die möchte ich nicht verantwortlich sein. Es ist schwer, im Supermarkt Fleisch zu finden, das nicht aus dieser Massentierhaltung kommt. Da gibt es schon gute Alternativen, aber die sind deutlich teurer.

Hans Mörtter
Im kirchlichen Raum hier in Köln nehmen wir bei Gemeinde- und Grillfesten nicht die üblichen Billigwürste. Wir leisten uns den „Bioluxus“. Ich selbst esse dann lieber besser und dafür weniger. Viele Leute sagen mir aber auch: Du kannst dir das ja leisten, ich kann das nicht, und deswegen soll ich eben das Billige auch für alle kaufen, das ist eben so.

Valentin Thurn
Das mit dem Geld ist natürlich auch schwierig. Einerseits ist es für viele eine Ausrede, aber es gibt grob ein Viertel der Gesellschaft an der Armutsgrenze. Die soziale Schere hat sich aufgetan. Wenn wir faire Preise für die Bauern haben wollen, müssen wir uns auch Gedanken darüber machen, wie wir Menschen mit geringem Einkommen daran teilhaben lassen können. Ich habe oft in den Kinos Diskussionen darüber. Es sagte einmal jemand, er könne sich nur die Aldi-Pizza leisten, und ich kann mich an eine Studentin erinnern, die ihm auf Heller und Pfennig vorrechnete, dass eine selbstgemachte Pizza immer günstiger ist. Selbst die billigste Aldi-Pizza war da teurer.

Hans Mörtter
Und die selbstgemachte Pizza ist leckerer.

Valentin Thurn
Leckerer und gesünder natürlich, das kommt noch dazu. In Köln hat sich jetzt gerade eine Solidarische Landwirtschaft gegründet, das ist so ein Modell, das dem Rechnung trägt. Da bin ich als Teilhaber solidarisch mit dem Bauern, indem ich ihm einen Monatsbeitrag bezahle. Der Bauer hat dadurch eine Planungssicherheit, und liefert mir dafür Gemüse. Diese Gemeinschaft ist aber auch solidarisch untereinander, indem derjenige, der weniger verdient, weniger einzahlt, und der, der mehr verdient, mehr. Das wird freiwillig über Bieterrunden ermittelt, bis dann irgendwie die Summe beieinander ist. Klar kann man sagen, das ist doch marginal, das sind nur ein paar Hundert Leute. Stimmt, aber das muss nicht so bleiben. Die Idee stammt aus Ostasien und in Südkorea gibt es eine solidarische Landwirtschaft mit 1,2 Millionen Mitgliedern. Bei diesen Größenordnungen sind die Preise plötzlich auch günstiger – und immer Bio.

Hans Mörtter
Es gibt einfach eine Menge Möglichkeiten. Die Food Assembly ist ein Beispiel dafür. Ist die auch eine Konsequenz aus dem Film heraus?

Valentin Thurn
Die hab ich nicht erfunden, die ist in Frankreich entstanden. Als ich die entdeckte, habe ich gleich gesagt: bitte, wenn ihr nach Deutschland kommt, fangt doch in Köln an, weil ich auch gerne daran teilnehmen möchte. Von der Solidarischen Landwirtschaft bekomme ich wöchentlich meine Gemüsekiste, die Food Assembly ist etwas für die unstetere junge Generation – ich bin zwar nicht mehr so jung, aber unstet bin ich leider auch, weil ich häufig auf Reisen bin, und das war für mich das passendere Modell. Ich kann am Wochenende bestellen übers Internet bei Bauern aus dem lokalen Umfeld und hole es einmal die Woche ab, mal wenig, mal viel. Und tatsächlich – das ist vielleicht eine Neuigkeit – ab Oktober wird es das auch in der Südstadt geben, in der Alteburger Straße. Wir werden das, wenn es soweit ist, auch bekannt geben.

Hans Mörtter
Genau, da werden auch wir für sorgen.

Valentin Thurn
Oft bringen die Landwirte selbst ihre Waren zur Food Assembly, also man kann mit seinem Bauern direkt in Kontakt treten.

Hans Mörtter
Und Foodsharing gibt es auch.

Valentin Thurn
Foodsharing gibt es auch und das ist wahnsinnig groß geworden. Es ist eine Graswurzelbewegung, die gerade in Köln extrem erfolgreich ist. Es gibt da schon eine ganze Reihe von Schränken, oft sind es Kühlschränke, wo Lebensmittel von Privatleuten und anderen, die es vielleicht auch aus dem Supermarkt geholt haben, bereitgestellt werden und von jedermann mit genommen werden können. Das ist etwas anders als bei der Tafel. Das sind nicht die Reste der Reichen für die Armen. Bei Foodsharing, da darf man auch mit dem Porsche vorfahren – macht natürlich keiner –, aber es ist jedenfalls gutes Essen für alle, und wir fragen nicht nach irgendwelchen Bedürftigkeitsausweisen. Eigentlich sehe ich das nicht nur als Essensretterprojekt, sondern auch als soziales Projekt, weil sich plötzlich Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten dort treffen und über das Thema „Essen retten“ sprechen. Wir haben ein paar Stellen in der Stadt, wo es keinen Strom für einen Kühlschrank gibt, da haben die dann ein Lastenfahrrad irgendwo angekettet, und dann ist das Lastenfahrrad einfach immer bestückt mit ganz viel Brot, ganz viel Gemüse.

Es begann mit jungen Leuten, die sich sehr für die Umwelt engagieren. Das ist super und freut mich sehr. Die tragen das auch heute noch, aber dann ging es zunehmend über zu Leuten, die selbst betroffen sind. Wenn man mit ihnen redet, merkt man, dass die wirklich knapp bei Kasse sind. Es sind Langzeitarbeitslose dabei, die dadurch eine sinnvolle Beschäftigung fanden. Ich höre dann so Geschichten wie, ja, klar, ich profitiere selber davon, wenn ich regelmäßig beim Supermarkt abhole, das erleichtert meine Haushaltskasse, aber ich will der Gesellschaft auch etwas zurückgeben, deswegen bringe ich das hier an den „Fair-Teiler“. Wir nennen diese Orte Fair-Teiler. Der nächste ist in der Alteburger Straße, wenn man Richtung Bayenthal geht, hinter den Containern, da steht dann irgendwann ein großes Schild, Neuland, reingehen, direkt am Eingang kann man den Schrank sehen.

Teil 3:  "Wir produzieren unsere nächsten Flüchtlingswellen selber"

Hans Mörtter
Ich mache mal mit Jean Ziegler weiter. Wer ihn nicht kennt, er ist ein Schweizer Soziologe und Globalisierungsgegner. Seine Bücher lohnen sich: „Wir lassen sie verhungern“ heißt das vorletzte, und sein neuestes von 2014 „Ändere die Welt!“. Das müssen wir tun, wir Menschen, weil die Politik es nicht tun wird. Ziegler ist ein Kämpfer, der sein ganzes Leben lang für die UNO gearbeitet hat und UNO-Sonderbotschafter im Ernährungsbereich war. Er weiß sehr viel und kommt inzwischen sehr radikal zu dem einen Punkt: Es wird sich nichts ändern, außer wir Menschen ändern die Situation, so wie du, Valentin, eben auch diese Impulse gibst und dran bleibst. Ziegler redet davon, dass heute alle drei Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger stirbt. 2001 ist alle sieben Sekunden ein Kind gestorben. Die Todesrate hat sich also mehr als verdoppelt. Ziegler sagt radikal: jedes verhungerte Kind ist ein ermordetes Kind. Er redet vom Kannibalismus der Weltwirtschaft, also drastischer geht es gar nicht mehr. Er berichtet, dass die Landwirtschaft weltweit mit dem erreichten Niveau ihrer Produktivkräfte zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte – zwölf Milliarden, fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung.

Valentin Thurn
Trotzdem haben wir sieben Milliarden und kriegen die schon nicht ernährt, das ist der Widerspruch, den er anspricht.

Hans Mörtter
Ganz genau. Du hast dazu einen Film gedreht, der 2015 in den Kinos lief, „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“, der sehr, sehr, sehr beeindruckend ist. Du wolltest erst mal daraus einen Ausschnitt zeigen.

Valentin Thurn
Genau. Vielleicht schicke ich eins vorweg: Die Zahl zehn Milliarden, das ist ja quasi noch mal drei Milliarden obendrauf, ist schon eine Herausforderung, und es ist auch wichtig, dass wir uns über die Menge im Klaren werden. Die Weltbevölkerung kann nicht endlos wachsen, das geben unsere natürlichen Ressourcen nicht her. Andererseits, zum Glück, so muss ich sagen, sind diese zehn Milliarden wahrscheinlich der Gipfel. Gegen Ende des Jahrhunderts wird es sich zwischen neun und elf Milliarden einpendeln, die Wissenschaftler sind sich da ziemlich einig. Das heißt, in den großen Ländern, wo extremes Bevölkerungswachstum stattfand – China hat es schon längst reduziert, auch Indien hat sein Wachstum halbiert –, da tut sich zum Glück etwas. Es sind noch einige kleinere, gerade afrikanische Länder, die noch stark wachsen, wo man weiter dranbleiben muss.

Filmausschnitt aus „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ mit einem Interview von Liam Condon von Bayer Crop Science in Leverkusen. Er will die Menschheit ernähren und retten, indem er genmanipuliertes Saatgut entwickelt und verbreitet. Dann ist da Kusum Mishra aus Indien, die dort eine Saatgutbank mit über 200 verschiedenen Reissorten führt, darunter welche, die sich bei Dürreperioden, Überschwemmungen und anderen Umweltereignissen bewährt haben.

Valentin Thurn
Das sind natürlich zwei ganz sehr unterschiedliche Ansätze, aber das war mir wichtig. Die Hungerbäuche wollen wir nicht noch mal sehen, wir haben das große Problem von den Lösungen her gedacht. Die sind so unterschiedlich, dass es spannend wird. Also der Bayer-Chef …

Hans Mörtter
… rettet die Welt.

Valentin Thurn
… der spricht ja wie ein Greenpeacer.

Hans Mörtter
Ja, genau.

Valentin Thurn
Das wissen vielleicht noch nicht alle, aber das war die Meldung der letzten zwei Wochen, Liam Condon von Bayer ist jetzt auch Chef von Monsanto. Bayer will Monsanto kaufen.

Hans Mörtter
Wenn das Kartellamt zustimmt, aber das wird es wohl. -  Ich habe in den 1980ern in Kolumbien als Pfarrer gearbeitet und den Chef von Bayer Leverkusen in Bogota kennengelernt, einen Hamburger. Wir gaben uns die Hand, und zum ersten Mal in meinem Leben, da war ich ungefähr 30, wusste ich, ich habe einen Feind. Ich wusste überhaupt nicht, was das Wort Feind bedeutet als Rheinländer. Aber da wusste ich genau, du musst aufpassen, wir zwei werden nicht zusammenkommen, obwohl ich ihn noch gar nicht richtig kannte. Sein Problem war immer, dass seine zwei Kinder mich heiß und innig liebten, das musste er dann irgendwie auf die Reihe kriegen. Ich erfuhr, dass Mitte der 1980er-Jahre in Kolumbien DDT von Bayer verkauft wurde und fragte ihn: Sagen Sie mal, das ist doch in Europa und weltweit, eigentlich in vielen Ländern inzwischen, als verheerend verboten, wieso verkauft Bayer dieses Produkt noch in Kolumbien? Darauf war seine Antwort, die ich nie vergessen werde, ich werde auch die Situation nicht vergessen, wie er mir in die Augen sah: Kein Problem, wir haben das auf Lager, und wir müssen das abbauen. Hier geht es um den Umsatz, und in Kolumbien ist der Verkauf nicht verboten. So viel zur Moral, und ich glaube, diese Moral, die hat sich bis heute im Wesentlichen nicht verändert. Im letzten Jahr hat Monsanto in Europa eine schwere Schlappe erlitten, als der Konzern auf den europäischen Markt wollte, und dank der Wachsamkeit der europäischen Bevölkerung und der Social Media musste Monsanto den Rückzug antreten. Sie konnten in Europa mit ihren genmanipulierten Pflanzen nicht landen. Viele schrien, gewonnen, gewonnen, doch ich sagte, Pustekuchen, wir haben überhaupt nicht gewonnen, das war ein Etappenerfolg, noch nicht mal ein Sieg. Die sind clever, die kommen wieder. Das war ein strategischer Rückzug und nicht mehr. Und jetzt sehe ich, wie sie wiederkommen unter dem Mantel von Bayer Leverkusen. Da treffen sich zwei – ich sag das mal ganz frech einfach mit den Worten von Jean Ziegler – da treffen sich zwei kannibalische Firmen, um ein großes Empire zu bilden. Dann haben wir die indische Saatgutbank, die wir eben gesehen haben, die ist sehr beeindruckend, wächst langsam, um bald alle versorgen zu können. Aber welche Chance haben die gegen solche Giganten?

Valentin Thurn
Das ist tatsächlich ein Problem, weil diese multinationalen Konzerne heute schon mächtiger als unsere Regierungen sind. Beim Saatgut treffen sich sozusagen Nummer eins und Nummer sieben auf dem Weltmarkt – Bayer war nur Nummer sieben – aber bei der Agrarchemie sind sie viel größer als Monsanto, bei den Pestiziden ist Bayer die Nummer 2 auf dem Weltmarkt, deshalb können sie Monsanto schlucken. Aber der eigentliche Grund ist noch interessanter: Dieselben Finanzinvestoren, Hedgefonds hatten an beiden Konzernen schon über ein Viertel Anteile. Die Eigentümer waren also zu einem großen Teil schon identisch, da ist gar nicht so viel Wandel. Man hat gern den Eindruck vermittelt, dass Bayer die Netten wären und Monsanto die Bösen. Ich habe für die Dreharbeiten auch bei Monsanto angeklopft, die haben mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Bei einer Art Kreuzverhör wollten sie bei mir feststellen, ob ich jetzt für oder gegen Gentechnik bin. Ich sagte, ich mache keinen Pro- oder Kontra-Film, ihr habt Gelegenheit, eure Meinung darzustellen, aber eine Kontrolle des Filmes durch euch, die kann es nicht geben. Da haben sie mir am Ende abgesagt. Bayer hatte da die offenere Strategie, die kannten „Taste the Waste“, wussten, da kommt ein Kritiker ins Haus, aber der haut jetzt nicht die Konzerne pauschal in die Pfanne, sondern setzt sich mit deren Argumenten auseinander, das wagen wir jetzt mal. Der Film ist sicher kritisch, aber so, dass sie sich noch respektvoll behandelt fühlen. Wir hatten Kinodiskussionen in Leverkusen, wo natürlich die Hälfte des Publikums bei Bayer arbeitet, aber das war spannend, für mich auch, und wir machen jetzt nächstens was in Berlin mit einem großen Düngerhersteller. Also es wird weitergehen, ich stelle mich dem auch, es ist aber de facto ein Witz, wenn Bayer sich da präsentiert als „Wir sind ja die Netteren“ und Monsanto wird als Teufel gebrandmarkt, „March Against Monsanto“. Jetzt wird eigentlich klar, das ist ein und dieselbe Mischpoke.

Teil 4:  "Das kann keine Entwicklungshilfe jemals wieder reparieren"

Hans Mörtter
Es geht um Gier, es geht um Geld, und es geht um Reich gegen Arm. Die Armen sind die, die in den Hintern gebissen werden, es gibt da ja eine ganze Menge Beispiele: Senegal importiert 70 Prozent seiner Nahrungsmittel, während große Konzerne einen großen Teil des Landes gekauft haben. Es werden Sojabohnen für das Tierfutter hier bei uns in Europa angebaut und Rosen - auf Ackerland. Die Menschen, die dieses Ackerland bebaut haben, wurden vertrieben, weil sie keine Urkunden haben, die beweisen können, dass ihre Familien seit tausend Jahren auf diesem Land leben.

Valentin Thurn
Wir können uns nicht damit herausreden, das läge allein an den korrupten Regierungen da unten. Die haben ihren Anteil daran, ganz klar, aber auch wir sind nicht besser. In den letzten fünf bis zehn Jahren gab es eine Beschleunigung dieser Globalisierung in eine Richtung, die richtig weh tut. Wir reden jetzt viel über TTIP, das ist der Freihandelsvertrag zwischen Europa und USA, richtig und wichtig als Thema, aber schon vor einigen Jahren hat Europa viele afrikanische Länder gezwungen, bilaterale Freihandelsverträge zu unterschreiben. Die wollten das nicht, aber die EU sagte ihnen, wenn ihr weiterhin Kaffee oder Bananen nach Europa exportieren wollt, dann müsst ihr auch unsere Agrarprodukte hereinlassen. Was da jetzt passiert, ist wirklich dramatisch. Zum Beispiel Hühnchenfleisch aus Europa hat in Ghana 90 Prozent der dortigen Hühnerhalter platt gemacht. Das kommt so billig daher, weil wir Hühnerbrust bevorzugen. Die Schenkel vielleicht auch noch, aber der Rest, der wird nicht gegessen. Der wird eingefroren und ab nach Afrika zu Dumpingpreisen. Und jetzt geht es weiter mit der Milch. Wir haben zu viel Milch, machen Milchpulver daraus und schicken es in die Sahelzone nach Burkina Faso. Da ist Steppe, da kann man nicht viel mehr als Tierhaltung betreiben und die dortigen Milcherzeuger werden unterboten und gezwungen aufzuhören. Jahrtausende altes Wissen geht verloren, und vor allem die Ernährungssicherheit geht flöten, weil bei der nächsten Krise, wenn der Milchpreis wieder steigt, haben die ein Problem, dann können sie sich die Milch vom Weltmarkt nicht mehr leisten und produzieren keine eigene mehr. Die Landwirtschaft in Ländern, die sich früher gut ernähren konnten, wird kaputt gemacht, geopfert auf dem Altar des Freihandels. Das kann keine Entwicklungshilfe jemals wieder reparieren. Ich weiß natürlich, dass wir Deutschen ohne den Freihandel nicht so reich wären, aber da geht es vor allem um Industrie und Autos, aber Agrarprodukte in Länder liefern, in denen Hunger herrscht, heißt ihre Abhängigkeit zementieren und den Hunger verschlimmern, das ist kriminell. Ich glaube, der Grundfehler bei all dem ist, dass wir Lebensmittel als eine Ware wie jede andere betrachten, aber das sind sie nicht, sie sind die Basis unseres Lebens.

Hans Mörtter
Spekulationsmasse auch.

Valentin Thurn
Ja, mit ihnen wird an den Börsen gezockt. Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir Lebensmittel rund um die Welt karren, und immer dort erzeugen, wo es gerade am billigsten ist, denn die Preise sind nicht ehrlich. Vor allem, und das ist das Allerschlimmste, bei einer Börsenkrise – das ist in den letzten Jahren gleich zweimal passiert – kommt es zu einer drastischen Erhöhung der Getreidepreise. Wenn das passiert, können sich die armen Länder plötzlich nicht mehr genug zu essen leisten. Das führt zu Ernährungsunruhen. Damit produzieren wir unsere nächsten Flüchtlingswellen selber. Der Arabische Frühling, die Arabellion in 2008, begann mit steigenden Brotpreisen, die lösten die Brotunruhen in Kairo aus. Klar gab es noch andere, politische Gründe, warum all das weiterging, aber der auslösende Funke waren gestiegene Nahrungsmittelpreise.

Hans Mörtter
Brot als existenzielles Nahrungsmittel.

Valentin Thurn
Wir können uns das gar nicht vorstellen, was 2008 war. Haben wir das gemerkt an unseren Brotpreisen? Nichts, unser Brotpreis besteht hauptsächlich aus Arbeitslohn und Energie, die Rohstoffe machen bei uns fast nichts aus, aber in Ländern wie Ägypten oder Kamerun geben die Menschen zwei Drittel ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Der Arbeitslohn spielt da keine Rolle, da sind es vor allem die Rohstoffe, also das Weizenmehl, das zum Brotpreis beiträgt. Wenn sich an der Börse in Chicago der Weizenpreis verdoppelt, steigt auch der Brotpreis in Kamerun um das Doppelte. Die Menschen können sich nun weniger leisten. Das war für mich überhaupt immer das Beeindruckendste, dass Bäckereien vergittert sind wie Banken, Hochsicherheitstrakte, weil die die Ersten waren, die geplündert wurden.

Hans Mörtter
Diese Perversion: Wie ist es möglich, dass in Skandinavien Kartoffeln verkauft werden, Made in Saudi Arabia? Züchten die die in den Hochhäusern, die sie in den Himmel bauen, im Wüstensand wachsen bekanntlich keine Kartoffeln?

Valentin Thurn
Saudi-Arabien ist ein markantes Beispiel, wie man seine natürlichen Ressourcen binnen kürzester Zeit ruinieren kann. Die hatten eine Großlandwirtschaft, riesige kreisrunde Weizenfelder und auch eben Kartoffeln mitten in der Wüste, bewässert mit Wasser, das aus großen Tiefen hochgeholt wurde, fossiles Wasser aus der Eiszeit, das jetzt bereits weg ist. Nach zehn Jahren haben sie diese Felder wieder aufgeben müssen, weil das Wasser aufgebraucht war.

Hans Mörtter
Um für die „zukünftige Wasserknappheit“ vorzusorgen, kauft Nestlé weltweit Trinkwasserbrunnen, wogegen sich zum Glück immer mehr Menschen wehren, wobei sie damit ja nur Geschäfte machen wollen, obwohl der freie Zugang zu Wasser ein Menschenrecht ist. Die Saudi Star Agricultural Development Company hat in Gambela in Äthiopien mehr 150.000 Hektar Land gepachtet für 1 Euro jährlich pro Hektar und baut dort Kartoffeln an, für den Export nach Europa, weil da die richtigen Preise für bezahlt werden. Das ist dieser furchtbare Landraub.

Valentin Thurn
Es sind auch Europäer, Inder, da sind alle unterwegs. In Afrika kaufen gerade alle Land in großem Stil auf und bauen auch viel Tierfutter an, auch die Saudis.

Teil 5:  "Armut ist ein Mangel an Kaufkraft"

Hans Mörtter
Schauen wir im letzten Teil des Gesprächs einmal auf die Handlungsmöglichkeiten. Es ist eine Frage des Bewusstseins bei uns – was kaufe ich, was kaufe ich nicht. Jetzt werden es wohl neun große Weltkonzerne, die unsere Regierungen in Abhängigkeit halten. Sie verkaufen sich als selbsternannte Retter der Welt, indem sie behaupten, dass nur sie mit ihrer Forschung und ihrem Know-how, ihren genmanipulierten Pflanzen, ihrem Dünger und Pestiziden usw. die zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 alle ernährt bekommen. Damit machen sie mit ihrer Lobby-Arbeit Politik von sich abhängig. Im Grund ist das eine Erpressungsgeschichte.

Valentin Thurn
Die argumentieren sehr schlau und sagen, diese Menge an Menschen können wir nur ernähren – darauf bin ich früher selber hereingefallen –, indem wir mehr Chemie auf dem Acker ausbringen und noch größere Landwirtschaft betreiben. Man muss tiefer in die Materie einsteigen, um zu begreifen, dass das pure Gegenteil der Fall ist. Wenn wir unser Landwirtschaftsmodell nach Afrika oder Südasien exportieren, dann lösen wir dort nicht die Probleme, sondern wir machen den Hunger noch größer. Zum einen, weil sie tatsächlich weniger ernten. Studien zeigen, dass eine Großfarm – da kann sie noch so effizient sein – immer weniger Lebensmittel pro Hektar Land erzeugt als ein Kleinbauer. Ein Kleinbauer in der Dritten Welt hat viel Arbeitskraft zur Verfügung, der kann – wir haben das gesehen –, auf drei Etagen anbauen, am Boden Süßkartoffeln, auf halber Höhe Hirse, in zwei Metern Höhe Straucherbsen. Das kann man nur von Hand bearbeiten, das geht nicht mit der Maschine. Dafür holt er aus dem Land sehr viel mehr heraus, und vor allem, er kann auch in Dürrejahren, wo vielleicht die eine Pflanze nicht gedeiht, bei den anderen noch etwas ernten. Das ist ein angepasstes System, das gut funktioniert.

Hans Mörtter
In Vielfalt, keine Monokultur.

Valentin Thurn
Keine Monokultur. 80 Prozent der Weltbevölkerung wird immer noch von Kleinbauern ernährt. Aber jetzt komme ich zu dem wahren Grund: Es geht nämlich nicht nur um die Masse. Selbst wenn so eine Großfarm eine Riesenmenge Lebensmittel erzeugt, die den Menschen vor Ort angeboten würde, und nicht in den Export geht wie üblich, dann bringt es immer noch nichts, weil sich die Menschen das gar nicht leisten können, die müssen es ja kaufen. Aber die haben nichts mehr, weil sie von ihrem Land vertrieben wurden in die Stadt, dort aber keine Arbeitsplätze vorfinden, weil es dort nicht diese Industrialisierung wie bei uns gibt. Besser ist hier das System der Kleinlandwirtschaft, weil das auch für eine Verteilung der Einkünfte sorgt. Das ist der wesentliche Punkt, wir sind momentan nicht in der Lage, diese Einkünfte zu verteilen. Aber was ist Armut anderes als ein Mangel an Kaufkraft. Ich habe bei allen Kleinbauern gemerkt, die wollen durchaus auch für den Markt produzieren, durchaus auch verkaufen, es dreht sich hier nicht um Subsistenzbauern. Die sind dazu auch in der Lage – das kann man sich aus Europa gar nicht vorstellen. Wir denken immer, na ja, das ist ein völlig rückständiges Landwirtschaftsmodell, aber nein, sie sind in der Lage, Millionenstädte zu ernähren, ganz regional. Bei uns ist die regionale Landwirtschaft fast nicht mehr vorhanden, eine Sehnsucht, zu retten, was oft schon verloren ging. Aber in den Entwicklungsländern gibt es das noch. Dort werden Großstädte aus den Gärten rund um die Stadt regional von den Bauern versorgt, und nur die Oberschicht kauft in den wenigen Supermärkten ein.

Hans Mörtter
In der „Süddeutschen Zeitung vom 24.09.16 wird auf den Weltagrarbericht aus dem Jahr 2009 hingewiesen, was ein Benchmark war, die Markierung eines Umbruchs. Ein offizieller wissenschaftlicher Bericht, mit dem festgestellt wurde, dass regional und sogar kleinräumig handelnde Landwirtinnen und Landwirte mit ihrem Wissen über Wetterkapriolen, Klimaveränderungen, Bodeneigenschaften, indigene Pflanzen und Tiere sowie kulturelle Traditionen mehr zur Ernährungssicherheit beitragen als globale High-tech-Lösungen. Botschaft und Erkenntnis: Es geht anders und besser, als uns die großen Konzerne glauben und fürchten machen wollen. Allerdings wurde das nur zur Kenntnis genommen. Die Regierungen, auch die deutsche Regierung, haben dem neo-kapitalistischen System der Konzerne wie Bayer Leverkusen u. a. ihr Vertrauen und ihre Unterstützung gegeben. Zum Glück wird die weltweite Vertretung der Kleinbauern immer stärker. Allein „La Via Campesina“ vertritt mehr als 200 Millionen Kleinbauern weltweit, andere sind ebenso aktiv und werden immer stärker. Jetzt sind wir mitten in einem Wandel, aber nur, so weiß ich, wenn wir da dranbleiben – jemand wie du, Valentin, mit all deinem Wissen und du hast ja auch ein Riesennetzwerk, auch journalistisch. Klar ist, wir sind gefragt und herausgefordert.

Valentin Thurn
Ich habe dann als Co-Autor ein Buch geschrieben „Harte Kost - Wie unser Essen produziert wird – Auf der Suche nach Lösungen für die Ernährung der Welt“ und damit tatsächlich auch mehr als eine Fachöffentlichkeit erreicht. Dann kam für mich aber ein Moment, wo mir klar wurde, dass das nicht reicht, um etwas zu ändern. Es gibt nicht nur eine Lösung für dieses Problem, sondern viele kleine, lokale Lösungen. Also fang ich hier vor Ort an, wo ich wohne. Ich wohne nun mal in Köln, und da liegt auch vieles im Argen, und das war der Grund. Das ist auch der Ort, wo ich über hundert Menschen in Köln begegnet bin, die sich bereiterklärt haben, an einem neuen Ernährungssystem zu stricken. Das haben wir Ernährungsrat getauft. Das klingt jetzt wie so ein Expertengremium, ist es aber nicht, es ist ein bürgerschaftlicher Prozess, bei dem jeder mitmachen kann. Vielleicht zeige ich erst mal kurz den Clip und wir reden dann weiter. (Link siehe unten.)

Valentin Thurn
Die Stadt Köln hat uns unterstützt, was mich immer gefreut hat. Und es gibt noch eine zweite Stadt, die das auf die Beine gestellt hat, das war Berlin, dort getragen vor allem von INKOTA, das ist eine entwicklungspolitische Organisation aus dem kirchlichen Bereich. Die haben begriffen, dass es schön und gut ist, sich um Entwicklungsländer zu kümmern, aber eigentlich ist der Ansatzhebel, die Verbindung mit unserem Konsum aufzuzeigen, und das war auch mein Ansatz. So kam ich vom Globalen hier auf das Lokale.

Hans Mörtter
Ein wichtiger Bestandteil ist eine radikale Umkehr unseres Konsumverhaltens. Wir essen viel zu viel Fleisch und Wurst, und das ist so selbstverständlich geworden. Da müssen wir uns radikal ändern, denn sonst ändert sich weltweit nichts. Dann werden weiter Futtermittel angebaut und angebaut und angebaut, und letztlich macht uns der hohe Fleischkonsum krank.

Valentin Thurn
Es gibt zwei Betrachtungsweisen. Wenn wir jetzt alle Vegetarier würden, dann ist das immer noch nicht gerecht verteilt. Ich habe es auch noch nicht ganz geschafft, aber ich habe meinen Fleischkonsum sehr stark reduziert. Aber wenn alle auf der Welt so viel Fleisch essen wollten wie wir Deutschen, dann bräuchten wir drei Planeten. Es geht schlicht und einfach nicht. Es gibt einmal das Problem des Wegwerfens und das des Fleischkonsums. Der steht in Konkurrenz zur restlichen menschlichen Ernährung, weil die Tiere mit ganz viel Futter vom Acker ernährt werden, denn das, was auf einem Acker wächst, kann auch dem Menschen direkt gegeben werden. Je mehr Fleisch wir essen, umso mehr Fläche muss für Tierfutter verwendet werden. Das drückt die Preise für pflanzliche Nahrungsmittel nach oben und sorgt damit für mehr Hunger. Diesen Zusammenhang kann man nicht leugnen.

Hans Mörtter
Ich finde, ein ganz wichtiges Wort ist Wertschätzung. Wertschätzung der Arbeit der Bauern, derjenigen, die Tiere halten, und auch dessen, was sie produzieren, was sie wachsen lassen. Das ist gleichzeitig Wertschätzung gegenüber mir selbst, meinem eigenen Körper, dass ich ein Recht darauf habe, dass mir das, was ich esse, guttut und mich nicht vergiftet. Ein Großteil dessen, was wir zu uns nehmen, vergiftet uns, das wissen wir eigentlich.

Valentin Thurn
Es gibt den radikalen Ansatz, Schulklassen sollen doch mal selber ein Hühnchen schlachten, um mitzukriegen, wo das Fleisch herkommt. Die Hälfte wird anschließend zu Vegetariern, die Fernsehköchin Sarah Wiener hat das gemacht. Ich fand das gut, weil die andere Hälfte der Schüler hat dann eben Wertschätzung gelernt, da wird schließlich ein Leben geopfert. Also wenn ich schon Fleisch esse, dann möchte ich auch wirklich jedes Teil vom Tier ehren. Beim industriellen Schlachten muss alles zack, zack gehen, da spielt das Tierwohl keine Rolle. Ich nutze inzwischen tatsächlich auch den Kontakt zu den vielen Bauern, die im Ernährungsrat mitwirken. Zum Beispiel einer aus dem Bergischen, der mir eine E-Mail schickt, wenn er schlachten lässt. Zu ihm kommt ein mobiler Schlachter auf die Weide, die Tiere werden eben nicht Hunderte von Kilometern zum nächsten Schlachthof gefahren und in Todesangst versetzt, sondern das geschieht relativ sanft. Die Entscheidung zum Vegetarismus habe ich für mich noch nicht gefällt. Meine Tochter hat das für sich irgendwann gemacht –, hohen Respekt! Es ist sicherlich ein guter Weg, denn 95 Prozent von dem Zeug, was im Supermarkt angeboten wird, stammt aus Massentierhaltung, machen wir uns nichts vor.

Hans Mörtter
Die Grundbedürfnisse des Menschseins sind gleich auf der ganzen Erde, das macht uns zu Geschwistern, sag ich immer, zu Brüdern und Schwestern. Wir wissen um diesen moralischen Imperativ in uns drin, der besagt, dass wir die anderen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten. Im Augenblick bekommt die Welt, das System Risse, weil immer mehr Menschen aufwachen und sich erinnern. Daraus erwächst eine Kraft, ein Zusammenschluss gegenüber den „Zwangsläufigkeiten der großen Konzerne unserer Welt“ (Jean Ziegler). Das ist eine Bewegung mit ganz viel Zukunft. Charles Péguy, Revolutionär der Französischen Revolution sagte über den 14. Juli 1789: „Niemandem wurde befohlen, die Bastille einzunehmen. Niemand wurde dazu bestimmt. Trotzdem wurde sie eingenommen!“ Also ich sag nicht, dass Bayer eine andere Bastille werden könnte...

Valentin Thurn
Bis wir die politischen Mehrheiten bekommen, um das System zu stürmen, sollten wir in kleinen Insellösungen beweisen, dass es anders geht. Indem wir vor Ort mit unseren Kaufentscheidungen eine ökologische Agrarwende herbeiführen.

Hans Mörtter
Vielen Dank Valentin Thurn, dass du da warst.

Redigiert von Helga Fitzner

Talkgottesdienst mit Valentin Thurn, Ernährungsrat Köln und Umgebung mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Sonja Grupe

Valentin Thurn und Pfarrer Hans Mörtter sprechen über den Ernährungsrat Köln
Foto: Sonja Grupe

Talkgottesdienst mit Valentin Thurn, Ernährungsrat Köln und Umgebung mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages

Valentin Thurn zeigt Ausschnitte aus seinen Kinofilmen, Foto: Lothar Wages

Talkgottesdienst mit Valentin Thurn, Ernährungsrat Köln und Umgebung mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages

Grübeln wegen der Übernahme des Konzerns Monsanto durch Bayer, Valentin Thurn, Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages