6. Kölner Talkgottesdienst am 20.04.2008
zu Gast: Sabine Postel

Schauspielerin, "Tatort"-Kommissarin

BOTSCHAFTERIN DES ZENTRUMS FÜR TRAUERNDE KINDER

Pfarrer Hans Mörtter
Heute möchte ich herzlich Sabine Postel in der Lutherkirche begrüßen. Sie sind bekannt als „Tatort“-Kommissarin Inga Lürsen, aber ich muss zugeben, dass ich es noch nicht geschafft habe, Sie in dieser Rolle zu sehen. Aber Ihr legendärer Ruf  schwirrt halt durch die Gegend und deshalb haben wir uns auch bemüht, Sie hierher zu bekommen. Was Sie auszeichnet und in unseren Augen als Talkgast so in den Fokus gerückt hat, ist ihre Tätigkeit als Botschafterin einer ganz besonderen Initiative.
Das ist das „Zentrum für trauernde Kinder e. V.“  in Bremen. Ein Zitat von Ihnen im Kontext dieser Arbeit lautet: „Du bist nicht allein.“  Darum geht es auch in jedem Gottesdienst: Du bist nicht allein und zusammen können wir eine unglaubliche Kraft und Präsenz in jeder Stadt, im ganzen Land und auf dieser Erde entwickeln. Und das tun wir. Ich danke auch Peter Clös, der ein ganz besonderer Mensch ist. Er ist Schauspieler, der aber nicht nur schauspielert, sondern auch moderiert. Er gestaltet heute den 6. Kölner Talk-Gottesdienst als Moderator. Das ist nicht selbstverständlich, dass jemand so etwas mitmacht und so „verrückt“ ist, sich darauf einzulassen mit all der intensiven Vorbereitung und den Überraschungen, die dieses Gottesdienstformat mit sich bringt. 

Talk Teil 1:  Mit Ehrlichkeit älter werden

Peter Clös
Frau Postel, Sie sind seit 1997  „Tatort“-Kommissarin des kleinen Senders Radio Bremen. Sie haben einmal gesagt: „Wir müssen jedes Mal besondere Qualität liefern, um unsere Existenzberechtigung als Sender zu behalten, und über uns hängt das Damoklesschwert der Schließung.“ Warum ist das so?

Sabine Postel
Das Geld wird überall knapp. Es gibt den großen Sender NDR und den ganz kleinen liberalen, linken Fernseh- und Radiosender Radio Bremen. Wir zählen nicht gerade die Stunden, aber durchaus die Monate oder Jahre, bis da vielleicht doch eine Vereinnahmung erfolgt. Aus Kosten- und Ersparnisgründen zentralisiert man heute ja gern. Ob es das letztlich immer bringt, weiß man nicht, aber man versucht es erst einmal. Der „Erfolg“ wird immer an den Einschaltquoten gemessen. Man muss immer eine Mindestquote bringen. Da spielt es keine Rolle, ob zur Sendezeit Biergartenwetter war oder auf dem anderen Kanal gerade ein Fußballspiel lief. Die Quote kann man deshalb durch Qualität alleine gar nicht gewährleisten, da ist auch viel Glück im Spiel. Aber die Zuschauerzahlen sind eben wichtig, um zu überleben. Für den Bremer „Tatort“ und für andere Sendungen auch.

Peter Clös
Der „Tatort“ hat seit seinen Anfängen immer wieder ambitioniert gesellschaftliche Themen gespiegelt und sich sozialkritisch mit ihnen auseinandergesetzt. Radio Bremen will wohl mit der Thematisierung gesellschaftlicher Strömungen ganz bewusst der Schließung entgegenwirken. Wenn Sie jetzt Drehbücher schrieben, welche Themen würden Sie denn aufgreifen?

Sabine Postel
Ich würde sozialkritische Themen bevorzugen, weil ich der Meinung bin, dass das selbst im „Tatort“ nicht oft genug geschieht. Unsere Fernsehlandschaft besteht doch hauptsächlich aus Kitsch- und Liebesgeschichten. Das ist ja auch in Ordnung, aber das, was wir früher einmal als ambitioniertes Fernsehspiel gekannt haben, gibt es kaum noch. Der „Tatort“ ist so eine letzte Bastion, der man noch relevante Geschichten „unterjubeln“ kann. Neben der Spannung der Krimihandlung können wir da auch etwas transportieren, was man sonst im Fernsehspiel als Thema nicht mehr so gut verkaufen könnte: Sextourismus, Missbrauch von Kindern oder politische Geschichten. Beim „Tatort“ geht das manchmal noch, wobei das auch Kämpfe sind. Wir haben da eine ganz tolle, tapfere Redakteurin aber ich sehe auch, wie schwierig das für die ist.

Peter Clös
Sie sind beim „Tatort“, dem „Flaggschiff“ des deutschen Fernsehens, seit elf Jahren beschäftigt. Und sind eine Frau in den besten Jahren...

Sabine Postel
O, schön gesagt.

Peter Clös
Wenn man bedenkt, dass Frauenrollen oberhalb der 50 rar werden, kann man in Ihrer Situation sagen, dass Sie der Sache relativ gelassen entgegensehen können. Es dürfte gewährleistet sein, dass Sie allein durch den „Tatort“ eine gewisse Fernsehpräsenz zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr behalten.

Sabine Postel
Ich bin privilegiert und dankbar. Das mal vorab. Das Ganze ist aber keine zuverlässige Bank. In der „Tatort“-Szenerie findet gerade ein ziemlicher Austausch statt. Es kann durchaus sein, dass sich irgendwelche Leute überlegen, dass ich irgendwann zu alt bin und dass man wieder frischen Wind, wie die immer sagen, hereinbringt. Sicherheiten hat man da nicht. Aber ich muss natürlich zugeben, dass ich in meinem Alter - in den besten Jahren - den Punkt erreicht habe, wo ich gut beschäftigt bin. Dieses Privileg haben nicht sehr viele Schauspieler. Ich bemühe mich auch, keine Angst zu haben, denn das bringt einen nicht weiter.

Peter Clös
Woran mag es liegen, dass man einigen Schauspielerinnen das Alter verzeiht und anderen offensichtlich weniger? Kann das daran liegen, wie die selber mit dem Älterwerden umgehen? Wenn sie der Ansicht sind, dass Altwerden ein Naturgesetz ist und Sie sich nicht gegen das Unabwendbare auflehnen, steigert das allein schon die Chance, Aufträge zu bekommen?

Sabine Postel
Es wäre verlogen zu behaupten, dass man sich auf den Punkt freut, an dem alles vorbei ist. Ich glaube den Kolleginnen nicht, wenn sie sagen: Ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Älterwerden. Das ist einfach Unsinn. Aber ich glaube, dass es gut ist, mit Ehrlichkeit älter zu werden. Vielleicht wird das in unserem Beruf honoriert. Wenn Kolleginnen irgendwie versuchen, unendlich lange 30 zu bleiben, nimmt man das eine ganze Weile hin, dann kommt aber irgendwann der Punkt, wo man es nicht mehr akzeptieren will, und dann sind sie weg vom Fenster. Man muss irgendwie dazu stehen, dass man älter wird und man muss sich einfach darüber freuen, dass die Erfahrung, die man im Leben und im Beruf gemacht hat, sich irgendwann im Gesicht und in der Spielweise umsetzt und die Zuschauer das mögen und sie einen deshalb auch sehen wollen. Es gibt auch eine Trendwende hin zu mehr Erwachsenengeschichten.  Die privaten Sender haben sich darauf eingeschossen, Geschichten von 25-Jährigen zu erzählen, die in jungen Jahren schon Porsche fahren und 30 Jahre Berufserfahrung haben. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben aber mittlerweile erkannt, dass sie den Privaten die dazugehörige Zuschauergruppe nicht mehr abspenstig machen können und dass es einfach auch sehr finanzstarke Leute in unserem Alter gibt, bei denen es sich lohnt, sie zu umwerben. Sie machen jetzt bewusst Geschichten für erwachsene Menschen und hoffen, den Konsumenten zu bekommen, der werbemäßig anzusprechen ist. Früher hat man immer gedacht, dass nur junge Menschen irgendwie zu beeinflussen seien, aber das ist Quatsch. Wenn sich 200 Teenager eine Jeans kaufen, ist das ein anderer Umsatz, als wenn sich ein 45-Jähriger einen Mercedes kauft. Es ist nicht nur Gutmenschtum, dass man dem Zuschauer erwachsene Geschichten anbietet, sondern da ist schon ein kalkulatorisches Interesse dahinter.

Peter Clös
Die alten Menschen werden heute oft nur unter dem wirtschaftlichen Aspekt als werberelevante Zielgruppe wahrgenommen. Früher waren sie im Ältestenrat, waren  Wissensübermittler und Kulturträger. Wir haben die alten Menschen an den Rand gedrückt.

Sabine Postel
Ja, viele Menschen bei uns, die vielleicht ganz viel Erfahrung und Reife haben und in ihrem Beruf ihren Mann und ihre Frau stehen könnten, werden zu einem sehr frühen Zeitpunkt aussortiert. Ich spreche jetzt nicht vom Rentenzeitpunkt, wenn jemand 65 ist und vielleicht mal seine Ruhe haben will, sondern schon früher. Wenn ein Betrieb Entlassungen vornimmt, sind es doch die um die 50-Jährigen, von denen man sich trennt. Das finde ich grausam, brutal und falsch, weil das Potential, dass sich diese Leute im Lauf der Jahre erarbeitet haben, ein Wert ist, den man viel mehr schätzen sollte, als das im Moment geschieht.

Peter Clös
Das hängt damit zusammen, dass wir immer mehr glauben, dass Altwerden eine Krankheit oder ein Missgeschick sei.

Sabine Postel
Das hängt auch damit zusammen, dass wir nicht mehr eingebunden sind in ein soziales Umfeld, in den Familienkreis, sondern dass man sofort aussortiert wird, wenn man ein bestimmtes Alter hat. Dann verlässt einen auch der Lebensmut. Das hat schon einen Grund, wenn Männer, wenn sie in Rente gehen und nicht mehr aktiv am Arbeitsleben teilnehmen dürfen, viel eher sterben als Frauen. Frauen haben in der Familie immer noch einen anderen Bereich gehabt, in dem sie sich verwirklichen konnten. Wenn bei Männern die ganze Wertschätzung wegbricht, die sie im Beruf gehabt haben, werden sie oft ganz ratlos und deprimiert. - Es wäre viel schöner, wenn man Leute, die noch voller Saft und Kraft sind, irgendwie anders einbinden könnte. Es gibt genug ehrenamtliche Tätigkeiten. Die machen Spaß und bringen Befriedigung. Wenn wir all die Ehrenamtlichen nicht hätten, dann sähe unsere Gesellschaft arm aus.

Peter Clös
Nach dem Tode ihres Mannes wurden ihre Eltern verstärkt in die Fürsorge für ihren Enkelsohn eingebunden und denen tat es gut, gebraucht zu werden.

Sabine Postel
Ich habe meine Eltern wirklich gebraucht, in vielerlei Hinsicht, aber auch – ich will jetzt nicht das Klagelied der Alleinerziehenden singen – wenn ich arbeite. Ich habe keinen Beruf, bei dem ich um fünf Uhr wieder zu Hause bin und alles aufarbeiten kann, was so am Tag war. Ich bin tageweise weg, manchmal wochenweise und da müssen meine Eltern den Part übernehmen, den mein Mann früher eingenommen hat und für ihn einspringen: Als Versorger, als Kümmerer für meinen Sohn. Das ist natürlich Stress für Leute, die Mitte 70 sind. Auf der anderen Seite hat das einen enormen Verjüngungsschub bewirkt, weil sie plötzlich Dinge zu tun hatten, die man sonst mit 40 macht. Sie kümmern sich um alles. 

Talk Teil 2:  Über die Trauer von Erwachsenen und Kindern

Kein Ersatz für menschliche Begegnung

Peter Clös
Nachdem Sie den Verlust Ihres Mannes erlitten hatten, gab es sehr unterschiedliche Reaktionen darauf.

Sabine Postel
Ich habe jahrelang nicht darüber geredet, weil es mich verbittert hat. Mittlerweile habe ich einen gewissen Abstand zu diesen Verhaltensweisen und ein gewisses Verständnis. Wir können alle nicht mit Tod und Trauer umgehen. Das sind wir nicht mehr gewöhnt. Aber ich habe gemerkt, dass das im beruflichen Umfeld und Freundeskreis meines Mannes, der Verleger war, überhaupt kein Problem darstellte, während es in meinem Metier offensichtlich ein immenses war. Wenn man bei Dreharbeiten lange und intensiv zusammenarbeitet, wächst man doch zusammen, dachte ich. Ein solches Zusammenspiel geht doch über die Oberflächlichkeit einer normalen Berufstätigkeit hinaus. Ja, und da war ich erschüttert. Ich kann die Schauspielerkollegen, die zu einer Reaktion in der Lage waren, an einer Hand abzählen. Am Anfang war ich nur verstört, aber es ist natürlich klar. Es ist logisch. Wir leben in unserem Beruf davon, dass wir immer gut drauf sind. Wir machen immer „Keep smiling“.  Wir müssen immer gesund sein, gut aussehen, tough sein. Und wenn ich das Elend und den Schmerz von jemand anderem zu nahe an mich herankommen lasse, dann fällt es mir schwer, diese Fassade aufrecht zu erhalten. - Viele waren nicht in der Lage, sich emotional zu öffnen. Und ich sage das jetzt gar nicht mehr als Vorwurf, sondern aus dem Abstand heraus, dass die Leute mir leid tun.

Peter Clös
Ich bin selber Schauspieler und kenne die Unsicherheit. Da wir als Aufgabe haben, in verschiedene Zustände, auch in solche, zu kommen, sollte man doch das Vermögen haben, in so einer Phase, auf jemanden zuzugehen.

Sabine Postel
Ja, sollte.
(Pause)
Es ist halt schwer. Es ist für jeden Menschen schwer und für jemanden, der einen solchen Schutzwall um sich herumbauen muss, weil der Beruf es erfordert, ist es wahrscheinlich manchmal nicht möglich.

Peter Clös
In den letzten Jahren erscheint es mir generell so, dass nicht nur eine Scheinwelt entsteht, sondern Parallelwelten. Der Regisseur Sidney Lumet beklagte neulich in einem Spiegel-Interview die neuen elektronischen Medien, Internet, Handy, SMS. Er sagte, die Globalisierung mache es möglich, dass wir mit jemandem in Tokio verbunden sind, aber nicht mehr mit den Leuten, die sich mit uns in einem Zimmer befinden. Da kann es also sein, dass man mit seinem Ehegatten in einem Raum steht und per SMS schon den nächsten Seitensprung und das nächste Doppelleben vorbereitet. All das ist heute möglich, zwei oder drei Identitäten zu haben. Und jeder denkt, wenn wir mit ihm zusammen sind, wir sind seine Identität und wir wären bei ihm.

Sabine Postel
Sie haben völlig recht. Mich betrifft es persönlich nicht so sehr, weil ich mit dem Computer immer noch hadere und weil ich diese Chat-Geschichten überhaupt nicht mache. Ich habe meinen Sohn gefragt: „Da sitzt du jetzt am Computer und chattest mit Freunden. Das ist ja okay, aber warum triffst du dich nicht mit denen?“  Ich meine, es gibt Leute, die wohnen nicht gerade vor Ort, aber das ist auch eine Sucht. Viele kommen nach Hause, setzen sich an den Computer und chatten erst mal: Mit Leuten, die er vorher in der Schule fünf Stunden gesehen hat. Absurd. Oder? Das birgt langfristig auch eine Gefahr. Ich kann mich ja verstecken. Es ist nicht mehr so wie früher, einen Brief zu schreiben, in dem ich Emotionen und Stimmungen offen lege. Dieses Chatten ist immer eine Kurzform. Da bin ich als Mensch mit meinen Gefühlen, mit meinem Kummer, mit meinen Befindlichkeiten eigentlich nicht präsent. Und ich kann wunderbar etwas vorgeben und eine Coolness demonstrieren und eine Souveränität, die ich gar nicht habe. Wir müssen aufpassen, dass wir und unsere Kinder nicht noch mehr verarmen und nicht noch mehr verlernen, offen auf Leute zuzugehen und Sensoren zu entwickeln für die Verfassung von jemand anderem. Über den Computer geht das nicht.

Peter Clös
Jeder Mensch, der heute aufwächst, kennt es nicht anders.

Sabine Postel
Mein Sohn sagt zu Recht: Wieso? Ich treffe mich ja auch mit Freunden, das mit dem Computer ist doch nur zusätzlich. - Da bin ich vielleicht auch altmodisch. Dieses Gefühl, dass ich mich in Kontakt mit allen möglichen Leuten und auch mit der Außenwelt befinde, das kommt mir trügerisch vor. Die Technik ist für mich kein Ersatz für die menschliche Begegnung.

 
Kinder trauern anders

Peter Clös
Wie ist es zu Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für das Zentrum für trauernde Kinder in Bremen gekommen?

Sabine Postel
Anlass war ein Anruf von Thomas Schaaf, dem Trainer von Werder Bremen.  Der war schon eine ganze Weile im Vorstand des Zentrums für trauernde Kinder in Bremen tätig. Das ist ein Verein, der keine Sponsoren hat und auch von niemandem finanziert wird, auch von der Kirche nicht, weil die unabhängig bleiben wollen. Deshalb suchen die immer prominente Paten für ein Jahr. Wir sind die Geldeintreiber, wenn ich das mal so brutal sagen darf, weil jeder Euro, der da gespendet wird,  ganz wichtig ist, denn es muss Miete gezahlt werden, mit den Kindern werden Unternehmungen gemacht, es muss Spielzeug gekauft werden. Nachdem man mich anrief, habe ich gesagt: Ich kann das nicht. Das war ein Jahr, nachdem mein Mann gestorben war, da konnte ich mich damit nicht konfrontieren. Ich hatte die Kraft nicht. Da hat Thomas Schaaf gesagt: Das müssen Sie auch gar nicht. Sie müssen nur versuchen, das nach außen zu verkaufen, bei Talkshows oder in Zeitungen, damit wir eine Aufmerksamkeit und dadurch vielleicht Spendengelder bekommen. Natürlich beinhaltet das auch eine Mitarbeit und die fällt mir, das muss ich zugeben, immer noch schwer. Generell gibt es natürlich therapeutisch ausgebildete Leute, die sich um die Kinder kümmern.

Peter Clös
Sind Sie die einzige Prominente?

Sabine Postel
Nein, vor mir waren das die Bärbel Schäfer und andere Leute. Ich habe danach noch den Kollegen Ulrich Pleitgen und Amelie Fried geworben. Die hat das in diesem Jahr an meinen Kollegen Oliver Mommsen abgegeben, der im „Tatort“ meinen Assistenten spielt. Thomas Schaaf und ich machen das immer weiter. Bei den anderen Prominenten suchen wir immer nur Paten für ein Jahr, weil sich das sonst totläuft. Ich kann jetzt auch nicht zum vierten Mal bei Kerner erzählen, dass ich für dieses Zentrum Leute brauche, die Geld spenden.

Peter Clös
Sie sorgen dafür, dass die Therapeuten, die diese Kinder betreuen, finanziert werden.

Sabine Postel
Die meisten sind ehrenamtlich. Aber die Miete  der Wohnung muss bezahlt werden und für die Verwaltung sind auch Leute da, die das zwar nebenbei machen, aber ein bisschen Geld bekommen. Die Unternehmungen mit den Kindern kosten auch.

Peter Clös
Man kann also mit dem Kind dahin gehen, wenn man in einer solchen Situation ist?

Sabine Postel
Das ist jetzt, Gott sei Dank, so möglich. Vorher waren die in einer Institution, wo das nur dreimal die Woche nachmittags von 15.00 bis 18.00 Uhr möglich war. Da habe ich immer gesagt: Das geht nicht. Das geht überhaupt nicht. Man kann nicht sagen: Ihr dürft von 3 bis 6 trauern. Wir müssten jetzt ein Haus mit Garten finden, wo die Kinder auch Trauergärtchen gestalten können. So weit sind wir aber noch nicht. Wir haben im Moment aber eine große Wohnung, die einen Raum zum Toben hat, so abgepuffert mit Matten, wo sich gerade die Jungs mit Punchingbällen abreagieren können. Dann gibt es einen Kuschelraum mit Baldachin. Der ist sehr gemütlich, hat gedämpftes Licht, wo sich die Kinder zurückziehen könne, wo sie lesen können oder einfach Musik hören und für sich sein. Wir haben jetzt auch ganz normale Öffnungszeiten eingeführt. Am Anfang kommen die Kinder meist mit ihren Eltern, die aber dann separiert werden in einen schönen Aufenthaltsraum, wo sie lesen oder sich unterhalten können. Wenn die Kinder nicht zu klein sind, kommen sie später auch alleine. Die kommen dann mit der Straßenbahn, wann immer es ihnen danach ist.

Peter Clös
Sie sind nicht fachlich tätig, weil Sie keine Therapeutin sind, aber haben Sie als Zuschauerin und Begleiterin Erkenntnisse gewinnen können, wie die Kinder das verarbeiten?

Sabine Postel
Nach dem Tod meines Mannes habe ich diese ganzen Tipps, dass man sich jetzt unbedingt einen guten Therapeuten suchen muss, immer abgelehnt. Aber aus einem Bauchgefühl heraus, weil ich dachte, das ist nicht gut. Ich bin durch die Arbeit im Zentrum darin bestätigt worden, dass Kinder ganz anders trauern als Erwachsene und dass man sie um Gottes Willen nicht in so eine Situation zwingen soll. Kinder verarbeiten anders und Kinder können manchmal, je nachdem wie alt sie sind, mit diesem schweren Schicksal nur umgehen, indem sie einfach auch verdrängen; gesund verdrängen. Die Analyse über den Kopf funktioniert bei ihnen nicht. Der Schmerz ist so groß, dass ein Kind keinen Lebensmut mehr aktivieren kann, wenn die Wunde immer wieder aufgerissen wird. Das ist das Wichtige: Dass man ihnen zwar einen Ort gibt, wo sie, – wenn sie wollen!!! – sprechen können, aber nicht müssen. Dann aber mit Leuten, die Ahnung haben, wie man in so einer Situation mit Kindern umgeht. Aber dass man ihnen auf der anderen Seite auch Möglichkeiten gibt, wieder Freude am Leben zu entwickeln. Wenn zum Beispiel die Väter gehen, oft durch Selbstmord, bleiben viele der Mütter ohne Existenzgrundlage zurück. Die kriechen dann irgendwie bei Verwandten unter und müssen jeden Tag dreimal danke sagen, dass sie ein Dach über dem Kopf haben. Da ist nicht einmal genug Geld für einen Kinobesuch oder einen Zoobesuch da. Diesen Leuten muss man einfach helfen.

Peter Clös
Fängt das nicht auch bei profanen Dingen an, dass im Normalfall das Gehalt des Vaters noch drei Monate lang weiterbezahlt wird, und es dann noch weitere drei Monate braucht, bis die erste Witwenrente eintrifft, und die Frauen dann auch noch vor einem Finanzschock stehen.

Sabine Postel
An der Stelle sage ich immer: Meine Güte, jede Frau müsste einen Beruf erlernen. Den braucht sie ja nicht die ganze Zeit auszuüben, wenn die Kinder klein sind, aber dass sie in so einer Situation in der Lage ist, ihre Existenz zu sichern. Das ist auch bei Trennungen und Scheidungen so. Es ist doch eine Demütigung, dass man plötzlich gar nichts mehr hat, in einer Situation, wo man so wie so kraftlos ist. Das ist ganz schwer auszuhalten. Für die Kinder ist das furchtbar, weil dann wirklich alles wegbricht. Es bricht nicht nur die Mutter und der Vater weg, es bricht auch das weg, was einem vielleicht noch helfen könnte zu verdrängen, dass man etwas unternimmt oder irgendwohin fährt, wo es schön ist.

Peter Clös
So eine Einrichtung gibt es nur in Bremen?

Sabine Postel
Ich weiß noch von einer in München. Das Zentrum hat jetzt noch in Oldenburg eine Dependance aufgemacht. Mit Spendengeldern. Daher ist es auch mein Anliegen, in nächster Zeit in Köln so etwas ins Leben zu rufen, in einer Stadt mit so viel Einwohnern, wo es so viele Schicksale gibt.  Das ist ein Skandal, dass es hier nicht eine einzige Anlaufstelle für diese Kinder gibt. Es ist allerdings viel ehrenamtlicher Einsatz dafür nötig, um so etwas zu stemmen.

Peter Clös
Frau Postel, ich wünsche Ihnen alles Gute für Sie und Ihr Projekt. Vielen Dank.

Redigiert von Helga Fitzner
Fotos: Helga Fitzner 

Talkgottesdienst mit Sabine Postel, Moderation: Peter Clös, Foto: Sonja Grupe
Talkgottesdienst mit Sabine Postel, Moderation: Peter Clös, Foto: Sonja Grupe
Talkgottesdienst mit Sabine Postel und Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Helga Fitzner