Taizé-Gottesdienst am Abend

Meditatives Singen mit unserem Kantor Thomas Frerichs

Meistens geht es an der Lutherkirche feierfreudig und lebhaft zu. Aber sie kann auch stiller. Mit einer Reihe von Taizé-Gottesdiensten will sie sich auf meditative Gebete und die berühmten Taizé-Gesänge besinnen. „Als Pfarrer habe ich das Glück, jederzeit Zutritt zur Kirche zu haben. Manchmal bin ich dann allein und lasse den Kirchenraum auf mich wirken. Daraus kann man unglaublich viel Kraft schöpfen“, erzählt Hans Mörtter. „Durch die Ruhe kann sowohl der äußere als auch der eigene innere Raum tiefer erfahrbar werden“. Bei den ökumenischen Taizé-Gottesdiensten geht es neben der Besinnung auch um die Gemeinsamkeit im Erleben. Mörtter sieht den Gottesdiensten sehr entspannt entgegen: „Es gibt keine Predigt, sondern nur eine Mischung aus Gebeten, Gesängen und Meditation“.

Bei der Taizé-Andacht verbringen wir eine Zeit der Stille. Sie gewährt Raum, in sich hinein zu hören und sich fallen zu lassen. „Das ist die Gelegenheit, auch mal auf Empfang zu gehen“, meint Hans Mörtter. Diese Zeit kann ein Augenblick voller Offenheit sein und damit etwas sehr Verbindendes und Intensives. Auf der Webseite der Communauté de Taizé steht: „Stille halten heißt erkennen, dass ich nicht viel ausrichten kann, wenn ich mir Sorgen mache. Stille halten heißt Gott überlassen, was außerhalb meiner Reichweite und meiner Fähigkeiten liegt. Selbst ein ganz kurzer Augenblick der Stille ist wie eine Sabbatruhe, ein heiliges Innehalten, eine Bresche in die Sorgenmauer. www.taize.fr/de

Während die Stille eher das individuelle Gebet verkörpert, steht bei den Gesängen die Gemeinsamkeit des Betens im Vordergrund. Die Gesänge werden in Taizé a-capella oder mit dezenter Gitarrenbegleitung gesungen. Kantor Thomas Frerichs will diese am Klavier begleiten. „Das kommt drauf an, wie viel Sangeslust die Gottesdienstbesucher mitbringen“, meint er. „Zum Anstimmen werde ich vielleicht ein paar Takte spielen. Die Kanons und mehrstimmigen Lieder klingen ohne Klavier einfach schöner." Diese Art des ökumenischen Gottesdienstes gibt es bei uns seit dem 18. Juni 2006 mehrmals im Jahr.

Informationen über Taizé
Der Begriff „Taizé“ ist mehr als nur der Name einer Ortschaft im französischen Burgund. Als 1949 der Schweizer Mönch Frère Roger Schutz den Orden gründete, war er von den Auswüchsen des Zweiten Weltkriegs zutiefst getroffen. Der protestantische Mönch setzte der Gewalt und Vernichtung den Glauben an die Gemeinschaft der gesamten Christenheit und an die Jugend entgegen. Die Namen „Frère Roger“ und „ökumenische Jugendbewegung“ sind seitdem untrennbar miteinander verbunden. 1974 fand ein Konzil der Jugend statt, mit dem Taizé weltweite Aufmerksamkeit und Anerkennung gewann. Die daraus resultierenden religiösen Jugendtreffen wurden nach einiger Zeit wieder eingestellt und gingen in den „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“ über.

Viele werden sich noch an die unfassbare Meldung im August 2005 erinnern. Mitten in die Euphorie des katholischen Weltjugendtages in Köln traf die Nachricht von dem Attentat ein. Dem 90-jährigen Protestanten Frère Roger war kein natürlicher Tod im Bett beschieden. Eine geistig verwirrte Frau verletzte ihn beim Abendgebet tödlich. An diesem Abend hob der Schock um den plötzlichen Verlust alle Schranken zwischen Katholiken und Protestanten auf. - Das war vielleicht das schönste Abschiedsgeschenk, das wir dem wackeren Kämpfer um Aussöhnung und Einigkeit im Christentum machen konnten.

Vielen Christen, katholischen und evangelischen zugleich, hat sich aber ein Bild der Hoffnung mit dem lebenden Roger Schutz eingeprägt. Als im April 2005 die Beisetzungsfeier für Papst Johannes Paul II. stattfand, hat der damalige Kardinal Ratzinger demonstrativ die Hostie an den im Rollstuhl sitzenden Frère Roger ausgeteilt. Das stand im absoluten Widerspruch zur katholischen Lehrmeinung, in der nur bekennende und aktive Katholiken den „Leib Christi“ empfangen dürfen und die eine gemeinsame Begehung des Abendmahls von Katholiken und Protestanten explizit untersagt. Kardinal Ratzinger wurde danach zum Papst gewählt, hat diese vielleicht leichtsinnig vergebene Verheißung während seiner Amtszeit aber nie eingelöst.

Text und Foto: Helga Fitzner

Kantor Thomas Frerichs am Klavier, Foto: Helga Fitzner