7. Talkgottesdienst am 26.10.2008
zu Gast: Renate Schmidt

SPD-Politikerin in Bayern, Familienministerin des Bundes a. D.

"ICH HABE UNGEHEURES GLÜCK GEHABT"

Renate Schmidt wurde 1942 in Hanau am Main geboren. Sie besuchte das Gymnasium, das sie aber vorzeitig verließ, weil sie im Alter von 17 Jahren ihr erstes Kind erwartete. Später gelang es ihr erfolgreich, eine Ausbildung zur Programmiererin zu machen und als Systemanalytikerin zu arbeiten. 1972 wurde Renate Schmidt Mitglied der SPD und zog 1980 erstmals in den Deutschen Bundestag ein. Dort setzte sie sich für die Rechte von Müttern ein, insbesondere das Recht auf einen Kindergartenplatz und eine BaFöG-Erhöhung. Seitdem war sie von der politischen Bühne nicht mehr wegzudenken, vor allem wenn es um Familien- und Frauenthemen ging. 2002 wurde sie in das Kabinett Schröder als Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gewählt und bekleidete dieses Amt bis zur Bildung der heutigen Großen Koalition 2005.

Renate Schmidt hat sich als Frau in die Politik gewagt, sich im CSU-regierten Bayern als SPD-Politikerin behauptet und im katholischen Bayern als Protestantin gelebt. Zu ihren liebsten Redensarten gehört: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“. Im Mai 2008 ließ sie verlautbaren, dass sie zur Bundestagswahl 2009 nicht mehr antreten werde. Die dreifache Mutter und Großmutter bezeichnet sich selbst als „Familientier“. Warum sie 1993 wieder in die Evangelische Kirche eingetreten ist und wie sie sich ihr Leben  „nach der Macht“ einrichtet, wird sicher auch Gegenstand dieses Talk-Gottesdienstes sein.

Text: Helga Fitzner
 
Kyrie-Gedanken von Hans Mörtter
In den letzten Wochen stellte die Bundesregierung rund 400 Milliarden Euro zur Sicherung im Rahmen der Bankenkrise frei. Überraschenderweise sind da auf einmal Hunderte von Milliarden verfügbar. Der Ausbau eines deutschen Bildungsprogramms, das Kindern eine echte Chance gäbe, würde „nur“ 20 Milliarden Euro kosten. - Jedes Jahr verlassen mehr als 70.000 Schüler und Schülerinnen die Schule ohne Abschluss. Das sind fast 8 Prozent eines Jahrgangs, besonders hoch darunter ist die Quote der Migranten-Kinder. 49 % der Kinder von Eltern, die Abitur haben, machen auch diesen Abschluss. Dagegen sind es nur 15 % der Kinder von Hauptschülern, die es bis zum Abitur schaffen...

Talk Teil 1:  "Ich habe einige Dinge erstreiten müssen "

Peter Clös
Ich begrüße herzlich die Ministerin des Bundes Renate Schmidt, die sich vor allem als Familienpolitikerin einen Namen gemacht hat. Frau Schmidt, Sie gelten als „Familientier“. Aus welcher Familie stammen Sie denn ursprünglich?

Renate Schmidt
Ich bin die ältere von zwei Schwestern. Mein Vater kommt aus Prag, meine Mutter aus Siebenbürgen. Sie waren keine Vertriebenen, sondern sind schon vorher zugereist und kriegsbedingt in Coburg gelandet. Es war eine arme Familie, am Anfang war das Geld sehr, sehr knapp. Ich erinnere mich noch an die Nachkriegsjahre vor der Währungsreform, als ich so vier oder fünf Jahre alt war. Mein Vater kam aus der Pelzbranche und war Kürschnermeister und er konnte sehr gut zeichnen. Vor der Währungsreform hat er uns mit seinen Zeichnungen über Wasser gehalten und ich durfte mit meinen 5 Jahren beim Rahmen helfen.
Meine Mutter war Bauerntochter, hat eine Hauswirtschaftsschule besucht und einen Beruf gelernt. Sie nahm aber alle möglichen Arbeiten an, als Pelzzurichterin, Tankwartin, Laufmaschenaufnehmerin, Verkäuferin in einer Bäckerei, Reiseleiterin in einem Reisebüro und so fort. – In dieser Familie habe ich gelernt, dass man irgendwie immer durchkommt. Ich erinnere mich noch daran, dass mein Vater am Abend sein Portemonnaie ausgelehrt hat mit fünfzig Pfennig Kleingeld darin. Da sagte er zu mir:  Weißt du was, du gehst jetzt hinunter zum Lebensmittelhändler und kaufst dafür Eisbonbons. - Ich weiß nicht, ob Sie die noch kennen, die schmelzen so schön im Mund. - Da hat eins zwei Pfennig gekostet. Ich holte also 25 solcher Eisbonbons, die dann durch fünf geteilt wurden. Meine Großmutter war noch dabei. Jeder hat fünf Stück gekriegt und es war wunderbar. Am nächsten Tag ging es trotz der „luxuriösen Ausschreitung“ irgendwie weiter. Diesen Optimismus habe ich von zu Hause mitbekommen, diese Zuversicht, dass es irgendwie schon weiter geht und man sich nicht all zu viel Sorgen machen soll um den nächsten Tag.

Peter Clös
Haben Sie sich als Kind von Ihrer Familie verstanden und angenommen gefühlt? Haben Sie das sogenannte Urvertrauen mitbekommen?

Renate Schmidt
Im Prinzip ja, aber zu Hause hat jedes Kind an manchen Tagen das Gefühl, es sei ein Findelkind und gehört überhaupt nicht in seine Familie. (Gelächter) Dem Lachen entnehme ich, dass es offensichtlich vielen so gegangen ist. Wenn ich mich mit meinen Eltern oder meiner Schwester gestritten hatte, habe ich mir immer vorgestellt, dass ich eigentlich aus einer wunderbaren Familie komme und nur zufällig mal in meiner jetzigen abgeliefert wurde. Einmal wollte ich sogar flüchten. Da war ich vielleicht acht Jahre alt. Ich hatte schon alles gepackt, habe aber dann in der Nacht den Wecker nicht gehört. Also bin ich nicht geflüchtet. Meine Mutter hat sich am nächsten Tag nur über die gepackte Tasche gewundert. - Solche Dinge gab es natürlich. Man wünscht sich an solchen Tagen, dass die Familie irgendwo hin verschwände und man selber dort aufwacht, wo man eigentlich hingehört und wo man jeden Tag genau so angenommen wird, wie man ist.  -  Aber im Prinzip habe ich mich in meiner Familie wohl gefühlt. Ich habe einige Dinge erstreiten müssen. Meine Mutter hat sich mein Leben so vorgestellt, dass ich meine Schule zu Ende bringe, dann Verkäuferin werde oder in ein Büro gehe, mir meine Aussteuer zusammenspare, dann heirate und zu Hause bleibe. Schule war ganz anders als heute. Vieles war auch getrennt, damit es keinesfalls zu einer Art von Vermischung kommen konnte. Die Mädchen und Jungen gingen in getrennte Klassen; die Katholiken und Protestanten auch. Als ich in der vierten Klasse der Volksschule eines Tages nach Hause kam und sagte: Ich habe mich für das Gymnasium gemeldet, war meine Mutter vollkommen entsetzt. Das war damals unmöglich und es gab ein großes Theater zu Hause. Meine Großmutter hat dann zu mir gehalten und gesagt: Sie geht aufs Gymnasium. – Also eine ganz normale Familie.

Peter Clös
Hatten Sie insgeheim vielleicht so eine Art Sehnsucht nach Vermischung, die dann dazu geführt hat, dass Sie mit 17 Jahren schwanger geworden sind?

Renate Schmidt
Ich war immer schon ein bisschen neugieriger als andere, das stimmt schon, aber ob das jetzt die Sehnsucht nach Vermischung war, das glaube ich eher nicht. Ich habe meinen Tanzstundenherrn geliebt. Wir kannten uns bereits zwei ein halb Jahre, als ich schwanger wurde. Natürlich war das erst einmal eine Katastrophe auch deshalb, weil das ein Jahr vor dem Abitur war. Ich hatte aber großes Glück. Erstens hielt mein Freund und späterer Mann ohne irgendwelche Einschränkungen zu mir. Das war nicht selbstverständlich. Und dann haben meine Eltern und seine Mutter, eine Kriegswitwe, das nach dem ersten Schrecken als eine große Freude angesehen.

Ich erinnere mich noch an die Zeit kurz davor, als meine Mutter mich drängte, zum Frauenarzt zu gehen, weil sie sah, dass da was nicht stimmte. Ich war schon längst da gewesen und wusste, was los war, und mein Freund und ich hatten uns vorgenommen, dass wir es an diesem Tag unseren Familien sagen wollten. Ich ging also noch einmal zum Frauenarzt. Als ich nach Hause kam, war meine Mutter im Badezimmer und hat im Waschbecken kleine Wäsche gewaschen.  Es war viel Schaum im Waschbecken. Da hat sie sich umgedreht und gefragt: Na und, was hat er gesagt? Also rückte ich damit heraus: Ich bin schwanger. Da hat sich meine Mutter die Hände ins Gesicht geschlagen und hatte den ganzen Schaum im Gesicht und ich musste lachen. Für meine Eltern war es zuerst ein großer Schrecken, aber sie haben sich schnell gefangen und sich mit uns gefreut. Dann haben meine Eltern aber gesagt: Irgendwie wird das gehen. Und es ging ja dann auch. Es ärgerte mich allerdings sehr, als die Direktorin meiner Schule sagte:’ Fräulein Pokorny, Sie haben Schande über diese Schule gebracht’. Ich musste die Schule verlassen. - Pokorny ist mein Mädchenname und heißt übersetzt „demütig“ und mein Religionslehrer meinte: Es gibt keine, die so wenig zu diesem Namen passen würde, wie ich. - Aber ich hätte die Schule in jedem Fall verlassen müssen, denn meine Mutter und meine Schwiegermutter waren beide erwerbstätig. Ich würde mich also selber um das Kind kümmern müssen. Ich habe dann das große Glück gehabt, in einem völlig neuen Berufsfeld zu landen, für das es noch keine geregelte Ausbildung gab und das später sehr gut bezahlt wurde. Ich wurde Programmiererin und arbeitete in der Datenverarbeitung. Es war mein großes Glück, dass ich mein erstes Kind so früh bekommen hatte. Das war überhaupt kein Unglück, wie es mir manche Lehrer und manche nicht so Wohlmeinende prophezeit hatten. Ich hatte Chancen, von denen ich mir wünsche, dass sie die heutigen jungen Frauen auch hätten. Ich war im fünften Monat schwanger und bekam zwei Stellenangebote. Stellen Sie sich heute eine schwangere Frau vor, die ein Jahr vor dem Abitur und ohne vernünftiges Abschlusszeugnis einen Job haben wollte. Die Leute nennen mich immer Power-Frau und meinen: Was die alles geschafft hat. Das ist an einigen Stellen richtig, aber ich wurde auch in eine Zeit hineingeboren, in der es Chancen gab, die heutige junge Menschen nicht haben.

Es war nicht alles einfach. Mein Mann, seine Großmutter, meine Schwiegermutter, das kleine Kind und ich haben anfangs gemeinsam in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung gelebt. Unsere erste eigene Wohnung hatte eineinhalb Zimmer, die Toilette im Treppenhaus, kein Bad. Das waren Dinge, die junge Leute heute für unmöglich halten. Aber umgekehrt, lebten wir in einer Zeit, die berechtigt den Optimismus und die Zuversicht bot, dass es immer weiter vorwärts geht, was wir heute in diesem Ausmaß leider nicht haben.

Peter Clös
Bei Ihnen war also schon früh klar, dass Sie dem klassischen Hausfrauenbild nicht entsprechen würden.

Renate Schmidt
Es gibt unterschiedliche Menschen. Jede Frau, jeder Mann soll das so machen, wie sie mag, oder er das für richtig hält. Für mich gilt: Wie es kommt, so wird es genommen. Ich habe das vielleicht unbewusst gemacht, aber wenn sich in meinen Leben neue Weichenstellungen ergeben haben, dann habe ich eigentlich immer das Neue gewählt. Da habe ich auch nicht gefragt, ob sich das rentiert. Es hat mich interessiert, also habe ich es gemacht.

Talk Teil 2:  Strafender Gott und Väterstudie

Das Bild vom strafenden Gott, dass ist doch unsere Schwäche

Peter Clös
Sie haben im Februar in der Christuskirche in Hilpoltstein eine Rede gehalten, in der der Satz vorkam: ‚Ich bin eine gläubige Christin, der an der evangelischen Kirche etwas liegt’. Auf welche Art glauben Sie? Was ist Ihr Religionsverständnis? Was ist Ihr Gottesverständnis?

Renate Schmidt
Das kann ich so schnell jetzt wahrscheinlich nicht beschreiben. Ich habe ein schwieriges Verhältnis zur Kirche und an manchen Stellen auch ein schwieriges Verhältnis zu Gott. Ich bin in den frühen 60-er Jahren aus der Kirche ausgetreten, weil sie zur damaligen Zeit immer mit den Mächtigen paktiert und sich nicht mit ihrer eigenen Nazivergangenheit auseinandergesetzt hat. Für mich war als junges Mädchen das Tagebuch der Anne Frank prägend, ebenso ein Artikel im „Spiegel“ über den KZ-Arzt Mengele. Ich hatte in meinen Leben noch niemals irgend jemanden wirklich gehasst, diesen Menschen aber habe ich aus meinem tiefsten Inneren heraus gehasst. So etwas hatte ich vorher noch nicht empfunden. Ich habe der evangelischen Kirche übel genommen, dass sie diese Auseinandersetzung nicht geführt hat und immer in vorderster Reihe mit den Mächtigen mitmachte.

Peter Clös
Das heißt, wenn die Kirche mit den Mächtigen paktiert, ist sie für den einfachen Gläubigen nicht da.

Renate Schmidt
Sie hatte für die Schwachen zu wenig Zeit und Einsatz. Das waren alles nur Lippenbekenntnisse. Ich war eine sehr engagierte und gläubige Konfirmandin, habe durch meinen Konfirmationspfarrer aber nur den freudlosen und strafenden Gott vorgesetzt bekommen, der mich auf den rechten Weg bringen will. Dazu kam die Erfahrung mit meiner frühen Schwangerschaft. Die meisten meiner Lehrer haben kein einziges Wort mehr mit mir gesprochen, auch nicht der Pfarrer. Das fand ich dann schon bemerkenswert, dass mich nicht einmal der Pfarrer gefragt hat, wie es mir geht und wie ich mich in dieser Situation eigentlich fühle. Das alles hat dann bei mir zum Kirchenaustritt geführt.
Dann bin ich Anfang der 90-er Jahre wieder in die Kirche eingetreten. Ich habe den Sprung erst so spät geschafft, weil ich mittlerweile Politikerin war und dachte, dass mir das schief ausgelegt würde. Dann saß ich bei einem Evangelischen Kirchentag in Bayern neben einer Landesbischöfin, die mir sagte: ‚Wenn Sie es zum Kriterium nehmen, dass es Ihnen falsch ausgelegt wird, dann wird der Zeitpunkt einzutreten, für sie nie mehr kommen. Das ist vorbei. Also entweder Sie lassen es oder sie treten ein, wenn Sie kurz vor dem Sprung in die Grube sind’. Dann bin ich wieder eingetreten. Es kam, wie ich es befürchtet hatte, aber das mir letztendlich wurscht. Ich war wieder in der Kirche, weil ich meine, dass Glauben auch einen Ort braucht und dass es nicht reicht, alleine vor sich hin zu glauben. Dass man den Austausch braucht, dass man die Gemeinde braucht. Dass man einen Ort der Zugehörigkeit haben muss und einen Ort, der einen zwingt, sich mit sich selber und mit seinem Glauben auseinander zu setzen. Ich war in all diesen Jahren, oder Jahrzehnten, die ich nicht der Kirche angehört habe, für mein Verständnis eine gläubige Christin, auch wenn ich mit manchen Glaubensgrundsätzen meine Schwierigkeiten habe.  Auch heute noch. Ich habe nach dem Tod meines ersten Mannes richtiggehend mit Gott gehadert. Das war 1984, aber da ist auch wieder ein Stück Nähe entstanden. Ein Stück Nähe, die es in Jahren davor in dem Ausmaß vielleicht nicht gegeben hat. Mit dem Wiedereintritt in die Kirche wollte ich dieses Band wieder festigen.

Peter Clös
Ich bin Jahrgang 1956 und im Sauerland groß geworden. Auch mit einem sehr freudlosen Gott mit Strafen, mit Verdammnis und Angst. Ich bin froh, dass der alte Gott tot ist, aber ich habe das Gefühl, es ist kein besserer nachgekommen.

Renate Schmidt
Das stimmt doch nicht.

Peter Clös
Nein?

Renate Schmidt
Da ist doch kein Gott nachgekommen. Der war doch immer da. Das sind doch wir selbst, die das machen. Das ist doch nicht Gott, der das macht. Wir sind doch so blöd. Es ist doch nicht so, dass Gott ein anderer wird, weil wir keinen richtigen Zugang zu ihm finden. Das Bild vom strafenden Gott, dass ist doch unsere Schwäche. Und wir können doch nicht unsere Schwächen auf Gott projizieren, sondern wir können mit unseren Schwächen zu Gott kommen und können ihn bitten, uns davon zu befreien. Wir können aber nicht sagen, dass unsere Schwächen seine sind.


Eine Väterstudie

Peter Clös
Frau Schmidt, Sie waren Bundesministerin für Familie, Jugend, Senioren und Frauen. Warum gibt es eigentlich kein Ministerium für Männer?

Renate Schmidt
Das Ministerium ist eigentlich für alle zuständig, auch für Männer, denn die gehören zu Familie, Jugend und Senioren. Männer sind nur keine Frauen. Aber Sie haben natürlich recht, dass es ein Defizit in unserer Gesellschaft gibt, was die Probleme von Jungen und Männern betrifft. Ich arbeite bei der Bertelsmannstiftung in einem entsprechenden Kuratorium und habe dort veranlasst, dass wir endlich mal eine Väterstudie machen. Denn der von Frauen am häufigsten genannte Grund für Kinderlosigkeit ist die fehlende Bereitschaft eines Partners, mit ihnen eine Familie zu gründen. Das kommt noch vor den fehlenden Kinderbetreuungseinrichtungen. Die Studie beschäftigt sich mit den Ursachen dafür. Männer wünschen sich im Durchschnitt 1,3, Frauen 1,7 Kinder. Die 1,3 Kinder gibt’s, die 1,7 Kinder naturgemäß nicht. Ich halte das für nicht länger hinnehmbar und habe in meiner Zeit als Familienministerin die ersten Ansätze des Gegensteuerns veranlasst. Die Jungen haben heute in der Schule die viel schlechteren Abschlüsse, sind die häufigeren Schulabbrecher und haben innerhalb der Schulabschlüsse die schlechteren Noten. Das wird einfach so hingenommen und das finde ich nicht in Ordnung. Es gibt für Mädchen schon ein entsprechendes Projekt, Girls Day, wo man junge Frauen ermutigt, in Berufe zu gehen, die nicht die typischen Frauenberufe sind. Ich habe zusätzlich einen Tag für Jungs eingerichtet, um in Berufsfelder für sie zu öffnen, die für sie nicht typisch sind. Da gab es die ersten Ansätze und es war schon erstaunlich, was mir die Jungen erzählt haben, wie viel Schwierigkeiten sie bei ihren Kumpels in der Klasse hatten, weil sie sich für den Beruf des Erziehers, des Arzthelfers oder ähnliche interessierten. ‚Bist du blöd? So etwas macht man doch nicht’, bekamen sie zu hören. Wir müssen heute auch die Jungen besser fördern. Wir dürfen nicht hinnehmen, dass sie in den Schulen schlechter abschneiden.

Peter Clös
Das kann aber auch an der Gesetzgebung bei Scheidungen liegen. Ich habe einen Freund, dessen Ehe schief ging. Der hat sehr darunter gelitten, dass er an der Erziehung seiner Kinder nicht gleichberechtigt partizipieren konnte.

Renate Schmidt
Wir haben heute zwar das gemeinsame Sorgerecht als Regelfall, von dem nur mit guten Gründen abgewichen werden soll, aber viel zu viele Familiengerichte wenden diese ‚guten Gründe’ an. Viel zu oft bekommen die Mütter das alleinige Sorgerecht. Das muss sich in meinen Augen ändern. Das ist sicher einer der Gründe, warum sich Männer seltener dafür entscheiden, eine Familie zu gründen, als es eigentlich möglich wäre. - Es gibt auf der anderen Seite, das ist leider Gottes auch die gesellschaftliche Realität, die Unterhaltsverweigerer. Das sind viel zu viele. Das ist auch einer der Gründe, warum alleinerziehende Mütter am unteren Rand herumkrebsen und nur schwer über die Runden kommen. Auf der anderen Seite gibt es auch die Besuchsverweigerinnen, die ihre persönlichen Verletzungen auf dem Rücken der Kinder austragen. Beides ist in meinen Augen vollkommen unangemessen. 

Talk Teil 3:  Liebe, Partnerschaft und Politik für Kinder

"Weil man sich Liebe und Zuwendung nicht kaufen kann"

Peter Clös
In der schon erwähnten Rede, die Sie in der Christuskirche in Hilpoltstein gehalten haben, erzählen sie vom Glück der Kinder und dem Glück mit Kindern. Da sprechen Sie von drei Säulen. Die erste Säule der Altersvorsorge ist die gesetzliche Rente, die zweite ist die Riesterrente oder Lebensversicherung und die dritte Säule ist das, was ich innerhalb meines sozialen Umfelds, Familie und Freunde, erlebe.

Renate Schmidt
Die drei Säulen sind die erarbeitete, die ersparte und die erlebte.

Peter Clös
Es doch heute so, dass Leute sich abrackern und meinen, dem System Beruf – Erziehung – Familie nicht mehr gewachsen zu sein. Man soll Partner sein, man soll auch Geld nach Hause bringen.  Der Einzelne befindet sich, fast kafkaesk,  im Kampf mit dem System. Er findet sich – was seine wahren Bedürfnisse angeht – in der heutigen Wirklichkeit nicht wieder. Kommt es jetzt nicht zu dem Paradoxon, dass wir mit Riesterrente und Lebensversicherung auf Jahre einen Zustand absichern, der uns schon heute nicht mehr gefällt? Beim Theater heißt es: Wegen großen Erfolgs prolongiert. Müsste es in so  manchem Menschenleben nicht heißen: Trotz großen Misserfolges verlängert?

Renate Schmidt
Ich weiß nicht, was ein Leben ist, das ein Misserfolg ist. – Wenn bei den erarbeiteten und  ersparten Säulen Defizite auftreten, können diese durch die erlebte Säule ergänzt oder ausgeglichen werden. Wenn diese dritte Säule wegfällt, wenn ich keine Familie habe, wenn ich im Alter mutterseelenallein bin, wenn ich keinen rechtzeitig aufgebauten Freundeskreis habe, dann hilft mir auch eine Altersversorgung der bestmöglichen Art nicht, weil man sich Liebe und Zuwendung nicht kaufen kann. Ein Leben, dass man einen ‚Misserfolg’ nennen könnte, ist eines, das dazu führt, dass man mutterseelenallein ist. Wenn man nicht rechtzeitig darauf geachtet hat, dass menschliche Beziehungen wichtiger sind als alles andere, wenn man nicht darauf geachtet hat, den Kontakt zur Familie und anderen Menschen zu halten und sich um Menschen zu kümmern, dann ist ein Leben unter Umständen erfolglos. Dann nützen einem alle Rackerei und alle anderen Dinge nichts. Natürlich sollte man dafür sorgen, dass man das Alter nicht in Armut verbringen muss, soweit das möglich ist. Aber man wird immer Lösungen finden, wenn man sich selber um andere Menschen gekümmert hat, die dann im Zweifelsfall auch etwas für einen tun.

"Partnerschaft und Liebe brauchen Zeit"

Peter Clös
Es sind große Schauspielkarrieren schief gegangen, weil Schauspieler nicht begriffen haben, dass sie neben der Schauspielerei noch ein Leben haben sollten. Jeanne Moreau hat gesagt: ‚Das erste, was ich in meiner Karriere begriffen habe, war, dass ich ein Leben außerhalb der Karriere habe’. Während Romy Schneider gesagt hat:’ Im Film kann ich alles, doch im Leben nichts’.

Renate Schmidt
Marilyn Monroe hat einmal gesagt: 'Karriere ist etwas wunderbares, aber man kann sich in einer kalten Nacht nicht an ihr wärmen.' Das bringt es eigentlich auf den Punkt. Man braucht nicht nur etwas für kalte Nächte, sondern auch für kalte Tage, woran man sich wärmen kann. Und das ist die Liebe und Zuneigung von Menschen, die einem nahe stehen. Insoweit muss man sich um die kümmern. Partnerschaft und Liebe brauchen Zeit. Ich hatte einmal einen Termin wahrgenommen an einem der kostbaren Tage, den mein Mann und ich eigentlich als Familientag vorgesehen hatten. Danach gab es ein Donnerwetter. Mein Mann meinte, dass ich mit meinen Koffern gleich in Bonn bleiben könne, wenn ich das noch ein einziges Mal machen würde, solange ich in dieser Funktion bin. Ich habe mich davor gehütet, das zu wiederholen. Man muss sich kümmern. Und wenn Leute sagen, dass sie keine Zeit für die Familie haben, keine Zeit für Menschen, die einem nahe stehen, dann sage ich, dass das schlicht und einfach eine Lüge ist. Man muss sich diese Zeit nehmen. Es gibt soviel Leerlauf und so viel unwichtiges Zeug neben all den Verantwortungen, dass man sich diese Zeit nehmen kann. Man hat immer Zeit – für das, was einem wichtig ist. Wir sollten uns, von diesem Keine-Zeit-Haben lösen.


"Politik für Kinder ist Politik für eine Minderheit in unserem Land"

Peter Clös
Ich bin ein hartgesottener Mensch und muss über sehr wenige Dinge weinen. Aber es gibt etwas, über das ich sofort weinen muss, wenn ich in der Zeitung lese, dass ein überforderter Vater sein dreijähriges Kind gegen die Wand geschleudert hat. Neulich sah ich in einer Illustrierten das Bild eines achtjährigen Kindes, das als dreijähriges Kind von der Polizei aus einer verwahrlosten Wohnung vor dem Hungertod gerettet wurde. Die Pflegeeltern sagen, dass es wahnsinnig schwer ist, dem Kind die Angst zu nehmen. Was können wir tun, dass wir solche Ergebnisse nicht mehr vorfinden?

Renate Schmidt
Bei dem, was Sie gerade geschildert haben, geht es mir ähnlich. Wir müssen die Mentalität in unserer Gesellschaft so verändern, dass Kinder endlich wieder vermisst werden. In unserem Land werden Kinder nicht mehr wirklich vermisst. Kinder sind zu einem Ausnahmetatbestand geworden. In gerade mal 22 % der Haushalte leben derzeit Kinder unterhalb des 18. Lebensjahres. Politik für Kinder ist Politik für eine Minderheit in unserem Land. In unserem Land  findet man als kinderloses Paar in Begleitung einer mannshohen Dogge eher eine Mietwohnung als ein Paar mit zwei kleinen Kindern an der Hand und die Mutter ist wieder schwanger. Bei uns wird Verkehrslärm hingenommen, aber das Toben und Vergnügen von Kindern, das mit Lärm verbunden ist, wird gerichtlich verfolgt. In Hamburg musste eine Kindertagesstätte wegen Lärms geschlossen werden und das Oberwaltungsgericht gibt dem auch noch statt. Der Kinderlärm ist für die Umgebung unzumutbar, der Verkehrslärm nicht. Solche Mentalitäten müssen sich ändern, dann wird auch die Sensibilität größer. Ich gehöre zu denen, die im Bundestag die Mehrheit ausmachen, aber nicht die notwendige Zweidrittel-Mehrheit, dass wir die Kinderrechte als Grundrechte in unsere Verfassung aufnehmen müssten. Das würde nämlich die Rechtsprechung von Gerichten verändern, weil man dann gefährdete Kinder früher aus solchen Familien herausnehmen kann. Denn in der Abwägung von Kinderrechten und Elternrechten bekämen die Kinderrechte ein stärkeres Gewicht. Das sind alles kommunale Aufgaben, bei denen der Bund leider an bestimmten Stellen nicht ausreichend mitreden kann. Zur Zeit müssen die Jugendämter mit Kürzungen von 25 % umgehen, obwohl die Aufgaben größer geworden sind. Pfarrer Mörtter hat vorhin über die Defizite in der Bildung gesprochen. Mit den Kinderrechten als Grundrecht würden wir uns das nicht mehr leisten können. Wir könnten uns dann vielleicht auch nicht mehr diese bildungspolitische Kleinstaaterei leisten. Deshalb habe ich auch der Föderalismusreform damals nicht zugestimmt, weil ich genau das befürchtet habe. Jetzt sind wir nicht  mehr in der Lage auf Bundesebene ein entsprechendes Programm zu verabschieden.  Diese 20 Milliarden Euro, von denen vorhin gesprochen wurde, die sind im Prinzip da, wenn man das ein bisschen umschichtet. All diese Dinge wären möglich und deshalb sage ich, Kinderrechte gehören in die Verfassung. Ich bin auch der parteiübergreifenden Meinung, die etwas belächelt wird, aber von Roman Herzog, von Paul Kirchhoff u. a. unterstützt wird. Wir sollten ein Wahlrecht von Geburt an einführen, weil ich der Meinung bin, dass wir der Zukunft eine Stimme geben müssen. Wir müssen unseren Kindern eine Stimme geben, wenn wir in diesem Land etwas für die Kinder erreichen wollen.

Peter Clös
Dann könnte man auch gleich dafür Sorge tragen, dass ein Kind aus einer bildungsstarken Familie nicht eine sechs Mal größere Chance hat, Abitur zu machen, wie wir eingangs gehört haben.

Renate Schmidt
Bei gleicher Intelligenz! Natürlich haben Kinder auch unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten. Da könnten wir überhaupt einen Haufen Geld sparen. Wir geben in Deutschland nämlich nicht nur zu wenig für Bildung aus, sondern das Wenige auch noch falsch, es geht zu einem großen Teil an die Oberstufen der Gymnasien und zum Geringsten in die frühkindliche Förderung. Aber gerade in diesem Alter sind die Kinder am lernfähigsten. In diesem Alter bräuchten sie die bestmögliche Förderung. Da brauchen sie keine Kindergartengruppen, wo eine einzige ausgebildete Kraft und eine Kinderpflegerin arbeiten und zu zweit 25 Kinder betreuen. Die bräuchten kleine Gruppe, die müssten Zeit haben, die anspruchsvollen Bildungspläne, die es in allen Bundesländern jetzt gibt, auch umzusetzen. In Schweden gibt es in den Krippen eine Betreuungskraft für zwei, drei Kinder. Bei uns kommen auf eine Kraft über 10 Kinder pro Gruppe. Das kann ja nichts werden. Wir brauchen Zeit für Kinder, wir brauchen Geld für Kinder, wir brauchen übrigens auch mehr Zeit der Eltern für ihre Kinder. Für das letztere ist aber die Wirtschaft und nicht die Politik zuständig.

Peter Clös
Ich habe eine Anekdote gelesen, mit der ich das Gespräch abschließen möchte: Ein fiktives Parlament sitzt zusammen, um für das Land neue Gesetze auf den Weg zu bringen. Der Parlamentspräsident steht gerade vorne am Podium, da platzt die Nachricht herein, dass in wenigen Stunden die Welt unterginge, Gott vorbeikäme und das Jüngste Gericht anberaumen werde. Da sagt der Parlamentspräsident: Das ist ja wunderbar. Da krempeln wir jetzt mal die Ärmel hoch. Denn wenn Gott kommt, dann soll er uns bei der Arbeit finden.

Frau Schmidt, ich bedanke mich herzlich für dieses Gespräch. 

Redigiert von Helga Fitzner
Fotos: Hans Bayer

Renate Schmidt beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche Köln, Foto: Hans Bayer
Renate Schmidt beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche Köln, Foto: Hans Bayer
Renate Schmidt beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche Köln, Foto: Hans Bayer