Seniorenkreise der Lutherkirche

Der Mittwochskreis

Der Mittwochskreis ist der älteste, noch bestehende Kreis der Lutherkirche und wurde 1983 vom damaligen Pfarrer Rainer Münden gegründet. Neben den wöchentlichen Kaffeetafeln gab es in der Anfangszeit noch Aktivitäten, wie Tagesausflüge, z. B. in den Zoo, zum Biggesee oder in die Ardennen sowie Theaterbesuche und Schiffsfahrten. In den letzten Jahren beschränkten sich die Senior(in)en meistens auf die Südstadt. Bis heute "verwalten" sie sich selbst: Jeden Mittwoch gibt es selbstgebackenen Kuchen oder Torte nach alten Familienrezepten. Die Einkäufe, Vorbereitungen und Finanzen werden von den Teilnehmenden selbst organisiert. Drei Jahre lang hat die Gesangs- und Klavierpädagogin Ursula Bruckner einmal im Monat Programm gemacht, dann die Sozialpädagogin Eva Dreher. Seit 2010 gestaltet die Journalistin Helga Fitzner ein- bis zweimal im Monat mit, so werden aktuelle Entwicklungen in Politik und Kultur besprochen oder ein Wunschprogramm gestaltet, sei es Quiz, Vorlesen oder Aktionsspiele. Der Kreis zeichnet sich durch Selbstständigkeit und Beständigkeit aus.

Der Mittwochskreis der Lutherkirche im Jahr 2012, Foto: Helga Fitzner
Geburtstagsfeier im Mittwochskreis

Der Freitagskreis

Jeden Freitag treffen sich 14 Senior(inn)en im Alter zwischen 65 und 95 Jahren nachmittags von 15.00 bis 17.00 Uhr im Gemeindesaal der Lutherkirche. Der Kreis besteht seit 1987 und noch immer sind Teilnehmer der ersten Stunde regelmäßig anwesend, in den letzten Monaten haben sich uns aber auch mehrere neue angeschlossen. Es fanden und finden viele unterschiedliche Programme statt, die den Interessen der Gruppe angepasst werden.

2009 entstand das Buch "Angerichtet - Vom Überleben und Kochen in schlimmer Zeit", in dem ein Teil unserer Senior(inn) ihre Kriegs- und Nachkriegsgeschichten erzählen.

Der Ablauf der Nachmittage ist meistens so: Zunächst wird beim gemeinsamen Kaffeetrinken geplaudert und über aktuelles Tagesgeschehen diskutiert. Die Themen sind offen und jeder kann sein ganz besonderes Anliegen vortragen oder auch mal etwas zum Vorlesen mitbringen. Anschließend beginnt das gemeinsame Programm: Jeden ersten Freitag im Monat wird Bingo gespielt, wobei kleine Preise gewonnen werden. Die anderen Nachmittage bestehen aus einer bunten Mischung von Gedächtnistraining, Spielen (wie „Tabu“ oder „Wer wird Millionär“), Vorlesungen, Hören von Musik, Gedichten oder Balladen. In der Vorweihnachtszeit wird für die Gemeindefeier kleine Präsente gebastelt. 

Besondere Nachmittage sind die mit Gästen, vom WDR, Globetrottern, Musikern oder Schlagerexperten, neu im Programm ist eine Physiotherapeutin mit ihrer „Hockergymnastik“.

Einmal im Jahr steht ein Theaterbesuch an, am liebsten das „Das Hänneschen“ in der Altstadt. Feste werden im ganzen Jahr gefeiert, wie sie fallen, Geburtstage mit Gesang und Kuchen, an Karneval bringt einer unsrer Senioren seine Drehorgel mit und jeder singt, wie er kann „kölsche Tön“. Die Weihnachtsfeier mit Wichteln, festlichem Abschluss des Jahres begehen wir im Tripse Bock bei einem Weihnachtsessen.

Alle, die mal zum Schnuppern und auch zum Bleiben vorbeischauen, sind herzlich willkommen!

Kochgeschichten

Der Freitagskreis hat im April 2005 ein Buch herausgegeben mit dem Titel "Als wir noch schön und hungrig waren... - Kochgeschichten aus der schlechten Zeit". 17 Seniorinnen erzählten darin, wie sie vor rund 60 Jahren ihr Leben organisiert haben; als es nichts zu kaufen gab oder nur so wenig, dass es vorne und hinten nicht gereicht hat. Mit einfachsten Zutaten haben sie Köstlichkeiten gezaubert. Denn Not und Liebe machen erfinderisch – gehen doch beide durch den Magen.

Auf Grund der hohen Nachfrage haben wir das Buchprojekt mit beiden Seniorenkreisen noch einmal in Angriff genommen, aber neue Akzente gesetzt. Nötig deshalb, weil wir viel dazu gelernt haben. Viele neue Texte sind entstanden. Den Kochgeschichten haben wir die Kriegserlebnisse unserer Seniorinnen hinzugefügt. Auch vier Männer kommen erstmalig darin zu Wort. Das Buch ist seit dem 21.12.2009 im Buchhandel erhältlich. 

"Angerichtet - Vom Überleben und Kochen in schlimmer Zeit"

Senior(inn)en des Freitagskreises der Lutherkirche, Foto: Helga Fitzner
Karneval im Freitagskreis mit Leierkastenmann Günter aus den eigenen Reihen
Helga Fitzner und einige der Autor(inn)en posieren für das Buch
Einige der Autor(inn)en des Seniorenbuches posieren mit der Autorin Helga Fitzner
Buch der Senioren und Seniorinnen der Lutherkirche:

Buchbesprechung des ersten Buches aus dem Jahr 2005
Kochgeschichten der Seniorinnen des Freitagskreises

Heutzutage kaum vorstellbar: Man hat nichts zu essen im Hause, und da gibt es keinen Supermarkt, keine Tankstelle, ja nicht einmal einen Tante-Emma-Laden, wo man etwas kaufen kann. Rationierte Lebensmittel, riesenlange Schlangen für Grundnahrungsmittel und Kinder, die man nicht satt kriegt, sind die tägliche Realität. Das nagende Gefühl in der Magengegend, das Jüngere vielleicht von diversen Diäten her kennen, wird über Wochen, Monate und Jahre zum ständigen Begleiter. Das Vieh ist längst geschlachtet, die Felder nicht bestellt. Es wird so schnell nichts nachwachsen. Die Politik der verbrannten Erde ist zwar nicht in dem geplanten Ausmaß durchgeführt worden, aber so viel zu verbrennen, wäre da vielleicht auch gar nicht mehr gewesen. Die Städte liegen in Schutt und Asche. 55 Millionen Menschen sind dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Die Hälfte von ihnen sind Zivilisten. Nicht gezählt sind die, die an den Folgen der Unterernährung gestorben sind. Klar, dass die, die das alles durchgestanden haben, immer wieder gefragt werden. „Wie habt ihr das geschafft?“
Im Freitagskreis wurde dann von den alten Kochrezepten erzählt. Die Seniorinnen brachten Kochbücher und Fotos von sich mit. Die Bilder zeigten blühende junge Frauen in einem Lebensalter, das allgemein hin als das schönste gilt. So entstand der Plan, ein Kochbuch zu schreiben, mit all den Rezepten und den Erinnerungen an jene Jahre.
Der Tod von Jenny, die mit 96 Jahren verstorben war, wurde zum Auslöser, das angedachte Buchprojekt nun wirklich in Angriff zu nehmen. Sie hatte den Namen einer Süßspeise vergessen, die sie als Kind in Lodsch (im heutigen Polen) so geliebt hatte. Mit 96 Jahren gab es auch niemanden mehr, den sie hätte fragen können.

Der Untertitel „Kochgeschichten aus der schlechten Zeit“ ist unfreiwillig ironisch, denn oft genug gab es keine Zutaten, aus denen die Frauen eine Mahlzeit hätten zubereiten können.  Courage und Organisationstalent waren gefragt. Bei Leni (Jahrgang 1927) wäre das beinahe schief gegangen. 1944, ein paar Monate vor Kriegsende, saß sie am Heiligen Abend im Klingelpütz ein, dem berühmten Kölner Gefängnis. Sie hatte Mehl aus einem zerbombten Gebäude gestohlen. Was heute eher als Mundraub eingestuft würde, stand damals aber unter Kriegsrecht. Und auf Plünderung stand die Todesstrafe...
In liebevoller Kleinarbeit haben die Seniorinnen nicht nur Jugendfotos von sich selbst herausgesucht. Das Buch enthält auch Bilder vom Lagerleben und von den Einsätzen der Frauen als „Arbeitsmaiden“ und sogar Abbildungen von Lebensmittelkarten. Die Künstlerin Ingeborg Niesen hat zu vielen der Geschichten Zeichnungen angefertigt, so dass es ein sehr persönliches Buch geworden ist, in dem sich aber alle Frauen der Kriegsgeneration durchaus wiedererkennen können.

Am 3. Juli 2005  hielt Pfarrerin Silke Grigo einen Gottesdienst in der Lutherkirche, in dem einige der Frauen ihr Kapitel aus dem Buch vorlasen. Auch Lotti (Jahrgang 1922) war dabei.  Als 1945 ihr Verlobter Jan noch wenige Wochen vor Kriegsende einen Gestellungsbefehl bekam, wurde geheiratet, ohne vorheriges Aufgebot. Solche Blitzhochzeiten waren damals möglich. Doch für eine Hochzeitstorte reichte es nicht. Da gab es Hochzeitsgeschenke der besonderen Art: „Die Geschenke, die wir bekamen, waren Brot-, Eier-, Kartoffel-, Mehl-, Fett- und Fleischmarken. Das waren sehr wertvolle Gaben damals und ein Opfer für die Schenkenden,“ las Lotti der sichtlich gerührten Gemeinde vor.

Charlotte (Jahrgang 1926) las ihre Geschichte vom Pilze sammeln vor. Als 19jährige zog sie sich wie eine Vogelscheuche an und huschte durch den Wald.  Sie wollte von den russischen Soldaten nicht entdeckt werden, die in der Nähe stationiert waren und deren Lieder sie aus der Ferne begleiteten. Trotzdem siegte der Hunger über die Angst.

Pfarrerin Grigo ging in ihrer Predigt auf den besonderen Mut der Frauen ein. Das Buch ist sehr unterhaltsam geschrieben. Grigo machte jedoch auf den Ernst aufmerksam, der sich hinter dieser Leichtigkeit durchaus verbirgt: „Ich habe überlegt, welcher biblische Text sich auf eine fruchtbare Weise mit Ihren ‚Kochgeschichten’ ins Gespräch bringen lässt“, sprach sie die Seniorinnen an. „Ich habe mich schließlich für folgenden Satz aus der Bergpredigt entschieden: ‚Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden’. (Mt 5,6). Diese Worte Jesu bringen ganz deutlich auf den Punkt, dass die Erfahrungen von Hunger und Durst und die Erfahrung des Sattwerdens immer in einem weiteren Horizont stehen: Im Horizont der Frage nach Gerechtigkeit.“

„Essen und Trinken ist eine sehr grundlegende Art und Weise, sich mit dem Leben zu verbinden“, so Grigo weiter. „Immer geht es darum, sich trotz Zerstörung und vieler Bedrohungen dem Leben zuzuwenden... Außerdem ist das Nähren gleichbedeutend mit einer Würdigung des Körpers. ... Damit steht das Nähren in einem denkbar großen Kontrast zur Gewalt... Die nationalsozialistischen Machthaber sind diesen Weg der Gewalt sehr konsequent gegangen: Zugriff auf die körperliche Arbeitskraft, Folter, Krieg, Konzentrationslager und das alles in der Regel verbunden mit Nahrungsentzug. Und im Weg über den Körper wurde gleichzeitig auch der Geist unterworfen, das Denken, die Selbstwahrnehmung... Wenn wir uns fragen, wie eine Welt aussehen muss, in der alle überleben können und genährt werden, dann sind wir ganz schnell bei einer Kritik der Gewalt... Wenn wir vom Körper ausgehen, der immer wieder genährt werden muss, dann sind wir bei dem, was alle als Menschen gemeinsam haben: Bei unserer Bedürftigkeit, bei unserer Verletzlichkeit, bei der Tatsache, dass niemand sich aus sich nähren kann, sondern wir alle auf andere und anderes angewiesen sind.“

Beim anschließenden Kirchenkaffee gab es eine Überraschung, denn zwei der Seniorinnen hatten Kuchen nach den Kriegsrezepten gebacken. Die waren vielleicht nicht für verwöhnte Gaumen geeignet, aber durchaus schmackhaft. Beim gemeinsamen Klönen konnten die jüngeren Gemeindeglieder aus erster Hand etwas über das Leben in der Kriegs- und Nachkriegszeit erfahren. Die Jüngeren bewunderten den Lebensmut dieser Frauen, die nach all dem unsere Heimatstadt wieder aufgebaut haben und mit zu dem gemacht, was Köln heute darstellt.

Text: Helga Fitzner 

Kochbuch des Freitagskreises der Seniorinnen der Lutherkirche, Köln