Ludwig Sebus zu Gast beim 26. Kölner Talkgottesdienst mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Sonja Grupe

26. Kölner Talkgottsdienst am 02.07.2017
zu Gast: Ludwig Sebus

Krätzchensänger, Komponist, Texter, Kölner Urgestein

Ein himmlisches Verzällcher

„Wenn Du glücklich sein willst, musst Du andere glücklich machen“, sagt Ludwig Sebus, und so hat der 1925 als Sohn eines Vergolders geborene Kölner vielen Menschen das Leben vergoldet. Er erlebte als Kind den Aufstieg der Nationalsozialisten, engagierte sich in der Katholischen Jugend und entging einer Anzeige wegen „volksfeindlichen Verhaltens“, weil er 1943 als Soldat eingezogen wurde. Er hatte insofern Glück, weil er als Funker nicht auf Menschen schießen musste. Erst 1950 kehrte er aus russischer Kriegsgefangenschaft in seine geliebte Heimatstadt zurück. Er hatte in Russland in einer Kulturgruppe spielen und singen müssen. Er war zu sehr Kölner, um sich das bolschewistische Gedankengut einimpfen zu lassen, aber in Köln begann er 1950, zunächst als Hobby zu singen. 1955 landete er mit dem Krätzchen „Jede Stein en Kölle eß e Stöck vun deer“ einen Riesenerfolg. Seitdem ist er aus dem Karneval nicht mehr wegzudenken, ist ein Teil des Herzens und der Seele von Köln geworden.

Der Talkgottesdienst in der Lutherkirche fand als Rahmenprogramm des Edelweißpiratenfestivals statt, dessen diesjähriges Motto „Wir lachen, wenn sie uns hetzen“ lautete. Auch Ludwig Sebus hat mit Humor und Rückgrat den Widrigkeiten des Lebens getrotzt und damit anderen den Mut vermittelt, weiterzumachen.

Nun traf er im Gespräch auf Pfarrer Hans Mörtter, der in den 1980er Jahren erstmals einen Karnevalsgottesdienst durchführte (damals noch ein Skandälchen), der Nubbelredner ist, Fortuna-Engel und Mit-Organisator des Südstadtzuges. Bei zwei Menschen, die beide für christliche Wertvorstellungen einstehen und bekennende Karnevalsjecken sind, konte bei dem Talk nur eines herauskommen: Ein himmlisches Verzällcher. Das war ein schöner Auftakt für den Talkgottesdienst, der im Jahr 2017 sein 11jähriges Bestehen feiert.

Text: Helga Fitzner
Fotos: Sonja Grupe

Artikel von Stefan Rahmann auf kirche-koeln.de

Talk Teil 1:  Christliche Wertvorstellungen und Diktatur

Hans Mörtter
Lieber Ludwig, ich begrüße dich sehr herzlich. Es ist schön, dass der Termin zu diesem Talkgottesdienst geklappt hat. Du wirst in diesem Jahr 92 und bist quietschfidel. Das hat mit deiner Lebenseinstellung zu tun. Eine Art Lebensmotto von dir lautet: Wer glücklich sein will, muss andere glücklich machen.

Ludwig Sebus
Es ist natürlich so. Ich konnte gerade ergreifenderweise die Taufe miterleben und im Bewusstsein dessen sage ich mir, dass all diese Menschen in der Akzeptanz Gottes hier sind. Für mich ist das ein Lebensmittel, ein Lebenshilfsmittel auch, und ich lebe danach. Jeder Mensch braucht Anerkennung, egal, wo er herkommt, egal, wie alt er ist, egal, in welchem Zustand er lebt, er braucht eine volle Anerkennung. In dieser Anerkennung wurzelt auch unser Glaube, deiner, meiner, unser aller Glaube, und der gibt mir auch die Weisung und die Richtung an.

Hans Mörtter
Ich denk jetzt gerade an Jugendliche in Porz, in Chorweiler oder auf dem Kölnberg in Meschenich. Da gibt es erhebliche Probleme, das sind vergessene Jugendliche. Würde dir da was einfallen, wie die Anerkennung erleben könnten?

Ludwig Sebus
Ich bin der Meinung, egal, wo man hinkommt, ob das jetzt in Chorweiler oder woanders ist, kommt es auf die Menschen selber an. Ich bin der Überzeugung, wenn man denen offen und freundlich gegenübertritt, kann man auch erwarten, dass sich eine gewisse Spannung lockert, die beim anderen zunächst erkennbar ist. In jedem Fall ist er es wert, dass man sich ihm irgendwie nähert und ihm zu verstehen gibt, dass man ihn annimmt und akzeptiert. Alles weitere ergibt sich dann daraus. Wenn es dann zum Gespräch kommt, ist es das Allerbeste. Manchmal erlebt man auch nur eine kleine Handbewegung oder geht weiter, aber als Christen dürfen wir keine Berührungsängste haben. Wir müssten immer ein bisschen aufeinander zugehen können. (Applaus)

Hans Mörtter
Man soll also versuchen, die Menschen wahrzunehmen, sie zu achten und ernst zu nehmen, weil du glaubst, dass jeder Mensch auch ein Potenzial hat.

Ludwig Sebus
Unbedingt. Gerade bei jungen Menschen, die keine Perspektive oder aus verschiedenen Gründen keinen richtigen Schulabschluss haben. Wenn man auf die zugeht, habe ich in den seltensten Fällen eine Ablehnung erfahren. Es gab immer die Möglichkeit, sich zu verständigen.

Hans Mörtter
Kommen wir mal zu deiner Jugendzeit. Du bist 1925 in Köln geboren, Urkölner, und hast als Kind und junger Erwachsener die NS-Zeit und den Krieg erlebt. Aber geprägt hat dich dein Engagement in der katholischen Kirche, in der Gemeinde St. Michael. Dein katholischer Glaube und dein Engagement in dieser mutigen und selbstbewussten Gemeinde war das der „Impfstoff“ gegen die Nazis? Die konnten in deinen Kopf nicht rein – das ist doch richtig? Woran lag das?

Ludwig Sebus
Die jüngeren Menschen hier unter uns brauchen da ein bisschen Fantasie. Das war ein Regime, das sich erst einmal plakativ in die Herzen aller hineingeschmuggelt hat. Die kamen mit guten Dingen. Man wollte die Leute zu Brot bringen, wieder in Arbeit setzen und so weiter, man wollte ihnen nur das Beste tun nach einer schweren Zeit. Aus diesem Grund waren viele Menschen der Meinung, man müsste diesem Nazi-Regime folgen. Es stellte sich nach gewisser Zeit aber heraus, dass die Dinge nicht so liefen, wie wir es als Christen, aber auch als Menschen gewohnt waren. Ich erlebte dann, aus einem christlichen Elternhaus heraus, dass Vieles, gerade in Bezug auf die Juden, nicht das war, was wir an und für sich erwarten durften. Aus diesem Grunde war es auch so, dass es in der Katholischen Jugend eine gewisse Front gab, die sich gegen das Regime auflehnte, aber in einer anderen Art wie beispielsweise die Edelweißpiraten. Die Katholische Jugend reagierte eher passiv, indem sie Anordnungen nicht befolgte. Die Edelweißpiraten hatten teilweise einen familiären Hintergrund, der kommunistisch war, und wehrten sich aus politischen Gründen gegen das Regime.

Wir wohnten in der Lützowstr.15, da gab es allein im Vorderhaus acht Familien, und im Hinterhaus ebenfalls acht. Dort wohnte einer, der war zwei Jahre älter als ich und in der sogenannten Katholischen Jungschar. Der nahm mich eines Tages mit und so bin ich schon mit etwa sechs Jahren in diese Jungschar reingekommen. Die kannte ich also von Anfang an, bevor die Nazis zum Wirken kamen. Aus dieser Sicht und in dem Bewusstsein, dass man hier sehr gut aufgehoben war, verbrachte ich meine Kindheit und bekam Wertvorstellungen vermittelt, die mich auch für das ganze Leben hin prägten, und die mir immer wieder zu verstehen gaben, danach zu handeln und mich dementsprechend zu bewähren.

Hans Mörtter
Du hattest deswegen in der NS-Zeit mehrmals Vorladungen der Gestapo, wo du dich rechtfertigen solltest, weil du nicht gehorsam warst.

Ludwig Sebus
Ja, das war folgendermaßen: Wir lebten nachher an der Moltkestraße, Ecke Aachener Straße, und die Nazis hatten ihre Organisationsvorstellungen, und da galt die Aachener Straße als Grenze zwischen zwei sogenannten HJ-Einheiten. Das war eine Trennung, und die Aachener Straße gab mir dabei die Gelegenheit, mich herauszuwinden. Wenn ich gefragt wurde, hör mal, du bist seit deinem zehnten Jahr wie alle anderen verpflichtet, zur Staatsjugend zu gehen und zum Antreten zu kommen – wo warst du? Dann behauptete ich immer, zur anderen Einheit zu gehören. Das konnte ich eine ganze Zeit lang praktizieren.

Hans Mörtter
Du hast die veräppelt.

Ludwig Sebus
Bis das auf einmal auffiel. Samstags, wenn die anderen bei der Hitlerjugend antreten mussten, sind wir in Müngersdorf schwimmen gegangen. Dann wurde mein Vater auf einmal in die Schule zitiert und später auch dahin, wo sich jetzt das NS-Dokumentationszentrum befindet, ins EL-DE Haus.

Hans Mörtter
Das war damals der Sitz der Gestapo.

Ludwig Sebus
Er wurde zur Rechenschaft gezogen, weil ich nicht angetreten war. Ja, sagte mein Vater, mein Sohn hat jeden Samstag das Haus verlassen, um anzutreten, und kam erst mittags wieder. - Da musste ich letztendlich eintreten. Im Jahr 1936 bekamen wir alle Uniformen, weil der Hitler nach Köln kam. Man musste also mit zehn Jahren dann erst einmal in der Schule antreten, von der Schule aus um zehn Uhr zum Dom marschieren. Am Dom standen wir dann, und erst um vier Uhr nachmittags kam der Hitler. Wir hatten zwar in der Schule noch etwas zu Essen und eine Tasse Kakao bekommen, aber jetzt standen wir schon vier Stunden und es wurde uns eingebläut: Wenn der Führer kommt, dann müsst ihr rufen: Heil, Heil, Heil. Dann kam der Hitler mit großem Gefolge, 80 Mann Musikkapelle in SS-Uniformen, und schritt die Formation ab. Dann kam er am Dom vorbei, ging rechts ins Excelsior Hotel, wo drei große Mercedes-Wagen standen. Im mittleren Wagen nahm er Platz und fuhr immer unter „Heil“-Rufen los, durch ganz Köln. Wir arme Jecken standen da schon seit zehn Uhr und wollten nach Hause. Wir mussten uns aber vor das Dom-Hotel begeben, denn als nach drei Stunden der Hitler wiederkam, mussten wir immer noch da stehen und rufen, weil der im Dom-Hotel untergekommen ist: „Wir tun noch nicht nach Hause gehn, wir wollen unseren Führer sehn“. Ein Kamerad neben mir, der musste dringend und weil wir nicht weg durften, hat er in die Botz gemacht.

Hans Mörtter
Aber für euch war das ja eine Demaskierung, so wie ihr da gestanden habt, und mit dem Jungen, der in die Hose gemacht hat. War dieser Führer einfach eine lächerliche Gestalt, das ganze Trara, gemessen an dem, was ihr gefühlt und wahrgenommen habt?

Ludwig Sebus
Er war an sich, unter uns, eine lächerliche Gestalt. Allein schon das Theater, wie alle strammstanden. Später war das aber eine andere Situation, als offensichtlich wurde, dass der Hitler den Krieg wollte, dass der Hitler die Juden vernichten wollte. Wir als Christen wurden von denen immer angefeindet. Aus diesem Grunde hatten wir einen innerlichen Widerstand aufgebaut, der dann natürlich zur Folge hatte, dass es nicht richtig funktionierte, als man uns zur Reichsjugend machte. In diesem ganzen Bereich gab es die Katholische Jugend und die Evangelische Jugend. Da gab es Neudeutschland, die Edelweißpiraten und die Falken von den Sozialisten. Alles war ein Mischmasch. Die konnten geistig nicht in die Richtung getrimmt werden, wie die Nazis das wollten.

Hans Mörtter
An eurer Prozession zu Palmsonntag seid ihr aus stummem Protest schweigend und betend durch Köln gelaufen. Es sollen bis zu 40.000 Menschen da gewesen sein.

Ludwig Sebus
Ja. Ich darf vorher noch eines sagen, in Verbindung mit den Pimpfen, die wir waren. Wir hatten ja alle die Uniform bekommen. Ich war Messdiener in St. Michael und es muss wohl einer gesehen haben, dass ich unter diesem Messdienergewand das braune Hemd und die Hose an hatte. Ich musste zur Gestapo kommen, und man hat mich gefragt, was mir einfiele, im Kleid des Führers die Messe zu dienen. Da hab ich den gefragt, ob es denn verboten wäre, für den Führer zu beten. Da haben sie mich heimgeschickt.

Der Widerstand der katholischen Kirche zeigte sich damals in einem Schweigemarsch, im Bußgang der Männer. Da sich zogen auch viele evangelische Christen mit. Die gingen vom Dom aus nach Kalk zur Schmerzhaften Mutter. In diesem Zusammenhang waren bis zu 60.000 Männer in Köln in den Jahren 1937, 1938, 1939 immer wieder unterwegs und haben bewiesen, dass sie als Christen doch noch da waren. Die haben auf diese Art und Weise Widerstand geleistet.

Hans Mörtter
Das war nicht ganz ungefährlich, denn die Nazis haben das dokumentiert und fotografiert, sie haben euch beschimpft und versucht, euch lächerlich zu machen und euch vorzuführen. Es war jedenfalls ein Risiko, sein Gesicht dabei zu zeigen.

Ludwig Sebus
Ja, das war so. Die haben teilweise versucht, auch mit Instrumenten, mit Fanfaren, dazwischen zu blasen, oder haben die Leute angepöbelt, haben gesagt, guck ens, de Jeck da, und so weiter. Oder, wenn einer behindert war, haben die ihn lächerlich gemacht. Die Leute wurden fotografiert unter dem Aspekt, wenn man euch auf dem Bild hat, dann seid ihr ein bisschen eingeschüchtert. In diese Richtung hat man also versucht, diese ganzen, ich möchte sagen, Demonstrationen des Glaubens, zu schmälern oder lächerlich zu machen.

Hans Mörtter
Was ich schön finde, und auch für uns nachdenkenswert heute, ihr wart damals eine Gemeinschaft, eine Gemeinde, eine Gruppe. Diese Prozessionsgruppen, die einfach Position bezogen haben und nicht gleichgeschaltet werden konnten im Gehirn und im Herzen. Die Kraft, glaube ich, lag darin, dass ihr nicht als Einzelne aufgetreten seid, du warst nicht allein, du hast dich nicht allein gefühlt gegenüber dem wahnsinnigen faschistischen System, sondern ihr wart eine Gemeinschaft und dadurch habt ihr eine Stärke und eine Kraft gehabt.

Ludwig Sebus
Ja, das ist richtig. Die war ja nun gewachsen. Wir waren schon in dieser sogenannten Jungschar, das war die Organisation der Sechs- bis 14-Jährigen in der Katholischen Jugend, und dann gab es die Sturmschar, die war dann von 16 bis 18 Jahre gegliedert. In diesen Gruppen waren wir so weit ausgebildet, dass diese Kameradschaft auch weitertrug, egal wohin. Ob es in der Schule war, oder ob es jetzt in diesen Gruppen war – weil einige schon andere Schulsysteme besuchen mussten. Aber die Gemeinschaft dieser Jungen, die konnte man nicht zerstören.

Hans Mörtter
Gemeinschaft gibt Kraft, das gilt auch heute.

Ludwig Sebus
Ja, unbedingt.

Hans Mörtter
Aufgrund deines Hintergrundes auch, die Erfahrung des Heranwachsens und dann des Herrschens und des niedergehenden Faschismus – wie siehst du vor diesem Hintergrund die Stimmungsmache und die Entwicklung der AfD, der sogenannten Alternative für Deutschland hier bei uns.

Ludwig Sebus
Ich sehe da eine ganz große Gefahr in der Richtung, dass wir als Christen den Reichtum haben, an dem Frieden mitgewirkt zu haben, der ja jetzt so lange dauert, und der auch eine Säule der Demokratie darstellt. All die Dinge, die in Gewalt, in Hass oder noch stärker, spezifisch in Rassismus rauskommen, die sind so gefährlich wie nur etwas. Man muss also versuchen, am Anfang diese Dinge zu bekämpfen und sie abzuwenden. Die AfD distanziert sich nicht von Radikalen und versucht, wieder die Unzufriedenen in ihr Büttche reinzunehmen (für sich zu vereinnahmen). Mit denen muss man klare Worte sprechen, dass ihre ganze Haltung nicht der Demokratie entspricht. (Applaus)

Hans Mörtter
Da gab es auch deutliche Voten vonseiten der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche Deutschlands, dass das AfD-Parteiprogramm und das Christentum unvereinbar sind und sich gegenseitig ausschließen. Es bricht da mal wieder einiges ein. An irgendwelchen Gemeinden ist man feige und sagt, wir müssen doch mit denen reden. Aber die Position der Bischofskonferenz ist deutlich, und das ist gut so.

Ludwig Sebus
Ja, ich glaube, das ist jedem Christen auch bewusst, und diejenigen, die sich mit denen liebäugeln, die sollen wissen, welche Tragik es ist, wenn die Demokratie zu Schaden kommen könnte. Das ist so etwas, was man nicht wiedergutmachen kann, wenn unsere Demokratie zusammenbrechen würde. Da muss alles für getan werden, denn wir haben hier, gerade die Älteren wissen es, wir haben so ein Geschenk des Himmels, dass wir 70 Jahre, 72 Jahre Frieden haben. Dass diese Gefahr, dass noch mal so ein Ausbruch kommen sollte, über Diktatoren, oder auch über Hass und Krawall und in Richtung Menschenverachtung, da gar nicht mehr aufkommen kann. (Applaus)

Talk Teil 2:  Die kölsche Seele

Hans Mörtter
Du hast ein dir sehr wichtiges Lied geschrieben, das du jetzt gleich singen willst. Das ist quasi eine Premiere mit Thomas zusammen, „Uns Kölsche Siel“. Es hat einen hohen Stellenwert für dich, denn wir haben einen kostbaren Schatz in uns drin, und wer es vergessen hat, den müssen wir aufwecken, damit er sich daran erinnert. Für dich geht es in „Uns Kölsche Siel“, also in der kölschen Seele, um die Eigenart des Kölners, gerade in schlechten Zeiten enger zusammenzuhalten, zusammenzustehen, füreinander einzustehen, und das durch dick und dünn, in Freud und Leid miteinander zu tun.

Ludwig Sebus
Ich habe mit der kölschen Seele eigentlich das angesprochen, was uns vielleicht ein bisschen abhebt von anderen. Die kölsche Seele ist der direkte und freundliche Zugang zu dem anderen, das ist die Akzeptanz des anderen, die keine langen Umwege braucht, sondern, wie es bei den Bläck Fööss heißt „Drink doch ene met“, schnell auf den anderen zuzugehen.

Hans Mörtter
Genau. Das hat auch was mit der Zeit von Verfolgung und Demütigung, also Faschismus und Krieg und Gefangenschaft, vor allem auch der Gefangenschaft zu tun. Du sagst, es hat vor allem damit zu tun, dass Köln die letzten 2000 Jahre immer ein Tummelplatz der unterschiedlichsten Menschen, Einstellungen und sogar Kulturen gewesen ist. Viele Menschen sind hier durchgekommen, sind hängen geblieben, haben sich verliebt. Dann erzählst du von der Enge der Stadt. Die Stadt Köln hatte ja immer Stadtmauern bis vor 200 Jahren, und in diesen Stadtmauern wurde sich bewegt, und die Gassen waren eng, und die Häuser auch, und so hat man gehört, was im Nachbarzimmer oder in der Nachbarwohnung passiert ist. Ob da gelacht wurde oder geweint, man kriegte sich mit. Du sagst, dass das was ganz Wesentliches war, die Enge der Stadt.

Ludwig Sebus
Köln ist seit über 2000 Jahren ein Schmelztiegel. Deshalb fällt es uns auch nicht schwer, einen Fremden etwas schneller die Heimat zu bringen. Gerade in Köln ist das gewachsen, in dieser Stadt mussten die Menschen eng zusammenleben. Da waren, unvorstellbar für heute, die Wohnverhältnisse so, dass in einer Wohnung von zwei Zimmern bis zu acht oder zwölf Personen lebten. Demzufolge konnte man alles mitkriegen, und man half sich auch so ein bisschen, wenn einer was brauchte. Wenn einer zum anderen kommt und sagt, hör ens, gib mir mal eine Euro [lacht] – wobei ich dann ja sage, ich meine, mit dem Euro ist alles schön und gut, ich hab da so nett eine Geschichte mit dem Hans Süper vor ein paar Wochen erlebt. Da gehen wir zwei über die Schildergasse und da sprach uns ein Betrunkener an: , hast du mal einen Euro? Und da sagt der Süper, „stonn ganz schnell op, dat is minge Platz“. [lachen] Na ja, es ist halt so, dass der Kölner an sich nicht kniestich (geizig) ist, sondern weltoffen, in der Hoffnung, dass ihm mal ein anderer hilft, wenn er mal nichts hat.

Hans Mörtter
Der kölsche Frohsinn ist fast legendär. Du sagst, das hätte auch was damit zu tun gehabt, dass Köln ganz lange Weinbaugebiet war. Das ganze Vringsveedel um den Chlodwigplatz herum, das waren alles Weinstöcke der Kartäuser. Suure Hung hieß der Wein damals, weil er so sauer war. Aber du sagst, der Wein hat in Köln noch immer eine große Bedeutung gehabt, was die Fröhlichkeit, die Grunddisposition des Kölschen, angeht.

Ludwig Sebus
Der Kölner war dem Alkohol nie ganz verschlossen. Aber was hier in Köln als Wein angebaut wurde, das war sehr sauer. Die Lage war nicht sehr gut, aber du weißt ja, die Menschen können sich an alles gewöhnen. Wir hatten einen Pastor hier in Köln, der hatte die Visitation von seinem Bischof, den er nicht leiden konnte. Da fragte der Bischof, haben Sie denn einen Schluck Wein da? Ja, sagt der Pastor, ich hab den besten da. Goss ihm den suure Hung ein, und nach zehn Minuten ist der Bischof gegangen, weil er den Wein nicht trinken wollte. Die Kappesbauern (Kohlbauern) waren es, die nachher wieder mal zum Kölsch griffen. Köln hatte, was den Gerstensaft angeht, das erste Reinheitsgebot schon seit vielen hundert Jahren. So kam zum Wein dann das Kölsch, und ich möchte sagen, wenn du die Wahl hast zwischen einem Wein, der in Köln gezogen ist, oder einem Bier, dann ist mir Kölsch lieber.

Hans Mörtter
Du singst jetzt dein Lied „Uns Kölsche Siel“.

Ludwig Sebus
Der Inhalt ist leicht verständlich, und die kölsche Seele ist das, was wir Kölsche uns bewahrt haben. Lieber Thomas. (zu Kantor Thomas Frerichs, der ihn am Klavier begleitet.) 

Talk Teil 3:  Die Hand Gottes

Hans Mörtter
Das war jetzt in jeder Hinsicht schön. Vielen Dank für dieses wunderbare Krätzchen, Ludwig und Thomas.

Ludwig Sebus
Vielen herzlichen Dank!

Hans Mörtter
Danke dir, Ludwig, danke euch (die Gottesdienstbesucher haben Ludwig Sebus mit standing ovations bedacht) – das ist – Kölsche Siel, das ist ein Krätzchen, das geht nach. Du stehst für eine Tradition der Krätzchen-Sänger, und die ist fast aussterbend, aber einige gibt es noch.

Ludwig Sebus
Ich fühl mich so – viele der Älteren hier unter uns werden es wissen – noch so ein bisschen in der Tradition von Ostermann, Berbuer, Jupp Schlösser, Jupp Schmitz und August Batzem.

Hans Mörtter
Ja, das ist auch eine Liga, in der du immer genannt wirst.

Ludwig Sebus
Ich war der Jüngste aus dieser Gilde, Karl Berbuer war 25 Jahre älter als ich, aber wir hatten ein freundschaftlich-väterliches Verhältnis, ich habe viel von ihm gelernt. Wir waren diejenigen, die die Musik damals gebracht haben, bis in die 70er-, 80er-Jahre. Dann kamen die Bläck Fööss, die Höhner, Paveier und andere Gruppen, de Räuber, dann nachher Brings und Kasalla jetzt, Cat Ballou, und so geht es immer weiter. Es rollen immer wieder neue Geschmacksrichtungen auf, die alten Lieder werden nicht ganz vergessen, aber sie werden überholt durch neue Lieder, und das ist auch gut so. Aber irgendwie bleibt beim Kölschen immer etwas haften, weil die Stimmung bei ihm ja vielfältig ist, und wenn er ganz lustig ist, singt er ja meistens "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin".

Hans Mörtter
Der Karnevalist Reiner Ostertag hat dich mal so vorgestellt: "Und hier ist Ludwig Sebus, der nach dem Krieg die Nächstenliebe nach Köln brachte.“ Der christliche Glaube, der die Nächstenliebe in den Mittelpunkt rückt, wird von Ludwig Sebus besungen und vorgelebt. Sieht man auch in deinen Advents- und Weihnachtsliedern, die du geschrieben und gesungen hast. Die "Schwazze Madonna in d'r Kofferjass" ganz besonders. Ich glaube, das ist so ein Schlüssel, die Nächstenliebe. Deine Krätzchen handeln genau davon, und das sind die leisen Töne, die auch im Karneval lange Zeit sehr prägend waren, dass die Leute zugehört haben, dass sie nicht gequatscht haben, dass sie nicht einen trinken gegangen sind mittendrin im Vortrag. Die haben zugehört. Welche Chance gibst du den leisen Tönen im Kölner Fastelovend heute?

Ludwig Sebus
Ich bin immer noch der Meinung, ein Lied muss Inhalt haben. Beim Kölschen Krätzchen besinge ich nicht nur die Empfindungen persönlicher Art, sondern auch das historische Köln. Ich habe viele Lieder über die Stadt geschrieben, darunter ist der Ostermann-Brunnen, der Berbuer-Brunnen und ich habe das Martinsviertel besungen. Den Dom natürlich öfters. Aber die leisen Töne an sich, die du eben ansprachst, die waren das, was mir vom Inhalt her am meisten gegeben hat und was natürlich auch von meiner Seite aus in der Erwartung am stärksten aufgenommen wird. Es sind Lieder, die auch in hundert Jahren nicht oberflächlich sind, sondern die Lieder, die uns vom Inhalt, von der Wesensart, vom ganzen Gefühl her etwas geben. Du siehst es am besten an den Ostermann-Liedern, die ja immer wieder die stärksten sind – "Ich mööch zo Foß noh Kölle jon", oder "Och wat wor dat fröher schön doch en Colonia ". Diese und alle anderen Lieder von Ostermann haben ja einen Inhalt. Auch die von Berbuer, Schmitz und so weiter sind anspruchsvoller und solche haben am meisten Aussicht, sich über die Jahrzehnte hin zu halten.

Hans Mörtter
Glaube ich auch. Du hast gesagt, in deinem Leben gab es mehrere Situationen, wo die Hand Gottes im Spiel war. Das waren Situationen, wo du eigentlich hättest tot sein müssen.

Ludwig Sebus
Es ist im Nachhinein für jemanden einfacher, einen Gottesglauben zu entwickeln, wenn man selbst mal die Hand Gottes gespürt hat. Ich habe im täglichen Vertrauen immer zum Herrgott gebetet, dass er die Hand über mich hält, und das hat er bis heute auch getan. Wenn man spürbar erlebt, dass er einem geholfen hat aus Situationen, die an und für sich nicht erklärbar waren. Ich kann eine einmal kurz anführen: Ich war gerade Soldat, war Funker, musste dann mit dem Funkgerät Stellung beziehen und meine Funksprüche abgeben. Einmal war ich ziemlich dicht an der Front. Die lockerte sich, auf einmal hörte ich Schüsse. Dann sah ich, dass sich unsere Front zurückgezogen hatte, aber die hatten vergessen, mich zu benachrichtigen. Da kam die russische Front in einer massiven Art so auf etwa 300 Meter auf mich zu. Ich kletterte auf einen Weinberg, um dahinter Schutz zu suchen. Ich hatte 40 Pfund zu schleppen mit allen Geräten und den Geheimunterlagen, und musste 250 Meter über einen ansteigenden Weinberg hinweg. Wegen der Geheimhaltung durfte nichts dem Russen in die Hände fallen. Alle russischen Munitionsträger, ob das jetzt Maschinengewehre waren oder Granatwerfer oder Pistolen, alles schoss auf mich ein, und mir zehn Minuten lang, wobei ich mich alle drei, vier Meter auf den Boden werfen musste, weil eine Salve kam, nichts passiert. Als einziges Ziel bei dieser ganzen Front, wo alles auf mich geschossen hat, zu erleben, dass mir nichts passiert, in dem Willen "Herrgott, hilf mir, dass ich hier gesund rüber komme", war für mich ein persönliches Wunder. Das sind natürlich Dinge, die mich auch gestärkt haben das ganze Leben über.

Hans Mörtter
In der Gefangenschaft bist du auf der Krim in einem Bergwerk verschüttet worden. Es sind nur zwei gerettet worden, und über 120 Menschen dabei gestorben. Auch ein Wunder. Die Gefangenschaft, das war ja immerhin von, glaube ich, 1944 bis Sommer 1949.

Ludwig Sebus
Bis '50.

Hans Mörtter
Da ist ja die Frage, wie verkraftet man das? Ich kenne eine ganze Menge Menschen aus der Gemeinde, die daran kaputt gegangen oder früh gestorben sind, weil sie entkräftet waren. Du beschreibst das ja selbst. Wie kann man solche eine Situation überleben, also die Erlebnisse des Krieges, und dann so eine lange fürchterliche Gefangenschaft, wo drumherum die Menschen sterben an Hunger oder weil sie es nicht aushalten, depressiv werden und sich umbringen oder an Krankheiten sterben, an Entbehrung, an Auszehrung. Es ist klar, dein Glaube hat dir geholfen, zu überleben.

Ludwig Sebus
Ja, aber in der Richtung ist es natürlich so, wenn man die ganze Gefangenschaft betrachtet, diejenigen, die also einen Glauben hatten, die also christlich erzogen waren, die haben es an und für sich leichter gehabt, wieder nach Hause zu kommen als diejenigen, die gezweifelt haben, die sich irgendwie entfernt hatten und nicht an den Herrgott glaubten.

Hans Mörtter
Aber Ludwig, was ist denn mit den Leuten, die sagen, bei dem, was ich jetzt erlebe, kann es keinen Gott geben?

Ludwig Sebus
Ja. Wie kann der Herrgott das zulassen? - Wie kann er es nicht zulassen? - Wenn man an den Herrgott als allmächtigen Vater glaubt, und zwar in der Form, dass er für den Menschen das Beste will, dann gibt es manchmal Dinge, die kann man nicht erklären. Das weiß man auch nicht zu deuten und da soll man auch gar nicht drum herumreden. In jedem Fall aber, egal, wie schwierig eine Situation im Leben ist, ist es immer besser und für mich gesehen auch einfacher, dem Herrgott irgendwie die Hand hinzuhalten und zu sagen "Führe mich". Ich habe das auch erlebt, wie du das eben sagtest, dass da eine gewisse Sparte von Kriegsgefangenen angesprochen wurde, die als junge Familienväter da waren. Die waren am anfälligsten. Die etwas älteren, so um die 50 herum, waren gestandene Männer, und wir junge, die wir noch nicht verheiratet waren, schafften es, was den Heimatgedanken, den Familiengedanken, den sie ja mitschleppten, einfacher zu verkraften. Diese jungen Männer hatten Familien, sie wussten nicht, wie kommen ihre Frauen zurecht, wie werden die Kinder das alles überleben, bleiben die Frauen ihnen treu, bleiben sie auch dann noch irgendwie ihre Ehefrauen, wenn sie nach Hause kommen sollten? In all diesem Bewusstsein der Unwägbarkeiten gab es eine Unsicherheit, und die Unsicherheit war auch teilweise so groß, dass sie seelisch krank wurden zu all den anderen körperlichen Gebrechen, die auch so eine Gefangenschaft mitbrachte, und dadurch war diese Gruppe die anfälligste.

Hans Mörtter
Ich mache jetzt einen Sprung, weil langsam die Zeit davon läuft. Es gibt einen Wahlspruch, der dir zugeschrieben wird: „Wat von Häzz kütt, geht auch zu Häzz“. Das ist ein Wahlspruch, der alle Religionen und Weltanschauungen überspannt. Das bedeutet diese Grundhaltung, was von Herzen kommt, geht auch zu Herzen, für die heutige Politik in deinen Augen?

Ludwig Sebus
Man geht viel zu viel nach dem Volk. Was will das Volk im Moment, was macht ihnen das Leben einfacher, wo kann man irgendwie Nischen suchen, wo man denen entgegenkommt, um irgendwie Wählerstimmen zu finden. Ich bin der Meinung, dass der Politiker viel zu wenig versteht, dass er gewählt ist von Menschen, die von ihm eine klare Haltung erwarten über Fraktionszwang hinaus, nämlich seinem Gewissen folgend, und dass er vor allen Dingen die Meinung vertritt, die allgemein im christlichen Sinne unser Leben bedeutet. Denn ich bin der Auffassung, all die Dinge lassen sich besser regeln, wenn man als Christ im Grundgebot der Liebe lebt, was uns der Herrgott gegeben hat. Wenn man da alles ein bisschen noch einordnet, dann, glaube ich, ist auch der Politiker am allerbesten bedient, egal, welcher Partei er zugehörig ist und auch zu welcher Couleur er sonst gehört und welcher Konfession er dient. Aber wichtig ist, dass er nach seinem Gewissen handelt. Ich vermisse in der Großzahl heutzutage das politische Gewissen. (Applaus)

Hans Mörtter
Auch in die Politik gehört das Herz und die Freiheit. Im Grunde bist du da ein Sozialrevolutionär à la Jesus. Können wir so sagen. [lachen] Die letzte Frage, die dann wirklich auch was mit dem Letzten zu tun hat: Du wirst in diesem Jahr 92. Ich kenne den Karl Zieseniß (ehemaliger Verwaltungsdirektor der Städtischen Bühnen), der früher die Oper gebaut hat in den 50er-Jahren, den Riphahn-Bau und anderes, wo noch alles geklappt hat. Der ist 103 und gut drauf. Also ich traue dir den 105. Geburtstag auch zu und wünsche mir den auch für uns, weil du innerlich so jung und fröhlich bist. Du hast eine ganz starke Seele. Aber klar ist trotzdem, dass die Zeit abläuft. Irgendwann määhst du dich op die Reis und spannst die Flügelchen aus. Hast du Angst vor dem Tod?

Ludwig Sebus
Nein. Vor dem Tod habe ich keine Angst. Ich möchte bloß nicht gern in ein Siechtum verfallen, wo einem das Sterben sehr schwer wird. Aber vor dem Tod habe ich überhaupt keine Angst, und da sehe ich auch hier meine Freunde, die fast genauso alt sind, wie hier der Ferdi Bongart oder auch der Dieter Beyer allemale ja –

Hans Mörtter
- der 85 gerade geworden ist -  

Ludwig Sebus
- die alle dieselbe Auffassung haben. Ich bin ein positiver Mensch. Ich sehe jeden Tag als Gottesgeschenk. Das kann man natürlich, wenn man älter ist wie ich, besser machen, als wenn man sich noch im Arbeitsprozess befindet. Aber ich sehe jeden Tag als Gottesgeschenk, und ich sehe in jeder Begegnung, auch am heutigen Morgen mit all diesen netten sympathischen Menschen, immer wieder etwas Positives, ein Geschenk, das mir der Herrgott macht, mit diesen Menschen hier zusammen zu sein. (Applaus)

Hans Mörtter
So is et. Das habe ich inzwischen nach all diesen Jahrzehnten, die ich mit dem Tod und dem Sterben zu tun habe, begriffen: Der Tod ist wie ein Gentleman, wie ein guter Freund. Der ist charmant. Früher hat man das Bild vermittelt, der kommt und nimmt dich weg, reißt dich mitten aus dem Leben. Das stimmt nicht. Der Tod klopft an und sagt: Hallo, es ist soweit, stell dich ein. Hast du den Koffer gepackt? Was musst du denn noch packen? Ist noch was zu klären, musst du dich noch verabschieden? Kümmere dich drum, nicht erst morgen, jetzt. Irgendwann merkst du dann, alles klar: Kannst kommen! Komm herein! Komm, gib mir deine Hand. Dann nimmt der Sterbende die Hand des Boten, und nicht umgekehrt. Nicht der Bote, der da kommt, den es wahrhaftig gibt, es ist unglaublich, der nimmt einen nicht weg und sagt, so jetzt nehme ich aber deine Hand, und jetzt gehst du, ob du willst oder nicht. Nein. Das ist, „ich will und ich nehme die Hand dieses Boten“ und sage, ich nehme mir die Freiheit, deine Hand zu nehmen, und jetzt jonn mer los.

Ludwig Sebus
Ich möchte dazu noch Folgendes sagen: Wenn der Tod kommen sollte – wir sind ja sowieso als Christen gut dran. Wir haben ja den lebendigen Glauben, dass es weitergeht. Ich bin heute wirklich darauf gespannt, wie das alles sein wird, wo ich jetzt nach dem Tod dran glaube.

Hans Mörtter
Mach dann für uns klar, dass wir im Lotto gewinnen, damit wir all unsere Projekte finanzieren können. [lachen] Aber das macht vielleicht den Christenmenschen auch aus, wenn er die Wurzeln des Glaubens wieder entdeckt. Es ist die Freiheit des Christenmenschen und das heißt: Ich habe keine Angst vor dem Tod, und keiner kann mir damit Angst machen. Dann kannst du dich auch im Faschismus frei bewegen und sagen, hier sind unsere katholischen Fähnchen, und hier stonn mer. Dann würde ich sagen, kommen wir zum Schluss – es gibt noch so vieles, was ich fragen wollte. Es war herrlich, Ludwig. Wir müssen das mal einen ganz langen Abend machen. Peter Brings hat mal was total Schönes zu dir gesagt: Wenn Musiker wie Wein sind, dann, Ludwig, bist du der beste Jahrgang aller Zeiten [lachen, Applaus].

Ludwig Sebus
Das ist natürlich stark übertrieben.

Hans Mörtter
Ich finde, der Peter hat irgendwie recht. Danke, dass es dich gibt, danke dem lieben Herrgott, dass er dich so gemacht hat.

Ludwig Sebus
Ich darf mich gerade noch mit drei kölschen Zitaten verabschieden. Das erste lautet also: Der Herrgott hat uns das Gesicht geschenkt, aber laache müsse mer selber. Das zweite lautet: Wenn ma nit dat hät, wat man jähn hät, dann muss man dat jähn han, wat man hät. Das Dritte ist, das betrifft aber nur die Männer hier, das heißt auf Kölsch so schön: Och de schönste Frau es an de Föß am Eng.

Redigiert von Helga Fitzner

Ludwig Sebus zu Gast beim 26. Kölner Talkgottesdienst mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: © amaara®

Ludwig Sebus hatte viel zu erzählen

Ludwig Sebus zu Gast beim 26. Kölner Talkgottesdienst mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Sonja Grupe

Nach dem Gottesdienst das "Foto-.Shooting"