2. Kölner Talkgottesdienst am 22.04.2007
zu Gast: Klaus Bednarz

Fernsehkorrespondez, Autor und Russland-Liebhaber

DEN MÄCHTEN UNBEQUEM SEIN

„Den Mächtigen unbequem sein“, heißt das Motto von „Monitor“. Unser Talk-Gast, Klaus Bednarz, war von 1983 bis 2001 Redaktionsleiter des aufrechten Polit-Magazins im ARD-Fernsehen und hat dieses Prinzip trotz manchmal heftiger Proteste der Mächtigen durchgehalten. - Heute verwirklicht er seine „journalistischen Träume“  und realisiert u. a. Fernsehdokumentationen der ganz eigenen Güteklasse.

1942 geboren, war Klaus Bednarz ein Kriegskind und verbrachte einen Teil seiner Kindheit unter sowjetischer Besatzung. Sein Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft. Die Besucher der Lutherkirche verfolgten mit Spannung, wie es kam, dass für ihn Russland trotzdem eine lebenslange Faszination ausübte. Bednarz war u. a.  als Redaktionsleiter des ARD-Studios Moskau tätig. Auch seine neueste Dokumentation hat er in Russland gedreht, in Karelien nördlich von St. Petersburg.

Von seinen Erfahrungen mit indigen Bevölkerungsgruppen, dem Leben mit der Natur in den unwirtlichsten Regionen der Erde und von den „Gefahren“ des Skat-Spielens mit Politikern erzählt er im folgenden Interview, das Peter Clös mit ihm führte.

Text: Helga Fitzner
Fotos: Helga Fitzner

Talk Teil 1:  25 Worte aus Tschelyabinsk

Peter Clös
Herr Bednarz, Sie haben im vergangenen Jahr ein Buch herausgegeben mit dem Titel: „Mein Russland – Literarische Streifzüge durch ein weites Land“. Da stellen Sie russische Literatur in ihrer Vielfalt vor. Im Vorwort erzählen Sie aus Ihrer Kindheit und von russischen Liedgesängen, die Sie damals schon faszinierten, Ihre Großmutter aber nicht. Möchten Sie diese Geschichte erzählen?

Klaus Bednarz
Meine Mutter und ich lebten bei meinen Großeltern mütterlicherseits in Falkensee am westlichen Rand von Berlin, der seit 1945 sowjetische Besatzungszone war. Meine Großeltern väterlicherseits hatten die Flucht aus Ostpreußen mitgemacht, bei der Tanten, Cousinen und Cousins von mir auf dem zugefrorenen Haff ums Leben gekommen sind. Mein Vater, ein ehemaliger Hauptmann bei der Flak, war 1945 von den Russen gefangen genommen worden. Wir wussten nicht, ob er noch lebte und wenn ja, wo er war. Die Großeltern und meine Mutter hatten zum Teil mit eigenen Augen gesehen, was an fürchterlichen Verbrechen von der Roten Armee bei Kriegsende an der deutschen Zivilbevölkerung verübt worden war. Uns  Kindern gegenüber – ich war damals so drei, vier Jahre alt – waren die russischen Soldaten aber immer sehr freundlich. Sie schenkten uns Zwieback und Bonbons. Abend für Abend hörten wir über die Felder ihre Lieder aus den nahegelegenen Kasernen. Schwermütige Lieder. Die haben mich fasziniert. Für meine Großmutter war das nicht so leicht zu ertragen. Ich aber, wenn ich im Bett lag und diese Lieder hörte, konnte nicht genug davon bekommen. Großmutter kam herein und wollte das Fenster schließen: „Nun singen sie wieder, die Russen!“, sagte sie, ein Satz, über den ich später lange nachgedacht habe und der sehr vielschichtig ist. Aber sie hat das Fenster offen gelassen, wenn ich sie darum gebeten habe.

Peter Clös
Ihre Familie ging also sehr differenziert mit der russischen Besatzung um. In meiner Kindheit war das schön geteilt. Der Russe stand als das vermeintlich Schlechte und der Amerikaner für das Gute. So ein Raster gab es bei Ihnen nicht?

Klaus Bednarz
Meine Familie wusste natürlich, was im Krieg und bei Kriegsende in Berlin vor allem Frauen Schreckliches angetan wurde von der Roten Armee. Aber sie haben in meiner Gegenwart nicht darüber gesprochen. Mein Großvater musste tagsüber zur Zwangsarbeit zu den Russen und in den Kasernen die Küchenabfälle beseitigen. Das hat uns das Überleben ermöglicht. Wir haben das, was schon in der Jauchegrube war, wieder herausgefischt. Das größte Festessen, an das ich mich in den Jahren 1945 bis 1947 erinnern kann, war ein Pferdekopf aus dem Jauchekanal.

Peter Clös
Ihr Vater ist dann aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und hat auch lobende Worte für die Russen gefunden. Wie kam das?

Klaus Bednarz
Es hatte lange kein Lebenszeichen von meinem Vater gegeben. Erst 1947 kam eine erste Postkarte mit kyrillischen Buchstaben und Hammer und Sichel drauf. Das waren genau 25 Worte, denn die durften aus dem Lager nur Karten mit 25 Worten schreiben. Das ging alles durch die Lagerzensur. Später erfuhren wir, dass mein Vater irgendwo in Sibirien ist, in Tschelyabinsk, einem Lager im Ural. - Nach Hause kam er in einer abgerissenen Wattejacke und mit einem Koffer, den ihm Kameraden in der Gefangenschaft gebastelt hatten. Das war im Winter 1949. Ich erkannte ihn nicht wieder, weil ich noch keine drei Jahre alt war, als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte. 1949 war ich schon sieben. Er begann nur allmählich von seiner Kriegsgefangenschaft zu erzählen, wie schrecklich sie gehungert haben, wie viele seiner Kameraden in den Lagern ums Leben gekommen sind. Doch manchmal, wenn sie in Kolonnen zur Arbeit ausrückten, dann haben ihm die Menschen aus den umliegenden Dörfern eine Kartoffel zugesteckt oder eine Rübe. Er wusste auch, dass die russische Bevölkerung in den Dörfern noch schlechter lebte, als die Deutschen in dem Gefangenenlager. Trotzdem gaben sie etwas ab. Er erzählte, wie russische Ärzte normalerweise versucht haben, die Gefangenen möglichst lange offiziell arbeitsfähig zu halten, dass aber eine russische Lagerärztin, eine Jüdin, ihm das Leben gerettet hat. Meine Eltern und meine Großeltern haben nie versucht, in mir einen Geist der Verachtung oder Feindschaft gegen die Russen zu erwecken.  

Talk Teil 2:  Blumen für die Dichter

Peter Clös
Sie schreiben im Vorwort Ihres neuen Buches sehr ausführlich über die besondere Bedeutung der Literatur für die ganz normale russische Bevölkerung. Welches sind Ihre Erfahrungen?

Klaus Bednarz
Als ich 1966 nach dem Studium nach Russland kam, habe ich festgestellt, welchen Stellenwert Literatur im Lande hat. Wenn man die russische Geschichte betrachtet, dann ist eigentlich die wichtigste moralische Institution nicht etwa die Kirche gewesen oder das Zarentum. Es war die Literatur -  bei denen, die lesen konnten. Die Dichter wurden verehrt wie Heilige. Wenn Sie heute noch durch Russland fahren, werden Sie erstaunt sein über die vielen Denkmäler für Dichter und die Tatsache, dass dort fast immer frische Blumen sind. Ich bin gerade vor wenigen Wochen von einer Drehreise durch Karelien zurückgekommen, einer wunderschönen Landschaft  nördlich von St. Petersburg. Dort ist das Grab von Anna Achmatowa,  die als die bedeutendste Lyrikerin der russischen Geschichte gilt. Unter Stalin wurde ihr Mann ins Lager gesteckt und erschossen. Sie selber durfte nicht veröffentlichen. Und ihr Grab schmücken bis heute – ich bin da gewesen, ich hab’s gedreht – immer frische Blumen. Ich weiß, als ich 1966 nach Russland kam, da wurden viele russische Dichter nicht gedruckt, weil es die Zensur verhinderte. Das waren Pasternak,  Anna Achmatowa und viele andere, wie  Ossip Mandelstamm, der auch im Lager umgebracht worden ist, oder Joseph Brodsky. Wenn wir dann die Gelegenheit hatten, aus dem Westen russische Bücher der verfemten Autoren nach Moskau zu schmuggeln, da wurden uns Unsummen geboten. Ich habe Menschen gekannt, die einen Monatslohn und mehr für einen Gedichtband von Anna Achmatowa oder von Ossip Mandelstamm geopfert haben.

Talk Teil 3:  Indianer-Wörterbuch

Peter Clös
Sie sind immer wieder in entlegene Regionen gefahren. So sind Sie zum kältesten Punkt der Erde in Sibirien und zum südlichsten bewohnten Ort der Welt auf Feuerland gereist. Warum berichten Sie denn über Gegenden, wo andere nur zur Strafe hingeschickt werden und nicht aus dem Bayrischen Wald?

Klaus Bednarz
Ich bin nun mal Journalist, und eine unserer „Grund-Tugenden“, wenn wir unseren Job richtig machen, ist eine nie erlahmende Neugier. Es gibt sehr viele Orte in der Welt, da sehen sie schon die Löcher von den Stativen, die das Kamerateam vor Ihnen hinterlassen hat. Wenn man in Gegenden kommen möchte, die auch journalistisch noch unberührt sind, kommt man automatisch in entlegene Regionen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie es Menschen gelingt, unter den extremsten, allgemein als unmenschlich geltenden Bedingungen zu leben, und wie sie sich mit der Natur arrangieren. Im Norden Sibiriens am Ufer der Beringstraße haben seit 3000 Jahren Eskimos und Tschuktschen nicht nur überlebt, sondern eine ihnen eigene Kultur entwickelt. Das gilt auch für die Indianer in Feuerland, die dort seit rund 10.000 Jahren nachweislich ansässig waren. Charles Darwin hat über die Yamana-Indianer auf Feuerland geschrieben: “Diese Geschöpfe sind den Tieren ähnlicher als den Menschen, sie haben keine Kultur, keine Sprache, sondern nur unverständliche einzelne Laute.“ Diese Yamana-Indianer haben aber durchaus eine hochentwickelte Kultur. Um 1880 hat ein Engländer als einer der wenigen weißen Missionare die Sprache gelernt und ein Wörterbuch der Yamana-Sprache zusammenzutragen. In diesem Wörterbuch, von dem er im Vorwort sagt, dass er nur einen Bruchteil der Sprache überhaupt erfassen konnte, waren etwa 33.000 Begriffe versammelt. Der erste deutsche Duden, der zur gleichen Zeit erschien, hatte nur 29.000 Begriffe. Soviel zum Thema Menschen ohne Kultur und Tradition.

Talk Teil 4:  Zeichen lesen

Peter Clös
Ich denke, ich bin genauso neugierig wie Sie, nur habe ich ein wenig mehr Scheu und Angst, diese Neugier in die Tat umzusetzen. Müssen Sie auch gelegentlich solche Hürden überwinden?

Klaus Bednarz
Natürlich. Die Hürde besteht zunächst mal darin, dass man einen Riesenberg von Nicht-Wissen abtragen muss, um sich vorzubereiten. Das ist das Erste und das Wichtigste. Als Zweites versucht man, völlig offen dahin zu gehen und einfach aufnahmebereit zu sein. In meinen Büchern und Filmen werden Sie fast nirgendwo etwas Kommentierendes bemerken. Ich versuche, nur zu registrieren, zu verstehen und komme auch nicht mit dem zivilisatorischen Hochmut der Weißen dahin, um nun festzustellen, auf was für einer Stufe die Menschen dort leben. Ich bin jedes Mal voller Bewunderung dafür, wie sie es schaffen, sich in diesen unwirtlichsten Regionen einzurichten, welche Kraft sie entwickeln, aber auch welches Verständnis sie für die umgebenden Kräfte der Natur entwickeln. Und man lernt sofort, du kannst nicht gegen die Natur leben. Du musst in Einklang mit ihr leben, sonst bist du buchstäblich verloren. Das erfährt man an sich selbst, wenn man wochenlang in Sibirien im Winter durch die Taiga fährt, und weiß, es kann hier jederzeit etwas passieren, wenn du dich nicht der Natur anpasst,  wenn du nicht versuchst, ihre Zeichen zu lesen.

Das ist etwas, was mich jedes Mal auch mit Demut erfüllt, wenn ich sehe, wie die Menschen einem Fremden fast immer offen und herzlich begegnen. Das große Problem: Man kommt hier in Regionen, wo einen auch das soziale Elend einfach überwältigt. Es handelt sich um Millionen, seien es jetzt Indianerkulturen in Nord- und Südamerika oder indigene Völker in Sibirien, die durch den weißen Mann entweder fast völlig „ausgerottet“ oder zerstört worden sind. Und Sie sehen heute das, was die „weiße Zivilisation“ mit diesen Menschen gemacht hat, mit ihnen persönlich, mit ihren Gesellschaftsstrukturen, mit ihren sozialen Strukturen. Es ist Elend ohne Ende. Ich werde dann immer von einem schlechten Gewissen befallen, wenn ich an den nächsten Ort weiterziehen muss. Man müsste eigentlich da bleiben oder zurückkommen und versuchen, Strukturen aufzubauen, mit denen man diesen Menschen helfen kann. Das kann ich nicht leisten, denn dann müsste ich hier meinen Beruf aufgeben. Trost ist vor allem eins, dass mir die Menschen dann immer wieder sagen: Es ist schade, dass ihr jetzt wieder weg fahrt, aber es ist gut, dass ihr hier ward und über uns berichtet habt, denn sonst werden wir ganz vergessen. 

Talk Teil 5:  Journalistische „Beiß-Hemmungen“

Peter Clös
Sie haben 18 Jahre lang  im Polit-Magazin „Monitor“ den Mächtigen auf den Zahn gefühlt. Was macht denn am Aufdecken von Wahrheiten, die von Mächtigen gar nicht aufgedeckt werden wollen, so viel „Spaß“?

Klaus Bednarz
Wenn Sie einen Müllmann fragen, der jeden Tag den Dreck von den Straßen räumt, ob ihm das Spaß macht, weiß ich auch nicht, ob ihm das ein großes Behagen bereitet. Aber wenn man sich als investigativer, als aufklärender Journalist versteht, der ein innenpolitisches Magazin machen soll, dann ist es sein verdammter Job, aufzuklären. In unserer Redaktion hing als unausgesprochenes Motto über unserer Arbeit: Den Mächtigen unbequem sein, denen, die im großen Konzert der öffentlichen Stimmen kaum eine Chance haben, sich Gehör zu verschaffen, wie  Kranken, Kindern, und sozial Schwachen. Es war ein Versuch, möglichst viel von dem ans Tageslicht zu holen, was in der Politik, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, von den Kirchen und den Gewerkschaften unter den Teppich gekehrt werden sollte. Das ist in der Tat eine schon etwas kämpferische Grundkonstellation, weil man natürlich weiß, dass die Mächtigen mit allen Mitteln versuchen, genau das zu verhindern. Das war mein Job, und da wird schon mit sehr harten Bandagen gekämpft.

Peter Clös
Damit standen Sie aber im Spannungsfeld, einerseits der Stachel im Fleisch zu sein, aber auf der anderen Seite auch deren Unterstützung und Mithilfe zu brauchen, um an die Informationen heranzukommen.

Klaus Bednarz
Das ist ein in der Tat schwieriges Unterfangen. Auf der einen Seite müssen sie sich in die Nähe der Mächtigen begeben, wenn sie Informationen haben wollen, aber gleichzeitig Distanz halten und sich nicht vereinnahmen lassen. Die meisten Politiker haben Gesprächkreise mit Journalisten, sog. Hintergrundgespräche. Dort herrscht eine ganz klare Spielregel, die gekennzeichnet ist durch die Nummern 1, 2 und 3. Wenn ein Minister sagt, was ich jetzt sage, ist unter 1, dann heißt das, Sie können alles, was er sagt, sofort veröffentlichen mit Namensnennung und vollen Zitaten. Wenn der Minister sagt, das ist unter 2, dürfen Sie zwar indirekt zitieren, aber ohne Quellenangabe. Da lesen Sie dann: Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet. Wenn ein Politiker sagt, dieses Gespräch lief unter 3, dann wissen Sie schon mal, das ist das wichtigste Gespräch überhaupt, aber unter 3 heißt, Sie dürfen daraus überhaupt nicht zitieren, weder direkt noch indirekt. Das ist die stärkste Waffe, die Politiker gegenüber Journalisten haben - die Vertraulichkeit. Wenn ich einen Journalisten ins Vertrauen ziehe, fühlt er sich geehrt und erfährt er eine Menge Dinge, die er sonst nicht erfahren würde, aber um den Preis, dass er darüber nicht berichten darf.

Dann gibt es auch ganz rigide Maßnahmen von Politikern gegen Journalisten. Wenn ein Journalist dem Bundeskanzler oder der Bundeskanzlerin negativ auffällt, dann wird er beim nächsten Staatsbesuch nicht in der Regierungsmaschine mitfliegen dürfen. Das ist innerhalb von Europa oder in die USA kein Problem, aber wenn ein Minister nach China fliegt, da kommen Sie allein nicht so schnell hinterher. Ich habe selbst mal auf einem Langstreckenflug mit einem Minister, dessen politisches Wirken ich äußerst kritisch betrachtete, sechs Stunden lang mit großem Vergnügen Skat gespielt. Ich habe festgestellt, dass er ein umgänglicher, netter, witziger, schlagfertiger Mensch ist, der außerdem noch hervorragend Skat spielt. Da hatte ich ein paar Tage hinterher sog. „Beiß-Hemmungen“, über ihn genauso kritisch zu berichten, wie ich das vorher gemacht hatte.  

Talk Teil 6:  "... als hätten wir nie berichtet"

Peter Clös
Wenn dann eine Wahrheit ans Licht gezerrt wird, was passiert dann damit? Sie haben geschrieben, dass sich Politiker angewöhnt haben, gar nicht mehr zu reagieren. Wenn aber nichts mehr geschieht, was hätte das Aufdecken von Wahrheit noch für einen Sinn?

Klaus Bednarz
Das ist ein großes Problem für alle Journalisten, die investigativ arbeiten. Es gab in der Bundesrepublik vor einiger Zeit eine sehr heftige Diskussion um die Frage, ob in der Türkei deutsche Waffen gegen Kurden eingesetzt werden. Von der deutschen Politik wurde dies vehement bestritten. Dann haben wir von „Monitor“ das nachweisen können und in Bild und Ton die Schützenpanzer gezeigt, die früher zur Nationalen Volksarmee der DDR gehörten und nach der Wende in den Besitz der Bundeswehr gekommen waren. Wir haben den damaligen Außenminister Klaus Kinkel um Stellungnahme gebeten. Herr Kinkel gab an, er wisse hundertprozentig, dass keine deutschen Waffen in der Türkei gegen Kurden  eingesetzt würden. Wir haben noch einmal berichtet, und ein drittes Mal. Beim dritten Mal habe ich Herrn Kinkel in der live Sendung öffentlich einen Lügner genannt und gehofft, dass er mich verklagen würde. Nichts ist passiert. Er hat getan, als ob wir nicht gesendet hätten. Und das hat zunehmend Schule gemacht, auch bei großen Konzernen.

Manchmal lohnt sich die Hartnäckigkeit aber auch. Im Chemiewerk Boehringer in Hamburg hatten sich seit Jahren Berichte gehäuft, dass in diesem Werk Arbeiter in einem unvorstellbar hohen Prozentsatz erkrankten und viele frühzeitig starben. Auch in der Bevölkerung rund um diese Fabrik gab es einen ausgesprochen hohen Krankenstand. Dann haben wir festgestellt und berichtet, dass in dieser Fabrik bei der Produktion eines bestimmten Mittels Dioxin freigesetzt wird. Wir haben das erste Mal darüber berichtet, und die Reaktion der Industrie war wie immer eindeutig: Das sei alles erstunken und erlogen. Dann haben wir weitere Gutachter beauftragt, Labormessungen in der Luft und im Boden im Umfeld dieses Betriebes vorzunehmen, und ein zweites Mal berichtet. Auch da hieß es, dass alles erstunken und erlogen sei. Die BILD-Zeitung titelte: Monitor lügt, und der Hamburger Senat stellte sich demonstrativ hinter das Unternehmen, weil es ein ganz wichtiger Wirtschaftsfaktor war. Beim vierten Mal konnten wir mit Hilfe von unabhängigen, schwedischen Wissenschaftlern nachweisen, dass Dioxin über die Nahrungskette inzwischen in der Muttermilch ankommt und in der Umgebung dieses Hamburger Werkes nachgewiesen werden konnte. Erst nach dem vierten Mal wurde das Boehringer Werk in Hamburg geschlossen. Die Ironie der Geschichte: Ich habe 20 Jahre später eine Rede auf einer Veranstaltung der Chemieindustrie gehalten. Hinterher stand jemand auf und sagte: Ich vertrete Boehringer. Da habe ich gedacht: Jetzt wird’s munter. Es wurde überhaupt nicht „munter“. Er sagte: Wir haben heute ein Firmenvideo, in dem wir auf Ihre Berichterstattung von damals eingehen und sagen, dass es besser gewesen wäre, wenn diese Berichterstattung schon einige Jahre früher erfolgt wäre. 

Talk Teil 7:  "Nicht zu berichten, ist noch schlimmer "

Peter Clös
Wenn man das Thema Gerechtigkeit in der Welt zu Grunde legt, empören Sie sich immer noch?

Klaus Bednarz
Ich habe Lore Lorentz, die unvergessene Kabarettistin vom Köm(m)ödchen in Düsseldorf, einmal gefragt: Gnädige Frau, Sie sind doch nun schon seit, pardon, 40 Jahren im Geschäft, und Sie wirken immer noch so zornig, dass man sich fragt, wie kann man das schaffen? Wie ist das zu erklären? Und sie sagte: Ich bete jeden Tag zu dem da oben: Herr, erhalte mir meinen Zorn. Das ist auch das, was ich mir in der Redaktion von „Monitor“ immer wieder gesagt habe. Auch wenn wir festgestellt haben, dass Vieles, was wir machen, offenbar wirkungslos geblieben ist. Aber was ist denn die Alternative? Nicht zu berichten, das ist noch schlimmer. Also versuchen wir, uns unseren Zorn zu erhalten und immer weiter zu machen. Nicht um die Welt zu verbessern, das werden wir nicht schaffen, aber um vielleicht an der einen oder anderen Stelle dazu beizutragen, dass es etwas gerechter zugeht.


Hinter neutestamentarischen Lexika
Schlusswort von Pfarrer Hans Mörtter

Ich hatte mal das Vergnügen, einen Nachbarn zu haben, der Redakteur bei „Monitor“ war. Und es kam schon mal vor, dass der bei mir klingelte und sagte: Hans, ich muss Dir was vorbei bringen. Er suchte quasi Asyl für sein Material mit Zahlen, Telefonnummern und Adressen von Informanten, weil er das Gefühl hatte, es könnte irgendwie sein, dass von staatlicher Seite jemand auftaucht und die Quellen einfordert. Die Unterlagen verschwanden dann bei mir hinter irgendwelchen neutestamentarischen Lexika. Das fand ich ziemlich klasse.
Ja, dieses Gefühl, Herr Bednarz, von dem Sie erzählt haben: Die haben einfach nicht reagiert, man muss es immer wieder neu anbringen, bis sich vielleicht etwas ändert, das erlebe ich als ein Grundmotiv in diesem Land und auch in unserer Kirche. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der mehr darüber diskutiert wird und eingefordert wird, dass wir einander gerecht werden, so wie Sie das mit Ihrer Arbeit immer wieder tun.

Redigiert von Helga Fitzner 

1. Kölner Talkgottesdienst an der Lutherkirche mit dem Bundesinnenminister a. D. Gerhart Baum (FDP), Foto: Lothar Wages
2. Kölner Talkgottesdienst an der Lutherkirche mit Klaus Bednarz, Moderator Peter Clös und Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Helga Fitzner
2. Kölner Talkgottesdienst an der Lutherkirche mit Klaus Bednarz, Moderator Peter Clös und Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Helga Fitzner