15. Kölner Talkgottesdienst am 03.07.2011
zu Gast: "Sunday"

Talkgottesdienst mit einem Illegalisierten mit Maske

UNSERE LEBENSGRUNDLAGEN WERDEN DURCH UMWELTZERSTÖRUNG VERNICHTET

"Er hatte sich in seinem Land mit einem europäischen Multi angelegt, saß deswegen im Gefängnis und wurde gefoltert. Er hat dadurch eine schwere Traumatisierung, die dringend behandelt werden muss. Nach wochenlanger Suche haben wir endlich einen Top-Therapeuten gefunden, der ihn sofort
übernehmen kann. Statt des üblichen Stundenhonorars von 90,- - 200,- Euro nimmt er nur 50,- Euro. Da „Sunday“ illegalisiert ist, gibt es keine Krankenkasse, die das übernimmt.

Eine ca. 2-jährige nötige Behandlung kostet damit gut 5.000,- Euro. Dazu kommen die Kosten des Kirchenasyls wie Lebensunterhalt, KVB-Monatsticket usw.

Wir brauchen dringend Spenden, um das alles schaffen zu können. Insgesamt sind wir sehr optimistisch, in enger Zusammenarbeit mit dem Kölner Flüchtlingsrat im Lauf der Zeit eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung für ihn zu erlangen.

Spendenkonto: Ev. Gemeinde Köln
                      Sparkasse KölnBonn
                      BLZ: 370 501 98
                      Kontonr.: 7702 012
                      Stichwort: „Kirchenasyl Lutherkirche“

Bei Angabe der Adresse gibt es auch eine Spendenbescheinigung

DANKE für Eure Hilfe  -  sie ist wirklich nötig.

Ihr Pfarrer Hans Mörtter"

Artikel zum Talkgottesdienst im Kölner Stadtanzeiger

Talk Teil 1:  “Die Folge davon ist die Radikalisierung der Menschen dort“

Hans Mörtter
Herr Prof. Sotobayashi ist leider erkrankt und wir mussten die Einladung zum Talk-Gottesdienst mit ihm verschieben. Da sind wir auf „Sunday“ gekommen, den wir unter den Schutz des Kirchenasyls genommen haben, weil er als Illegaler abgeschoben werden soll. Kirchenasyl ist nur ein ungeschriebenes Recht, deshalb tritt er heute mit Maske auf. Denn das Recht auf Kirchenasyl wird immer wieder gebrochen, aber in Köln ist das eigentlich aus meiner Erfahrung anerkannt. Dadurch gewinnen wir erst einmal Raum und Zeit, um eine Lösung zu finden.

Sunday ist in einem westafrikanischen Staat geboren. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie und hätte Aussichten auf eine gute gesellschaftliche Stellung gehabt. Du hast Agrar- und Wirtschaftswissenschaften studiert und hättest Karriere machen können. Was ist geschehen?

Sunday
Ich bin vor knapp 40 Jahren in Westafrika geboren, wo ich auch die erste Hälfte meines bisherigen Lebens verbracht habe. Meine Eltern gehörten der korrupten Hegemonie an, die ich selber ablehne. Ich wollte da nicht mitspielen, weil ich ein anderes, demokratisches Politikverständnis habe. Leider sind sie bereits gestorben. Trotz dieser Differenzen habe ich meine Eltern geliebt. Während des Studiums war ich politisch in der studentischen Bewegung aktiv und auch auf Gewerkschaftsebene. Wir kämpften gegen die Militärdiktatur in meinem Heimatland.

Hans Mörtter
Du hast Deine Heimat 1989 verlassen. In diesem Jahr hat es ein Strukturanpassungsprogramm des Internationalen Währungsfonds, IWF, gegeben, das schlimme soziale Auswirkungen für die Arbeiter und Armen hatte. Die Arbeiterbewegung, die Gewerkschaften und Studenten waren die einzig wirkliche Opposition.

Sunday
Nicht ganz. Zu dieser Zeit gab es keine organisierte Opposition. Durch die  jahrzehntelangen Diktaturen immer wechselnder Militärherrscher wurde die Situation aber immer unerträglicher. Und neben den Menschenrechtsverletzungen wissen Afrikakenner, dass meine Heimat immer noch ein korruptes, wenn nicht sogar das korrupteste Land der Erde ist. 1989 wurde das Militär vom IWF gezwungen, die Währung abzusetzen und Anpassungsmaßnahmen durchzuführen, die nur dazu dienten, die Armen ärmer zu machen, und das wollten wir nicht hinnehmen! Denn unsere Situation während meines Studiums war auch katastrophal geworden. Die Arbeiter bekamen monatelang keinen Lohn – auch Leute, die für die staatlichen Behörden arbeiteten! Und so kam es dazu, dass wir im April 1989 zu einem nationalen Streik und landesweiten Demonstrationen aufgerufen haben, unterstützt von den verschiedenen Gewerkschaften. Da kam das Militär mit Panzern und Gewehren.

Hans Mörtter
Am 1. Mai 1989 war das dann!

Sunday
Ja, das war am 1. Mai 1989, und eigentlich zum wiederholten Mal, weil immer wieder Demonstrationen und Streiks ausgerufen wurden. Die haben dann diese Demonstration niedergeschlagen, Hunderte von Menschen ermordet – darunter auch ganz enge Freunde und Mitstreiter von mir. Ich konnte zunächst entkommen, aber die Staatssicherheit hat uns dann doch entdeckt und festgenommen.

Hans Mörtter
Du bist verhaftet worden? Welche Rolle spielte der Ölmulti Shell, dessen Erdölförderung schwerpunktmäßig in deiner Heimat stattfindet? Warum hast du heute noch vor Shell Angst?

Sunday
Das ist ein ganz einfacher Grund: Shell war und ist immer noch da. Das geförderte Öl gehört zu einer Hälfte meinem Staat und zur anderen Hälfte dem Unternehmen Shell. Deswegen ist das Thema „Fukushima“ für mich auch sehr interessant, das du heute behandelt hättest, wenn der Gast nicht erkrankt wäre. Auch in Fukushima finden Menschen durch Umweltzerstörung und totale Missachtung der Umwelt ihre Lebensgrundlage vernichtet vor.

Hans Mörtter
Kannst du kurz zum Thema „Zerstörung der Lebensgrundlage“ etwas sagen?

Sunday
Durch den Abbau von Öl entsteht eine erhebliche Umweltzerstörung. In Afrika gelten die Standards, die wir in Europa kennen, überhaupt nicht, so dass wir ständig mit veralteten Pipelines und Rohren zu tun haben, die dazu führen, dass es ständig unkontrollierte Öllecks gibt, die unser Flussdelta zerstören. Das ist eine der empfindlichsten Regionen der Welt mit seltenen Tieren und Pflanzen, aber wenn es ein Ölleck gibt, dann wird es verbrannt. Es werden auch mehrere Quadratkilometer von Land verbrannt, auch durch das Abfackeln von Gas. Die Menschen können deshalb nicht mehr fischen, obwohl sie praktisch nur von Fischerei leben können. Aber es gibt keine Fische mehr. Die Leute können auch ihren Boden nicht mehr beackern...

Hans Mörtter
… der Boden ist verseucht, und auch das Grundwasser...

Sunday
… das Grundwasser sowieso. Deshalb gibt es seltsame Krankheiten. Shell trägt dazu bei.

Hans Mörtter
Warum hast du heute noch Angst vor Shell? Du hast mir erzählt, du hast Angst!

Sunday
Weil ich mich dagegen gewehrt habe! Weil wir damals massive Proteste und Kampagnen gegen Shell mitorganisiert haben. In meinem Staat muss man bei so etwas um sein Leben fürchten, denn hier regiert systematische Unterdrückung. Shell ist einer der einflussreichsten Konzerne der Welt, hält den Markt, hält die Medien, das sind ungleiche Machtverhältnisse. Ich habe Sorge, dass Shell immer noch weitere Aktivisten wie mich unterdrückt, oder dass sogar die gegenwärtige, angeblich demokratische Regierung im Auftrag von Shell und anderen Ölmultis vor Ort die Leute weiter unterdrückt. Wobei ich mich stark genug fühle, um mich weiterhin dagegen zu wehren.

Hans Mörtter
Ken Saro-Wiwa war Träger des alternativen Friedensnobelpreises. Er und acht seiner Mitstreiter waren laut seiner Aussage 1995 „offiziell die Angeklagten“, das ist ein Zitat von ihm, „aber in Wahrheit stand Shell vor Gericht!“ Es ist zwei Jahre her: Am 9. Juni 2009 hat sich der Shell-Konzern außergerichtlich mit den Hinterbliebenen von Ken Saro-Wiwa und den anderen acht Hingerichteten, beziehungsweise besser, durch den Strick Ermordeten „geeinigt“ hat. Der Vergleich lief darauf hinaus, dass Shell 15,5 Millionen US-Dollar an die Angehörigen zahlte, um nicht vor einem US-Bezirksgericht wegen Menschenrechtsverletzungen angeklagt zu werden, denn das wäre ein Gau für sie geworden. Ist Shell einsichtig geworden? Verändert sich etwas, Sunday?

Sunday
Im Land gibt es keine Veränderungen! Es geht wirklich mehr um die Imagepflege des Konzerns Shell.  In den 90-er Jahren hatte Shell durch unsere Kampagnen kein gutes Image. Da sah sich Shell gezwungen, in Oberhausen einen Solarforschungszentrum in Betrieb zu nehmen, um zu zeigen: Wir sind für alternative Energien!. Aber nur um die Menschen abzulenken. Die außergerichtliche Einigung mit der Familie von Ken Saro-Wiwa ist im tiefsten Sinne ein indirektes Schuldeingeständnis. Viele von uns sehen diese Vorgehensweise als eine weitere Bestechung Shells. Viele von uns sind klar enttäuscht darüber. Ich persönlich hätte Shell gerne vor Gericht gesehen. Die Folge davon ist die Radikalisierung der Menschen dort vor Ort, die das einfach nicht akzeptieren können, dass die Familie von Ken Saro-Wiwa so eine Summe entgegengenommen hat, weil das praktisch der Kampagne einen Dämpfer verpasst. Sie versuchen jetzt, mit Gewalt vorzugehen, indem sie Shell-Mitarbeiter oder Mitarbeiter anderer Ölkonzerne als Geiseln nehmen. Man hört das immer wieder in den Nachrichten. Das ist die Folge, natürlich! Im Prinzip haben solche Gewaltakte mit unserer friedlichen Bewegung nichts mehr zu tun. 

Talk Teil 2:  “Und in dem Moment habe ich das Leben gewählt …“

Hans Mörtter
Friede kann nur wachsen, wo Gerechtigkeit herrscht! Es gibt die nigerianische Menschenrechtsaktivistin Hafsat Abiola. Ihre Eltern sind auch ermordet worden, sie waren Bürgerrechtler. Sie ist aktuell eine starke Kritikerin von Shell in Nigeria. Ein Zitat von ihr: "Der ökologische Krieg, von dem Ken Saro-Wiwa damals sprach, tobt ja noch immer – einfach, weil die Ölkonzerne von so großer strategischer Bedeutung für die Volkswirtschaften aller Industrienationen sind und deshalb eine enorme Macht haben!" – Aber zurück zu dir: Nach der großen Demonstration am 1. Mai 1989 wurdest du irgendwann entdeckt und verhaftet. Du warst acht Monate lang im Gefängnis der Staatssicherheit. Was hieß das für dich?

Sunday
Ich habe die Wirkung, die solche Verhältnisse haben, wirklich unterschätzt, bis vor ein paar Jahren deutlich wurde, was das alles bei mir hinterlassen hat – mehr, als ich zugeben wollte. Ich befand mich mit 80 anderen in einer Zelle von 50m², wo es keine Toilette gab, keine Möglichkeit, sich zu "erleichtern". Es gab zwei Doppelbetten, also vier Schlafmöglichkeiten. Eine von diesen Schlafmöglichkeit hat der "Präsident" der Zelle für sich in Anspruch genommen.

Hans Mörtter
Was hat den "Präsidenten" der Zelle ausgemacht?

Sunday
Der "Präsident" ist meistens ein Mörder, ein Schwerkrimineller, den die Staatssicherheit ernennt. Der soll der Chef sein und hat alle Privilegien. Der Staat hat uns kein Essen gegeben, und deshalb mussten Eltern und Bekannte immer Essen in die Zelle bringen. Aber wenn es herein gebracht wurde, musste das erst diesem "Präsidenten" vorgelegt werden, und der konnte dann entscheiden, wer was kriegt und wer nicht. Das gleiche galt auch fürs Schlafen. Da wir in "Schichten" geschlafen haben, entschied der Präsident, wann du dran warst: "Jetzt darfst du zwei Stunden schlafen!", oder er kann plötzlich sagen: "Eine Viertelstunde reicht, steh auf, der Nächste ist dran!" Es ist natürlich ein bisschen schwierig, darüber zu berichten. Neben der psychologischen Gewalt, wurden wir extremer körperlicher Folter ausgesetzt, von Elektroschocks bis Nadeln in den … [unverständliches Englisch]

Hans Mörtter
… Nadeln in den Penis.

Sunday
… in den Penis und so. Viele Männer wurden vergewaltigt – von wegen, es gibt keine Schwulen in Afrika!

Hans Mörtter
Du erzähltest von Scheinexekutionen?

Sunday
Ja, das ist ein Teil der Folter. Wir waren ungefähr 80 in der Zelle – über acht Monate. In diesen acht Monaten wurden ungefähr zehn Leute abtransportiert. Man kriegt das alles mit, es gab ja keine Abtrennung. Das Krasse dabei ist, dass die eine Leiche in der Zelle nicht sofort abtransportiert haben und der Leichnam ein, zwei Tage dort gelassen wurde.

Hans Mörtter
Es ist heiß da.

Sunday
Es ist ein bisschen schwierig, darüber zu berichten, für mich, und auch für die Leute, die das hören, weil das keine erfreuliche Geschichte ist. Tote Menschen  – alles dient dazu, deine innere Kraft zu brechen und zu zeigen: Wir sind der Boss hier, wenn du Glück hast, dann bist du am Ende noch am leben, aber dein Geist ist gebrochen!

Hans Mörtter
Wie hast du in dieser Situation deine Würde wahren können? Wie konntest du als Mensch überleben?

Sunday
Da spielen auch wieder die Machenschaften der politischen Elite bei uns eine Rolle – zu der eben auch meine Eltern gehörten, so dass man dann was erkaufen konnte: "Man kennt sich, man hilft sich!" Und …

Hans Mörtter
Dein Vater hat geklüngelt, wie wir in Köln sagen, mit Geld und Beziehungen.

Sunday
Genau, und so hat er dafür gesorgt, dass ich ein bisschen gutes Essen bekomme und der "Präsident" praktisch darauf aufpasste, dass keiner mich anfasste, und dass es keine Vergewaltigungsversuche gab. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht den anderen Folterpraktiken ausgesetzt wurde, wie jeder andere Gefangene. Aber man sieht das bei anderen, man hört die Schreie, man erlebt alles mit! Auch wenn man selbst nicht vergewaltigt worden ist: Jeden Tag, wenn ich schlafe, habe ich diesen Alptraum von der Vorstellung solcher Gewaltakte.

Hans Mörtter
Der erste afrikanische Nobelpreisträger für Literatur, Wole Soyinka aus Nigeria – lebt inzwischen in Kalifornien und du bezeichnest ihn als deinen Lehrer. Er schreibt in seinem Buch "Klima der Angst“: "Der Angriff auf die menschliche Würde ist eines der wichtigsten Ziele in der Heimsuchung durch die Angst, ein Vorspiel zur Beherrschung des Geistes und zum Triumph der Macht, das ist das, was täglich geschieht!" Bist du in deiner Würde schwer verletzt, bist du unterworfen und besiegt, Sunday?

Sunday
Also, besiegt bin ich nicht. Es gab eine Zeit, wo ich wirklich... Heute muss ich sagen, ich danke Gott, dass er mir den Weg zu dir geleitet hat.. Dass ich die Kraft habe, dann …

Hans Mörtter
Dass du gegangen bist?

Sunday
Genau! Ich hätte gesagt: „Besiegt“, wenn einer der beiden Selbstmordversuche, die ich hinter mir habe, gelungen wäre, aber …

Hans Mörtter
Du hattest immer noch eine Hemmung, es konsequent durchzuziehen.

Sunday
Genau!

Hans Mörtter
Du hast die beiden Versuche abgebrochen, bevor es zu spät war.

Sunday
Und in dem Moment habe ich das Leben gewählt … 

Talk Teil 3:  “Ich bin nicht illegal! Ich bin illegalisiert!“

Hans Mörtter
… du bist nicht besiegt!

Sunday
… ich bin nicht besiegt! Gebrochen bin ich schon.

Hans Mörtter
Das ist dann für uns auch ein Thema, die Traumatisierung. Der Berliner Traumata-Therapeut Norbert Gurris – er arbeitet am Folteropferzentrum  –sagt: "Folter kann nicht bewältigt werden. Der fast immer zu erwartende Zusammenbruch des Selbst und der Selbstwerte führt zu einem Erleben eigenen totalen Versagens, der Zuschreibung von eigener Schuld und damit zu überwältigenden Schamgefühlen." Und Schamgefühle sind ja auch für dich ein großes Problem!

Sunday
Ja, man hat dieses Gefühl, zwar nicht besiegt worden zu sein, aber man hat das Gefühl, ein "Loser" zu sein.

Hans Mörtter
Du glaubst, du bist nichts! – ist es das?

Sunday
Ja, die haben uns vom Geist her so herabgestuft. Ich persönlich habe nicht richtig eingeschätzt, dass es in meinem späteren Leben eine größere Rolle spielen würde, und ich muss ehrlich sagen, verarbeitet habe ich das nie.

Hans Mörtter
Es gab eine Zeit, in der du politisch sehr aktiv warst. Du hast in den 90-er Jahren,  auch hier in Köln, mit politischer Aufklärung und vielen Verbündeten gegen Shell mobilisiert. Unter anderem hat das damals auch hier in der Lutherkirche Veranstaltungen dazu gegeben. Da hast du es geschafft, die Foltererfahrung ein Stück weit zu verdrängen, denke ich mal.

Jetzt ist aber durch die Situation der Illegalität, wo du ein Schattenmensch ohne Namen geworden bist, der sich verstecken muss, diese Traumatisierung wieder aufgebrochen. Das heißt ganz konkret, wir suchen einen Trauma-Experten, der Sunday behandelt. Du hast nämlich gesagt, das wäre für dich das Wichtigste, eine therapeutische Begleitung zu bekommen. Bei der Caritas, die da sehr engagiert ist, muss Sunday ein Jahr lang auf einen Therapieplatz warten. In der Zeit weiß ich nicht, was passiert. Er braucht ihn jetzt. JETZT ist es dran! Wir brauchen da einfach Hilfe. Und nach allem, was Sunday geschildert hat, ist es unverantwortlich, dass er jederzeit abgeschoben werden kann. Das ist unmöglich.

Sunday
Dazu wollte ich nur sagen: Ich bin nicht illegal! Ich bin illegalisiert! Das ist ganz, ganz wichtig, denn ich lebe hier seit 22 Jahren, die letzten sechs davon halt illegal, weil es ein paar bürokratische Bestimmungen gab, auf die ich nicht geachtet habe. Ich war nach einem Wohnortwechsel länger als sechs Monate in Deutschland nicht angemeldet. Ich verstehe auch, dass das sein muss. Jeder ist hier ja meldepflichtig. Aber irgendwie hatte das mit meinem psychischen Gleichgewicht zu tun, dass ich dazu irgendwie nicht in der Lage war. Als Konsequenz wurde meine Aufenthaltsgenehmigung für ungültig erklärt.

Hans Mörtter
Wenn du logisch, rational und cool genug gewesen wärest, hättest du sogar die deutsche Staatsbürgerschaft haben können.

Sunday
Eigentlich schon, aber ich hatte mich nicht darum gekümmert. Dabei fühle ich mich als Deutscher nach 22 Jahren hier.  Das war ein großer Schock zu hören, dass ich nicht mehr hier bleiben darf, weil ich diese Bestimmung nicht beachtet habe. Dann hat man mir noch gesagt hat, dass Heirat der einzige Weg sei, hier in Deutschland zu bleiben. So rund zwei  Jahre lang konnte ich mich gar nicht damit abfinden, dass ich eine Frau heiraten müsste, um überhaupt in Deutschland zu leben. Zur gleichen Zeit habe ich in meiner Heimat gegen Zwangsheiraten gekämpft, das war für mich ein Widerspruch, den meine Seele praktisch nicht mittragen konnte. Mein Fall wurde als hoffnungslos eingestuft, weil es keine Argumente wie Ehefrau oder minderjährige Kinder bei mir gab. Das hat mich richtig frustriert. Zu einem bestimmten Zeitpunkt habe ich aufgegeben. Das konnten meine Nerven, meine Psyche nicht mehr mitmachen.

Hans Mörtter
Das ist für mich einfach der Kontext der Würdelosigkeit, der Entwürdigung! Erzähl mal davon, wie du in den letzten sechs Jahren versucht hast, zu überleben. Wovon hast du gelebt? Wie hast du Geld verdient? Du hattest keine Krankenversicherung, du hattest nichts, auch kein Hartz-IV, klar!

Sunday
Das ist das Lustige dabei, denn dieser illegalisierte Zustand ist unhaltbar, aber man hat keine Alternative! Man arbeitet für 3 oder 4 Euro pro Stunde.

Hans Mörtter
Also, 3 bis 4 Euro die Stunde, so 3,80 Euro ist quasi der Satz – das ist Sklaverei! Das wäre dann der "Mindestlohn" für illegalisierte Leute halt.

Sunday
Dazu kommt, dass man auch viel arbeitet und manchmal kein Geld bekommt. Man kann das auch nicht einklagen. Ich habe schon mal für jemanden drei Monate lang gearbeitet und dann kein Geld bekommen.

Hans Mörtter
Was hat der zu dir gesagt?

Sunday
Der hat mich am Anfang vertröstet: Komm morgen, komm morgen, und so weiter. Bis er mich dann bedroht hat, wenn ich nicht aufhöre, würde er zur Polizei gehen und sagen, dass ich hier illegal lebe. Da habe ich Angst bekommen und die Stelle spontan abgebrochen. Natürlich will ich nicht, dass er zur Polizei geht, das wäre für mich nicht zu ertragen. 

Talk Teil 4:  „Mein Kreuz zu machen – das ist mein Lebenstraum!“ 

Hans Mörtter
Da hast du wieder erlebt, wie man dich als Objekt behandelt. Das Subjektgefühl, das Ich-Gefühl schwindet und schwindet. Daher ist diese Situation unhaltbar in einem Land, das sich demokratisch nennt, das sich humanistisch, wenn nicht gar christlich nennt. Das geht nicht. Du sagst, das mit der Maske, das passt zum ursprünglichen Thema, wovon der Professor Sotobayashi reden wollte, nämlich der atomar Verstrahlten. Wie meinst du das?

Sunday
Ich bin auch "verstrahlt". Ich habe das Gefühl, dass ich diese Maske hier tragen muss, damit ich diese Strahlung, die in mir ist, diesen illegalisierten Zustand bei mir behalte, damit andere Menschen nicht "angesteckt" werden. Das ist aber rhetorisch gemeint. Wichtig ist, dass wir in solchem Zustand als Schattenmenschen bezeichnet werden. Im Englischen heißen wir „illegal aliens", also illegale Außerirdische. Das ist krass. Irgendwann fühlt man so unterlegen, dass man sich gar nicht mehr als Mensch wahrnimmt. Man lebt in ständiger Angst.

Hans Mörtter
Du hast mir etwas sehr Bedeutendes gesagt, Sunday. Es geht nicht um wirtschaftliche Fragen, sondern um die Werte, die Würde, die eine Gesellschaft verliert, wenn sie sich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen! Wie meinst du das?

Sunday
Es ist eine absolute Utopie, wenn Politiker behaupten,  dass Illegalität abgeschafft werden könne, oder dass die illegale Einreise nach Europa  zu stoppen wäre. Da kann man Mauern ziehen, wie man will. Es ist unausweichlich, dass Menschen immer wieder auswandern, einwandern werden. Das sollte man doch als positive Sache sehen. Es ist widersprüchlich, dass Menschen von der Politik "importiert" werden sollen, die den Arbeitsmangel hier in Deutschland decken sollen, während wir fast eine Million Illegalisierte in Deutschland haben. Das ist ein riesiges Potential!

Hans Mörtter
DU bist ein riesiges Potential. Du bist integriert, sprichst gutes Deutsch und bist Akademiker. - Eine Gesellschaft, die gegenüber den Flüchtlingen dicht macht, verliert die eigenen Werte und die eigene Würde und am Ende das Menschsein. Da steht viel auf dem Spiel! - Fast die Hälfte deines Lebens lebst du in Deutschland. Du bist hier zuhause, und du sagst, dass du dein ganzes Leben für die Demokratie gekämpft hast. Du hast mir erzählt von deinem großen, beglückenden Lebenstraum.

Sunday
Ich träume davon, eine Familie zu gründen, und mit ihr in Frieden und Freiheit leben zu können. Auf der politischen Ebene habe ich noch einen großen Traum. Ich habe bis jetzt mehr als zwei Drittel meines Lebens in Nigeria oder hier für Demokratie und Freiheit gekämpft, dafür habe ich aber bis heute nie gewählt.

Hans Mörtter
Zur Wahl konntest du bis heute nie gehen!

Sunday
Zuhause habe ich die "Wahlen" boykottiert. Hier hatte ich die Möglichkeit, die deutsche Staatsangehörigkeit anzunehmen, nicht verfolgt. Dementsprechend darf ich hier auch nicht wählen.

Hans Mörtter
Dein Traum ist es, ein Kreuzchen machen zu dürfen.

Sunday
Mein Kreuz zu machen – das ist mein Lebenstraum.

Hans Mörtter
Für die nächsten Schritte brauchen wir auf jeden Fall Hilfe. Ich brauche einfach Unterstützung, auch von Juristen.  Ich brauche Geld. Dazu kommt, dass Sunday dringend und sofort eine Trauma-Therapie braucht. Ich suche eine/n Therapeuten/in, der/die sich mit den Auswirkungen von Folter auskennt. Die ca. zweijährige Behandlung kostet ca. 5.000,- bis 6.000,- Euro. Die psychische Situation von Sunday ist unerträglich.

Um die richtige Richtung zu finden, muss man mehr Demokratie wagen. Wir sind das Volk dieser Erde. Es sind nicht Konzerne wie Shell und die wenigen, die den gesamten Reichtum der Erde für sich alleine in Anspruch nehmen und Sklavenverhältnisse und Angst produzieren. In der Bergpredigt heißt es: „Selig sind die, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Wenn wir diesen Hunger und Durst nicht mehr spüren, verlieren wir unser Menschsein, und wenn wir unser Menschsein verlieren, verlieren wir uns selbst.  Es wird Zeit, die unwürdige Situation der Illegalisierung zu beenden. Fangen wir damit an! Wenn auf einmal Atomkraftwerke abgeschaltet werden können, dann geht auch das! Danke!

Text: redigiert von Helga Fitzner
Fotos: Michael Horbach, Sonja Grupe 

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