22. Kölner Talkgottesdienst am 25.01.2015
zu Gast: Marius Jung

Kabarettist, Autor, Coach, Moderator, kann auch singen

„Wie sagt man jetzt noch mal zu Negern?“

Unser Talkgast Marius Jung ist Kabarettist, Autor, Coach, Moderator und viel mehr. Singen kann er auch! Doch wie will man ihn beschreiben? Gibt es doch keine politisch korrekte Bezeichnung, an der früher oder später Anstoß genommen würde. Marius Jung wurde 1965 in Trier geboren als der Sohn einer weißen Deutschen und eines afroamerikanischen GI der US-Armee, der nach Angaben von Jung lediglich auf Stippvisite bei seiner Mutter war.

Wegen seiner Hautfarbe ergeben sich in seinem Leben viele skurrile Situationen, die er als Kabarettist gerne aufgreift und ad absurdum führt. Die politisch Korrekten haben es ihm besonders angetan, denn oft ist Political Correctness nichts als übertünchter Rassismus, da er genau so ausgrenzend sein kann wie offene Ablehnung. In Marius Jungs 2013 erschienenem Buch „Singen können die alle! - Handbuch für Negerfreunde“ gibt er in satirischer Nachahmung eines Ratgebers Anleitungen zum Umgang mit ?!? solchen Leuten. Das Wort Neger wird oft benutzt, was man jetzt aber sagen soll, erklärt er auch nicht in dem Kapitel „Wie sagt man jetzt noch mal zu Negern?“ Es kommt ihm nicht so sehr auf das Wort an, sondern auf die innere Haltung. Selbst übertriebenes Verständnis oder Bemutterung von den Herrschaften der Betroffenheitsriege machen ihn schlussendlich zum Opfer. Political Correctness und derartige Empfindlichkeiten stören ihn, denn ohne Übersteigerung und Provokation ist Satire nicht möglich. Und ohne Satire kann er als Kabarettist nicht arbeiten.

Pfarrer Hans Mörtter wird das Gespräch moderieren und verfügt über ausreichend eigene Erfahrung mit der „Betroffenheitsriege“. Da gab es vor einem Viertel Jahrhundert noch Gegenwind, als es den ersten Karnevalsgottesdienst in der Lutherkirche gab oder die Trauung eines homosexuellen Paares für Aufruhr sorgte. Auch unsere Veranstaltungen zur Sexarbeit, Missbrauch und unsere Reihe „Palästina“ wurden sehr kontrovers diskutiert. Doch solche heißen Eisen können nur abkühlen, wenn man darüber spricht.

Marius Jung beschäftigt sich in seinen Kabarettnummern, seinem Buch und auch bei Vorträgen in Schulen mit den Blüten, die der Rassismus so treibt und bringt sie uns auf amüsante Weise nahe. Wir freuen uns auf den Deutschen mit "Stippvisitationshintergrund" und gehen davon aus, dass der Talk dem ähnlich wird, was auf dem Buchcover steht: „Ein vergnüglicher und manchmal bitterböser Streifzug durch eine schwarze Biografie in Deutschland“.

Homepage von Marius Jung
Carlsen Verlag "Singen können die alle" von Marius Jung


Mitschnitt der Improvisation von Sprache und Musik

mit Pfarrer Hans Mörtter und unserem Kantor Thomas Frerichs

Text: Helga Fitzner
Fotos: Lothar Wages

Talk Teil 1 - „Der Rassismus geht zur Zeit durch die Decke“

Hans Mörtter
Marius Jung ist Kabarettist, Moderator und vieles mehr, darunter auch Autor. Ich halte hier gerade sein Buch in der Hand: „Singen können die alle! - Ein Handbuch für Negerfreunde“. Das wurde, als es erschien, an 6000 Buchhandlungen geschickt, aber nur 175 haben es verkaufen wollen. Die anderen wiesen es ab, weil es das Wort „Neger“ im Titel enthält.

Marius Jung
Das war so ein Pawlow’scher Reflex. 90 Prozent der Buchhandlungen lehnten mein Buch zunächst ab, hatten aber Thilo Sarrazins Werk „Deutschland schafft sich ab“ natürlich da stehen. Das ist zwar politisch absolut korrekt formuliert, aber leider hoch rassistisch.

Hans Mörtter
Auch in deinem Buch geht es um Rassismus, den du aber auf eine sehr satirische, schöne und humorvolle Weise beschrieben hast. Beim Cover denkt man erst mal: Hilfe, Schreck, oh Gott. Da ist ein unbekleideter athletischer Mann mit deinem Kopf zu sehen und einer roten Schleife im Lendenbereich.

Marius Jung
Ich glaube, wir brauchen auch Provokation, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich bin oft gefragt worden, warum ich denn tatsächlich Neger draufgeschrieben habe, und meine Antwort ist immer die gleiche: Das Gespräch, das in diesem Moment geführt wird, hätte sonst nicht stattgefunden. Das Wichtigste ist aber, dass wir miteinander kommunizieren, und das passiert viel zu wenig. Unwissenheit und Angst sind die Gründe für Rassismus, was wir jetzt momentan wieder ganz furchtbar schlimm in Dresden sehen, in Leipzig oder leider selbst in kleinem Maße in Köln. Von daher bin ich froh, dass mein Buch genau diese Auswirkung hatte: Schock bei einigen, Verwirrung bei anderen, aber all das führt dazu, dass man darüber nachdenkt, und das finde ich gut.

Hans Mörtter
Ja, genau. Du hast in deiner Kindheit ein Idol gehabt, den Lukas aus „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von der Augsburger Puppenkiste. Den Lukas hast du als Opa „adoptiert“. Wie ist es dazu gekommen?

Marius Jung
Das war im Grunde relativ einfach, weil Jim Knopf quasi der einzige schwarze Freund war, den ich hatte. Ich fand das immer schön, dass Lukas der Lokomotivführer mit Jim mit der Bahn rumfährt. Da spielen Sehnsucht eine Rolle, also diese Reise an einen Ort, den ich nicht kenne und …

Hans Mörtter
... weite Welt, Abenteuer...

Marius Jung
… weite Welt, Abenteuer, aber ganz wichtig eben Freundschaft, Treue und Vertrauen!

Hans Mörtter
Wir haben in der Pressemeldung zu diesem Gottesdienst damit gespielt, dass es kaum eine politisch korrekte Bezeichnung für dich gibt und haben dich dann scherzhaft als „Deutschen mit Stippvisitationshintergrund“ bezeichnet.

Marius Jung
Die „Stippvisite“ ist tatsächlich sowohl aus meinem Buch als auch aus vielen Geschichten, die ich auf der Bühne mache. Was den „Hintergrund“ betrifft, da wende ich mich in den vielen politischen Diskussionen, zu denen ich eingeladen werde, leidenschaftlich gegen Begriffe wie „Menschen mit Migrationshintergrund“. Übrigens auch gegen die Begrifflichkeit „Mensch mit“. Ich finde es wirklich eine schlimme Entwicklung, dass wir bei Menschen jetzt noch mal dazusagen müssen, dass sie Menschen sind. Ob das Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund oder noch schlimmer Migranten ohne Migrationsgeschichte. Also Leute, die seit mehreren Generationen hier sind, würde ich Deutsche nennen. Aber es gibt Menschen, die sehr viel kompliziertere, kaum zu verstehende Begriffe entwickeln, um Menschen noch mehr auszugrenzen. Wir verstecken uns hinter irgendwelchen Begriffen und werden auch ganz oft Opfer dieser Euphemismusschaukel. Ich habe eine Lieblingsgeschichte dazu, die ich leider so erlebt habe: Ich habe mich mit einer Sozialarbeiterin über das kalte Wetter unterhalten und wie schlimm das für Obdachlose ist. Sie sagte, „Obdachlose“ dürfe ich nicht sagen – was ich sowieso schon eine tolle Formulierung finde, das „dürfe ich nicht sagen“ –, nein, das hieße „Wohnungssuchende“.

Hans Mörtter
Das ist das neue Wort.

Marius Jung
Das neue Wort ist tatsächlich Wohnungssuchende, und ich meine, tatsächlich kommen wir ursprünglich vom Wort Penner her, und der Penner – das Bild ist den meisten Menschen klar, da sieht man einen alkoholisierten, ungepflegten Menschen, der am Straßenrand sitzt. Dann wurde das ausgetauscht durch „Obdachlose“ – was ich übrigens tatsächlich einen guten Begriff finde …

Hans Mörtter
Sagt man aber nicht mehr.

Marius Jung
Sagt man jetzt auch nicht mehr. Aber Wohnungssuchende? Ich dachte wirklich erst, es wäre ein Scherz, aber das gibt es tatsächlich. Aber der Begriff Wohnungssuchende? Da gehen wir wirklich jetzt am Thema vorbei, weil es eben nicht so ist, dass die Obdachlosen unter der Brücke sitzen und im Kölner Stadt-Anzeiger schauen, ob es vielleicht eine günstige Loft gibt. Dem ist nicht so. Die Probleme werden nicht weniger, indem ich die Menschen einfach anders benenne. Also da kommen irgendwelche ganz furchtbaren Begriffe, die einfach nichts mehr mit dem zu tun haben, worum es eigentlich geht. Wenn man verhaltensauffällige Kindern als verhaltensoriginelle Kinder bezeichnet, geht das völlig am Problem dieser Kinder vorbei. Ein verhaltensoriginelles Kind ist doch super, scheint sehr kreativ zu sein, wahrscheinlich auch sehr witzig. Also das passiert ganz viel, wo Probleme eben weggesprochen werden durch solche unpassenden Begriffe.

Hans Mörtter
Wir gründen morgen den Zigeunerkulturverein hier in der Lutherkirche mit unseren Roma- und Sinti-Freunden zusammen und einigen Kölnern, und ich weiß schon, dass das einigen wieder Ärger und Probleme bereiten wird. Also gerade an dem Beispiel merke ich, wie die Wörter sich verdrehen. Zigeuner galt lange als Schimpfwort. In der Nähe meines Elternhauses gab es mal ein richtig klassisches Zigeunerlager mit Wohnwagen und Feuer, und für uns Kinder war das absolut abenteuerlich. Wir haben uns dann immer herangepirscht und geguckt, was denn da passiert – uns hat das fasziniert, dieses freie Leben, und gleichzeitig natürlich Angst gemacht, weil wir immer gesagt bekamen: Die klauen Kinder und verkaufen sie. Oh Gott, oh Gott! Also sind wir da immer nur im Rudel hin, und immer bereit, ganz schnell wegzulaufen. Aber es war immer diese Mischung von Neugier und von Furcht, wer die wohl sind.

Marius Jung
Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Angst entsteht durch die Unkenntnis, wie diese Menschen leben, wie diese Menschen agieren. Das werden wir nicht dadurch ändern, indem wir sie nicht mehr Zigeuner nennen, sondern Sinti und Roma, was übrigens dazu führt, wie es uns Schwarzen in Deutschland auch inzwischen ergeht: Es gibt einfach Zigeuner – und ich sage jetzt ganz deutlich und bewusst Zigeuner, weil sie sich selber so nennen und so genannt werden möchten. Die haben ganz klar zu mir gesagt: Ich bin kein Sinti und ich bin auch kein Roma. In dem Moment, wo ihr nicht mehr Zigeuner sagt, werde ich zur Persona non grata. Mir geht es übrigens genauso als Schwarzer. Ich bin auf sehr vielen Podiumsdiskussionen gewesen, wo - egal welcher Begriff aufkam – ein politisch Korrekter aufsprang und meinte, das kannst du ja mal gar nicht sagen. Irgendwann bin ich rausgegangen. Ergebnis: ich bin ein Unberührbarer. Ich werde plötzlich zu einer Person gemacht, die nicht genannt werden darf, also ein bisschen wie bei Harry Potter, wo der Bösewicht jemand ist, dessen Name nicht genannt werden darf. Das ist natürlich keine Lösung, um Respekt und Liebe zwischen Menschen zu entfachen.

Hans Mörtter
Da Marius Jung kein typisch afrikanischer Name ist, muss in Radiointerviews zum Beispiel deine dunkle Hautfarbe thematisiert werden, weil die Hörer dich nicht sehen können.

Marius Jung
Ja, das ist tatsächlich in letzter Zeit wirklich wichtig, weil die Leute natürlich wissen müssen, dass ich eine dunklere Hautfarbe habe, vor allem wenn wir über das Buch sprechen und wenn ich Äußerungen mache, die einem Weißen schnell übel genommen werden. Von daher ist das dann tatsächlich sinnvoll, aber eben genau das ist das Ding: Solange das respektvoll ist, ist das schön. Oft wird da so herum geschlichen, dass es dem anderen schwer gemacht wird, herausfinden, um wen es überhaupt geht. Sobald Menschen von einem anderen Kontinent kommen, sehen die angeblich irgendwie alle gleich aus. Es hat neulich jemand etwas für mich abgegeben, und die einzige Beschreibung, die ich bekam, war: Ja, das war ein Asiate. Ich dachte, gar nicht schlecht, es gibt vier Milliarden Asiaten, den haben wir bald. Das ist ganz, ganz merkwürdig. Ich wurde schon mit Cherno Jobatey verwechselt. Der Mann kommt aus Indien. Somit stimmt da nicht mal der Kontinent.
Wir haben im Vorgespräch über Achtsamkeit gesprochen, und darüber, Menschen ein bisschen aufmerksamer zu betrachten. Wir sollen sein Verhalten nicht vorher beurteilen, sondern erst in dem Moment, wo wir mit ihm zu tun haben. Unser Habitus sagt ja viel über uns aus, wie wir uns bewegen, wie wir intonieren, wie wir mit Sprache umgehen usw. Das bekomme ich natürlich nur mit, wenn ich mich nicht hinter irgendwelchen Vorurteilen oder irgendwelchen Bildern und Schubladen verstecke. In dem Moment bekomme ich dann nichts mehr mit. Anstatt darüber zu diskutieren, welchen Begriff wir benutzen dürfen, könnten wir durch größere Aufmerksamkeit viel eher zu mehr Respekt gelangen.
Hans Mörtter Political Correctness hat auch viel mit der Angst zu tun, etwas Falsches zu sagen.

Marius Jung
Das ist ein spannendes und wichtiges Thema. Ich habe tatsächlich gerade ein Buch zu diesem Thema geschrieben:
"Moral für Dumme: Das Elend der politischen Korrektheit". Ich fand, dass endlich mal von links ein Buch gegen Political Correctness geschrieben werden musste. ich möchte reaktionären Autoren, wie Pirinçci und Sarrazin wirklich nicht das Feld überlassen, um eine Abrechnung mit der Political Correctness zu machen.

Hans Mörtter
Damit wirst du wahrscheinlich wieder anecken.

Marius Jung
Ich werde mit dem neuen Buch und dem Programm zu dem Buch sehr bewusst auch nach Dresden und nach Leipzig usw. fahren. Ich bin mal sehr gespannt, was da passieren wird. Ich glaube, dass wir in Deutschland momentan eine furchtbare Angstbestimmung haben, die wird gerade sehr geschürt. Und Leute wie Pegida verhalten sich absurd, weil sie ein System verteidigen, indem sie das System verraten. Ich bin nicht mehr in der Kirche, aber ich bin in christlicher Ethik aufgewachsen, und diese Ethik und Moral ist mir auch eigen. Will heißen, ein Begriff wie Nächstenliebe hat für mich einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Und Nächstenliebe ist etwas, was bei Pegida definitiv schon mal gar nicht stattfindet. Das heißt, sie verraten die Nächstenliebe, um eben selbige zu verteidigen. Das ist ein Widerspruch in sich. Es gibt Leute in Dresden, die mir erzählten, was für eine wahnsinnige Angst sie vor der Islamisierung haben. Dresden hat nur 0,2 Prozent Ausländer, das sind noch nicht mal alles Muslime. Das ist eine Angst, die, wie es Ängste so oft sind, ungerichtet.

Hans Mörtter
Aber woher kommt diese Angst?

Marius Jung
Diese Angst kommt natürlich davon, was ISIS und Konsorten machen. Das erinnert mich sehr, sehr stark auch an die Nazis, weil das genau so völlig fehlgeleitete Menschen sind, voller Hass und voller Angst, dass sie einfach unfassbar schlimme Dinge tun und komplett nicht mehr zu berechnen sind. Sie folgen keinem Gesetz mehr, sondern wirklich nur noch ihrem Hass. Das macht, glaube ich, einige Leute ein bisschen ohnmächtig, und dadurch entsteht Angst, und aus dieser Angst entsteht so eine latente Aggression. Das führt dann eben dazu, dass – ich nenne sie mal Thekenfaschisten – hinter richtigen Nazis her rennen.

Hans Mörtter
Mit ISIS ist ein starker islamischer Fundamentalismus entstanden, der menschenverachtend und tödlich ist. Da kann ich die Angst verstehen, gerade bei der Pegida in Dresden. Die hatten zu DDR-Zeiten Ausländer, die willkommen waren, aus kommunistischen Bruderstaaten in Afrika, aus Vietnam, China und Kuba. Aber die wohnten in Gettos. Da hat nie wirklich so etwas wie Begegnung stattgefunden, nehme ich an. Damals hat es vielfach eine Identifikation mit dem Kommunismus gegeben, die mit dem Fall der Mauer weggebrochen ist. Dadurch entstand die Frage neu, wer bin ich denn als Mensch, welche Werte habe ich, was ist meine Identität? Du hast als Kind deine Identität sehr stark über deine Eltern bezogen und dann aber auch über diese Figuren, die Abenteurerin und Punkerin im Grunde, Pippi Langstrumpf mit ihrem Negerkönig, dann klar Jim Knopf und Lukas, also du hast starke Figuren gehabt, die dich auch mit sozialisiert haben, die dir einen Boden unter den Füßen gegeben haben. Aber anscheinend fehlt bei diesen Pegida-Leuten, jedenfalls bei vielen, die da mitgehen, genau das, nämlich dieses Gefühl für den eigenen Wert, für die eigene Identität.

Marius Jung
Ja, in Dresden beobachte ich immer wieder, dass – völlig unverständlicherweise, weil es wirklich nun mal eine der schönsten Städte ist, die wir in Deutschland haben –, das Selbstbewusstsein der Dresdner relativ klein ist. Wenn man auf der Bühne steht als Kabarettist und einen Joke macht – ich meine, das macht Satire schon mal, auch über die Einwohner dieser Stadt –, dann geht das sofort nach hinten los. Das muss man leider sagen, wie zum Teil auch in Köln, weil wenn man in Köln ganz bestimmte Gags über Kölner macht, das geht auch gar nicht, dann gehen auch sofort Rollläden runter, was ich auch noch nie verstanden habe.

Hans Mörtter
Dann mach bitte weiter so viele Gags!

Marius Jung
Das Bild von Westdeutschland nach Ostdeutschland ist auf jeden Fall eins mit Gefälle. Die Westdeutschen fühlen sich als die besseren Deutschen. Jeder, der was anderes lebt, dem sei die Hand geschüttelt, aber ich glaube, dass wir das alle so unterschwellig drin haben. Wichtig ist es mir klar zu sagen: Jeder hat Vorurteile. Jeder, der behauptet, er habe keine Vorurteile, ist entweder ein Heuchler oder er ist höchstens ein Jahr alt. Vorurteile brauchen wir. Wir müssen Sachen schnell einordnen. Wie es das Wort schon sagt müssen wir erst mal vorbeurteilen, um sie einzuschätzen, um dann damit umzugehen. Dann gilt es aber, dieses Vorurteil auch revidieren zu können. Aber das Umgehen damit, das geht momentan verloren.

Hans Mörtter
Man könnte auch sagen, hab Mut zu deinen Klischees, sei auch aber bereit zur Begegnung. Ich merke es mit unserer muslimischen Gastgemeinde hier, wie uns im letzten Jahr bei Treffen und Gesprächen die Scheuklappen herunterfielen. Wir dachten, ach, wir sind doch eine liberale Gemeinde hier, wir sind auch offen, wir sind kritisch, wir haben einen Verstand, den wir benutzen, wir haben ein großes Herz, und dann doch noch merken, wow, was haben wir für seltsame Vorstellungen noch, wie freie Menschen hier in Deutschland ihren muslimischen Glauben leben. Das finde ich fantastisch, wie viel uns da verbindet.

Marius Jung
Ungerichtete Angst findet keine Argumentation, sondern nur relativ sinnentleerte Halbsätze. Wenn dann jemand aus Dresden sagt, ja, er sei schon mal in Berlin gewesen und so was wolle er für Dresden nicht – was ist denn das für eine Aussage? Keine. Das ist ja das Schlimme. Ich glaube, dass viele Menschen, die da auf die Straße gehen, nicht wissen, was sie gerade auch für bzw. gegen Deutschland machen. Mit Verlaub bleibt 1933 bis 1945 unsere Geschichte und die Sätze, die jetzt wieder aufkommen, „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen!“ sind im Zusammenhang gerade auch damit nicht nur erschreckend, sondern richtig beängstigend. Der Rassismus geht zur Zeit durch die Decke.

Hans Mörtter
Ich finde das ganz wichtig, was du da gesagt hast, dass wir da ungeheuer aufpassen müssen und dem nicht Raum geben dürfen, überall direkt widersprechen müssen. Gleichzeitig sehe ich aber auch bei vielen von diesen Menschen ein verhärmtes Leben, also ein Leben, das nicht stattfindet, das zu kurz kommt, warum auch immer, und das ist nicht nur die Politik schuld.

Marius Jung
Absolut! Genau!

Hans Mörtter
Was ist da passiert und was können wir als Menschen des Gemeinwesens in Deutschland in unseren Städten da vielleicht tun und was haben wir nicht getan. Oder wo fehlt da vielleicht bei uns auch Wahrnehmung und Achtsamkeit, welche Betriebsblindheit haben wir auch, die wir immer denken, wir kämpfen doch für Frieden, wir kämpfen für Gerechtigkeit, wir setzen uns da ein. Machen wir da was falsch? Ich glaube, dass wir was falsch machen.

Marius Jung
Wenn wir uns mal anschauen, dass innerhalb von einem Tag 300.000 Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei kommen und wir uns hier anpissen, wenn 10.000 auf Deutschland verteilt werden, dann ist das einfach ein Armutszeugnis auch für Leute, die sich Christen nennen und von Nächstenliebe erzählen.

Hans Mörtter
Ich weiß von Leuten aus Syrien, die völlig verzweifelt sind, weil sie versuchen, ihre Verwandten aus dem Irak nach Deutschland zu holen. Die haben die schlimmsten Dinge erlebt und müssen nun bitten und betteln, nach Deutschland kommen zu dürfen. Die bekommen aber kein Visum, weil sie keine Krankenversicherung haben und weil ihre Freunde und Freundinnen hier in Deutschland nicht nachweisen können, dass sie für sie aufkommen können. Ich sehe diese Verzweiflung, wo ich denke, was sind wir für ein Land, dass solch eine Politik bei uns geschieht und wir dagegen nicht aufschreien.

Marius Jung
Es ist ja auch so absurd, dass da Menschen auf die Straße gehen und gegen Islamismus Propaganda machen – ich denke, wir alle sind gegen Islamisten, wir alle wollen keine mordenden Terroristen, die irgendwo sind –, aber gleichzeitig wollen sie die Menschen, die genau vor diesen Menschen flüchten, hier nicht aufnehmen. Das ist einfach dumm. Das ist dumm, unmenschlich und herzlos.

Hans Mörtter
Und nicht ganz ehrlich.

Marius Jung
Nein, das hat ja auch gar nichts mit Ehrlichkeit zu tun, das ist eine Projektion von Ängsten, und die hat keine Argumentation. Die ganzen Pegida-Argumentationen sind ja innerhalb kürzester Zeit in der Luft zu zerreißen. Dafür muss man nicht studiert haben. Dafür muss man auch keinen Rhetorikkurs gemacht haben.

Talk Teil 2 - "Satire darf alles "

Hans Mörtter
Als du den Preis des Leipziger Studentenrats...

Marius Jung
Student_innenRat, ganz wichtig, ja.

Hans Mörtter
Student_innen (Unterstrich innen).

Marius Jung
Unterstrich innen, ja, natürlich.

Hans Mörtter
Du hast für das Wort Neger in deinem Buchtitel den Negativpreis für Rassismus bekommen. Dann hast du dir deren Fragebogen angesehen. Da steht auch noch Sexismus, und weil du da einen knackigen Körper abgebildet hast mit Geschenkschleife, hast du gesagt, ihr habt noch vergessen, „Sexismus“ anzustreichen. Jetzt hast du also einen Negativpreis für Rassismus und Sexismus von ihnen bekommen.

Marius Jung
Ja, genau. Das Schönste war, dass sie einen Gag aus unserer Pressemitteilung genommen haben und meinten, ich würde mich hier zum Objekt machen. Ich bin froh, dass mir das gesagt wurde, ich würde wahrscheinlich sonst nackt hier sitzen. Das ist das eine, aber zum anderen schrieben sie wirklich – das kann man heute noch im Netz nachlesen: Sie würden zu dem Preis stehen, es ginge ja nicht um den Inhalt des Buches! Wem geht es schon um den Inhalt eines Buches? Das ist auch genau das Riesenproblem mit der Political Correctness, die sich nicht mehr mit den Inhalten auseinandersetzt und in Diskussionen über die Form stecken bleibt.

Hans Mörtter
Ich würde gerne die Begründung der Preisverleihung vorlesen: „Hierbei sollte im Sinne und Aufgabenbereich des Referates für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik gezielt die Sichtbarmachung und das Empowerment von marginalisierten Meinungen und Empfindungen gefördert werden, welche im Vergleich zur vorherrschenden, patriarchalisch geprägten Mehrheitsgesellschaft oftmals ungehört bleiben oder gänzlich verdrängt werden.“ Ein langer, langer Satz, man muss also kräftig hinhören, aber eindeutig bist du dir wahrscheinlich nicht bewusst, dass du marginalisierte Empfindungen hast und das Empowerment von bleichgesichtigen Studenten_innen (Unterstrich innen) in Leipzig nötig hast.

Marius Jung
Absolut, das ist sehr, sehr schön, dass man uns so herrlich zum Opfer macht und wir als Schwarze ja offensichtlich auch zu blöd sind, um solche Sachen selber zu verstehen. Im gleichen Text steht, dass durch das Wort Neger auf meinem Cover schwarze Menschen getriggert werden könnten. Triggern – für die, die das nicht kennen – ist ein Begriff aus der Psychologie, der tatsächlich geprägt wurde für traumatisierte Menschen, die getriggert werden können, durch irgendetwas, was sie an dieses Trauma erinnert. Diesen Begriff haben die sich zu eigen gemacht, um zu sagen, dass mein „Negerfreunde“ hier dazu führen könnten, dass schwarze Menschen getriggert werden. Übrigens ist dieser Student_innenRat eine Vereinigung, in der kein einziger Schwarzer bzw. keine einzige Schwarze mitmacht. Die haben dann auch einen offenen Brief bekommen von einem Schwarzen, der sie als Rassisten bezeichnet, weil sie hingehen und einfach davon ausgehen, dass Schwarze erstens Satire nicht erkennen können – was sie selbst offensichtlich nicht können –, und zweitens, dass diese weißen Frauen dem Schwarzen sagen, wann er verletzt zu sein hat und wann nicht.

Hans Mörtter
Wir hatten drüber geredet, wie nahe das dem Fundamentalismus kommt. Fundamentalisten, das hatte ich mal einem Kind erklärt, sind Menschen, die nicht lachen können, die keinen Humor haben. Und genau das ist ja im Grunde deine Waffe, deine Art, wie du in unsere Gesellschaft reingehst: mit Humor, also mit der Satire, mit der Ironie, aber auch mit dem Lachen.

Marius Jung
Lachen öffnet die Herzen, das ist schon mal Punkt Nummer eins, und wer das Herz öffnet, wird plötzlich über Dinge nachdenken oder auch herzlich lachen können. Ich glaube, dass es kein Thema gibt, über das man keine Witze machen darf, aus dem ganz einfachen Grunde: Erst wenn wir auch humoristisch an ein Thema herangehen, haben wir eine Aufsicht auf das Thema. Wenn wir in dem Schmerz eines Themas hängen, können wir nicht über das Thema lachen. Aber dann hinzugehen und zu sagen, deswegen darf darüber kein Witz gemacht werden – ob das nun Tod, Krankheit, Ethnie, was auch immer ist – halte ich für absolut falsch. Wer zu mir kommt und sagt, darüber darf man keine Witze machen, dann sage ich ganz klar, wenn es zum Beispiel um Religion geht: Wenn du darüber nicht lachen kannst, ist es das eine, aber wenn du damit nicht umgehen kannst, dann würde ich meinen Glauben und das alles mal überprüfen. Denn wenn ich es nicht aushalten kann, dass jemand einen Witz darüber macht, dann habe ich offensichtlich ja ein größeres Problem. Meinetwegen können die Leute Witze über mich und meine Hautfarbe machen, wie sie wollen, da ist nichts, was ich zu verbergen hätte oder wofür es mir peinlich ist oder Ähnliches, sondern ich stehe zu all dem. Also bitte, du bist eingeladen, darüber Witze zu machen, dann lass uns gemeinsam darüber lachen. In dem Moment, wo wir gemeinsam darüber lachen, dann haben wir schon einen ersten Schritt getan, um uns anzunähern.

Hans Mörtter
Ja, klar. Oder ich stocke plötzlich und denke, oh, oh!

Marius Jung
Das ist mein schönster Punkt, was das Buch angeht: Ich hab sehr viele überraschende Briefe bekommen und vor allen Dingen auch ganz viele von weißen Menschen, die zugaben: „Das wusste ich nicht, ich wusste nicht, dass das weh tut.“, oder „Ich wusste nicht, dass das auch vielleicht ein negativer Punkt sein könnte.“ Natürlich, man macht viele Sachen ohne nachzudenken, das ist Arglosigkeit. Wenn wir drüber reden und lachen können, kommt man sich schnell näher und läuft nicht Gefahr, in diese fundamentalistische Humorlosigkeit zu rutschen. Die übrigens auch dazu führt, dass Menschen aus der Political-Correctness-Bewegung oder auch die jungen Damen aus Leipzig mit den Moralwächtern der 50er-Jahre, also ganz furchtbar reaktionären Menschen, absolut einhergehen. Das Titellied aus den Pippi-Langstrumpf-Filmen wurde ganz am Anfang gespielt. - Das ist eines meiner absoluten Lieblingskinderbücher. Pippi Langstrumpf sollte in den 50er-Jahren verboten werden – weil da werden Kinder zum Kaffeetrinken animiert werden. In Schweden werden die ersten Pippi-Langstrumpf-Filme umgeschnitten. Es werden Szenen herausgeschnitten. Zum Beispiel gibt es eine Szene, wo Pippi den Chinesen imitiert. Das soll raus, weil das ja so hoch rassistisch sei. Was für ein Unsinn! Ich meine, Pippi Langstrumpf, wir reden hier eben wirklich von einem Freigeist, wir reden hier genau von einem Menschen …

Hans Mörtter
… einer Revolutionärin...

Marius Jung
… einer kleinen Revolutionärin, die auch mal respektlos ist, aber eben in einer liebevollen, erfrischenden Art, und dadurch ein paar Dinge wirklich mal infrage stellt. Das nenne ich ein gutes Vorbild für Kinder.

Hans Mörtter
Also wenn das geändert wird, dann wird’s ja richtig fade.

Marius Jung
Dem ist so, ja, natürlich. Es gibt abgeschwächte Versionen von Grimms Märchen. Ich bin ja selber Papa. Ich lese meiner Tochter viel aus der Orginalversion von den Märchen vor und bin selber erstaunt, wie brutal die Geschichten sind. Aber Kinder haben eine viel stärkere und reinere Kraft, eine Geschichte als Fantasie anzusehen und eine Geschichte nicht zur Realität zu machen. Ich habe mich auf der Bühne oft über die Brutalität im „Struwwelpeter“ lustig gemacht. Darin steht die Geschichte von dem Nikolaus, der die weißen Jungs bestraft, weil sie den Mohren necken oder mobben, wie man heute sagen würde. Die werden dadurch bestraft, dass sie in Tinte getaucht werden. Das ist in sich völlig absurd, dass jemand bestraft wird dadurch, dass er schwarz gemacht wird. Aber auf der anderen Seite, ist ein solcher ein Ansatz in einem Buch von 1845 revolutionär. Aber Kinder denken nicht historisch, Political-Correctness-Leute übrigens leider auch nicht. Das ist wie in „1984“ (1948 von George Orwell geschrieben), wo die Vergangenheit umgeschrieben und an die Gegenwart angepasst wird.

Hans Mörtter
Ich möchte noch mal auf deine Kindheit zurückkommen. Du hast das Glück gehabt, eine fantastische Mutter und einen fantastischen Vater zu haben, die dich aufgezogen haben, die dich begleitet haben, einen Vater, der zu dir gestanden hat. Auch wenn die Leute blöd guckten: Eh, wieso, weißer Vater und dunkelhäutiges Kind, wie geht das denn? Du erinnerst dich noch daran, dass du von deiner Mutter nach drei Tagen aus dem Kindergarten herausgeholt wurdest. Deine Mutter wollte dich schützen, weil du nämlich massivst gemobbt wurdest bzw. ziemlich fies behandelt wurdest. Als einziger Farbklecks in dieser Trierer … Wart ihr da noch in Trier?

Marius Jung
Das war in Mainz.

Hans Mörtter
Mainz, und dann seid ihr ins Siebengebirge gezogen. Da hatten wir ja kurz drüber geredet, die Erziehung und die Prägung eines Kindes beginnt im Mutterleib schon ganz wesentlich, und nach den ersten zwei Jahren ist es eigentlich gelaufen. Dann muss man schauen,wie man es vielleicht wieder gerade kriegt, wie man sich selbst findet durch den ganzen Schutt, der auf einem Kind abgeladen worden ist. Also normalerweise gibt es jetzt besorgte Menschen, die sagen, eh, Marius, hast du schon mal ne Traumatherapie gemacht? Musst mal ein bisschen deine Kindheit aufarbeiten. Also was dich da heute bremst oder was dich fremdbestimmt, dass du über dich selbst lachen kannst heute.

Marius Jung
Ja, tatsächlich habe ich zu dem Thema ein Therapie gemacht. Ich bin ich froh, dass getan zu haben. Der tatsächliche therapeutische Punkt war dann für mich, mich mit meinem tatsächlichen Vater auseinanderzusetzen, der nicht mehr als Samenspender war, aber …

Hans Mörtter
Du bist ihm begegnet, du hast ihn gesucht.

Marius Jung
Genau, ich hab ihn gesucht und bin ihm begegnet, und das hat für mich künstlerisch alles geändert. Ich konnte plötzlich darüber sprechen, weil ich Abstand und dadurch eine Aufsicht gewinnen konnte. Nur damit zu leben, dass da irgendwo ein schwarzer Vater in den USA ist, das reichte eben nicht. Ich musste ihn einmal treffen. Das hab ich getan, und damit ist es auch gut. Dieses Buch war für mich so ein bisschen der Abschluss dieses Kapitels. Jetzt kann ich dadurch auf politischen Veranstaltungen viel besser gegen Rassismus vorgehen, weil ich erst mal mein eigenes Problem mit meiner Hautfarbe behandelt habe.

Hans Mörtter
Du bist deinem biologischen Vater also begegnet. Dann hat sich für dich geklärt: Ich bin ich. Ich hab einen Vater und eine Mutter, die sind in Deutschland.

Marius Jung
Genau. Das sind die Menschen, die mich geprägt haben, das sind die Menschen, die für mich da waren. Das ist der Punkt. Letztendlich geht es um Respekt und Liebe, und ein Kind zu verlassen, ist nicht respektvoll und auch nicht liebevoll. Mein sozialer Vater, den ich als meinen Vater ansehe, hat sehr viel für mich aufgeben müssen. Er war für die SPD in Trier aufgestellt. Er musste sich zurückziehen, weil das mit einem Bastardkind in den 60er-Jahren nicht tragfähig war. Wir mussten aus der Stadt wegziehen. Mein Vater hat trotzdem die Familie zusammengehalten. Das ist für mich Respekt und Liebe …

Hans Mörtter
… und Treue auch, Treue, Loyalität.

Marius Jung
Ja, natürlich. Aber ich glaube, Liebe und Respekt in Kombination führt automatisch dann auch zur Treue.

Hans Mörtter
Da sind wir eigentlich an diesem wesentlichen Punkt: Du hast vieles, was in deiner Kindheit passiert ist, vergessen. Ich will diese schrägen Blicke nicht, ich sehe die gar nicht, die pack ich in eine Kiste ganz tief unten im Keller, die sind weg. Was dich in dieser Zeit stark gemacht hat, war die Liebe deiner Eltern. Du hattest ein Zuhause.

Marius Jung
Genau, ich hatte ein Zuhause. Ich hatte natürlich auch gleichzeitig ein Zuhause, das auch durch die Zeit bedingt sehr stark tabubelastet war, weil das bei uns nicht thematisiert wurde. Das war auch der Grund, warum das bei mir dazu führte, dass ich diese enge Beziehung zu Lukas aufbaute. Ich hab tatsächlich den Menschen erzählt, mein Opa sei Lokomotivführer gewesen, und der sei schwarz gewesen, und meine Eltern seien beide weiß, weil das ein Generationssprung sei – was es tatsächlich gibt. Es gibt genau diesen Generationssprung, will heißen, ein weißer Elternteil und ein schwarzer Elternteil können ein weißes Kind bekommen und danach zwei weiße Elternteile plötzlich ein schwarzes Kind. Diese Geschichte habe ich mir dann zu eigen gemacht. Diese Geschichte habe ich auch lange Zeit tatsächlich geglaubt. Das zeigt, wie stark Vorstellungskraft sein kann.

Hans Mörtter
Ich meine, das beschreibst du sehr schön, wie heilsam und beschützend die Vorstellungskraft durch Literatur, durch Geschichten sein kann, weil dein familiärer Opa ein Nazi gewesen ist.

Marius Jung
Absolut, ja, der war SS-Mann, was im Grunde eine Geschichte wert ist. Ist schon verfilmt worden tatsächlich, weil der Autor von dem Film „Heimat“, wer ihn noch kennt, das ist ein Sandkastenfreund von meiner Mutter, und da findet tatsächlich mein Naziopa statt. Das ist dieser schlimme SS-Mann, der aber die Juden im Dorf rettet.

Hans Mörtter
Hast du ihn noch erlebt?

Marius Jung
Nee, wenn der mich erlebt hätte, der wäre sowieso sofort tot umgefallen. Es war für ihn schon schlimm genug, dass seine Tochter einen SPD-Mann heiratete, das war für ihn schon im Grunde fast …

Hans Mörtter
… Verrat.

Marius Jung
Ja, auch einem Todesurteil gleich, der ist daran schon fast verreckt. Aber wenn er noch mitbekommen hätte, dass seine Tochter dann noch was mit nem Schwarzen anfängt und mit dem auch noch ein Kind zeugt, das wäre zu viel gewesen. Aber seine Frau, also meine Oma, die kam damit sehr gut klar. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihr.

Hans Mörtter
Super, superschön. Einfach so als Strich darunter noch mal: Wie wichtig ist es, auch hier bei uns im Umfeld zu gucken, wie können wir Kinder stärken, wie können wir ihnen unsere Liebe zeigen. - Jetzt aber noch mal zu Charlie Hebdo: Der Chefredakteur der New York Times heißt Dean Bacquet und ist Afroamerikaner. Es ist das erste Mal seit, glaube ich, 163 Jahren –, dass ein Schwarzer, ein Afroamerikaner diesen Posten bei einer der bedeutendsten Zeitungen der Welt innehat. Er weigert sich, die neuen Karikaturen oder auch die alten von Charlie Hebdo zu veröffentlichen und sagte dazu: Ich mache das nicht aus Feigheit, denn als Journalisten müssen wir regelmäßig auch bereit sein, unser Leben zu riskieren, indem wir über die Wahrheit mutig berichten, ohne Rücksicht auf irgendwen zu nehmen, ohne Rücksicht zu nehmen auf unsere eigene Angst oder was dadurch passieren könnte. Aber die Karikaturen verletzen Menschen, die ich in Manhattan kenne, sagt er. Da leben muslimische, einfache Familien oder Familien, die einen starken religiösen oder starken islamischen Glauben haben, und die Karikaturen würden sie verletzen. Aus Respekt und Achtung vor diesen Familien veröffentlicht die New York Times diese nicht, sie beschreibt sie nur. Wie siehst du das?

Marius Jung
Satire darf alles, das ist überhaupt nicht die Frage. Wenn dieses furchtbare Attentat nicht passiert wäre, seien wir mal ganz ehrlich, ich behaupte, 90 Prozent hier im Saal, und ich gehöre dazu, hätten wahrscheinlich nie etwas von Charlie Hebdo gehört. Deren Auflage liegt jetzt bei rund neun Millionen, aber diese Aufmerksamkeit haben nur die Attentäter geschaffen. Ob das jetzt die New York Times abdruckt oder nicht – wie gesagt, es muss stattfinden dürfen, darum geht es ja. Ob ich das lustig finde oder nicht. Ich habe mir ein paar Karikaturen von Charlie Hebdo angeguckt, zum Teil finde ich die saulustig, zum Teil finde ich sie überhaupt nicht lustig –, sie dürfen auch verletzen, da glaube ich ganz fest dran, denn wenn jemand einen Witz macht und ich damit ein Problem habe, dann muss ich überlegen, welches Problem das ist. Mir hat ein Muslim gesagt: Was man ganz klar sagen muss, im Koran steht eindeutig, dass Blasphemie niemals, niemals mit weltlicher Strafe belegt werden darf. Will heißen: Im Koran steht nirgendwo, dass irgendjemand irgendwo reinrennen soll und jemand erschießen soll. Die Menschen, die das trotzdem machen, das sind einfach hasserfüllte Menschen, die da erstens Hass- und Angstsamen legen, was sie auch sehr gut schaffen.

Hans Mörtter
Es gibt eine herrschende Klasse, die berühmte „Erste Welt“, das sind Europa und die Vereinigten Staaten. Deren politisches Handeln wird nicht von einem Wertekodex geleitet, sondern von den Märkten und den Aktien, und die sind menschenfeindlich, wie wir inzwischen wissen und erleben. Aber ich denke gerade an Buchforst, da gibt es eine Kulturkirche, die von der GAG betrieben wird. Der Künstler Thomas Baumgärtel sollte da seine Ausstellung zeigen, das war im letzten Herbst, und ich habe diese ganze Auseinandersetzung da mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Bis zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung war klar, welche Bilder in dieser Kirche hängen werden und welche Skulpturen usw. Diese Kirche wird aber auch noch gottesdienstlich genutzt. Das heißt, die Gemeinde muss nichts zahlen und hat den Luxus, eben da noch Gottesdienste feiern zu dürfen. Und dann ging es los – ich glaube, das ging gar nicht von der Gemeinde aus, sondern von der GAG-Geschäftsleitung, die auf einmal gemerkt hat, oh Gott, da feiern Christen ihren Gottesdienst, und das könnte die verletzen, das könnte ein Problem geben. Denn Thomas Baumgärtel hatte seine Reihe „Die gekreuzigte Banane“ auch mit in der Ausstellung – von getrockneten Bananenblättern am Kreuz bis hin zur knallig gelben. Der Thomas hat dann ganz richtig gehandelt: Der hat gesagt, tschüss, auf Wiedersehen, und hat die ganzen Bilder und seine ganzen Arbeiten, die perfekt schon hingen, abgehangen und hat gesagt, ich lass mich nicht halbieren, ich lass mich nicht reduzieren, ich lass mich nicht bevormunden, ich bin freier Künstler, dann geh ich, das hab ich nicht nötig, diese Billigkeit und diese Angst.

Marius Jung
Das ist genau der Punkt. Das ist eine Entscheidung.

Hans Mörtter
Das christliche Erkennungssymbol, das ist im Grunde angstbehaftet, das darf nicht kritisiert werden. Natürlich passiert das bei uns, na klar, aber dass in einer Stadt so eine Befindlichkeit ist. Aber auf der anderen Seite sind Karikaturen über Muslime oder den Propheten oder Allah kein Problem. Das zeigt, also die, die bei einer gekreuzigten Banane aufschreien, schreien bei den Karikaturen über muslimische Kritik nicht auf.

Marius Jung
Genau. Das ist einmal das Zugeständnis, was sie natürlich der eigenen Religion gegenüber machen. Die Abildung Mohameds zu verneinen macht Mosleme aber gleich zu Islamisten. Beides zeigt für mich nur fehlende Aufsicht zur eigenen Religion. Die Unschuldsvermutung ist ja seit 2001 einfach mal aufgehoben. Das ist auch gesetzliche Realität in den Vereinigten Staaten. Das ist der Patriot Act. Wir sind auf einem Weg dahin. Wenn die CSU so dürfte, wie sie wollte, dann wären wir schon lange da. Ich war mit einem muslimischen Kollegen auf Tour, und wir wurden auf jedem Bahnhof, an jedem Flughafen, ständig angehalten und durchsucht. Ich springe schnell aus dem Hemd bei diesem Thema. Ich bin das wirklich satt. Wenn ich alleine bin, geht’s auch, aber wenn jemand muslimisch aussieht, wird er einfach ständig angehalten. So! Punkt! Das heißt, auch die Polizei hat diese Unschuldsvermutung nicht mehr, sondern geht einfach davon aus, dass Muslime und Schwarze verdächtig sind. Eine Schwarze erzählte mir neulich von einer Reise in eine bayrische Stadt. Dort wurde sie sage und schreibe innerhalb einer Stunde fünfmal von der Polizei aufgegriffen.

Hans Mörtter
Schade. Ich glaube, wir könnten lange weiterreden, müssen jetzt aber leider zum Schluss kommen. Dafür habe ich ein Zitat von Nelson Mandela: „Ein intelligenter Kopf und ein gutes Herz sind eine tolle Kombination.“ Das trifft auf dich eindeutig zu.

Marius Jung
Das ist lieb, danke!

Hans Mörtter
Ich danke dir, dass du zu uns gekommen bist.

Marius Jung
Sehr gerne!

Der Kabarettist und Autor Marius Jung beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Moderation: Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages
Der Kabarettist und Autor Marius Jung beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Moderation: Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages
Der Kabarettist und Autor Marius Jung beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Moderation: Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages