15. Kölner Talkgottesdienst 06.02.2011
zu Gast: Günter Lamprecht & Claudia Amm

zu Gast: Günter Lamprecht und Claudia Amm

SPURENGEHEN

Zum 15. Kölner Talk-Gottesdienst gibt es ein Novum. Zum ersten Mal empfängt Pfarrer Hans Mörtter gleich zwei Gäste, den Schauspieler Günter Lamprecht und seine Kollegin und langjährige Lebensgefährtin Claudia Amm.

Günter Lamprecht wird 1930 in Berlin geboren, wo er 1945 noch als Hitlerjunge beim Endkampf um Berlin eingesetzt wird. Sein Vater ist überzeugter Anhänger der NSDAP. Günter Lamprecht stammt aus dem Arbeitermilieu, ist in mehreren Berufen tätig und absolviert eine Lehre als Orthopädiemechaniker mit Gesellenbrief. Ab 1953 nimmt er Schauspielunterricht bei Else Bongers in Berlin und erhält ein Stipendium für die renommierte Max-Reinhardt-Schule.

Im Laufe seiner Schauspielkarriere arbeitet er mit vielen der namhaftesten Regisseure zusammen wie Peter Zadek und Wolfgang Petersen. Regisseur Rainer Werner Fassbinder besetzt die Hauptrolle des Franz Biberkopf in der Fernsehserie "Berlin Alexanderplatz" mit Günter Lamprecht, die in den 80-er Jahren verdienten Kultstatus erreicht. Als Kommissar Franz Markowitz ermittelt er von 1989 bis 1995 im "Tatort". Neben vielen anderen Auszeichnungen ist Günter Lamprecht Träger des Bundesverdienstkreuzes.

Claudia Amm stammt aus Köln, wächst aber in Hannover auf. Dort macht sie eine Ballettausbildung und wird Fremdsprachenkorrespondentin für Englisch und Französisch, bevor sie sich an der Hochschule für Musik und Theater Hannover zur Schauspielerin ausbilden lässt. Sie hat feste Engagements am Schauspiel Bonn, den Schauspielhäusern Bochum, Düsseldorf und Hamburg und besucht die Schauspielschulen von Lee Strasberg in New York und Los Angeles. Seit 1984 arbeitet sie freiberuflich.

Im Jahr 1999 werden Günter Lamprecht und Claudia Amm in Bad Reichenhall Opfer eines 16-jährigen Amokschützen und schwer verletzt. Dieses Ereignis bestätigt Günter Lamprecht in seiner pazifistischen Grundhaltung und veranlasst ihn, zwei Autobiografien zu schreiben. Er engagiert sich auch weiterhin für Kinder, die Opfer von kriegsbedingter Gewalt geworden sind.

Text: Helga Fitzner

Talk Teil 1:  Prolog vor dem Altar

Zueignung

Günter Lamprecht (während die Musik ausklingt)
Ach , die „Moonlight Serenade“ von Glenn Miller, das ist so die Schmusemusik meiner Generation. Das ist etwas Wunderbares. Nachdem dieser ganze Nazikäse und diese fürchterliche Zeit mit ihren Marschliedern vorbei war, kamen plötzlich Glenn Miller und Benny Goodman und wir versuchten nach dem Krieg, das erste Mal zu tanzen. Wunderbar, sehr schön, danke, prima!


Prolog vor dem Altar

Günter Lamprecht
Bevor wir anfangen, muss ich erst einmal sagen, dass ich vom bisherigen Verlauf des Gottesdienstes ganz stark beeindruckt und berührt bin. Ich war lange Zeit nicht mehr in einer Kirche, nur zwischendurch, wenn ich irgendwo mit Lesungen unterwegs bin und es mir mitunter so richtig beschissen geht, dann flüchte ich und suche mir eine Kirche. Da finde ich dann immer wieder meinen Frieden. Aber heute ist das hier richtig beeindruckend, auch wie viele Menschen hier sind. Ich fühle mich hier ganz wohl.

Claudia Amm
Ich komme ursprünglich aus der katholischen Kirche, und da kennt man ja meistens nur die Rituale. Auch ich bin ganz überrascht über diese Offenheit und Freiheit und Menschlichkeit, die ich hier erlebe. Ich finde das sehr schön, wenn man sich auf diese Art begegnen kann.

Hans Mörtter
Immer wieder haben wir die Chance und die Möglichkeit, dem Jesuanischen auf die Spur zu kommen. Schaffen werden wir das nie, aber wir können uns nähern, einfach in Freiheit, unabhängig von Regeln und Gesetzen und Vorschriften und Verhaltensweisen. Das liegt an uns selbst und das geht.  

Talk Teil 2:  Vom Schreien und Beten

Hans Mörtter
Ich wollte zu Beginn auf Ihre Kindheit zu sprechen kommen, das finde ich nämlich ganz spannend: Günter Lamprecht war ursprünglich Arbeiterkind. Das ist eher ungewöhnlich für Schauspieler – darin unterscheiden Sie sich beide, Frau Amm.

Claudia Amm
Ich komme aus einer ganz normalen bürgerlichen Familie. Mein Großvater hatte eine Drogerie in Porz am Rhein, auf der sogenannten schäl Sick.

Hans Mörtter
Günter Lamprecht dagegen wurde 1930 als Arbeiterkind geboren. Zu dieser Zeit herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit. Es war eine ganz harte, grausame Zeit. Ein Neugeborenes bedeutete in erster Linie einen „Fresser“ mehr. Haben Sie das irgendwann mitgekriegt? Wie ist das, dieses Gefühl, eigentlich bin ich nicht gewollt?

Günter Lamprecht
Na ja, das hat die Mutti mir viel später erzählt, dass das eine sehr schwere Zeit war, in der ich geboren bin, und dass sie natürlich zu knapsen hatte. Da hat die Mutti schon versucht, abzutreiben. Aber nun war er denn da und da musste er ja nun leben. Dieses Leben in dieser Familie damals und in dieser Zeit, das hat mich wahrscheinlich geprägt.

Hans Mörtter
Kann es sein, dass Sie beide verbindet, an einem Fluss aufgewachsen zu sein? Herr Lamprecht, Sie sind an der Spree geboren, dazu kommen wir noch. Frau Amm, Sie sind eine geborene Kölsche, die später nach Hannover abgedriftet ist. Hat der Rhein eine Bedeutung für Sie?

Claudia Amm
Ja. Ich bin in Köln geboren und in Porz bei der Großmutter aufgewachsen. Für mich hat der Rhein als Kind eine große Bedeutung gehabt, vor allen Dingen auch diese strengen Winter, die kenne ich noch sehr gut. Da war der Rhein fast zugefroren, ganz zufrieren konnte er ja nicht. Ich erinnere mich an die Eisschollen und den Rheinberg, wo wir mit den Schlitten runterfuhren bis vor die Pontons. Man musste immer aufpassen, dass man nicht zu weit fuhr und vielleicht noch auf den Eisschollen im Wasser landete. Das habe ich sehr vermisst, als ich mit zehn Jahren nach Hannover zur Familie meiner Mutter kam. Mein leiblicher Vater ist im Krieg gefallen, ich hatte aber einen Stiefvater und noch eine kleine Halbschwester. Den Rhein habe ich unglaublich vermisst, vor allem aber die Großmutter, dieses Aufgehobensein bei der "Omma", wie man hier so sagt.

Hans Mörtter
Günter Lamprecht beschreibt in seiner Autobiografie, dass er am Ufer der Spree saß: „Ich sitze dort und träume“.  War die Spree ein besonderer Ort für Sie  gegenüber dem Zuhause mit der Gewalt des Vaters, den Schlägereien und seinem Betrunkensein?

Günter Lamprecht
Ja, ich glaube, ich hab das in meinem Buch ganz gut beschrieben. Wir Bengels, das war so eine Clique von vier Jungen, hatten unseren eigenen Platz an der Spree.  Dort trafen wir uns und begannen von da aus unsere Unternehmungen. Wir haben uns an diese Lastkähne herangehängt, uns herausfahren lassen und wieder zurück. Das war unser Spielplatz, unser Zuhause damals.

Im vergangenen Jahr machte der Fernsehsender rbb eine Sendung zu meinem 80. Geburtstag. Unter anderem machten wir ein Interview vor Ort an der Jannowitzbrücke. Da sind wir als Jungs immer runtergesprungen. Die Leute haben geklatscht und wir haben 50 Pfennig dafür kassiert. Davon gingen wir dann Eis essen. Wir haben auch den Zusammenbruch und das Kriegsende an der Jannowitzbrücke erlebt.

Während das Fernsehteam vom rbb noch die Technik vorbereitete, fiel mir ein alter Mann auf, der in einem Büchelchen herumblätterte und etwas hilflos aussah. Ich spreche ihn an, ob ich helfen kann und da sagt er: „Mensch, Jünta! Jünta, was machst du denn hier?“ Ich sag: „Wieso, was is Jünta?“ „Na, ich bin doch der andere Jünta.“ Ich sag: „Wieso Jünta?“ „Na, wir haben doch hier immer gespielt bede, wir sind doch immer hier runterjesprungen, weeste det nich mehr? Du bist der große Jünta und ick der kleene Jünta oder umgekehrt.“ Es ist Tatsache, dieser Mann war nicht bestellt – ich habe erst geglaubt, dass das vom Sender getrickst war, aber es war wirklich ein Zufall. Er war ein Gefährte meiner Kindheit.

Zu meinem Fluss in Berlin, zur Spree, da könnte ich stundenlang Geschichten erzählen. Am schlimmsten war der Zusammenbruch 1945, weil so wahnsinnig viele Leichen darin schwammen.

Hans Mörtter
Das muss eine grauenhafte Erfahrung für einen jungen Menschen gewesen sein. Als Sie noch vor dem Krieg als Sechsjähriger an der Spree saßen, wovon haben Sie da geträumt? Vom Theater vielleicht?

Günter Lamprecht
Nein, zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht.  Meine Mutter stammte aus Masuren in Ostpreußen, wo ich oft die Ferien verbrachte. Da waren meine Sehnsüchte, wenn ich an der Spree saß. Ich hab mich angeln sehen in Masuren oder auch in der Mark Brandenburg, wo mein Opa lebte. Das waren meine Träume damals.

Hans Mörtter
Sie haben als Kriegskind die Bombenangriffe auf Berlin miterlebt und wurden als 15-jähriger Hitlerjunge zu Lösch- und Bergungsarbeiten abgeordnet. Dazu gehörte das Bergen von Verschütteten und Leichenteilen. „Die Bilder waren grauenhaft, ich erbrach mich tagelang, und die Bilder blieben im Kopf“, schreiben sie in Ihrem Buch. Sind diese Bilder immer noch im Kopf?

Günter Lamprecht
Ja, die sind immer noch da, auch vorhin bei der Andacht und beim Beten. Ach, wissen Sie, wenn man mit 15 Jahren auf einem Hauptverbandsplatz als Hilfssanitäter zugeteilt wird und man jeden Tag im Schnitt 30 Gefallene oder …  Wenn man jeden Tag so um die 30 Menschen beerdigen muss, dann wird man sprachlos. Es sind einige Soldaten in meiner Gegenwart gestorben, und darüber schreibe ich auch in meinem Buch. Diese Dinge sind einfach eingebrannt. Ich werde sie nicht los, in vielen Träumen erscheinen die mir wieder. Dann bekommt man plötzlich diese Ängste und schreit und brüllt. Da habe ich wieder angefangen zu beten. „Hilfe, Hilfe!“, hab ich geschrieen. Lieber Gott konnte ich noch sagen, lieber Gott konnte ich auch schreien, aber am Schluss saß ich da, an so einer Matratze, wo der mit seinem Bauchschuss lag und starb. Da hilft dann so ein Versuch zu beten. Als wir wieder einmal unter Beschuss gerieten und liefen, um einen schwer verwundeten Landser wegzubringen, höre ich den Unteroffizier brüllen: „Ihr seid ja schlimmer als die Stalinorgeln.“ Ja, ich hatte laut um Hilfe geschrieen. Als wir später im Bunker ankamen und er uns einen Kaffee gemacht hat, so ‚nen Pulverkaffee, da sagt der Unteroffizier zu mir: „Sag mal, ick globe, det Beten, det hilft, wa?“ „Ja, musste mal versuchen.“ Das war 1945 am Kriegsende.

Hans Mörtter
1945 haben Sie selbst „zufällig“ eine Bombardierung überlebt, das heißt, Sie sind rechtzeitig aus dem Schutzkeller heraus, der dann zertrümmert wurde. Sie schreiben in Ihrem Buch: „Ein Wunder? Ja, das muss es gewesen sein.“ Also ich sage ganz einfach, es gibt keine Zufälle. Sie mussten weiterleben.

Günter Lamprecht
Ja.

Hans Mörtter
In Ihrem Buch schreiben Sie weiter: „Überleben, das habe ich gründlich und täglich als Lernprogramm auf meinem Zettel stehen, ich bin ein Überlebenskünstler.“ Und Sie erwähnen ein Lied, den Berliner Durchhaltesong. „Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, der Insulaner liebt keen Jetue nicht …“

Günter Lamprecht
„Der Insulaner hofft unbeirrt, dass seine Insel wieder’n schönes Festland wird.“

Hans Mörtter
Ihre innere Bindung an Berlin haben Sie nie verloren.

Günter Lamprecht
Ich bin in jedem Jahr drei-, viermal in Berlin, in meiner Heimatstadt, weil ich da immer wieder beruflich zu tun habe. Das Erste, was ich mache, wenn ich in Berlin ankomme, ist Spurengehen. Ich quäle mich. Irgendwo quäle ich mich. Ich muss, ich bin süchtig. Ich muss meine Plätze, die mir so viel Leid zugefügt haben, aufsuchen. Ich fahre mit dem Auto durch die Stadt und kann an jeder Ecke in Berlin eine Geschichte erzählen, und ich bin süchtig danach. Im Moment ist es wieder so schlimm, dass ich einiges vermische, mit diesen Kriegserlebnissen von damals. Ich habe jetzt wieder unruhige Nächte, weil ich nämlich übernächste Woche wieder in Berlin sein muss.  

Talk Teil 3:  Frieden und soziale Gerechtigkeit

Hans Mörtter
Sie sagen immer wieder: „Krieg ist Scheiße, ja, ja, ja. Immer wieder musste ich weinen, das war dann der kleine Jünta, der große wollte von nun an kämpfen für den Frieden, Frieden und soziale Gerechtigkeit.“

Günter Lamprecht
So ist es, ja.

Hans Mörtter
Ihre Schauspiellehrerin Else Bongers hatte erkannt, was Sie auf dem Kasten haben und sagte einmal: „Du übernimmst eine große Verantwortung mit diesem Beruf.“

Günter Lamprecht
Ja.

Hans Mörtter
Wie sehen Sie das, Frau Amm?

Claudia Amm
Für mich ist es ganz wichtig, eine bestimmte Message zu haben. Gut, mit Komödien kann man auch wunderbar unterhalten, es kommt immer auf die Qualität an, aber mir sind doch Inhalte wichtig, die ich über die erzählten Geschichten den Menschen nahe bringen möchte. Heute gibt es das sogenannte Regietheater, wo Regisseure manchmal Stücke dazu benutzen, ihr eigenes Ego zu befriedigen, so dass man die Stücke oft nicht mehr erkennt. Ich bin jetzt nicht so konservativ, dass ich denke, alles muss originalgetreu vom Blatt gespielt werden, aber ich vermisse sehr oft die Geschichte. Ich verstehe manchmal einfach nicht, was da oben passiert.  Als ich zum Theater gegangen bin, hatte ich das nicht so im Kopf. Ich wusste noch nicht so genau, warum ich den Beruf ausüben möchte, das hat sich viel später entwickelt. Wenn ich spüre, dass die Menschen das mögen und berührt sind von dem, was ich mache, dann freue ich mich darüber.

Hans Mörtter
Für das Regietheater wurde ein Name geprägt: Rübenrauschtheater. Könnten Sie das erklären?

Claudia Amm
Es gibt einen berühmten Theaterkritiker namens Gerhard Stadelmaier. Der beschrieb das moderne Regietheater so, dass die Regisseure inszenierten, was ihnen gerade durch die Rübe rauscht. Das war so treffend, dass der Ausdruck Rübenrauschtheater daraus entstand.

Hans Mörtter
Herr Lamprecht, Sie hatten in ihren Anfängen am Berliner Schillertheater das Glück, mit den Großen der Theaterszene arbeiten zu können, wenn auch zunächst unter ferner liefen.

Günter Lamprecht
Ja, im Schillertheater Berlin hatte ich das Glück, bei dem großen Erwin Piscator in seiner Inszenierung „Krieg und Frieden“ von Tolstoi dabei zu sein. Dieses Erlebnis hat mich geprägt und immer wieder, auch später, hatte ich das Glück, mit großen Regisseuren zu arbeiten.

Davon war ich geprägt und mit dieser Einstellung bin ich dann ans Schauspielhaus Bochum gekommen. Dort hatte ich das Glück, nur große, verantwortungsbewusste Regisseure zu kennen. Wir haben in Bochum „Der Teufel und der liebe Gott“ von Jean Paul Sartre gespielt. Das war sensationell. Da gibt es eine Stelle, wo der Götz den lieben Gott in Frage stellt und los legt: „Wo bist du denn Gott, komm her, guck dir an die vielen Toten hier, die Leichen, wo bist du denn Gott?“ An dieser Textstelle, die jeden Abend zur gleichen Zeit ablief, läutete der Pfarrer von der Kirche nebenan die Glocken. Es war ein Kampf zwischen Theater und …

Hans Mörtter
Wie bei Don Camillo und Peppone.

Günter Lamprecht
Aber tatsächlich! Und das in Bochum! Es war sensationell. Mit dieser Aufführung sind wir nach Paris  ins Sarah-Bernhardt-Theater eingeladen worden, und das war für mich damals mit eines der stärksten Erlebnisse. Wir hatten 40 Minuten Applaus! Sartre kam auf die Bühne, knutschte uns alle und meinte: Jetzt wäre sein Stück endlich verstanden worden...

Hans Mörtter
Das war das Wunder aus Bochum?

Günter Lamprecht
Es war wirklich so. Ich hatte eben Glück, dabei zu sein. Und da hatte ich als junger Mensch begriffen,  warum ich eigentlich Theater spiele und für was.

Hans Mörtter
Sie haben sich überwiegend mit sozialkritischem Theater einen Namen gemacht.

Günter Lamprecht
Ja, sozialkritisches Theater wurde es damals auch genannt. Das ist in mir drin geblieben und das hab ich mit herübergenommen ins Fernsehen und in den Film und bin natürlich überall angeeckt. Ich würde sagen, 80 Prozent meiner Arbeiten sind Produktionen, zu denen ich stehen kann, die wirklich die Botschaft haben: Frieden und soziale Gerechtigkeit. Ich fand es fürchterlich, wenn ich Sachen angeboten bekam, wo man vielleicht viel Geld verdienen konnte, aber der Anspruch fehlte. - Ich finde einfach, dass man diese Volksverdummung in Film und Fernsehen nicht einfach mit bedienen kann. Ich habe da ein Verantwortungsgefühl, es geht einfach nicht. Ich habe an meinem Berliner „Tatort“-Kommissar , Franz Markowitz (1989-1995), selber entwickelt und an den Drehbüchern mitgeschrieben und wollte den als Gegenpol haben zu Schimanski. Wir brauchen jetzt einen ruhigen, besonnenen Kommissar, einen, der wirklich aus der „Soße“ kommt.

Claudia Amm
Gewaltlos eben.

Günter Lamprecht
Vor allen Dingen hatte der nie eine Waffe bei sich, der ganze „Action-Kram“ sollte nicht stattfinden. Was meinen Sie, was das für Schwierigkeiten beim Sender gab. Da habe ich schließlich gekündigt.

Hans Mörtter
Der Sender hat das damals wohl nicht verstanden.

Günter Lamprecht
Es ist schon erschreckend: Ein Mordfall oder ein Krimi erschlägt den nächsten. Wir haben doch nur noch Krimis auf der Mattscheibe, das ist doch fürchterlich. Wenn ich daran denke, dass Claudia und ich damals in Bad Reichenhall beide von diesem Amokschützen zusammengeschossen wurden. Claudia lag im Koma, fünf Tage, und ich festgebunden in meinem Zimmer vor Schmerzen, dachte nachts, guckste fern, was sollste sonst machen. Dann hab ich gezählt, das waren jede Nacht 40 Tote, die ich dann immer auf dem Zettel hatte. Wenn man das Programm durchbeamt die Nacht. Das ist doch unheimlich, was da passiert.

Talk Teil 4:  "Die schmerzlichen Erfahrungen sind mein Fundus"

Hans Mörtter
Dann würde ich gerne auf Rainer Werner Fassbinder zu sprechen kommen. Das war ja eine große Liebe – stellt sich jedenfalls so dar.

Günter Lamprecht
Da ist tatsächlich was dran, ja.

Hans Mörtter
Was hat diese „Liebe“, die Beziehung zu Rainer Werner Fassbinder ausgemacht?

Günter Lamprecht
Die Freiheit, er hat mir sehr viel Freiheiten gegeben. Bei den anderen Regisseuren wurde man eingeengt. Der Rainer hat von vornherein erkannt, dass ich auf der richtigen Linie lag mit meiner Rolle, mit meinem Franz Biberkopf.

Hans Mörtter
„Du bist mein Franz Biberkopf“, hat er gesagt. (Anm. der Red.: Franz Biberkopf ist die Hauptfigur des Romans „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929. Zwischen 1979 und 1980 entstand eine 14-teilige Fernsehfassung des Romans).

Günter Lamprecht
Ja, das hat er gesagt: „Du bist mein Biberkopf“, und ich fragte dummerweise damals: „Wer ist denn det?“

Hans Mörtter
Ich bekomme demnächst eine ungekürzte Fassung von „Berlin Alexanderplatz“ auf Video. Darauf bin ich sehr gespannt.

Günter Lamprecht
Wir haben „Berlin Alexanderplatz“ vor zwei Jahren im Filmdepartment des New Yorker Museum of Modern Art vorgeführt. Danach waren wir damit noch in Paris. In einem Riesenkino am Montmartre fiel mir ein alter Mann auf, aus dem ich nicht schlau wurde. Der sagte: „Günter Lamprecht muss schon im Kopf meines Vaters existiert haben, als er den Biberkopf erfand.“ Es stellte sich heraus, dass das der letzte Sohn von Alfred Döblin war, der in Paris lebt. Ich habe einen knallroten Kopf bekommen, das war eine wahnsinnige Auszeichnung. Wunderbar!

Hans Mörtter
Was macht den Franz Biberkopf aus für den Günter Lamprecht? Sie sagen ja immer, ich war Proletarier und ich bin Proletarier geblieben, ich bin volksnah, das ist meine Kunst.

Günter Lamprecht
Ich verstehe mich auch als Volksschauspieler. Wir haben eben ganz kurz  meine proletarische Kindheit und die Kriegserlebnisse umrissen. Danach habe ich lange Jahre als Orthopädiemechaniker immer nur mit behinderten Menschen zu tun gehabt. Wir haben Prothesen gebaut und dann bleibt es nicht dabei. Ich bin dauernd damit konfrontiert worden, was der Krieg und die Gewalt mit Menschen macht. Ich konnte den  „Biberkopp“ mit meinem Erlebten ausstatten und so entstand eine Figur, die in der tiefsten Ecke landet, sich immer wieder aufrappelt und wieder von vorne anfängt und dann alles hinnimmt. Meine eigenen schmerzlichen Erfahrungen sind mein Fundus.

Hans Mörtter
Also eine Figur, die einfach aktuell bleibt. Ein Urmensch, ein Urvieh.

Claudia Amm
Ich erkenne darin, dass diese arme Kreatur für das Kämpfen des Menschen steht, anständig zu bleiben oder ein gutes Leben zu führen. Immer wieder scheitert er an den Verhältnissen und immer wieder versucht er,  aufzustehen. Im Grunde ist das so ein Sinnbild für das Leben. Mich greift das sehr an. Das ist nicht nur so ein starker Kerl mit einem breiten Rücken, der gewalttätig wird, sondern man bekommt mit, warum er gewalttätig wird.

Hans Mörtter
Sind das die Urthemen Sehnsucht, Zärtlichkeit, Liebe?

Claudia Amm
Ja, die Urthemen zeigen sich in dieser Figur, und deshalb finde ich die so berührend.

Hans Mörtter
Herr Lamprecht, Sie haben acht Jahre lang als Orthopädiemechaniker gelernt und gearbeitet.

Günter Lamprecht
Ja, das stimmt.

Hans Mörtter
Meine Redakteurin Helga Fitzner sagte im Vorfeld: „Ich vermute, dass Herrn Lamprechts Erfahrungen als Orthopädiemechaniker ihn bei seiner Arbeit als Schauspieler beeinflusst und geholfen haben. Ist da etwas dran, in Sachen Heilwerden und Ganzsein?“

Günter Lamprecht
Ja, Orthopädie, das heißt geraderichten, geraderichten, Dinge wieder in Ordnung bringen. Ich bin dankbar, dass ich diesen Beruf vorher gelernt habe. Es hat mir sehr gut getan, den mit in die Schauspielkunst nehmen zu können.

Claudia Amm
Dieser Fundus an Lebenserfahrung ist ganz wichtig für Schauspieler. Man sollte schon mal mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen gestanden und die Realität erlebt haben.

Hans Mörtter
Noch einmal zu Rainer Werner Fassbinder: Ich glaube, ich habe diesen Typen, den ich immer spannend fand, durch Sie viel besser verstanden. Es ging immer um Liebe. Das ist der Dreh- und Angelpunkt auch unserer Existenz.

Günter Lamprecht
Das trifft auf jeden Fall auf Rainer zu. Als wir uns nach längerer Zeit einmal in einem Berliner Lokal zufällig begegneten, fragt er, was ich so mache. Ich sag: „Na, wir drehen von der Ossowski den Roman ‚Liebe ist kein Argument’". „Um Gottes willen“, fing er an zu brüllen: Liebe IST ein Argument!“ Er wollte diesen Titel einfach nicht bestehen lassen, ist auch gar nicht auf den Inhalt eingegangen. Für ihn ist und war Liebe ein Argument.

Hans Mörtter
Sie beschreiben Ihre letzte Begegnung mit Fassbinder, die mich sehr bewegt und auch bestätigt hat. Und zwar darin, dass alles, was echt ist,  sich ankündigt. Zum Beispiel, der Tod kündigt sich an.

Günter Lamprecht
Wir saßen uns im Trubel gegenüber, konnten uns aber nicht sprechen. Ich musste zum Flughafen und dachte: „Scheiße,  jetzt kannste dem Rainer hier nicht richtig tschüss sagen. Dem geht's so beschissen, eigentlich müsstest du jetzt noch irgendwie was machen, drücken oder irgendwie.“ Es ging nicht. Kurz vor der Tür hatte ich das Gefühl, ich muss mich noch mal umdrehen, da ist was. Der Rainer war aufgestanden und kam hinterher. Dann standen wir uns gegenüber und es gab einen Kuss zwischen uns beiden…

Hans Mörtter
Das war der erste Kuss – und der letzte.

Günter Lamprecht
Am nächsten Morgen klingelt bei mir das Telefon. Es war die Bild-Zeitung Hamburg: „Morgen, Herr Lamprecht, sagen Sie mal, wie war denn so Ihr Verhältnis mit Rainer Werner Fassbinder?“ Ich frage: „Wieso war?“ „Na, der ist doch heute morgen gestorben.“ Ich hab dann eingehängt, ich konnte überhaupt nicht sprechen und hatte natürlich die Frontpage, eine riesige Seite in der Bild-Zeitung: „Tränen erstickten seine Stimme.“

Hans Mörtter
Unter dem Bild des Franz Biberkopf?

Günter Lamprecht
Ja, ja, unter dem Foto vom Franz „Biberkopp“.

Hans Mörtter
Das Faszinierende ist, dass der Tod sich ankündigt. Das erlebe ich immer wieder als Pfarrer oder auch als Notfallseelsorger. Dieser Abschied war wichtig. Das ging nicht, dass sie sich nicht hätten verabschieden können, diese Umarmung, dieser Kuss, der war wichtig für Sie beide, damit Sie sich lösen können, damit er gehen konnte.

Günter Lamprecht
Bestimmt, ja. 

Talk Teil 5: "Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?"

Hans Mörtter
Also das, was echt ist, muss auch geschehen. So weit wir das Sensorium dafür haben, was wirklich ist, dann passiert das, was gut und wichtig ist. Das erzählt diese Geschichte. – Jetzt würde ich gern auf Bad Reichenhall am 1. November 1999 zu sprechen kommen.

Claudia Amm
Günter Lamprecht und ich wurden 1. November 1999 von einem 16-jährigen Amokschützen über den Haufen geschossen. In diesem Moment, dachte ich: „Ist das jetzt der Tod?“ Dieses Ausgeliefertsein war für mich das Schlimmste. In diesem Augenblick konnte mich nicht an Gott wenden, nicht beten, weil der Gott der katholischen Kirche in meinem Leben nicht mehr existierte. Nach diesem Ereignis bin ich dem Leben gegenüber sehr dankbar geworden, sehr froh, dass ich lebe. Ich bin auf eine bestimmte Art auch bescheidener geworden, zufriedener mit dem, was ich habe. So gesehen, war das eine ganz wichtige Erfahrung. - Heute manchmal, wenn Günter und ich Probleme haben - nicht nur miteinander, sondern grundsätzlich - dann sage ich immer: „Das hat einen Sinn gehabt, dass wir am Leben geblieben sind.“ Für mein Leben hat das ganz bestimmt einen tiefen Sinn gehabt, den ich anfangs nicht erkennen konnte. Ich habe mich später dem Buddhismus zugewandt...

Hans Mörtter
Herr Lamprecht, gab es für Sie eine „Adresse“, an die Sie sich wenden konnten? Als 15-Jähriger in der Kriegszeit sagten Sie ja: „Beten hilft.“ Hat das geholfen in der Situation, konnten Sie das?

Günter Lamprecht
Ich hatte schon Routine aus meiner Erfahrung als 15-Jähriger. Bei der ganzen Schießerei habe ich mich nämlich etwas anders verhalten als Claudia. Da kam meine vormilitärische Ausbildung zum Tragen. Ich habe dann sehr praktisch und richtig gehandelt und, zum Beispiel, nach Deckung gesucht. Trotzdem blieb da eine Hilflosigkeit. Ich konnte nicht hin zu ihr. Es waren nur zwei Meter. Ich sah, wie bei ihr das Blut stoßweise aus dem Bauch herauskam. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, weil ich selber zusammengeschossen war, und dann schreit man natürlich und brüllt. Aber ich habe an die Adresse, an die Sie jetzt denken, nicht gedacht, sondern wirklich nur an praktische Hilfe. Ich hab geschrieen: „Warum hilft uns denn hier keiner? Diese feigen Schweine von der Polizei, die gehen in Deckung und schießen nicht. Schießt doch mal zurück! Ihr sollt den ja nicht erschießen, aber ihr sollt uns doch wenigstens schützen, damit wir hier raus können.“ Das war das verzweifelte Schreien von mir. Ich sehe dann, wie bei Claudia die Augen untergehen, ich sehe das Sterben kommen – bis Rudi Lorenz, ein mutiger Sanitäter, den Mut hatte, sie zu  bergen und ins Krankenhaus zu bringen. Ich habe so laut geschrieen, dass der Junge aufgewacht ist. Da hörte auch die Schießerei auf. Denn nach meiner Brüllerei wurde nicht mehr geschossen.

Hans Mörtter
Frau Amm,  erinnern Sie sich noch an etwas?

Claudia Amm
Nein, an nicht sehr viel. Das dauerte Tage. Ich wurde nur langsam aus dem künstlichen Koma zurückgeholt. Es ist im Grunde etwas, das mir im Nachhinein, aber viel, viel später auch eine gewisse Kraft gegeben hat, eine Kraft, das überlebt zu haben, natürlich auch mithilfe von Gott, sage ich jetzt mal. Insofern hat eine sinnlose Tat auch einen Sinn gehabt.

Günter Lamprecht
Wenn ich bei uns zu Hause sehe, wie Kinder Erschießen spielen, lege ich mich mit den Eltern an, bin dann der Buhmann, weil ich die Spielzeugsachen einsammle und wegwerfe. Und ausgerechnet mir passiert es dann, dass ich zusammengeschossen werde.

Hans Mörtter
Wir sind leider am Schluss. Das Erleben von Gewalt, Kugeln im Körper, die Kindheit, Bad Reichenhall – es gibt Menschen, die sagen, so etwas wie Afghanistan, das gehört zu unserer modernen Gesellschaft dazu, also eine Bundeswehr, Soldaten im Einsatz, eine Berufsarmee. Was sagen Sie dazu?

Claudia Amm
Ich denke, dass im Grunde jeder Einzelne etwas tun kann, damit Gewalt mehr und mehr verschwindet. Das hört sich vielleicht banal an, aber es fängt in der Familie an bei der Erziehung. Viele denken, dass es in Ordnung ist, wenn ein Junge mit einer Pistole spielt. Die Kinder übernehmen das auch aus dem Fernsehen. Die spielen dann richtig so kleine Erschießungsszenen nach. Da kniet sich einer hin und der andere hält ihm die Pistole an die Schläfe, so wie man das aus Krimis kennt. Da ist doch zu überlegen, ob man nicht anfangen sollte, im kleinen Umfeld, Frieden zu säen, indem man versucht, in den Kindern ein friedlicheres Gedankengut zu wecken. Auch diese Computerspiele sind etwas wirklich Gefährliches. Der Staat versucht immer wieder, einen Riegel vorzuschieben, aber das ist unglaublich, was Kinder an Gewalt konsumieren. Im Grunde muss man fragen: „Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?“ Auch der Amokschütze von Bad Reichenhall ist Opfer der Computerspiele-Industrie.

Günter Lamprecht
Ja, das ist ein ganz klarer Fall und es ändert sich nichts.

Ich bin seit einigen Jahren der Botschafter vom Friedensdorf in Oberhausen und wir kümmern uns um verletzte Kinder aus Krisengebieten. Gerade jetzt hatten wir wieder eine "Lieferung" von 95 Kindern aus Uganda. Wenn man die Kinder sieht, bei denen teilweise die Ärmchen und Beinchen weg sind, und diese schweren Verletzungen, dann kann man gar nicht anders handeln, wie ich handele. Ich sehe doch, wie gut es den meisten unseren "Jören" hier geht und die Eltern eigentlich versagen, und ich finde, die versagen wirklich.

Wir hatten einen kleinen Jungen aus Uganda am Tisch, der nach einem großen Empfang, wie alle anderen Kinder, ein halbes Hähnchen serviert bekam. Der isst nicht, der isst einfach nicht, der Junge. „Warum isst du denn nicht?“ „Ja, wo die anderen sind, die müssen doch noch kommen.“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein halbes Hähnchen nur für ihn alleine war. Wenn man das alles miterlebt, kann man gar nicht mehr ruhig schlafen.

Hans Mörtter
Krieg ist scheiße! Wer uns erzählt, dass Krieg sein muss und dass das eine Lösung ist, der lügt, der lügt, der lügt.

Günter Lamprecht
Ja. Ja. Ja.

Hans Mörtter
Es gibt so eine schöne jesuanische Geschichte. Die Blinden, die machte er sehend, die Tauben machte er hörend, und die Lahmen machte er gehend. Und taub und blind und lahm sind wir, wenn wir das Warum in dieser Welt nicht hören und danach suchen, wo vielleicht jeder auf die uns eigene Weise unseren Teil dazu beitragen können. - Es gäbe noch so viel zu besprechen. Hier sitzen zwei tolle Menschen. Danke, dass Sie in unsere kleine Kirche nach Köln gekommen sind.

Günter Lamprecht
Um Gottes willen, das ist ein wunderschönes Erlebnis und wir können auch gerne wiederkommen.

Hans Mörtter
Da würde ich mich freuen, vielen Dank!

Epilog

Hans Mörtter
Ich dachte mir, diese kleine Luther-Büste, die passt ganz gut als kleine Gabe.  Luther ist durchaus ein wilder Geselle gewesen, darin war er ein Kind seiner Zeit. Aber er hat Maßstäbe im freien Denken gesetzt, gegen die Regeln, gegen moralische Gesetze. Gegen eine angestaubte, erstarrte, tödliche, Angst machende Kirche hat er die Freiheit gesetzt und immer gesagt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Er war ein Steher. Das finde ich immer wieder beeindruckend, dieses: „Ja, lasst uns zusammenstehen in dieser Welt und so füreinander einstehen.“

Dazu möchte ich Ihnen die letzte CD vom Menschensinfonieorchester  geben, unserem Projekt von Musikern mit und ohne Obdach. Denn ich weiß, dass Ihnen die Clochards am Herzen liegen, die Obdachlosen, als Brüder in Freiheit, davon singt auch dieses Orchester. Der Alessandro Palmitessa, der heute hier Saxophon gespielt hat, ist der Leiter dieses Orchesters.

Redigiert von Helga Fitzner
überarbeitet von Günter Lamprecht und Claudia Amm
Fotos: Lothar Wages
Plakat: Hermann Vogel

Info über Günter Lamprechts Buch "Und wehmütig bin ich immer noch"

1999 wurden Günter Lamprecht und seine Lebensgefährtin Claudia Amm von einem Amokschützen schwer verletzt. Günter Lamprecht nahm dies später zum Anlass, sich über die Gewalterfahrungen in seiner Kindheit und Jugend Gedanken zu machen und schrieb seine erste Autobiografie.

Lamprecht wurde 1930 in Berlin geboren. Es war die Zeit der Weimarer Republik und einer schweren Wirtschaftskrise. Ein Neugeborenes zu dieser Zeit bedeutete als Erstes einen Esser mehr. Seine erste Erfahrung mit dem Tod machte Lamprecht schon als Kleinkind, als er beinahe in einem See ertrank. Als Vierjähriger stapfte er an der Hand der Mutter hinter dem Sarg seiner Oma her.

Zur Zeit des Dritten Reiches hätte der kleine "Jünta" eigentlich sehr stolz sein müssen, denn sein Vater war in der SA und galt als alter Kämpfer. Da der Vater aber Alkoholiker war und zu Gewalttätigkeiten neigte, wollte sich der Stolz auf ihn nicht einstellen. Jünta entwickelte sich zum Wadenbeißer, denn er versuchte - so klein wie er war - die Mutter vor den Gewalttätigkeiten des Vaters zu schützen, indem er den Vater ins Bein biss. Der Kriegsbeginn 1939 bedeutete für die Lamprechts den Einzug des häuslichen Friedens, da der Vater sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete.

Die letzten Kriegsjahre waren gekennzeichnet von den Bombardierungen durch die alliierten Streitkräfte mit all den Schrecken, Todesängsten und Anblicken von Leichen, die zum Kriegsalltag gehörten.

Trotz des Hungers und der Entbehrungen der Nachkriegszeit schaffte Lamprecht es, wieder so etwas wie eine positive Lebenseinstellung zu entwickeln. Er macht eine vierjährige Ausbildung zum Orthopädiemechaniker. Doch eigentlich zieht es ihn zur Schauspielerei. Er schafft die Aufnahmeprüfung für das renommierte Max-Reinhardt-Seminar. Auf die Frage, warum er Schauspieler werden will, obwohl er doch einen ordentlichen Beruf habe, antwortet er: "Ick will ma verbessern". Dieser Spruch wird zum Motto der Fortsetzung seiner Autobiografie.

Kurze Buchvorstellung von Helga Fitzner

Info über Günter Lamprechts Buch "Ein höllisches Ding, das Leben"

Das Jahr 1955 ist ein Wendepunkt in Lamprechts Leben. Nach Beendigung der Schauspielschule bekommt er sein erstes Engagement als Schauspieler - in Bochum. Er muss also sein geliebtes Berlin verlassen. Seine frisch angetraute Ehefrau begleitet ihn in diese ungewisse Zukunft. Lamprecht hat von Anfang an kein gutes Gefühl und er behält recht. Das unstete Leben als Schauspieler, die geringen Einnahmen und sein wachsender Alkoholkonsum lassen die Ehe scheitern, selbst als 1961 Tochter Annette geboren wird.

Lamprecht arbeitet mit fast allen Theatergrößen der Zeit: Hans Bauer, Hans Lietzau, Erwin Piscator, Boleslav Barlog, Rudolf  Sellner, Hans Schalla und Peter Zadek. Mit Selbstdarstellern, Regiedespoten und Oberflächlichkeit kann er nicht gut umgehen. Er stammt aus dem Arbeitermilieu und die meisten Theaterleute und Besucher gehören zum Bildungsbürgertum. Da eckt er oft an.  Und selbst in der Zeit nach der 68-er Studentenrevolte lässt er sich als nicht als Arbeiter-Ikone instrumentalisieren. Die späten 60-er und 70-er Jahre bringen ihm Ruhm. Er wird für das Fernsehen entdeckt und durch Peter Beauvais und Rainer Werner Fassbinder einem großen Publikum bekannt. Wie schon im Theater hat das Publikum ihn immer geliebt, wenngleich er bei einigen Regisseuren als schwierig gilt.

Insgesamt zeugen die Autobiografien von einem Menschen, der stets versucht, sich selbst treu zu bleiben. Er hat von Kindesbeinen an in menschliche Abgründe schauen müssen und sich trotz einiger Rückschläge nicht klein kriegen lassen.  Er begann seine Schauspielkarriere, weil er sich “vabessern” wollte, und möglicherweise hat er es geschafft, mit seiner Begabung die Welt ein kleines wenig zu “vabessern”.

Kurze Buchvorstellung von Helga Fitzner

Günter Lamprecht und Claudia Amm während des Gottesdienstes, Foto: Lothar Wages
Talkgottesdienst mit Günter Lamprecht und Claudia Amm,, Foto: Lothar Wages
Talkgottesdienst mit Günter Lamprecht und Claudia Amm. Moderation: Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages
Talkgottesdienst mit Günter Lamprecht und Claudia Amm. Moderation: Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages