9. Kölner Talkgottesdienst am 26.04.2009
zu Gast: Stephan Neuhoff

Branddirektor der Feuerwehr Köln

"ICH BIN DOCH NUR EIN EINFACHER FEUERWEHRMANN"

Wenn es in Köln brenzlig wird, ist der Branddirektor Stephan Neuhoff zur Stelle. Erst kürzlich, nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs, war oft er es, der den Medien kompetent und besonnen die komplizierte Sachlage der Bergungsmöglichkeiten erklärte. Neuhoff gehört zu jenem Personenkreis, der mit seiner Mannschaft die Orte von Katastrophen aufsucht und nach der gegebenen Lage Rettungspläne erstellt. Wir haben miterleben können, wie schwierig es war, die Suche nach den Verschütteten voranzutreiben, ohne das Leben der Rettungskräfte zu gefährden.

Geboren wurde Stephan Neuhoff 1952 in Köln. Als er an der Technischen Hochschule Aachen Maschinenbau studierte, entschied er sich für die Fachrichtung Thermodynamik. Danach absolvierte er eine Ausbildung für den höheren Dienst bei der Feuerwehr und wurde 1981 bei der Berufsfeuerwehr Köln eingestellt. Dort bekleidet der studierte Diplomingenieur Führungspositionen und wurde 1995 ins Präsidium der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes gewählt. Stephan Neuhoff ist heute der Direktor der Kölner Berufsfeuerwehr und Vater von 11 Kindern.

Wenn in Köln ein Unglück geschehen ist und traumatisierte Menschen Beistand brauchen, gehört Pfarrer Hans Mörtter zu denen, die als Notfall- und Katastrophenseelsorger an die Unglücksstelle gerufen werden. Auch er ist jemand, der unmittelbar nach einem schlimmen Ereignis Soforthilfe leistet.

Deshalb führte dieses Mal auch nicht Peter Clös, der Moderator unserer Talk-Gottesdienste, das Interview. Es wurde vielmehr ein Gespräch zwischen den beiden Insidern Stephan Neuhoff und Hans Mörtter, die ihre Erfahrungen austauschten.

Text: Helga Fitzner
Fotos: Christel Plöthner

Artikel auf kirche-koeln.de

Talk Teil 1:  “Ich brauche mein Korrektiv“

Hans Mörtter
Herr Neuhoff, mir ist aufgefallen, dass Sie zu einer ganz besonderen „Spezies“ gehören. - Sie sind im August 1952 geboren. Sie sind ein Nachkriegskind. Damit haben wir eine weitere Gemeinsamkeit, denn ich bin Jahrgang 1955 und das trifft auch auf mich zu. Gibt es da Prägungen aus dieser Zeit? Was ist bei Ihnen an Erinnerungen hängen geblieben?

Stephan Neuhoff
Ich bin in Köln geboren und im Stadtteil Sülz aufgewachsen. Ja, was ist hängen geblieben? Viel Grünfläche, viel Spielen und viel Kindheit. Viel Freiraum auch, wir haben gern auf den Straßen gespielt, da fuhren weniger Autos, in der Nähe gab es Trümmergrundstücke, wo wir spielen konnten – das ist noch alles so in Erinnerung. Ich war in der katholischen Kirche und auch bei den Pfadfindern.  Das war sehr gut, sehr wichtig für mich – also insgesamt eine gute Erinnerung.

Hans Mörtter
Das war damals so.  - Sehr abenteuerlich, das war eine Zeit, wo wir Kinder auf Brachland noch Höhlen in die Erde bauen konnten, ohne Erwachsene und Absicherungen. Wir haben das gemacht und es war herrlich.

Stephan Neuhoff
Wir haben uns mit Sicherheit viel freier und furchtloser bewegt, als sich heute Kinder manchmal bewegen oder bewegen dürfen.

Hans Mörtter
Was mich spüren lässt, dass es Nachkriegszeit war, war das Essen. Das war noch etwas Besonderes. Ich habe gelernt, dass man Essen nicht weg wirft. Jetzt habe ich ein Problem, das meiner kleinen Tochter zu erklären.

Stephan Neuhoff
Das geht mir genauso. Ich kann es auch nicht haben, wenn zu Hause etwas weggeworfen wird. Das ist geblieben. Das wurde uns durch die Eltern weitergegeben, die die Not erlebt haben. Das sitzt drin, das ist so.

Hans Mörtter
Wofür hat Ihr Herz als Jugendlicher geschlagen?

Stephan Neuhoff
Ich bin in die Pfadfinder hineingeraten. Das hat mich sehr geprägt. Ich habe mich als Teil einer Gruppe erleben können, frühzeitig Verantwortung übernommen und bin Gruppenleiter geworden. Mit 16 Jahren hatte ich meine eigene Gruppe von Kindern. Wir haben Abenteuer erlebt und  viele Fahrten gemeinsam gemacht. Dabei sind wir auch in manche schwierige Situation gekommen, z. B., wenn ein Kind verloren gegangen oder sonst irgendwie etwas passiert ist. Dieses frühe In-Die-Verantwortung-Kommen ist eine Prägung, die für mich mit den Pfadfindern zusammenhängt.

Hans Mörtter
Mit Pfadfindern verbinde ich auch immer Lagerfeuer, also Feuer.

Stephan Neuhoff
Ja, Lagerfeuer und Unternehmungen in der Gemeinschaft. Wir haben uns später auch VW-Busse gekauft und haben größere Fahrten gemacht. Wir sind nach Marokko, nach Tunesien und in die Türkei gefahren, immer zu neunt in einem VW-Bus, das war höchst abenteuerlich.

Hans Mörtter
Wie kamen Sie dazu, Feuerwehrmann zu werden?

Stephan Neuhoff
Das wüsste ich auch gern.

Hans Mörtter
Ich meine, gab es da schon eine  Ahnung, bevor Sie Maschinenbau studierten?

Stephan Neuhoff
Meine Eltern sagen, ich hätte schon als Kind davon gesprochen, zur Feuerwehr zu gehen. Ich hatte zwei Klassenkameraden, deren Väter bei der Feuerwehr arbeiteten. Bei denen war ich öfters zu Hause. Vielleicht hat mich das so ein bisschen schmecken lassen, was die Feuerwehr ist.  Dann kam während des Studiums der Entschluss...  nein, das stimmt ja gar nicht. Das war schon VOR dem Studium. Da war ich bei dem damaligen Leiter der Feuerwehr und habe ihn  gefragt: Wie komme ich in die Feuerwehr? Der sagte: Studieren. Ich fragte: Ja, was denn? Darauf meinte er: Mach ein vernünftiges Studium. Na ja, da habe ich Maschinenbau studiert, -  also doch nicht Theologie. Was mich getrieben hat, ist diese Mischung von Abenteuer und einer sehr vielfältigen Arbeit. Mein eigentliches Ziel war aber, helfen zu können. Ich glaube, das war so eine Mischung von allem.

Hans Mörtter
Was ist denn das Faszinosum am Feuerwehrmann? Oder inzwischen ja auch Feuerwehrfrau?

Stephan Neuhoff
Das Ziel der Arbeit ist letztendlich, helfen zu können.  Das ist einfach fantastisch. Dann kommt die Vielfalt der Arbeit – ich komme als Feuerwehrmann überall hin hier in Köln –, wenn ein Kloster brennt, komme ich ins Kloster, oder zum Stadtarchiv oder in den Tresor der Bank. Ich war auch mal auf der Turmspitze des Kölner Domes, als dort der Blitz eingeschlagen hat. Das ist natürlich auch eine Vielfalt  an Anforderungen, man schlägt sich mit allen möglichen Problemen herum.

Hans Mörtter
Das heißt, man widerspricht Ihnen  auch nicht?

Stephan Neuhoff
Ich hoffe doch, ich hoffe doch. Es gibt Einsatzstellen, da habe ich das letzte Sagen. Aber ich bin ja nicht der liebe Gott persönlich, ich brauche trotzdem mein Korrektiv.

Talk Teil 2:  Eine besondere Gemeinschaft

Hans Mörtter
Gibt es  ein „Feuerwehrethos“, etwas, das alle zusammenschweißt?

Stephan Neuhoff
Das Ethos in dem Sinne glaube ich nicht. Ich habe aber schon den Eindruck, dass die Feuerwehr tatsächlich eine besondere Gemeinschaft ist. Das sagen auch die Verwaltungsleute, die zu uns kommen: Die Feuerwehr ist etwas Besonderes, der Zusammenhalt ist anders, der Umgang unter den Kollegen ist tatsächlich ein anderer. Man ist auch in einem besonderen Maß aufeinander angewiesen. Wenn wir auf der Einsatzstelle unter Druck stehen, müssen wir uns aufeinander verlassen können.

Hans Mörtter
Mir ist bei meinen Einsätzen als Notfallseelsorger ein Unterschied zwischen Feuerwehr und Polizei aufgefallen. Könnte es sein, dass Feuerwehrleute einen leichten Hang zum „Kriminellen“ haben?

Stephan Neuhoff
Warum, wie meinen Sie das?

Hans Mörtter
Es hatte einen schweren Unfall mit Todesfolge gegeben und ich kümmerte mich um eine traumatisierte Familie mit Kindern und Großeltern. Nun wollte ich die einfach behütet nach Hause kriegen, aber deren Auto war kaputt. Und die waren am Ende. Wie sollte ich diese größere Gruppe von Menschen heim kriegen? Der Weg wäre nicht weit gewesen, aber die Polizei machte das nicht, weil sie keine Kindersitze hatte und die Kinder nicht hätte anschnallen können. Das wäre nicht ordnungsgemäß gewesen. Dann schaue ich die RTW-Leute an, also unsere Feuerwehrleute, und sage: Ich habe ein Problem. Die hörten sich das an und sagten: Das machen wir schon. Die Familie saß also in zwei RTW`s und wurden sicher nach Hause gebracht. Das ist ein schönes Beispiel dafür, doch die Fünf mal gerade sein zu lassen, wenn nötig.

Stephan Neuhoff
Ja sicher, also die Feuerwehrleute sind darauf geeicht, zu helfen, schnell und unbürokratisch.

Hans Mörtter
Wenn Sie neue Feuerwehrleute einstellen, was sind Ihre Kriterien bei der Auswahl?

Stephan Neuhoff
Die Anwärter müssen alle eine technische Ausbildung haben. Beim Einstellungstest wird geprüft, ob sie über die körperlichen Voraussetzungen für Einsätze verfügen. Dann gibt es noch einen psychologischen Test, bei dem es um Merkfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit, etc. geht. Beim  Einstellungsgespräch versuchen wir, die Persönlichkeit zu ergründen. Ist er teamfähig, ist er stressfähig, kommt er mit Leiden zurecht und mit all dem, was ihn mal erwartet in dem Beruf. Was ist seine Motivation dafür. Da versuchen wir herauszufinden, ob jemand von seiner Persönlichkeit her geeignet für die Arbeit bei der Feuerwehr ist.

Hans Mörtter
Wie erkennen Sie das?

Stephan Neuhoff
Man sieht ihm in dieser halben Stunde nicht in den Kopf hinein,  man gewinnt bestenfalls einen Eindruck. Manchmal müssen wir während oder nach der Grundausbildung jemandem sagen: Es tut uns leid, du passt nicht in diesen Beruf, such dir lieber etwas anderes. Das ist ungefähr jeder Zehnte, dem wir das raten müssen.

Hans Mörtter
Es geht darum,  im Leben seinen Menschen zu stehen, ganz besonders, wenn man im Einsatz ist, der sehr hart sein kann. Ich kann mir vorher nicht ausmalen, was auf mich zukommt. Dann stecke ich mittendrin in einer Wirklichkeit, in der ich als Person handeln muss, aber auch als Teil in einem ganzen Gefüge. Ich nenne es das Ich und das Wir. Ich finde den Gedanken so faszinierend: Wer bin ich als Mensch? Als Mensch bin ich ein Wir – also das Ich existiert nie ohne das Wir. Das merkt man bei der Feuerwehr in ganz besonderer Weise.

Stephan Neuhoff
Ja, wir arbeiten für den anderen. Ich sage das den Kollegen auch immer nach der Grundausbildung: In eurer Hand liegt das Schicksal von Menschen. Das muss euch immer gegenwärtig sein. Von euch hängt das Leben anderer Menschen ab. Nach einem Herzinfarkt, z. B.,  hängt es von eurer Einschätzung ab, ob der Betroffene später folgenlos aus dem Krankenhaus entlassen werden kann, ob er als komatöser Patient noch Monate auf der Intensivstation liegt, oder ob er stirbt. Ob ihr wollt oder nicht, das liegt in eurer Hand. Es gibt den Eid des Beamten, da heißt es: Sein Amt nach bestem Wissen und Können verwalten. Wenn man das nicht kann oder will, darf man diesen Beruf nicht ergreifen.

Hans Mörtter
Sie müssen sich blind darauf verlassen können, dass der Mensch im Einsatz an Ihrer Seite, hinter, vor oder über Ihnen funktioniert.

Stephan Neuhoff
Er muss seine Arbeit richtig machen, sonst geht es schief.

Hans Mörtter
Vertrauen ist ein Grundbekenntnis!?

Stephan Neuhoff
Ja. Wenn drei Mann beispielsweise bei einem Kellerbrand vorgehen, müssen sie sich völlig aufeinander verlassen können. Sie halten sich gegenseitig  am Gurt fest, es ist völlig dunkel, verraucht, sie finden das Feuer nicht. Wenn sie kein absolutes Vertrauen zueinander haben, geht das nicht. Das muss da sein.

Talk Teil 3:  Über den Umgang mit Grenzsituationen

Hans Mörtter
Dazu gehört eine Kraft, so eine Präsenz, da agieren zu können. Sehen Sie darin auch so ein Stück in diesem verbindlichen, vertrauensvollen Miteinander agieren, eine Art Modell für unsere Gesellschaft, für unsere Stadt?

Stephan Neuhoff
Es wäre schön, wenn es so wäre. Aber ich weiß, dass die Wirklichkeit anders aussieht, und ich weiß auch, dass große moralische Appelle letztendlich sinnlos sind. Selbstverständlich wäre es schön, wenn der Mensch so die Gesellschaft erleben würde, zumindest sein nahes Umfeld,  dass man wirklich das Vertrauen und die Sicherheit hat, dass der andere hilft, wenn es notwendig ist. Der versteht mich, der nimmt mich auch so an, wie ich bin, auch wenn es mir schlecht geht, auch wenn ich einen Fehler gemacht habe. Das wäre schön. Aber das sollen Sie jetzt bitte nicht als moralischen Appell sehen.

Hans Mörtter
Letztes Jahr gab es den Großbrand des Kölner Chemiewerks in Dormagen. Da haben Sie den Einsatz geleitet, der als der größte seit Ende des Zweiten Weltkriegs bezeichnet wurde. Was war da besonders für Sie daran?

Stephan Neuhoff
Das war von den Einsatzkräften her tatsächlich der größte Einsatz. Wir hatten einen brennenden Tank mit 2.800 Kubikmetern Acrylnitril zu löschen. Wir wussten nicht, ob der Tank stehen bleibt oder überkocht. Wenn er zusammengebrochen wäre, wäre alles ausgelaufen. Das hätte schlimme Konsequenzen für die Bevölkerung gehabt. Dann hätten wir es rechtzeitig schaffen müssen, die Bevölkerung zu warnen. Das war ein sehr komplexer Einsatz und hochbrisant. Wir hatten 1.200 Einsatzkräfte, viele aus dem Umland, die alle gesteuert und geführt werden mussten.

Hans Mörtter
Sie haben da ganz professionell reagiert und gearbeitet. Aber gibt es Momente, wo Sie Angst haben zu versagen, dass was schief gehen könnte. Kommt das auch mal vor?

Stephan Neuhoff
Wir hatten bei diesem Einsatz eine ganze Zeit lang den Tank und die Nachbartanks gekühlt. Gegen Mitternacht wollten wir eine zusätzliche Wasserversorgung aufbauen, um löschen zu können. Und dann spitzte sich die Situation zu.  Es wurde klar, dass der Tank auseinanderbrechen könnte. Da haben wir die Kühlung eingestellt und Löschmaßnahmen eingeleitet. In diesem Moment, als ich vor dem brennenden Tank stand und wusste, dass wir alles gemacht hatten, was wir konnten, habe ich angefangen zu beten. Da stand ich, Stephan, der ja nicht Gott persönlich ist. Es lag nicht mehr in meiner Hand, wie sich das jetzt entwickelt, ob das alles  gut geht und planmäßig abläuft. Es gab keine Garantien. In einem solchen Moment wird man mit seinen Grenzen konfrontiert. Wenn alles Menschenmögliche getan ist,  kann man nur noch beten und hoffen.

Hans Mörtter
Habe ich das richtig verstanden? Selbst wenn die Logistik, die Zusammenarbeit und das ganze System noch so genial funktionieren, kommen Sie immer wieder in menschliche Grenzsituationen. Plötzlich kommt da ein Faktor hinzu, dass Sie nicht alles in der Hand haben.

Stephan Neuhoff
Ja, eindeutig. Wenn wir zu einem Hausbrand gerufen werden, müssen wir Entscheidungen treffen, ohne alle Fakten zu kennen. Ich kann nicht in das Haus hineinschauen, ich weiß nicht, ob da noch jemand drin ist, wo genau derjenige sich befindet und wie groß die Gefahr für ihn ist. Ich muss dennoch die Entscheidungen treffen. Wenn vorne aus dem Haus Rauch herauskommt, muss ich die ersten Maßnahmen einleiten. Aber wie es hinten aussieht, das weiß ich unter Umständen gar nicht. Ich weiß nicht, ob an der Rückseite des Hauses schon verzweifelte Menschen stehen und springen wollen, oder ob die Lage völlig ruhig ist. Sechs Wochen später ist alles bis ins letzte Detail untersucht, dann man weiß alles, aber in dem Moment ist man manchmal der Situation völlig ausgeliefert. 

Talk Teil 4:  Der Einsatz nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Hans Mörtter
Können Sie sich an Situationen erinnern, wo Sie nach einem Einsatz gesagt haben: Danke?

Stephan Neuhoff
Ja, nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs habe ich eindeutig Danke gesagt. Da gab es bei allem Unglück so viele glückliche Umstände, allein die Tatsache, dass alle Archivare herausgekommen sind. Das waren 26 Mitarbeiter und acht Personen im Benutzersaal. Das ist für mich wirklich ein Wunder, dass diese 34 Menschen lebend aus diesem Haus gekommen sind.

Hans Mörtter
Sie sind mit einem anderen Gefühl als sonst dahingefahren?

Stephan Neuhoff
Ich kannte das Archiv, weil ich in früheren Jahren viel über die Feuerwehrgeschichte geforscht habe. Daher hatte ich genaue Vorstellungen von dem Gebäude. Als ich aus dem Auto ausstieg, war ich einfach fassungslos. Das Riesengebäude lag in Trümmern vor mir. Wir fragten uns sofort, wo die Menschen waren, die da darin gearbeitet hatten. Dann kam relativ rasch ein Archivar auf mich zu, den ich kannte. Der sagte mir, dass wohl alle rechtzeitig herausgekommen sind. Zumindest aus dem Archiv. In dieser Zeit gab es dann mehrere Situationen, wo ich hinterher dachte, so viele Dinge hätten weitaus schlimmer ausgehen können. Da konnte ich einfach nur Danke sagen, bei aller Trauer um die beiden Toten.

Hans Mörtter
Am sechsten Tag danach sollen Sie einer Zeitung gegenüber gesagt haben: „Ich stehe ständig unter extremer Anspannung, man muss immer hinterfragen, was man tut, und das Minute für Minute.“

Stephan Neuhoff
Ja, das war ja eine sehr schwierige Gesamtlage. Ich habe die Einsatzstelle ständig umrundet und immer wieder tauchte ein Problem auf, das gelöst werden musste. Ich frage mich dann ständig: Ist alles gemacht worden? Was muss noch gemacht werden? Ist alles richtig gemacht worden? Wo müssen wir noch anpacken? Insofern besteht da schon ein ständiger innerer Druck. Deshalb sind auch meine Mitarbeiter für mich ungeheuer wichtig, mit denen ich mich dann abstimmen kann und die ich fragen kann, wie sie die Situation sehen und wie sie sie angehen würden. Ich stehe auch im Austausch mit Abteilungsleitern, die nennen wir Oberbeamte. Das ist eine Gruppe von etwa zehn Kollegen, die überprüfen, ob alles gut und richtig läuft und wie wir weiter vorgehen müssen. Dieser innere Druck war mit mein Hauptproblem. Ich habe den Adrenalinspiegel kaum wieder herunter bekommen. Die Gedanken kreisten nur noch um diese Einsatzstelle.

Hans Mörtter
Die ersten zwei Wochen danach habe ich so erlebt, dass für die Menschen in dieser Stadt noch Elementareres zusammengebrochen ist. Das war mehr als „nur“ der Einsturz eines Hauses. Da war ein ganz großes Entsetzen und Erschrecken, eine Hilflosigkeit, eine Ohnmacht und Wut. Da stellte sich die Frage, was zählt noch? Was gilt noch in unserer Stadt? Den  Menschen war auch im übertragenen Sinne der Boden unter den Füssen weggebrochen. In dieser Situation haben Sie gemeinsam mit Ihrem Team eine ganz wichtige Rolle gespielt. Man sagte von Ihnen: Er ist gelassen, verbindlich, der ruhige Dirigent. Ich glaube, dass die Menschen damals dieses Bild der Zuversicht gebraucht haben. Das Bild, wie Sie mit Schlamm verkrusteten Stiefeln direkt vom Unglücksort zur Pressekonferenz kamen. Die Menschen unserer Stadt haben einen Menschen wie Sie wirklich gebraucht. - Aber ein „Held“ möchten Sie nicht sein.

Stephan Neuhoff
Nein, weiß Gott nicht. Das war wirklich Teamarbeit und nicht nur von der Feuerwehr. Um nur ein Beispiel zu nennen: Herr Schleicher, der Leiter der Wohnungsversorgungsbetriebe, hat  für die Unterbringung der obdachlos gewordenen Menschen gesorgt. Er kümmerte sich darum, dass jedem Betroffenen ein Sozialarbeiter zur Verfügung gestellt wurde. Herr Schleicher und seine Mitarbeiter haben einfach gute Arbeit geleistet. Das gilt auch für die Mitarbeiter der Baufirma und - das möchte ich ausdrücklich sagen, - auch für Mitarbeiter der Kölner Verkehrsbetriebe, KVB, mit denen wir ganz hervorragend zusammen gearbeitet haben. Die haben getan, was sie konnten. Es waren viele daran beteiligt, dass da geholfen worden ist, dass gerettet worden ist. - Ob ich wirklich so ruhig war, wie ich gewirkt habe, das weiß ich nicht, das ist immer schwierig. Ich habe keine Zeit, mich selber im Fernsehen zu sehen. Das ist auch gut so. 

Talk Teil 5:  "Gott ist der Herr meiner Geschichte"

Hans Mörtter
In der Süddeutschen Zeitung stand: „Ein freundlicher Tonfall gepaart mit präziser Ausdrucksweise und eingebettet in nüchterne Sätze. Ich habe Vertrauen in der unübersichtlichen Situation.“ Das ist schon eine Leistung.

Stephan Neuhoff
Eine Leistung? Mein Gott nein. Ich muss mich manchmal regelrecht zwingen, ruhig zu bleiben: Mach mal Stopp, jetzt langsam, ein Schritt nach dem anderen. Manchmal bitte ich Gott, mir die Ruhe und die Kraft zu geben, das zu tun, was in der Situation benötigt wird. Dieses Gebet ist einfach wichtig für mich. Es gibt mir die Kraft und die Sicherheit, die ich  brauche. Denn ich weiß, dass in diesen besonderen Situationen diese Kraft nicht von mir allein kommt.

Hans Mörtter
Ist das die Antwort auf die Frage, wie Sie es schaffen, diese Gelassenheit nach außen hin zu transportieren? Es gibt so viele Situationen, die haarsträubend und schrecklich sind. Hilft Ihnen da Ihr Glauben?

Stephan Neuhoff
Ja, ich bin überzeugt, dass Gott existiert.

Hans Mörtter
Da können wir uns die Hände reichen.

Stephan Neuhoff
Gott ist der Herr der Geschichte. Also wird die Geschichte auch von Gott geführt. Auch meine eigene Geschichte wird von Gott geführt. Wenn dann so ein Ereignis ist, bin ich davon überzeugt, dass Gott das erlaubt oder gewollt hat. Wenn ich dann auf einmal in dieser Situation stecke, dann muss ich ihr auch entsprechen. Es hat keinen Zweck, sich dagegen aufzulehnen, dass jetzt auf einmal das Archiv zusammengestürzt ist, und dass ich der Einsatzleiter bin. Das sind jetzt die Fakten und ich versuche, mit Gottes Hilfe, das zu machen, was zu tun ist.

Hans Mörtter
Sie sind also nicht allein.

Stephan Neuhoff
Nein. Das ist eine Sicherheit, die bei mir mehr im privaten Bereich gewachsen ist, die Überzeugung, dass Gott der Herr meiner Geschichte ist. Wenn ich diese Überzeugung nicht aus meinem eigenen Leben hätte, würde es mir vielleicht schwerer fallen. Das hilft einfach, ruhig zu bleiben.

Hans Mörtter
Seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs wird immer wieder gefragt: Warum sind die da nicht sofort hereingesprungen? Irgendwo da unten liegen zwei junge Männer, Kevin und Khalil. Vielleicht gibt es ja doch Hohlräume. Warum werden die nicht sofort geborgen? Warum brauchen die so lange?

Stephan Neuhoff
Die beiden Vermissten haben im Dachgeschoss des Hauses Nr. 230 gewohnt, also direkt neben dem Archiv. Dieses Haus war teilweise eingestürzt. Es hatte sich vor dem Stadtarchiv ein Trichter gebildet, in den auch Teile dieses Wohnhauses hereingerutscht waren. Die Dachgeschosswohnungen waren weggebrochen, aber große Teile des Daches hingen noch oben. Es gab eine gemeinsame Giebelwand zum Nachbarhaus. Diese war instabil. Der rückwärtige Anbau stand noch, war aber einsturzgefährdet. Da war eine weitere Mauer, die unter dem Druck schon wie ein Bogen gespannt war und jederzeit nachgeben konnte. Der Trümmerkegel selber, dieser Trichter, in den das Archiv hineingerutscht ist, hat sich noch über Tage hinweg bewegt. Wir hatten keine Sicherheit von oben her, weil Dach und Wände jederzeit hätten einstürzen können und wir wussten nicht, wie weit der Boden unter uns noch nachgeben würde. Da war die Entscheidung zu treffen, ob wir hundert Mann hinschicken, die mit bloßen Händen zu graben anfangen, oder auf schweres Gerät warten, was aber sehr lange dauern würde. Wenn es ein Lebenszeichen gegeben hätte, wenn man irgendwas gehört, irgendwelche Hinweise gehabt hätte, so dass sich die Gewissheit verdichtet hätte, wo sie liegen und eventuell zu erreichen sind, hätten wir es mit Sicherheit riskiert.

Hans Mörtter
Aber gab es einen Augenblick, wo Sie noch ganz realistisch gedacht hatten, es könnte sein, dass es ein Wunder gibt?

Stephan Neuhoff
Den letzten Funken Hoffnung haben wir immer. Aber nachdem wir den ersten Toten gefunden hatten, war uns klar, dass auch der zweite nicht überlebt haben konnte. Es wäre meines Erachtens unverantwortlich gewesen, angesichts der gefährlichen Gesamtlage, das Leben der Einsatzkräfte zu riskieren. - Letztendlich haben die Fakten bewiesen, dass diese Entscheidung richtig war. Der zweite Tote war aus einer Höhe von 12 Metern gestürzt und lag an der tiefsten Stelle in neun Metern Tiefe. Wir haben 1500 Kubikmeter Schutt wegtragen müssen, bevor wir an ihn herangekommen sind. Also wir sind wirklich nicht bange, unser Leben zu riskieren. Aber es gibt eine Grenze, wo man sagt, jetzt wird es unvernünftig.

Wenn Einsatzkräfte zu Schaden kommen, ist das schlimm genug. Aber, wenn es geschehen ist,  lähmt das die gesamte Einsatzstelle über Stunden hinweg. Bei einer Sauna-Explosion an der Aachener Straße beispielsweise, trugen drei Kollegen schwere Brandverletzungen davon. Die anderen Einsatzkräfte waren danach nicht mehr einsatzfähig. Für die Kollegen ist das mit das Schlimmste, einen eigenen Kollegen zu verlieren.

Hans Mörtter
Aber als Khalil dann gefunden wurde, was war Ihr Gefühl in diesem Augenblick?

Stephan Neuhoff
Eigentlich Erleichterung, dass wir ihn gefunden hatten. Weil mir war klar, dass die Eltern sich Hoffnung machen bis zum letzten Moment. Den Eltern die Gewissheit zu verschaffen, was mit ihrem Sohn ist, war für mich ein wichtiges Ziel. Die Familie ist öfters da gewesen. Wir haben sie vor Ort informiert. Von daher konnten wir auch eine Art Beziehung zu ihnen aufbauen.  

Talk Teil 6:  Die Bezeichnung mit dem Kreuz

Hans Mörtter
Sie sagten im Vorgespräch, dass Sie das Schubladen-Denken hassen, das Vorverurteilen, das Rechthaben, das Ich-weiß-es-aber-ganz-genau.  Ich greife da jetzt einfach mal jemanden raus, und das ist unser Oberbürgermeister, Fritz Schramma. Sie haben ihm einmal sehr beigestanden, als sein Sohn auf der Kölner Ringstraße durch Raser ums Leben kam. Für Fritz Schramma war es ein ganz wichtiges Erleben, dass Sie für ihn da waren. Er ist ein Gezeichneter. Ein Mensch, dem seine  ganze Liebe gehörte, war plötzlich einfach nicht mehr da. Das vergisst man sein Leben lang nicht. Wir sind da Menschen mit hinkender Hüfte, wie Jakob, der mit Gott kämpfte. Das ist eine Prägung. Wie haben Sie Fritz Schramma nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs erlebt?

Stephan Neuhoff
Er war sehr betroffen und  war auch sehr nahe bei den Angehörigen der beiden Vermissten. Ich bin ihm menschlich sehr nahe. Ich schätze seinen menschlichen Umgang mit den Einsatzkräften, und auch mit mir persönlich.

Hans Mörtter
Bei dem ganzen Unglück, war das für Sie auch ein gutes Gefühl, ihn da dabei zu haben?

Stephan Neuhoff
Es war auf jeden Fall gut, seine Rückendeckung zu haben. Er ist ja letztendlich derjenige, der alles gesamtstädtisch verantworten muss, und das kann alles nur in enger Abstimmung passieren. Ich leitete den Einsatz in dem Wissen, dass der Oberbürgermeister zu den Maßnahmen steht, die wir abgesprochen haben. Das war sehr wichtig.

Hans Mörtter
Ich will noch mal zurück zur Frage, wie wichtig Ihnen Ihr Glaube ist.

Stephan Neuhoff
In meinem Beruf habe ich ständig mit Notfällen zu tun. Wenn ich es etwas hart sagen würde, lebe ich vom Unglück anderer Menschen, weil lauter Sachen passieren, die eigentlich nicht passieren sollen. Das ist die Lebenswirklichkeit bei der Feuerwehr. Ich denke, der normale Mensch kann sich entfremden, was das Ganze betrifft, kann das Leiden und den Tod in die Vergessenheit drücken. Bei der Feuerwehr werden wir permanent damit konfrontiert. Ich kenne mich mit der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens oder des Schicksals aus. Irgendwann stellt man sich die Frage: Ja und, was heißt das denn jetzt? Da kann man Zyniker werden, die Welt als ein absurdes Theater betrachten, in dem man drinsteckt und versuchen muss, sich mehr recht als schlecht durchzuschlagen. Oder wie hier der Paulus sagt: Wenn es kein ewiges Leben gibt, dann lasst uns Essen und Trinken, denn morgen sind wir tot. Ich selbst gehe davon aus, dass Gott existiert. Daraus ergeben sich für mich Antworten auf die Fragen: Gibt es ein ewiges Leben? Hat das Leiden einen Sinn?

Hans Mörtter
Hat das Leiden für Sie einen Sinn?

Stephan Neuhoff
Bei der Taufe wird  jedes Kind mit dem Kreuz bezeichnet. Was heißt das letztendlich für mich als erwachsener Mensch dieses Kreuz mal auf die Stirn bekommen zu haben? Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen. Wir haben insgesamt elf Kinder. Unser viertes Kind wurde mit einem Herzfehler geboren. Als sie drei oder vier Jahre alt war, kam es zu zwei Operationen hintereinander, wo es wirklich Spitz auf Knopf ging, ob sie leben wird oder nicht. Das war ein furchtbares Leiden für uns. Meine Frau war damals mit dem achten Kind hochschwanger. Das ist genau um diese Zeit herum geboren worden. Trotzdem war für mich diese Zeit ein richtiges schwarzes Loch, in das ich gefallen bin. Da machte ich zum ersten Mal die knallharte Erfahrung: Du bist Chef der Feuerwehr, du hast Erfolg, du kannst viel machen, du kommandierst tausend Leute und jetzt kannst du überhaupt nichts machen, du bist völlig ausgeliefert. Das war wirklich eine sehr düstere Zeit für mich. Heute sehe ich, dass diese Zeit des Leidens unheimlich wichtig für mich war. Ich bin vorher noch nie so in die Wirklichkeit geführt worden, nicht selber Gott zu sein, sondern dass es einen Gott gibt. Ich machte die intensive Erfahrung, Geschöpf zu sein. Und ich fühlte im Nachhinein, das Gott mich irgendwie ausgebremst hat in diesem Moment. Mitten in dem ganzen Erfolg, der ganzen Karriere, mit meinem ganzen Machen und Tun, hat er mich damit konfrontiert: Lieber Stephan Neuhoff, du bist nicht Gott, sondern ich bin der Herr des Lebens. Gott bleibt ja nichts anderes übrig, als irgendwie dem Menschen auch auf diesem Weg zu zeigen, hör mal, ich bin Herr deines Lebens. Im Nachhinein, gerade in den Situationen des Kreuzes, des Leidensweges,  habe ich Gott am dichtesten erfahren. Diese eigene Erfahrung, dass das Kreuz nicht zerstören muss, sondern eine Hilfe sein kann, Gott zu erfahren, hilft mir manchmal in diese Situation des Leidens einzutreten. Da muss ein guter Sinn dahinterstehen.

Hans Mörtter
Das gilt für Sie, auch wenn alles innerlich brennend schreit und sagt, da kann kein Sinn sein, dass ein sieben Monate altes Kind tot ist oder der Fahrradfahrer vor dem Auto mit kaputtem Kopf liegt und da ist Blut um ihn rum, oder die Körperteile des Motorradfahrers sind zerstreut.

Stephan Neuhoff
Das ist ja das Geheimnisvolle. Es gibt Menschen, die z. B. durch einen Unfall querschnittsgelähmt sind, und sich nichts anderes wünschen, als sich möglichst bald selber umbringen zu können. Mich hat aber auch einmal ein Rollstuhlfahrer besucht, der in einen Badesee gesprungen und ab dem Halswirbel querschnittsgelähmt war. Der hat eine solche Freude am Leben, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Da ist die gleiche Situation, die zwei verschiedene Menschen trifft. Der eine ist innerlich völlig zerschmettert  und der andere, der hat eine Kraft. Das habe ich immer wieder erlebt, dass gleiche Situationen ganz unterschiedlich auf den Menschen wirken.

Hans Mörtter
Das Leben ist verdankt, ist ein Geschenk, spielt das eine Rolle?

Stephan Neuhoff
Da habe ich irgendwo diese Erfahrung des Kreuzes und die kann zu einer dichten Gotteserfahrung führen.

Hans Mörtter
Das Kreuz als schreiender Widerspruch zu meinem Leben. Durchkreuzung meines Lebensplans. Eine schmerzhafte Infragestellung meines Seins. Existentielle Reibung. Der Schrei nach dem Warum und dem Sinn. Und doch in der Infragestellung tragend, bereichernd, weiterführend. Im Schmerz stelle ich mich und erlebe, dass ich getragen bin durch eine ganz andere göttliche Kraft. Statt niedergeschmettert und depressiv zu werden, werde ich neu aufgerichtet. Beginne neu zu leben.

Stephan Neuhoff
Ja, ich glaube, dass das so ist. - Es gab eine Zeit in unserer Ehe, wo sie kurz vor dem Scheitern stand. Das hing auch mit meinem beruflichen Werdegang zusammen, weil ich damals viel zu viel gearbeitet habe. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem wir uns nicht mehr selber helfen konnten. In dieser Situation hat es eine göttliche Hilfe gegeben. Es war gut und absolut notwendig für mich, diese Erfahrung zu machen.  

Talk Teil 7:  Die Hingabe an den anderen ist die Bestimmung des Menschen

Hans Mörtter
Sie gehören zu denen, die etwas ganz Wichtiges erkannt haben und  Ende der 80-er Jahre die Gründung der PSU, der psychosozialen Unterstützung, mit veranlasst haben.

Stephan Neuhoff
Ja. Nach dem Krieg waren die Feuerwehrleute Menschen, die im Krieg schreckliche Dinge erlebt, die hatten Tote gesehen, das Leiden erfahren. Als sie dann im beruflichen Leben wieder damit konfrontiert wurden, waren sie schon gewöhnt daran. - Ob sie das wirklich verarbeitet hatten, ist eine ganz andere Frage. - Aber in dem Maße, wie diese Generation dann aus dem aktiven Dienst ausstieg, kam das auf die jungen Kollegen unvorbereitet zu. Viele waren noch nicht mit dem Tod konfrontiert worden. Irgendeiner hat mal nachgerechnet, dass der normale Feuerwehrmann im Laufe seines Berufslebens etwa 800 Tote erlebt. Das ist der Durchschnitt. Wie kann man den Kollegen helfen, diese furchtbaren Erlebnisse zu verarbeiten? Da kam mir eben der Gedanke, ihnen zu helfen. Einige davon wollten Seelsorge, also haben wir uns an die katholische und evangelische Kirche gewandt, ob die uns nicht mit Seelsorgern helfen könnten? Wir waren uns darüber im Klaren, dass die Psychologie nicht reicht. Die kann zwar helfen, irgendwie damit zu leben, aber die Sinnfrage kann sie letztendlich nicht beantworten. Ich erinnere mich wie heute an einen Wohnungsbrand in Deutz. Bei der Anfahrt war nicht bekannt, dass Menschenleben in Gefahr sind. Als wir ankamen, flog unten die Türe auf. Da kam ein Feuerwehrmann heraus. Der hatte ein Kind auf dem Arm,  einen blonden Jungen, zwei Jahre alt, mit einem Schlafanzug, weiß mit roten Maikäfern darauf. Das ging mir durch und durch, weil mein eigener Sohn auch zwei Jahre alt war, blond, und den gleichen Schlafanzug hatte. Man ist so mit der Vergänglichkeit des eigenen Lebens konfrontiert. Ich wollte den Kollegen helfen und auch eine Antwort bieten, die tiefer geht als die Psychologie. Ich will die Psychologie nicht schlecht machen, aber sie kann die letzte Frage nicht beantworten. Damit zumindest die Möglichkeit besteht, dass den Kollegen diese letzte Frage, die Sinnfrage, beantwortet wird, war es mir wichtig, dass es diese Feuerwehr-Seelsorge gibt. Und wir haben auch das PSU-Team, das sind 12 Kollegen von der Feuerwehr, die nach belastenden Einsätzen mit den Mitarbeitern reden. Die auch immer mehr Prävention machen, indem sie die Kollegen darauf vorbereiten, was alles passieren kann und wie ihre Reaktion darauf sein könnte.  Die werden für die Problematik sensibilisiert.

Hans Mörtter
Bei meiner Ausbildung als Notfallseelsorger wurde auch präventiv gearbeitet. Dafür bin ich sehr dankbar. Wir haben mit professionellen Schauspielern geprobt, wie man Menschen, die einen Suizid androhen, davon abhalten kann. Wenn das aber nicht gelingt und dieser Mensch nun doch springt, dann wurde uns beigebracht: Augen zu und Ohren zuhalten, damit wir die Bilder nicht sehen und den Schrei oder den Aufprall nicht hören. Ansonsten würde man diese Bilder und Geräusche ein Leben lang in sich drin haben. So was lernt man dann eben in der Vorbereitung, es ist gut, dass es das gibt.

Stephan Neuhoff
Wenn ich Kollegen, die mit 60 in den Ruhestand gehen, ihre Urkunde überreiche, spreche ich immer noch mit ihnen. Die sind hochzufrieden und dankbar für die Arbeit, die sie leisten konnten. Aber es gibt auch andere, die verschwinden mit 40, 45 Jahren mit irgendwelchen Krankheiten oder  Schäden aus diesem Beruf. Sie konnten es nicht ertragen. Rund 40 Prozent gehen bei uns vorzeitig in den Ruhestand.

Hans Mörtter
Sie hatten auch davon geredet, dass Sie vermehrt Orientierungslosigkeit bei den Menschen wahrnehmen.

Stephan Neuhoff
Da ist wirklich eine Orientierungslosigkeit und eine zunehmende Vereinsamung der Menschen. Ich würde mir für manche wünschen, dass gerade die Kirchen mehr nach außen gehen. Viele Menschen gehen nicht mehr in die Kirche, deshalb sollte die Kirche versuchen, sie dennoch zu erreichen. Sie brauchen Hilfe.  Die Kirche ist Licht, Salz und Sauerteig, wie das im neuen Testament steht, die Kirche sollte ein Licht und eine Hoffnung für die Menschen sein. Wir als Christen sind da gefordert, auf die Menschen zuzugehen, heraus aus den Gotteshäusern sozusagen.

Hans Mörtter
Wir sollten also frecher darauf losgehen, die Menschen suchen, ihnen begegnen. Ich versuche immer wieder Nachbarschaft einzufordern, dass wir einander wahrnehmen in dieser Stadt. Wer wohnt neben mir, wer wohnt über und unter mir, wer ist das überhaupt, und warum mag ich den nicht, und warum ätzt der mich an, was ist an diesem Menschen eigentlich dran, welche Geschichte hat er, und haben wir vielleicht doch was miteinander zu tun – das würde ich als Herausforderung für das Köln von Morgen zu sehen. - Angesichts der vielen Katastrophen, mit denen Sie zu tun haben, wollte ich abschließend noch fragen, welche Bedeutung hat Ihr Hochzeitstag für Sie oder der Geburtstag Ihrer Kinder?

Stephan Neuhoff
Manchmal muss die Familie unter meinem Beruf leiden. Nachdem das Stadtarchiv eingestürzt war, war ich zehn Tage lang nur unterwegs. Aber es gibt auch andere Situationen, da ist die Familie einfach wichtiger. Meine elf Kinder und die Ehe sind mir ja auch von Gott anvertraut worden. Sollte ich mal vor unserem Herrgott stehen, dann wird er mich fragen: Was hast du mit deinen Kindern gemacht? Warst du als Vater präsent, hast du dich um sie gekümmert oder hast du nur deinen Erfolg und deine Anerkennung im Beruf gesucht? Aber jetzt da den richtigen Weg zu finden, da gibt es kein Patentrezept.

Hans Mörtter
Zum Abschluss habe ich ein Zitat von Platon: „Indem wir das Wohl anderer erstreben, fördern wir unser eigenes.“

Stephan Neuhoff
Das ist für mich eine sehr tiefe Frage, nämlich die Frage nach dem Sinn meines Lebens. Was macht mich letztendlich aus oder wofür lebe ich? Die Hingabe an den anderen, die Liebe zum anderen, ich glaube, das ist so die tiefe Bestimmung des Menschen. In der Schrift heißt es doch: Wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen! Das ist für mich vergleichbar damit. In dem Maße, wie ich für andere da sein kann, für die Familie, für die Menschen, für die Mitarbeiter, die mir anvertraut sind, in dem Maße bin ich doch zufrieden und dankbar und glücklich.

Hans Mörtter
Wunderbar, ich brauche heute keine Predigt mehr zu halten. Ich finde es phänomenal, wie Stefan Neuhoff das auf den Punkt bringt. Wenn wir nicht bereit sind, selbst unser Leben für andere hinzugeben, leben wir dann überhaupt? Ich sein kann ich nur im Wir. Dazu gehört auch die Hingabe. - Vor zwei Tagen hatte ich kurz mit Ihnen telefoniert und habe Ihnen schon mal ein paar Fragen genannt. Da sagten Sie: Oh Gott. Das geht aber ziemlich weit und tief. Ich bin doch nur ein einfacher Feuerwehrmann. Ich finde es wunderbar, dass es diesen „einfachen“ Feuerwehrmann in unserer Stadt gibt. Vielen Dank, Stephan Neuhoff. 

Stephan Neuhoff beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Christel Plöthner
Stephan Neuhoff beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Christel Plöthner
Stephan Neuhoff mit Hans Mörtter beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Christel Plöthner