5. Kölner Talkgottesdienst am 24.02.2008
zu Gast: Karin Beier

Die neue Intendantin des Schauspiels Köln und ihr Konzept

"ICH GLAUBE SCHON, DASS THEATER SINNLICH SEIN SOLL"

Mit Karin Beier begrüßten wir erstmalig eine Frau und junge Mutter als Gast in unserem Kölner Talk-Gottesdienst. Seit Beginn der Spielzeit 2007/2008 ist sie die neue Intendantin und Hoffnungsträgerin des Schauspielhauses Köln. Ihren Einstand gibt sie mit einer Inszenierung von Friedrich Hebbels Stück „Nibelungen“, für die sie von der Süddeutschen Zeitung (20.10.07) als „Kölsche Klasse“ gefeiert wird. Karin Beier hat die Absicht, ein Theater zu machen, das etwas mit der Stadt zu tun hat. Ein gutes Drittel ihres Ensembles hat einen Migrationshintergrund, stammt ursprünglich aus Polen, Kroatien und anderen Ländern. Damit will sie der multikulturellen Prägung der Stadt Rechnung tragen. Sie hat auch in früheren Stücken diesen interkulturellen Ansatz erfolgreich umgesetzt.

Talk Teil 1:  ERSTER AKT - Präpotente Hutzbe

Peter Clös
Die Kunstform Theater hat sich bei Ihnen in jungen Jahren herausgebildet. Sie haben mit 21 Jahren schon eine freie Theatergruppe gegründet und Shakespeare im Original inszeniert. Ist das durch Ihr Elternhaus gekommen?

Karin Beier
Die ersten Impulse kamen vor allem durch die Schule. Als ich ungefähr 15 Jahre alt war, haben Freunde von mir einen Theaterbesuch vorgeschlagen. Mit meinen Eltern war ich vorher nie im Theater. Sie haben mich zwar mit in die Oper genommen, das war aber ehrlich gesagt, überfordernd für Kinder. Mit meinen Freunden war das cooler. Wir hatten an der Schule auch eine sehr gute Deutschlehrerin, die uns in dieser Richtung sehr motiviert hat.

Peter Clös
Sie haben in der Schule dann ein Stück inszeniert.

Karin Beier
Ja, als wir im Englisch-Leistungskurs zum ersten Mal Shakespeare lasen. Der Originaltext war für uns extrem schwer, wegen des Elisabethanischen Englisch. Mein Vater hatte aber eine Sammlung von Langspielplatten, auf denen Zusammenfassungen von Shakespeare-Stücken von Schauspielern der Royal Shakespeare Company gesprochen waren. Ich habe diese Langspielplatten immer wieder gehört, dauernd, bis ich sie mehr oder weniger auswendig konnte. Daraus folgte die Idee, mit dem Englisch-Leistungskurs ein Stück zu inszenieren.

Peter Clös
Ihre Mutter ist Engländerin und Ihr Vater Englischlehrer. Sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

Karin Beier
Ja, als kleines Kind schon. Mir war das aber, als meine Schwester und ich im Kindergarten waren, extrem peinlich. Die anderen haben gelacht, wenn wir Englisch sprachen. Im Deutschen konnte ich dagegen die Artikel nicht auseinander halten. Ich habe „der“, „die“, „das“ immer durcheinander gebracht. Daraufhin habe ich aufgehört, Englisch zu sprechen. Mittlerweile spreche ich es mit einem deutschen Akzent.

Peter Clös
Sie sind in der Liebfrauenschule für Mädchen in Köln zur Schule gegangen. Das soll ja eine katholische „Kaderschmiede“ gewesen sein. Was ist von dieser Schule noch an religiösem Überbleibsel in Ihnen übrig geblieben? Was hat Ihr Leben da weiter beeinflusst?

Karin Beier
Soll ich das jetzt ganz ehrlich beantworten? Im Nachhinein, rückblickend, würde ich sagen, dass diese Schule eher weniger christliche Werte vermittelt hat. Ich denke öfter darüber nach. Es hat wohl mit der Zeit zu tun. Ich glaube, dass diese Schule, wie andere auch, vom Zeitgeist geprägt war. Das waren die 80-er Jahre, und wir wurden sehr zu Ehrgeiz erzogen. Bei einer Umfrage im Abiturjahrgang haben alle die Karriere an die erste Stelle gesetzt, noch vor Familie und anderen Werten. Der Kanon war: Sei besser als dein Nachbar! Die Bemühung der Schule war es, uns lebensfähig zu machen und die Mädchen emanzipiert zu erziehen, was durchaus begrüßenswerte Dinge sind. Dieser 80-er Jahre-Ehrgeiz, der uns da vermittelt wurde, hat mich auch irgendwie ein Leben lang verfolgt. Ich werde aber versuchen, das meiner kleinen Tochter nicht als Wert mitzugeben. Ich habe immer empfunden: Ich bin das, was ich mache. Ich werde über das definiert, was ich tue. Aber meiner Tochter will ich mitgeben, dass sie etwas wert ist, einfach so wie sie ist.

Peter Clös
Der Wert eines Menschen liegt also schon allein in seiner Existenz begründet.

Karin Beier
Ja, und Glück wird nicht dadurch bestimmt, dass man erfolgreich ist. Am Theater hetzen wir alle immer irgendwie dem Erfolg hinterher. Jeder, der zum Theater geht, ob als Schauspieler oder Regisseur, sucht natürlich die vielen Augen, die auf einen gerichtet sind. Das ist eine Form von Narzißmus. Vielen reicht es nicht, aus sich selbst zu schöpfen, und sie jagen der Anerkennung von außen nach. Dieses erfolgsorientierte Leben finde ich fragwürdig.

Peter Clös
Dazu muss man aber sagen, dass Sie von Anfang an erfolgreich waren. -  Wie ist es dann zur Gründung der freien Theatergruppe während Ihres Studiums gekommen?

Karin Beier
Das hatte etwas damit zu tun, dass meine erste Begegnung mit dem Theater etwas mit Shakespeare zu tun hatte und ich mich sehr in die Sprache verliebte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit dem Elisabethanischen Englisch konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, jemals Shakespeare auf deutsch zu inszenieren. Es wurden damals vom Englischen Seminar der Uni Köln Studienreisen nach Stratford in England mit Theaterbesuchen angeboten. So kam es dazu, eine Theatergruppe am Englischen Seminar zu gründen, wo wir mit Studenten Shakespeare im Original inszenierten – mit deutschem Akzent.

Peter Clös
Ich finde es beneidenswert, dass Sie damals so schnell den Sprung von der Freien Szene zu etablierten Theatern geschafft haben. Da wurden Sie ja sehr schnell ganz oben aufgenommen.

Karin Beier
Das „schnell“ ist relativ, denn fünf Jahre Freie Szene sind eine lange Zeit. Ich habe aber jung angefangen. Heutzutage geht das viel schneller, es gibt so eine Art „Frischblutjagd“. Die Stadttheater schielen in alle Richtungen, um Leute mit neuen Impulsen zu entdecken. Das nimmt mittlerweile auch absurde Formen an. Es gab die Altmeister, wie Peter Zadek, Peter Stein, Luc Bondy und andere, an denen keiner vorbei kam. Danach fehlt fast eine Generation in der Regie. Dann kamen meine Jahrgänge. De facto, musste ich schon ein bisschen nachhelfen. Das ging nicht ganz von selber. Ich hatte aber auch Glück, dass ich als Hospitantin am Düsseldorfer Schauspielhaus gelandet bin. Hospitanten sind eigentlich die Kaffeeholer. Doch so ist der damalige Intendant Volker Canaris auf mich aufmerksam geworden und hat sich eine meiner Inszenierungen angesehen, was er sonst nie gemacht hätte. Dann habe ich bei ihm ein Engagement als Regieassistentin bekommen mit Ausblick auf eine eigene Inszenierung.

Peter Clös
Das ist aber schon beeindruckend, wie schnell Sie dann an vielen wichtigen deutschsprachigen Bühnen inszeniert haben.

Karin Beier
Meine Ausbildung war eigentlich die Zeit in der Freien Szene. Das ist auch ein sehr guter Weg. Ich habe sehr früh angefangen, zu einem Zeitpunkt, wo ich auch mit einer präpotenten Hutzbe ausgestattet war. Ich habe mir gar nicht die Frage gestellt, ob ich das überhaupt kann. Wenn ich fünf Jahre später angefangen hätte, wäre ich vielleicht sehr viel zögerlicher gewesen. Diese Erfahrungen, die ich mit den neun Shakespeare-Inszenierungen gemacht habe, sind ein ziemlich brutaler Talenttest. So eine Gruppe hat nur Bestand, wenn man von zu Hause auch etwas mitbringt. Zum anderen waren das auch die Erfahrungen, die mir halfen, so schnell inszenieren zu können. Über Regie-Assistenzen allein lernt man das nicht.

Peter Clös
Könnte man sagen, dass Sie ein paar Ängste weniger haben, als andere Menschen?

Karin Beier
Nein, das glaube ich nicht. Die Zeit in der Freien Szene war eine furchtlose Zeit. Natürlich verklärt man das immer ein bisschen im Nachhinein. Aber als Regieanfänger war das ein Albtraum. Ich würde auch nie wieder mit so einem Lebensgefühl inszenieren. Ich würde sofort abbrechen. Das ist mir das Theater nicht mehr wert. Ich war die ganzen ersten Jahre immer kurz davor abzubrechen, dauernd. Ich saß morgens um fünf Uhr früh verzweifelt im Bett und glaubte: Ich kann das nicht. Ich habe mich da auch selber hysterisiert. Das haben die Schauspieler nie mitgekriegt, aber ich war psychisch immer am Rand diese ersten Jahre. Das liest sich wie eine Erfolgsstory. Ich war mit 28 Jahren als Regisseurin am Hamburger Schauspielhaus. Aber das ist nicht einfach. Schauspieler sind keine einfachen Menschen. Die fordern einen sehr. Man muss sehr überzeugend sein, um sie zu etwas zu bewegen. Es hat Jahre gedauert, bis ich die Gelassenheit gelernt habe, mich darauf zu verlassen, dass ich ein bisschen was kann. - Also die Angst kam später, nach der Freien Szene.

Talk Teil 2:  ZWEITER AKT - Intensive Form des Lebens

Karin Beier beim Kölner Talkgottesdienst, Foto: Christel Plöthner

Peter Clös
Das ging also alles ein bisschen schneller, als Sie mit der Verarbeitung nachkamen?

Karin Beier
Ja, genau. Das ist richtig. Ich meine, dass Angst auch gesund ist. Aber es ist kein besonders schönes Lebensgefühl gewesen. Ich wurde dann auch völlig vom Theater absorbiert, rund um die Uhr, einfach weil ich keine Gelassenheit hatte. Das hat sich glücklicherweise geändert.

Peter Clös
Selbstzweifel als Teil der Kreativität kann ja auch hilfreich sein.

Karin Beier
Sicher, nur es gibt ein Maß. Große Angst lähmt die Kreativität. Meine eigentliche Aufgabe als Regisseur ist die Schaffung einer angstfreien Probensituation. Das kennen Sie als Schauspieler bestimmt auch. Ein Schauspieler, der Angst hat, ist blockiert. Ich weiß, dass jede Probensituation mit einem neuen Ensemble angstbesetzt ist. Bei einer Leseprobe spüren Sie das Adrenalin in der Luft. Ich glaube schon, dass es eine wichtige Aufgabe des Regisseurs ist, einer Gruppe das Gefühl zu vermitteln, alles machen zu können und zu dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.

Peter Clös
Wo steht für Sie der Schauspieler in Bezug auf die Gesellschaft? Sind wir Theaterleute Außenseiter? Sind wir Betrachter aus einer gesunden Distanz? Schärft diese Distanz, aus der heraus wir die Dinge betrachten, unseren Blick?

Karin Beier
Das ist eine interessante Frage, die ich mir so noch nie gestellt habe. Ich glaube, dass dieser Blick auf Künstler, die ihre Kreativität, ihren Input und ihre Identität über Reibung oder Auflehnung bekommen, etwas veraltet ist. Ich glaube, dass das heute eine andere Generation ist. Die Schauspieler unter Zadek haben das Theater revolutioniert. Ich wurde damals als junge Regisseurin gefragt, von wem ich mich abgrenze, und ob ich mich gegen die Vätergeneration der Regisseure auflehne. Das waren für mich völlig absurde Fragen, weil ich mich nie darüber definiert habe, mich gegen etwas anderes abzugrenzen. Ich würde eher versuchen, auf eine intellektuelle Art und Weise Gesellschaft zu analysieren und mit künstlerischen Mitteln etwas in Frage zu stellen. Wenn da möglicherweise Reibung entsteht, würde ich mich aber trotzdem nicht als Außenseiter empfinden. Das ist für mich so ein verkitschter Revolutionsbegriff, der mir fremd ist.

Peter Clös
Ich habe mir drei derzeitige Inszenierungen am Schauspiel Köln von Ihnen angesehen:  „Die Nibelungen“, „Gott des Gemetzels“ und „Maß für Maß“. Mir fällt an allen Inszenierungen auf, dass die Schauspieler sehr viel Freude haben, dass sie sehr viel Freude machen, dass es halt wirklich Spiel ist, das prall ist vor Leben. Daher die Frage an Sie: Sind Sie sehr spielerisch?

Karin Beier
Ganz so spielerisch geht das nicht. Es gibt eine Sache, die versuche ich spielerisch zu nehmen, das ist der Intendanten-Job. Ich glaube, das ist die einzige Art und Weise, wie man damit umgehen kann. Als Regisseur ist das etwas anderes, weil das auch ein „seelischer Striptease“ ist, weil man den Sachen auf den Grund gehen wollen muss. Die Schauspieler müssen die Sachen tief empfinden, in welche Richtung auch immer. Das ist sehr deutsch, wenn man denkt, das muss Leid sein. Ich finde schon, dass diese Auseinandersetzung im Probenprozess, Menschen zu begreifen, Figuren zu begreifen, aber auch den Schauspieler, dass das ein sehr intensiver, tiefgehender Prozess ist. Ich würde auch nie sagen, dass das Spaß macht. Das ist viel zu anstrengend. Trotzdem kann ich nicht davon lassen. Das ist eine sehr intensive Form des Lebens. Ich glaube schon, dass Theater sinnlich sein soll, ich persönlich langweile mich unglaublich schnell im Theater. Langeweile im Theater ist ganz schlimm, im Gegensatz zum Film. Im Film halte ich das gut aus. Im Theater schaue ich nach drei Stunden auf die Uhr, und es sind gerade zehn Minuten vergangen. Das ist sehr quälend. Ich finde nicht, dass man auf Teufel komm heraus unterhalten muss, aber es muss ein sinnliches Erlebnis sein. In Deutschland ist ja auch im Feuilleton Lachen verpönt. Da kommt bei mir wieder das Angelsächsische durch, denn das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, warum in Deutschland jede Form von Humor gleich Oberflächlichkeit bedeutet. Es ist mir unbegreiflich, aber es ist wirklich so. Vermutlich hat das, was Sie da beschreiben, mit diesem angelsächsischen Humor zu tun. Kürzlich hat mir jemand gesagt, dass man über das Lachen die Menschen öffnet, und sich damit Zugang zu ihnen verschafft. Das geht nicht über den Intellekt. Das wird aber in Deutschland oft nicht so gesehen.

Peter Clös
Sie wollen ein Theater machen, das etwas mit der Stadt zu tun hat. Sie kennen die Stadt, weil Sie Kölnerin sind. Wie geht man da vor? Hat diese Stadt überhaupt eine einheitliche Identität?

Karin Beier
Das ist eine Frage, die sich nicht beantworten lässt, ob es diese eine Identität überhaupt gibt. Man sagt immer, das „Kölner Publikum“ oder das „Stuttgarter Publikum“, das „Bochumer Publikum“. Ich frage mich immer, wer das ist. Das ist sehr schwer zu definieren. Der Versuch, hier in Köln ein „Stadt-Theater“ zu machen, das auch unverwechselbar für diese Stadt stehen sollte, hat für uns mehrere Aspekte. Das ist ein interkultureller Moment. Ich bringe immer das Beispiel, wenn man in Köln öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Da erlebt man die Stadt in ihrer Straßenrealität, so wie sie ist. Es fällt in einer Straßenbahn auf, dass man da von Anfang bis Ende durchgehen kann und bestimmt 20 Nationalitäten zählen kann. Das war auch eines der ersten Kriterien, als mich der Kulturdezernent Prof. Georg Quander angesprochen hat, hier Intendantin zu werden. Ich habe ungefähr 300 Schauspieler mit Migrationshintergrund vorsprechen lassen, die selbst oder deren Eltern oder Großeltern einmal migriert sind. Das ist ja oft schon die dritte Generation. Ich wollte ein Ensemble, bei dem man sinnlich sieht und spürt, was ich eben hier auch als Straßenrealität wahrnehme. Das ist ganz selten, und im Stadttheater noch überhaupt nicht der Fall. Ich weiß auch, dass Schauspieler mit sichtbar indischer oder türkischer Herkunft große Probleme haben, ein Engagement zu bekommen, weil viele Intendanten sagen, und das ist auch nachvollziehbar: Wenn ich Sie engagiere, dann wird es jedes Mal eine Bedeutung haben. Jedes Mal muss man dramaturgisch ausdrücken, warum Romeo indisch ist? So würde das bei jedem Stück sein. In dem Moment aber, wo viele im Ensemble einen Migrationshintergrund haben, stellt sich die Frage nicht mehr.

Ich habe in der Eröffnungspremiere mit den „Nibelungen“ versucht, diesen angeblich deutschen Mythos mit dieser internationalen Truppe so zu erzählen, dass diese Besetzung eine Selbstverständlichkeit ist. Da gibt es drei Brüder, und „Gunther“ hat deutsche Vorfahren, „Gerenots“ Vater kommt aus Jamaika, was deutlich zu sehen ist, und „Giselher“ kommt aus Ägypten. Die Schauspieler haben unterschiedliche Hautfarben und spielen Brüder. Das wird sofort geschluckt. „Kriemhild“ ist aus Polen, „Siegfried“ aus Kroatien. Bei einigen sieht man es, bei anderen merkt man es nur am Namen. Es war auch ein erklärtes Ziel, da eine Selbstverständlichkeit hereinzubekommen, damit nicht jede Besetzung eine dramaturgische Bedeutung hat, sobald einer eine andere Hautfarbe hat. Das sind alles Schauspieler, die eine deutsche Schauspielschule besucht haben, das ausschlaggebende Kriterium ist die Qualität ihrer Schauspielkunst. Wir haben in der Spielplangestaltung das Thema Migration im weitesten Sinne des Wortes als roten Leitfaden mit einfließen zu lassen, ohne jetzt daraus eine „Problemtheater“ zu machen. Ich rede jetzt nicht von einer Eins-zu-Eins-Übersetzung, die es bei einem Stück wie „Katzelmacher“ von Rainer Werner Fassbinder gibt, sondern das Thema Fremdheit und Nähe sehr weit zu begreifen. Das war die eine Seite.

Auf der anderen Seite haben wir in der ersten Spielzeit auch Projekte gemacht, die ganz konkret etwas mit Institutionen der Stadt zu tun haben, wie z. B.  „Fordlandia“ in der Halle Kalk. Da ging es um den Arbeiteraufstand in den Fordwerken 1973, der von der türkischen Belegschaft initiiert worden war. Das war ein Streik, der dann auch in die Republik überschwappte. Das recherchierten wir und daraus wurde ein Theaterabend. Dann haben wir Stücke, die sich ganz konkret mit Kölner Bürgerinnen und Bürgern beschäftigen. Der lettische Regisseur, Alvis Hermanis, wird in dieser Spielzeit ein Stück inszenieren, das sich „Kölner Affäre“ nennt. Dabei ist nicht Politik gemeint. Er hat drei, vier Schauspieler des Ensembles los geschickt. Die wurden vor einem halben Jahr instruiert, sich jeweils einen Kölner Menschen auszugucken, ihn zu interviewen und seine Lebensgeschichte kennen zu lernen. Das wird dann später im Theater dokumentiert. Alvis Hermanis  versucht eine sehr spannende Form von Dokumentation und Fiktion. Es ist so gedacht, dass die Schauspieler anfangen, über diese Menschen zu sprechen, um dann im Laufe des Abends immer mehr zu diesem Menschen zu werden, und dann im zweiten Teil des Abends gibt es eine fiktionale Begegnung dieser Menschen, die im realen Leben nie stattgefunden hat, die nichts voneinander wissen. Das bekommt dann auch einen utopischen Aspekt. Das sind dann Portraits von Menschen in dieser Stadt.

Peter Clös
Ist das als Dialog gedacht mit dieser Stadt und ihren Bürgern?

Karin Beier
Wobei ich sagen würde, dass jede Aufführung eine Art Dialog ist. Das ist das, was Theater so besonders macht.

Talk Teil 3:  DRITTER AKT - Gelassenheit

Karin Beier beim Kölner Talkgottesdienst, Foto: Christel Plöthner

Peter Clös
Sie haben das in einem Interview so schön beschrieben, dass jeder in Köln, als Sie vor zwei Jahren schwanger waren,  einen Kommentar dazu abgegeben hat.

Karin Beier
Das habe ich als sehr positiv empfunden. Ich habe eine Zeit lang in Wien gelebt. Die Wiener würden einen nicht darauf ansprechen; da würde auch kaum jemand für einen in der Straßenbahn aufstehen. Allerdings war ich schon ein bisschen erschrocken, als ich zurückkam, weil Köln so eng und schmutzig ist. Das fällt einem ja nicht so auf, wenn man hier lebt. Daran musste ich mich wieder gewöhnen, weil ich in Wien diese großzügig angelegten Straßen und hellen Bauten gewohnt war.


Wo man auch hinschaut, ist da immer alles schön und toll restauriert.
Durch diese vielen netten Kommentare der Kölner zum Babybauch hat sich der "Schock" aber schnell gelegt.

Peter Clös
Von einem anderen Satz aus einem Interview war ich auch noch besonders beeindruckt. Sie wurden schwanger ungefähr ein Jahr, bevor Ihre Intendanz im Kölner Schauspielhaus Ende 2007 losging. Da haben Sie gesagt: „Das Angebot vom Kulturdezernenten Quander hat mich zu einem Zeitpunkt erreicht, der gut war in meinem Leben. Es kam alles zusammen. Ich wurde schwanger, meine Arbeit in Wien lief extrem gut, ich habe mich omnipotent gefühlt.“ Ein Kind groß zu ziehen, ist schon eine tagesfüllende Energieleistung. Aber Sie haben gefühlt, dass das mit der Intendanz und der bevorstehenden Geburt ein guter Zeitpunkt wäre.

Karin Beier
Das fiel wirklich zeitgleich zusammen. Nach mehreren Vorgesprächen mit Herrn Prof. Quander kam ich hierher, um in einem Rutsch am Morgen den Oberbürgermeister und danach die Fraktions- und Kultursprecher der Parteien zu treffen, die dann beschlossen, mich dem Rat vorzuschlagen. Anschließend gab es eine Pressekonferenz. Das geschah alles an einem Vormittag innerhalb von vier Stunden. Drei Tage vorher habe ich erfahren, dass ich schwanger bin. Das war ein Wahnsinnsmoment, weil da auf einmal so viele große Dinge in meinem Leben passierten. Was ich mit diesem Omnipotenzgefühl meinte: Es gab vorher eine Lebenssituation, wo ich als Regisseurin einfach eine große Gelassenheit verspürt habe. Ich war in Wien sehr glücklich. Da habe ich zum Beispiel eine erfolgreiche Inszenierung gemacht, obwohl ich vor Probenbeginn das Stück partout nicht machen wollte. Dann musste ich im Burgtheater eine 50-Jahr-Feier veranstalten, ein 40-minütiges Programm mit dem gesamten Ensemble. Das sind am Burgtheater 100 Schauspieler. Da als Mensch alleine zu stehen, und diese Leute durch ein 40-minütiges Fest zu leiten, war nicht einfach. Nachdem mir das gelungen war, bildete ich mir ein: Ich kann alles. Das war wirklich so ein komisches Gefühl von Omnipotenz. Dieses gute Gefühl hing natürlich auch mit der Schwangerschaft zusammen. Ich konnte bei den Gesprächen mit Herrn Prof. Quander ganz locker sein, weil ich nicht diesen übergroßen Drang hatte: Ich will das jetzt unbedingt machen. Mir ging es gerade so gut.

Peter Clös
Wird man aber von dem Erfolg nicht „besoffen“, wenn alle einem sagen, wie großartig man ist.

Karin Beier
Der Start in Köln ist ziemlich gut gelaufen. Das ist sehr schön, und das gibt uns allen Kraft, weil wir alle sehr, sehr erschöpft sind. Wir sind kräftemäßig am Ende, aber wir bekommen sehr viel Kraft zurück. Dafür bin ich unendlich dankbar, denn es muss ein Albtraum sein, schon zu Anfang einen Misserfolg zu erleben. Aber komischerweise setzt da kein Gefühl von Euphorie ein, weil man so vom Alltag des Theaters aufgefressen wird. Ich fange in einer Woche wieder an zu proben. Der zurückliegende Erfolg nutzt uns dabei gar nichts. Wir haben unseren erfolgreichen Start nie gefeiert. Und ich sehne mich jetzt schon nach den Sommerferien. Es kommt gar nicht dazu, dass einem das zu Kopf steigt. Wir sind alle realistisch genug zu wissen, dass es auch wieder anders kommen kann.

Peter Clös
Frau Beier, was immer kommen mag. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, weiterhin schöne Inszenierungen, schöne Arbeitsmöglichkeiten für die Schauspieler. Alles Gute für Sie, und dass wir alle noch schöne Erlebnisse an den Städtischen Bühnen Köln haben. Herzlichen Dank. 

Epilog von Pfarrer Hans Mörtter

Vielen Dank, Frau Beier. Wir hatten in der Lesung die Geschichte vom reichen Kornbauern, der immer nur gesammelt hat. So etwas geht auf Dauer nicht gut. Das steht in Verbindung mit dem Karriere-Machen in den 80-er Jahren, von dem Sie erzählt haben. Dieses Geprägt-Werden zum Erfolgreich-Sein. Ich sehe das auch in meinem Umfeld.

Manche Leute denken: Karriere: Das ist es! Und dann - ist es das doch nicht. Ihre Tochter Momina wird so aufwachsen, dass sie selbst das Entscheidende ist. So wie jeder von uns. Wir sind! Alles andere ist zweitrangig. Aber in dem „Zweitrangigen“ so verdammt gut zu sein, wie wir nur können, das ist wichtig. Also, Qualität zu setzen, und darin auch Erfüllung zu erleben und sich nicht drei Stunden zu langweilen, die nur 10 Minuten gedauert haben. - Das gibt es übrigens auch in Gottesdiensten.

Was ich, Frau Beier, ganz spannend finde, ist Ihr Ensemble-Gedanke, die „Welt“ darin vertreten zu haben und unsere „Menschheit“, unsere verschiedenen Glaubensrichtungen, unser Echt-Sein. Keiner kann ohne den anderen. Jeder tut sein Bestes. Das ist ein wahnsinniges Erlebnis, dass das nur so geht.  Es ist klar, dass der Film, das Fernsehen da eine Erosion darstellt. Das Gefühl, ein Team zu sein, ist da viel schwerer. Ich erlebe im Theater und im Gottesdienst, das Echte, die Gefühle. Die Sinnlichkeit des Theaters und des Gottesdienstes geht natürlich über den Bauch. Über das, was jetzt in diesem Raum ist, was wir empfinden und wahrnehmen, all das, was da an Echtheit und Kraft und Energie zusammenkommt.

Gesamtgesellschaftlich nehme ich, wie wir alle, massiv wahr, dass wir einer starken Individualisierung unterliegen, und dass dadurch Vieles auf der Strecke bleibt, wenn wir versuchen, alleine klar zu kommen.  Was passiert denn mit Menschen, die glauben, alleine siegen zu müssen, alleine gewinnen zu müssen? Sie werden gefangen, sie werden unfrei. Freiheit liegt in der Begegnung, in der Herausforderung, im Miteinander-Wachsen und dem Entwickeln unserer Seele, in dem, wovon wir uns beseelen lassen.

Karin Beier, Sie haben recht, das Lachen kommt bei uns in Deutschland nicht so ohne weiteres öffentlich vor. Man tut das nicht so. Im Karneval wird es dann dick inszeniert, aber auch das ist es irgendwie nicht. Das Lachen öffnet. Nicht umsonst gibt es in einigen Kirchen die Tradition des Osterlachens. Das Lachen am Ostermorgen bedeutet: Das Leben hat gesiegt. Und das können wir nur mit unserem Leben, nur durch unser Sein gewinnen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung mit der Lutherkirche. Was Menschen, wie Karin Beier in dieser Stadt jetzt brauchen, das seid Ihr. Das sind wir alle, die zu ihr stehen und sagen: „Ja, piesacke uns, ärgere uns, fordere uns heraus, stecke uns an mit der Freude und dem Spielerischen, und lass uns spüren, dass wir leben.“ Das ist ein Segen. Damit können wir auch diese Stadt wachsen lassen, und dazu brauchen wir Menschen wir Sie. Ich glaube schon, dass Sie viele Menschen auf Ihrer Seite haben. Mich auf jeden Fall. Amen. Danke.

Redigiert von Helga Fitzner

Karin Beier beim Kölner Talkgottesdienst, Foto: Christel Plöthner
Karin Beier beim Kölner Talkgottesdienst, Foto: Christel Plöthner
Karin Beier beim Kölner Talkgottesdienst, Foto: Christel Plöthner