Sieben Sterne Hotel  e. V.
Lebensraum für Obdachlose in Köln

Pfarrer Hans Mörtter stellt das außergewöhnliche Projekt vor

Die Initiatoren sind bereits in Aktion, die Vereinssatzung steht, eine ganze Reihe von Kisten mit gesponsertem Werkzeug ist schon geliefert und so befindet sich der Sieben Sterne Hotel e. V. kurz vor seiner Gründung. Das künftige Hotel ist nicht nur als eine mit guten Möbeln eingerichtete Unterkunft mit Einzelzimmern und eigenen Duschen für die Gäste gedacht, es soll auch vom ästhetisch-künstlerischen  Aspekt her eine Augenweide werden. Die Berliner Künstlerin Miriam Kilali hat mit den Hotels Reichtum 1 und 2 in Moskau und Berlin schon zwei ähnliche Projekte erfolgreich ins Leben gerufen, arbeitet in New York an einem weiteren und ist mit Hans Mörtter und dem Künstler Cornel Wachter eng verbunden, die zusammen mit dem Schauspieler Ralf Richter den Verein gründen.

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Generalanzeiger vom 14./15.02.2014
mit freundlicher Genehmigung des Chefreporters Wolfgang Kaes
Kölner Stadtanzeiger vom 30.09.2013

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Warum es wichtig ist, gerade für Obdachlose ein solches Projekt durchzuführen, davon erzählt Mitinitiator Pfarrer Hans Mörtter in diesem Interview:

1. Teil:  Eine Frage der Würde

Frage
Sie werden ein Sieben Sterne Hotel gründen, in dem Obdachlose verhältnismäßig luxuriös wohnen können. Wie passt das denn in Zeiten zunehmender gesamtgesellschaftlicher Verarmung?

Hans Mörtter
Das passt genau, denn wir können und dürfen die, die ganz unten sind, nicht aus den Augen verlieren. Ich werde immer wieder gefragt, wieso die draußen bleiben, wenn es so kalt ist. Wie halten die das aus? Manche erfrieren ja auch. Das liegt auch daran, dass die städtischen Unterkünfte nicht immer eine gute Unterbringung sind. Es gibt in der Obdachlosenszene Menschen, die da nicht hingehen, auch wenn es ihnen schlecht geht und sie Alkoholiker sind.

Frage
Woran liegt das?

Hans Mörtter
Ich denke, das hat mit dem letzten Rest des Gefühls für Würde zu tun. Es gibt einige, die unter den Unterkünften leiden. Das tut ihren Seelen nicht gut.

Frage
Weil sie da zu Bedürftigen gemacht werden? Hans Mörtter Ja. Da herrscht wohl oft die Einstellung, dass eine bescheidene Unterbringung für sie doch gut genug sei. Denen geht es doch eh dreckig, da brauchen sie an die Unterkunft keine besonderen Ansprüche zu stellen. Sie können froh und dankbar sein, wenigstens die zu haben. Es gibt hier in Köln auch Unterkünfte, die völlig in Ordnung sind. Einige sind saniert, es gibt Zweier- und Viererzimmer statt der großen Schlafsäle. Es gibt Hotelunterbringungen, wobei viele dieser Hotels ziemlich heruntergekommen sind und anderweitig nicht mehr vermarktbar wären. Die verdienen sich damit dann doch noch eine goldene Nase, weil das Sozialamt die Mieten bezahlt. Um diese Wohnstätten kümmert sich dann auch keiner mehr richtig. In den Obdachlosenhäusern dagegen gibt es eine Leitung, die darauf achtet, dass alles in Ordnung ist. Trotz allem ist sichtbar, dass es überall an Geld fehlt und die Unterbringungen oft notdürftig sind. Frage Notdürftigkeit für die Bedürftigen? Hans Mörtter Ja. Bei einigen kommt das so an, deswegen wollen sie da nicht rein. So tief sinken, wollen sie nicht. Das erklärt dann auch teilweise, warum jeden Winter Obdachlose sterben. Frage Nehmen die wissentlich das Risiko auf sich, zu erfrieren? Hans Mörtter Nein, das wohl nicht, aber manchmal ist es einfach lausig kalt. Es gibt allerdings auch Meister im Platte machen, die da schlafen, wo irgendwo Heizluft herauskommt, oder an anderen geschützten Stellen. Manche haben ein sehr gutes Organisationstalent und finden solche Schlupflöcher. Andere kommen nicht so gut zurecht. Im letzten Jahr schlief einer unter der Brücke, war stark alkoholisiert und hat sich ein paar Kerzen angemacht. Da fing die Matratze Feuer und er ist bei lebendigem Leib verbrannt. Wir nehmen das oft so hin und sagen: ‚Ja tragisch, aber das ist eben so.’ Wir nehmen das als Städter so in Kauf und wir ändern nichts daran. Wir haben ja unsere festen Wohnungen. Frage Würden Sie denn als Pfarrer im Winter temporär Obdachlose in Ihrer eigenen Wohnung aufnehmen? Hans Mörtter Nein. Ich habe Familie und nicht genug Platz dafür, aber ich habe in der Vergangenheit schon Matratzen, Decken und Kissen zusammengesammelt und im Gemeindezentrum Platz für ein provisorisches Lager geschaffen. Für ein paar eisige Nächte, wenn die regulären Unterkünfte überfüllt sind, machen wir das immer wieder. Frage Mit dem Thema der Obdachlosigkeit befassen Sie sich schon eine ganze Weile. Hans Mörtter Das fing während meines Studiums in Bonn an. Da gab es von der Stadt Bonn aus die Möglichkeit, ein leerstehendes Haus für die „Berber“, so wie sich die Obdachlosen selbst nennen, zu bekommen. Das Haus sollte von den Bewohnern selbst verwaltet werden. Wir hatten unter den Berbern damals einen Schreiner, einer Elektriker und einen ehemaligen Manager, die total begeistert gewesen wären, das Haus wieder instand zu setzen. Jeder von ihnen konnte etwas, das er einbringen konnte. Wir waren außer denen nur zu Viert, zwei Psychologiestudentinnen und zwei Theologen. Dann mussten wir eine schwere Entscheidung treffen. Die Sache wäre ein Vollzeitjob gewesen und wenn wir das gemacht hätten, hätten wir unser Studium an den Nagel hängen können. Das wäre ein längerer Weg gewesen, bis das Projekt so weit fortgeschritten wäre, dass wir es nicht mehr hätten begleiten müssen. Also haben wir es aufgegeben und unser Studium zu Ende gebracht, was auch vernünftig und gut war. Frage Aber rumort hat es weiter in Ihnen? Hans Mörtter Wenn man so grundsätzlich eine Vision hat, dann wandert die mit. Die war nicht weg. Erst haben wir im Jahr 1995 den Vringstreff gegründet, als Restaurant und Begegnungsstätte für Menschen ohne und mit Wohnsitz. Das ist so eingerichtet und wird so betrieben, dass die Würde des Menschen im Vordergrund steht. Es gibt jeden Tag zwei Mittagsgerichte zur Auswahl, Salat, Kaffee und andere Leckereien. Die Obdachlosen müssen 2,20 Euro pro Menü bezahlen, das schaffen die in der Regel auch und ist ihnen wichtig. Wer das nicht kann, bekommt einen Gutschein, den wir gesponsert bekommen haben.

Hans Mörtter, Cornel Wachter und Ralf Richter posieren für das Siebensternehotel, Foto: Özgür Arslan
Hans Mörtter, Cornel Wachter und Ralf Richter (c) Özgür Arslan

2. Teil:  Jeden kann es treffen

Frage
Was gab denn den Anstoß, sich für Obdachlose einzusetzen?

Hans Mörtter
Das kam durch das Theologiestudium. Das fragt ja immer nach dem Menschen, nach dem Sinn und dem Wert, nach Würde und Gerechtigkeit, hebräisch sedaqa („sedaqa“ beschreibt die gottgewollte Ordnung, in der Gemeinschaftstreue herrscht). Das ist durch einen Kern von fünfzehn Leuten, mit denen wir zusammen gekocht und gegessen haben, entstanden. Die sind selber einkaufen gegangen und haben vieles selbst organisiert. Dadurch ist ein starkes Miteinander entstanden. Ich habe viel von den  Berbern verstanden, was ich vorher nicht gewusst hatte, auch alle diese breiten und unterschiedlichen Lebensgeschichten. Das sind auch die unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten, in den Menschen scheitern und dann auf der Straße landen. Das hat nicht immer damit zu tun, dass man keinen Schulabschluss hat. Es mischt sich wirklich bunt. Die Botschaft lautet: ‚Jeden kann es treffen, je nach Schicksalsschlägen oder Überforderungen, die erlebt worden sind’. Die sind entgleist und haben es danach nicht mehr zurück geschafft. Durch diese Treffen entstand bei mir damals eine Achtung vor diesen Leuten und auch eine Neugier, wer die denn sind. Wie leben die, was denken die, was fühlen die? Das wurden dann unsere Partner und das war spannend. Von denen habe ich auch gelernt: ‚Egal wie schlimm man dran ist, irgendwo in uns gibt es noch Würde. Das ist das Letzte, was wir haben. Und wir sehnen uns danach, die leben zu können.’ So entstand dann der Gedanke mit dem Haus.

Frage
Sind alle Obdachlose als Gäste für das Hotel geeignet?

Hans Mörtter
Da muss man unterscheiden. Es gibt Obdachlose, die so schwer krank sind, meistens Alkoholiker mit Folgeerkrankungen, für die es Häuser gibt, in denen sie versorgt werden. Wir haben da tolle Sozialarbeiter, die sich um die kümmern. Die sind so schlimm dran, dass man sie nur noch liebevoll bis zum Ende begleiten kann. Man kann sie nur spüren lassen: ‚Ich habe eine Adresse, ich habe ein Zuhause, ich bin nicht ganz aufgeschmissen, ich bin nicht ganz allein gelassen.’ Doch auch bei denen blitzt die Menschenwürde immer wieder auf. - Aber das Siebensternehotel soll für die sein, die noch nicht ganz so tief unten angekommen sind und zwischendurch noch wache Zustände haben, für die soll dieses Haus sein. Wir brauchen Leute, die noch ein bisschen was tun können, die sich noch einbringen können oder die sich wieder neu entdecken. - Das heißt nicht, dass die vom Alkohol lassen. Wir haben keinen pädagogischen Anspruch, dass die jetzt trocken werden müssen und dass wir hier eine Filiale von den Anonymen Alkoholikern aufmachen. Nein. Das liegt an den Leuten selbst, ob sie diese Kurve kriegen oder nicht.

Frage
Sind alle Alkoholiker?

Hans Mörtter
Nicht alle, aber die meisten schon.

Frage
Wie wurde denn diese Idee mit dem Hotel wieder akut?

Hans Mörtter
Diese Idee ist immer mit mir gewandert und ich erzähle viel davon, in der Hoffnung, Verbündete dafür zu bekommen und zack: Irgendwann taucht der Ralf Richter auf, der als Schauspieler aus einer ganz anderen Ecke kommt und meistens der Filmbösewicht ist. Der ist unkonventionell und nicht angepasst, eher der Proletentyp. Der sagt dann einfach: ‚Ey Hans, die Idee ist so irre, das machen wir jetzt so.’ Der Ralf hätte am liebsten schon im Dezember 2012 das Haus parat gehabt. Aber das ist ein Prozess, für den man noch mehr braucht, als den Schauspieler, den Pfarrer und den Künstler. Der Künstler ist Cornel Wachter, der ist auch dabei, und macht hier in Köln tolle Netzwerkarbeit. Wir drei sind also ein Team, die alle ganz Unterschiedliches mitbringen.

Frage
Alle drei ausgewiesene Jecken, wie wir in Köln sagen?

Hans Mörtter
Ja, das kann man so sagen. Ein bisschen gaga sind wir schon alle drei. Die Grundidee ist es, ein Haus einzurichten oder eine Immobilie zu sanieren und sie künstlerisch und werthaltig zu gestalten, mit Holzboden und richtigen Holzmöbeln. Alles echt. So wie wir Menschen eben auch echt sein sollten. Wenn ein Haus so werthaltig eingerichtet ist, halten die Sachen auch ewig. Da ist der Schrank eben nicht nach zwei Jahren kaputt, weil er aus Sperrholz war. Die Leute, die darin wohnen und ihr Einzelzimmer haben, eine eigene Dusche und eine Gemeinschaftsküche, wo sie zusammen kochen können, die erleben auf einmal, dass sie etwas wert sind, und es verdienen, schön zu wohnen, inmitten von schönen Möbeln und vielleicht Kristallleuchtern, was auch immer wir bekommen. Ich hoffe ja, dass es Geschäfte gibt, die sagen, wir stellen euch ein Kontingent von schönen Einrichtungsgegenständen zur Verfügung. Echtes Holz für die Böden und was wir noch alles so brauchen.

Frage
Die Böden werden aber versiegelt.

Hans Mörtter
Nein.

Frage
Und wenn da ein feuchtes Missgeschick passiert?

Hans Mörtter
Das passiert nicht. Das ist ja die Erfahrung aus dem Vringstreff. Selbst schwerste Alkoholiker versuchen trocken zu sein, wenn sie sich dort aufhalten. Das ist auch eine überschaubare Zeit von halb zwölf morgens bis 14.00 Uhr nachmittags. Danach saufen die wieder. Aber am nächsten Tag um halb zwölf können sie wieder wahrnehmen und dann nehmen sie sich wahr in einem schönen Raum. Einer von den Gästen sagte auch einmal: ‚So etwas Schönes nur für uns.’ Die kennen es nicht, dass sie es wert sind, dass es für sie schöne Räume gibt, Räume, die nicht nur funktional eingerichtet sind, sondern wo alles darauf ausgerichtet ist, dass man sich darin wohlfühlt. Hier bist du Mensch und du bist das wert.

Frage
Wie setzen sich denn die Sieben Sterne zusammen?

Hans Mörtter
Die Sieben Sterne sind ein Kunsttitel. Ich dachte zuerst, dass es kein Siebensternehotel gibt. Jetzt soll es sogar ein Achtsternehotel geben. Das ist natürlich schade. - Ähnliche Hotels für Obdachlose gibt es bereits in Moskau und in Berlin. In New York ist gerade eins im Entstehen. Das sind Projekte der befreundeten Künstlerin Miriam Kilali. Die nennt ihre Hotels Reichtum 1, 2 und 3. Das will sie in Tokio, Rom und anderen Städten fortsetzen. Wir gehören dann auch in diesen Kontext, nur dass wir uns Sieben Sterne Hotel nennen. Wir wollen uns nicht Reichtum 4 nennen, weil wir etwas anders geartet sind, allein, weil wir alles selber machen. Wir haben keinen Träger, der das übernimmt. Der Träger wird ein Verein sein, den wir selber gründen, den Sieben Sterne Hotel e. V.

Frage
Den Verein gibt es aber noch nicht.

Hans Mörtter
Fast. Die Satzung steht. Ich bin aber immer noch auf der Suche nach einem tatkräftigen Vereinsvorstand, der das in den ersten Jahren richtig aufbaut und so begleitet, dass es funktioniert.

Frage
Wenn jetzt erst noch eine Immobilie gefunden werden muss, die dann grundsaniert wird, wird das Ganze aber noch sehr lange dauern.

Hans Mörtter
Das wird dann schon ziemlich fix gehen, aber es wird so zwei Jahre lang richtig Arbeit sein. Ich habe nicht so viel Zeit und kann es mir nicht leisten, das auch noch zu machen. Ich begleite das dann ideell und geistig und mit gutem Spirit und Segen, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit. Ich habe mich auch schon mit jemandem getroffen, der Manager ist und Interesse daran hat, als Vereinsvorsitzender einzutreten. Zwei Ärzte, die relativ früh in den Ruhestand gegangen sind, die selbstständig und erfolgreich waren, sind auch daran interessiert, einmal etwas ganz anderes zu tun, was auch sinnvoll und erfüllend ist. Es soll ja auch Spaß machen und sich lohnen, da Energie hereinzustecken. So werden wir unseren Vorstand zusammen bekommen, der nicht nur ein Ehrenvorstand ist, sondern der auch mit anpackt.

Frage
Müssen die jetzt Pinsel schwingen?

Hans Mörtter
Nein. Die müssen den Überblick haben und die Sache dirigieren und verantworten, damit das vernünftig läuft und keine Pannen passieren. Ich brauche Leute, die sich die Verantwortung auf die Schulter heften und die Zugmaschine dafür sind. Dann ziehen die automatisch andere mit und irgendwann läuft das Projekt weitgehend selbständig, so dass der Vereinsvorstand nur noch wenig machen muss.

Frage
Wird es denn auch soziale Betreuung für die Gäste geben?

Hans Mörtter
Wir planen, dass da zwei, drei Sozialarbeiter mitwirken, die koordinierende und begleitende  Aufgaben haben, die auch sehen, wo jemand vielleicht mit entsprechender Förderung noch in einen Job hereinzubekommen ist.

Foyer des Hotels Reichtum 2 in Berlin, Foto: Miriam Kilali
Foyer des Hotels Reichtum 2 in Berlin, Foto: Miriam Kilali
Interieur des Hotels Reichtum 2 in Berlin, Foto: Miriam Kilali
Frühstücksraum des Hotels Reichtum 2 in Berlin, Foto: Miriam Kilali

3. Teil:  Wir schreiben keinen ab

Frage
Warum ist es wichtig, für die ansonsten doch eher Ausgestoßenen zu sorgen?

Hans Mörtter
Das ist ganz einfach. Das sind meine Brüder und Schwestern. Das sind Menschen und wenn ich nach den Letzten nicht schaue, wer bin ich dann noch? Für mich war das immer so ein Markenzeichen. Die Letzten der Gesellschaft sind die, die auf der Straße leben. Wer da angekommen ist, der ist am Ende, der ist auf dem Abstellgleis, wo es in der Regel auch kein Zurück mehr gibt. Wenn ich den christlichen Glauben ernst nehme, muss ich immer wieder nach denen fragen. Wer sind die, was macht die aus, wo begegne ich denen? Daraus ergibt sich die Möglichkeit des Menschseins. Da bin herausgefordert, mich zu kümmern. Nicht (nur) weil mir das auch passieren könnte, sondern weil es Menschen sind. Das Menschsein ist die Herausforderung. Wenn ich dem anderen nicht mehr Mensch werde, wie soll ich denn dann mir selber Mensch werden.

Frage
Der Spruch von Jesus: ‚Was du dem geringsten meiner Brüder tust, hast du auch mir getan’, geht der auch die andere Richtung? Was du dem geringsten meiner Brüder nicht getan hast, hast du auch mir nicht getan?

Hans Mörtter
Ja, genau so ist es. Ich versuche ein liebevoller Mensch zu sein. Das klappt nicht immer so. Aber wenn ich versuche, diesen Weg zu gehen, da gehören gerade die, die ganz am Ende stehen, mit dazu. Ohne die geht es nicht. Das ist für mich ein Parameter, ein Maßstab. Wenn wir uns um die Obdachlosen nicht kümmern, haben wir kein Recht, uns Christen zu nennen.

Frage
Unter Bergsteigern soll die Regel gelten, dass man sich immer nur so schnell fortbewegt, dass das schwächste Glied in der Gruppe mitkommt. Der Schwächste ist damit der Maßstab der Dinge und die Ausrichtung auf ihn die Gewährleistung, dass man als Gemeinschaft heil durchkommt. Unsere Gesellschaft müsste sich eigentlich an der Stärke der Schwächsten messen lassen.

Hans Mörtter
Das ist eine ganz weise Geschichte. Heute ist es eher umgekehrt: ‚Hey, wo bleibst du denn?’ Wer nicht mitkommt, bleibt auf der Strecke. Wenn ich dann wieder anfange, neu nach der Würde zu suchen, dann geht es natürlich auch darum, wie man in unserer Stadt wohnt und dann bin ich schon im Prozess drin. Das Sieben Sterne Hotel hat für mich auch eine Symbolfunktion, es zeigt, dass wir anders miteinander umgehen können. Wenn wir das hinkriegen, pflanzt sich das vielleicht fort ins urbane Wohnen und in das Miteinanderleben. Wir müssen bauen und gestalten in dieser Stadt, damit wir miteinander leben können und zwar egal, wie viel oder wenig jemand verdient, auch ohne Rechtfertigung. Das geht nur über die Neuentdeckung unseres Menschseins, über Achtung und Wertschätzung voreinander. Reichtum menschlicher und finanzieller Art ist ein Geschenk, das zum Miteinander-Teilen herausfordert, zum Weitergeben. Aus dieser Bereicherung des Teilens entlasse ich die Wohlhabenden unserer Stadt nicht und fordere sie dazu auf, es zu tun. Frei nach der jesuanischen Bergpredigt: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ – Matth 5, 7 und „Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr werdet satt werden.“ – Lk 6, 21.

Frage
Der Wert eines Menschen wird meistens nach seinem Vermögen und seinen Besitztümern berechnet. Wenn man sich für den Lebensweg eine Nulllinie denkt, gibt es einige, die darauf oder oberhalb der Nulllinie liegen und andere darunter. Wenn sich jemand von minus 50 auf minus 30 heraufarbeitet, ist der zwar immer noch unterhalb des rechnerischen Mittels, aber er hat einen wahnsinnig schweren und bewundernswerten „Aufstieg“ geschafft. Der wird deswegen meistens aber nicht als der Riesenerfolg, der er ist, gefeiert.

Hans Mörtter
Der hat das gegen Prognosen und gegen den Trend geschafft und gegen das Klischee ‚Du schaffst das so und so nicht’.

Frage
Alles, was man von unterhalb der Nulllinie erreichen will, kostet ein Vielfaches an Kraft und Durchhaltevermögen. Trotzdem wird durch die Arbeitspolitik die Grundlage gelegt und ausgebaut, dass es in 15 bis 30 Jahren zu einer massenhaften Altersarmut kommt.

Hans Mörtter
Das ist ein Problem, das dringend der politischen Lösung bedarf. Sonst grassiert auch die Depression und die Krankheit. Das macht doch krank, zu einem Nichts degradiert zu sein, zum Gnadenbrot, ansonsten aber ausgeschlossen zu sein und am Ende völlig herunterzukommen.

Diejenigen, die in dem Sieben Sterne Hotel wohnen werden, die erleben etwas Neues, dass sie etwas wert und auch verantwortlich sind. Das Haus in Moskau besteht schon seit einigen Jahren. Trotzdem, so sagt Miriam Kilali, ist da noch kein Kratzer zu sehen. Die achten darauf. Das ist für die ein Juwel. Das sehen wir im Vringstreff aber auch, da ist es ähnlich. Da kommt keiner auf Idee, den Tisch zu verkratzen. An der Unimensa sieht das anders aus. Aber im Vringstreff käme keiner auf die Idee, einen der Holztische zu beschädigen. Bei dem Sieben Sterne Hotel soll der urbanen Gesellschaft gezeigt werden, dass es auch anders geht. Wir werden auch sehen, dass es kulturelle Veranstaltungen und Möglichkeiten zur Begegnung geben wird, wie wir das im Vringstreff schon praktizieren. Ein Mensch ist nicht egal. Wir schreiben keinen ab.

Frage
Die bestehenden Projekte Menschensinfonieorchester, Vringstreff, „Huddel und Brassel“, gehen alle in diese Richtung.

Hans Mörtter
Ja. Das Menschensinfonieorchester ist nach elf Jahren sogar schon darüber hinaus gewachsen. Das sieht man deutlich. Die haben sich schon emanzipiert. Diese Projekte sind Symbole fürs Funktionieren. Das soll sich auch in anderen Städten fortpflanzen und eine Keimzelle für weitere Veränderungen werden.

Unsere Idee ist es, dass sich die Leute mit dem Sieben Sterne Hotel identifizieren und es zu ihrer Sache machen und daraus neue Kräfte schöpfen und dann für andere ein Motor werden können. Leute, die einmal obdachlos waren, sind die besten Sozialarbeiter. Ich hoffe, dass das letztlich so eine Generationensache wird. Die Jüngeren wären dann für den Hotelbetrieb zuständig, und die Älteren, die fest da wohnen, begleiten die Jüngeren dabei, werden zu stabilisierenden Faktoren. Letztendlich geht es darum, so selbständig zu werden, wie möglich, mit so viel Begleitung wie nötig. Das muss man den Obdachlosen durchaus zumuten, aber dieser Weg ist gehbar und er eröffnet neue Perspektiven im Umgang mit Obdachlosen.

Frage
Es geht auch allgemein um Initialzündung und um Bewusstmachung.

Hans Mörtter
Ja, richtig. Deshalb ist das wichtig. Das Haus nur zu machen, damit es irgendein Haus für diese Leute gibt, wäre Unsinn. Aus dem Wiedererwachen der Würde erwächst Energie, eine andere Weite. Ich weiß noch nicht, wohin uns dieser Prozess führen wird, aber er führt uns als Gesellschaft weiter. Denn selbst die Schwächsten tragen in der Regel immer noch etwas mit sich, was sie geben können. Nur das ist viel langsamer und man muss sich umdrehen und schauen, dann bekomme ich sogar von denen was, was mich auch wieder weiter nach vorne bringt.

Besucher des Vringstreffs in Köln, Foto: Vringstreff
Besucher des Vringstreffs in Köln (c) Vringstreff

4. Teil:  Raum ist das Zauberwort

Frage
Es geht also im Wesentlichen darum, erst einmal den Raum zu schaffen, innerhalb dessen das geschehen kann.

Hans Mörtter
Ja, Raum ist das Zauberwort.

Frage
Was ist in diesem Stadium des Projektes am Wichtigsten?

Hans Mörtter
Wir brauchen Öffentlichkeitsarbeit, wir brauchen Sponsoren. Wir brauchen ein Grundstück oder ein Haus in Innenstadtlage! Das ist sehr hochgesteckt, weil das fast nicht bezahlbar ist. Deshalb suchen wir Paten und Patinnen für die langfristige Finanzierung, Sponsoren, mit denen wir eine dauerhafte Grundfinanzierung hinkriegen. Da müssen wir schauen, ob wir das durch Mittel des Landschaftsverbands Rheinland ko-finanziert bekommen, weil die Kommunen jetzt schon durch die zunehmende Verarmung der Gesellschaft überlastet sind. Dann gehen wir davon aus, dass das Sozialamt das Wohngeld bezahlt. Ob die Obdachlosen nun in irgendeiner Unterkunft oder bei uns untergebracht sind, dürfte in dieser Hinsicht keinen Unterschied machen. Diese Standardmiete stünde dann unserem Projekt zur Verfügung. Wir rechnen mit 40 bis 60 Leuten, die darin wohnen werden. Mit dieser Zahl müssen wir rechnen, damit es sich irgendwie finanziert. Wir wollen dann noch den Hotelgedanken beibehalten. Uns schweben so zehn richtige Hotelzimmer vor, wo im Sommer zahlende Gäste, vielleicht Rucksacktouristen übernachten können. Der Bedarf für günstiges Wohnen ist immer da. Ein kleiner Teil des Hauses soll ein richtiges Hotel sein. Im Sommer brauchen wir wahrscheinlich für Obdachlose nicht alle Unterkünfte. Das Haus soll im Sommer nicht leer stehen und die Touristen finden ein solches Haus wahrscheinlich spannend. Dann hoffe ich, dass der ein oder andere Bewohner sich so weit fängt, dass er bedingt wieder arbeiten kann. Dazu brauchen wir Arbeitgeber, die solche Leute anstellen, meinetwegen für hausmeisterliche Tätigkeiten. Ich kenne einen Obdachlosen, der kann für zwei, drei Stunden am Tag richtig anpacken.

Frage
Sie haben mit dem Projekt „Huddel und Brassel“ schon einschlägige Erfahrungen gemacht, wo man Obdachlose für verschiedene Tätigkeiten stundenweise engagieren kann.

Hans Mörtter
Mit „Huddel und Brassel“ erproben wir das schon seit ein paar Jahren. Das funktioniert und ist erfolgreich. Es gibt Leute, die für eine befristete Zeit am Tag arbeiten können und darin auch sehr verlässlich sind. Die sind stolz darauf, dass sie das schaffen und sich etwas dazu verdienen können.
Auf jeden Fall, die Bewohner des Sieben Sterne Hotels sind für das Haus verantwortlich, sie müssen selber sauber machen und instandhalten. Diese Aufgaben werden nicht von irgendwelchen externen Firmen gemacht, sondern aus dem Haus selbst heraus, außer es sind Facharbeiten. Das hängt aber alles von der Größe des Hauses und der Anzahl der Zimmer ab, wie die Flure und Etagen angelegt sind. Dann müssten wir ein Kontingent an Zimmern haben für Obdachlose, die z. B. eine schwere Erkältung haben, die sie erst einmal auskurieren müssen oder wie jetzt gerade in der Kältewelle, wo der Bedarf an Unterkünften besonders hoch ist.

Frage
Das heißt, die Obdachlosen werden im Sieben Sterne Hotel besser wohnen, als so mancher Hartz IV-Empfänger.

Hans Mörtter
Das stimmt. Hartz IV ist ein anderes Ausmaß und eine andere Kategorie. Das kann man nur politisch angehen, weil das einfach unhaltbar ist. Das geht nicht. Das ist unwürdig. Auch da muss man Bewusstsein schaffen.

Frage
Es gibt unter den Berbern Menschen, die aus freiem Willen ausgestiegen sind, weil sie sich bewusst – und irgendwo auch zurecht - von unserer Gesellschaft abgewandt haben.

Hans Mörtter
Das haben wir unter den jungen Leuten sehr stark. Die sagen sich, dass sie so und so keine Perspektive haben und deshalb auf die Straße gehen. Ihre Lebenspartner sind die Hunde. Und da sieht, man wie sozial die sind, die haben ein großes Verantwortungsgefühl für ihre Tiere, die sie sehr gut halten und versorgen. Da kann keiner sagen, das sind Drückeberger, die nichts tun wollen. Aber unter den Rahmenbedingungen einer Gesellschaft, die ihnen kaum eine Chance gibt auf sinnvolles Arbeiten und ein sinnvolles Leben, da sagen die ganz klar: ‚Nee, ihr könnt uns kreuzweise.’

Frage
Die gehören aber nicht zur Zielgruppe für das Hotel.

Hans Mörtter
Das würde ich jetzt nicht ausschließen. Wir schauen schon nach jüngeren Leuten, die vielleicht im Service-Bereich des Hauses arbeiten könnten. Dass die vielleicht auch geschult werden können. Wir wollen, dass die sich selber organisieren können. Das fängt mit dem Einkaufen fürs Essen an, den ganzen Hotelabläufen, die sie dann lernen. Der Autohersteller Ford ist da beispielhaft. Die spenden nicht, die stellen Leute für soziale Projekte frei, in die sie ihr Wissen einbringen und Energie, einfach menschliche Energie weitergeben.

Wenn wir da jüngere Leute haben, Schulabbrecher ohne Perspektive, die eine Chance wahrnehmen würden, wenn sie eine bekämen, und wenn ihnen das Spaß macht, bei denen könnte sich das lohnen.

Das Problem ist, dass ihnen die Gesellschaft ohne Schulabschluss keine Perspektive bietet. Das sehen sie bei ihren Eltern, die oft versumpft sind. Das wiederholt sich dann bei ihnen und sie sagen sich dann, dass sie lieber ganz aussteigen. Bei uns, hoffe ich, würden sie ein Stück Sinnhaftigkeit ihres Tuns erleben, indem sie verantwortlich für andere sorgen, und sehen, dass andere sich darüber freuen und vielleicht sogar dankbar sind. Wenn einer von ganz oben ganz unten landen kann, wieso kann nicht einer von ganz unten wieder oben landen. Deshalb sind die Sozialarbeiter wichtig, dass die Bewohner auch in dem Tempo arbeiten können, das sie selber haben. Wenn jemand gut drauf ist und Potential hat, das kann doch nicht ein Leben für den Mülleimer sein.

Wir stellen mit diesem Sieben Sterne Hotel nicht nur ein Haus zur Verfügung, sondern einen Lebensraum, in dem sich Obdachlose anders und völlig neu erleben können und sich dann vielleicht erinnern, dass sie jemand sind: ‚Ich bin als Mensch geboren. Hier erlebe ich, dass für mich Platz ist.’ Das funktioniert, weil da ein Raum geschaffen wird, wo sie so angenommen werden, wie sie sind.

Das Interview führte Helga Fitzner am 18. Januar 2013

Hans Mörtter und Ralf Richter waren auch im Bayerischen Fernsehen und stellten in der Sendung "Freitag auf d'Nacht das Projekt vor.