27. Kölner Talkgottesdienst am 17.09.2017
zu Gast: Ulrich Rückriem

Steinmetz, Bildhauer, Hochschullehrer

Die Freiheit des Ausdrucks und des Geistes

Er hatte schon mal Zeichnungen bei uns im Turm ausgestellt, aber er wollte nicht, dass wir das ankündigen. Wer Glück hatte und vorbei kam, konnte bei uns eine Zeit lang Werke von Ulrich Rückriem bewundern. Nun kommt er zum Talkgottesdienst an die Lutherkirche, und mal schauen, wie das dieses Mal laufen wird. Ulrich Rückriem hat sehr eigene Vorstellungen und die haben ihn zu einem der bedeutendsten zeitgenössischen Bildhauer gemacht. Man hat ihn in verschiedene Schubladen stecken wollen, wie „Prozesskünstler“ oder „Minimalist“, die sprengt er aber alle. 1938 in Düsseldorf geboren, absolvierte er zunächst eine Lehre zum Steinmetz, verlegte sich dann auf die Bildhauerei und hatte später Professuren an verschiedenen Hochschulen inne. Der 79jährige ist heute noch bekannt für die Steinquader, die er u. a. im Steinbruch Anröchte in Westfalen ausgesucht und bearbeitet hat. Obwohl er als Steinmetz in der Lage ist, den Blöcken jegliche Form zu verleihen, die ihm gerade einfällt, hat er sich die Steine sehr gut angeschaut und danach gearbeitet, was dem Ausgangsmaterial von Natur aus inne wohnt. Durch Spalten, Sägen, Schleifen, Polieren und Zusammensetzen gibt er ihnen eine neue Form. Oft sind dadurch geometrische Blöcke entstanden, bei denen die Bearbeitungsspuren und der Arbeitsprozess abzulesen sind, darunter Bohrlöcher, aber auch Spuren der Einwirkung des Wetters auf die oft draußen stehenden Skulpturen. Namen gibt er seinen Werken nicht, zumindest keine erklärenden. Der Bezug der Skulptur zu ihrem Standort ist für ihn ebenso wichtig wie die Skulptur selbst.

Ulrich Rückriem hat sich seit Längerem aufs Zeichnen verlegt, was allerdings schon seit seiner frühestens Jugend zu seinen Begabungen gehört. Erklären will er nichts, man soll Kunst auf sich wirken lassen. Seine Zeichnungen bestehen meist aus geometrischen Figuren, wenn er sieben Punkte mit Linien zu Flächen verbindet. Durch verschiedene Techniken entsteht manchmal ein dreidimensionaler Eindruck. Er hat sich ausgiebig mit dem Daoismus beschäftigt, der besagt, dass alles aus dem Nichts käme und wieder ins Nichts überginge. Deswegen sollte man so wenig Anhaftungen wie möglich haben, auch nicht zu dem, was man geschaffen hat. Darin liegt eine ungeheure Freiheit, eine Freiheit, die Rückriem sich konsequent auf allen Ebenen nimmt, jenseits des Kunstmarktes und anderer Konventionen.

Seine schönsten Momente sind die, wenn er in seiner Arbeit so aufgeht, dass er alles um sich herum vergisst. Da spürt er den Moment des Tuns als Ewigkeit. Klar, dass sich Pfarrer Hans Mörtter auf Ulrich Rückriem als Talkgast freut. Durch ihre tiefgehenden Gespräche miteinander sind sie zu Freunden geworden.

Es ist auch nicht auszuschließen, dass vielleicht doch ein paar Zeichnungen... Aber bei Rückriem kann man das nicht so genau vorhersagen.

Text und Fotos: Helga Fitzner


Eintrag in "Welt der Form"
Exponat im Skulpturenpark Köln
Rückriems Bodenskulptur im Deutschen Bundestag
Archiv Ulrich Rückriem der Ruhr-Universität Bochum
Ulrich Rückriems "Zeichnungen" von 2010
Video: Ulrich Rückriem, Punkt und Linie zu Fläche, 2014

Scherenschnitt von Ulrich Rückriem, Foto: Ulrich Rückriem

Scherenschnitt von Ulrich Rückriem

Skulptur von Ulrich Rückriem im Skulpturenpark Köln. Granit Bleu de Vire, gespalten, 1982, Foto: Helga Fitzner

Skulptur von Ulrich Rückriem im Skulpturenpark Köln
Granit Bleu de Vire, gespalten, 1982

Foto: Helga Fitzner

Skulptur von Ulrich Rückriem im Skulpturenpark Köln
Granit schwarz, Schweden, gespalten, geschnitten, geschliffen, 1986

Foto: Helga Fitzner

Skulptur von Ulrich Rückriem im Skulpturenpark Köln
Ohne Titel, 2001, Granit (Rosa Porriño)

Ulrich Rückriem, Doppel-Skulptur-Boden-Relief, Reichstagsgebäude, südlicher Innenhof, Foto: Helga Fitzner

Ulrich Rückriem, Teil des Doppel-Skulptur-Boden-Reliefs im südlichen Innenhof des Reichstagsgebäudes in Berlin