Jeff Halper, der Anthropologe, Autor und Friedensaktivist ist zu Gast beim Themengottesdienst zur Reihe Palästina

Themengottesdienst "Palästina"
19. November 2017

zu Gast: Jeff Halper, Anthropologe, Autor und Friedensaktivist
mit Interview durch Prädikantin Alida Pisu

Gerechter Frieden statt Hauszerstörung

Jeff Halper, geboren 1946 in Minnesota, ist ein amerikanischer Anthropologe jüdischer Abstammung und lebt seit 1973 in Israel. Er gehört zu den Mitbegründern des ICAHD, Israeli Committee Against House Demolitions, das sich der israelischen Besatzung widersetzt und sich für einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Eines der größten Probleme im Konflikt sind die häufigen Abrisse palästinensischer Häuser. Um zu einer wirkungsvollen Übereinkunft kommen zu können, machte er eine Bestandsaufnahme und die sieht sehr ernst aus.

Halper prägte den Begriff „Matrix der Kontrolle“, die er als ein „Labyrinth von Gesetzen, militärischen Befehlen, Raumordnungsverfahren, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, kafkaesker Bürokratie... bezeichnet - verstärkt durch eine anhaltende und pausenlose Kriegsführung in niedriger Intensität – die dazu dient, die Besatzung aufrecht zu erhalten, sie mit einem Minimum an Militärpräsenz zu vollstrecken...“ Die Israelis schafften dabei vor Ort Fakten, die sie hinter der Fassade ordentlicher Verwaltung verbergen würden. Nach Halper sind drei Methoden in diese Matrix eingebettet: Zerteilung, Vertreibung und Aneignung.

Als Mitbegründer von The People, Yes! Network (TPYN) setzt er sich für eine Umstrukturierung ein, in der eine progressive Zivilgesellschaft die Führungsrolle übernehmen soll. Das Büro der NGO arbeite an einer logistischen Koordination verschiedener Initiativen, um diese zu einer effektiven Bewegung anwachsen zu lassen. Es gehe darum, der „Hegemonie des transnationalen Kapitalismus eine überzeugende Alternative gegenüber zu stellen.“

Derzeit befindet sich Jeff Halper auf einer Vortragsreise, die ihn auch an die Lutherkirche führte. Dort führten er und unsere Prädikantin und Autorin Alida Pisu ein intensives Gespräch, das von zwei Mitarbeitern übersetzt wurde. Mit diesem Themengottesdienst setzten wir unsere Reihe „Palästina“ fort, in der unterschiedliche Gäste und Insider zu Wort kommen. 
Die Tourdaten von Jeff Halper

Text und Fotos: Helga Fitzner

Einführung von Alida Pisu

Herzlich willkommen Euch allen zu diesem Gottesdienst! Er findet in der Palästina-Reihe der Lutherkirche statt. Hans Mörtter hat hier schon einige Male mit Gästen über den Palästina-Konflikt gesprochen, der sehr vielschichtig ist, viele Gründe hat und in der Gewalt auf beiden Seiten die Sprache ist, in der gesprochen wird. Das ist ein Teufelskreis, aus dem bis jetzt noch niemand einen Ausweg gefunden hat.

Aber: das Wunderbare an uns Menschen ist ja, dass wir alle die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden in uns tragen und uns von Herzen danach sehnen. Israelis ebenso wie Palästinenser oder wir, die wir hier sitzen.

Very welcome, Jeff! Ich begrüße herzlich unseren Gast Jeff Halper, ein Mitbegründer des Israeli Committee Against House Demolitions, das sich für einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. Darüber werden wir miteinander sprechen, für die nicht so sehr des Englisch Mächtigen wie mich, dolmetschen Jan und Martin, die das sehr fix machen werden.

Es ist mir ganz wichtig zu betonen, dass es heute nicht darum geht, „die Israelis“ anzuprangern und mit dem Finger auf sie als „die Bösen“ zu zeigen, ich verstehe dieses Gespräch vielmehr als Versuch, zu verstehen. Worum es geht, auf Seiten der Israelis, auf Seiten der Palästinenser, und was getan werden müsste, damit sowohl Israelis als auch Palästinenser im Staat Israel in Gerechtigkeit und Frieden miteinander leben können. Denn eigentlich sind sie ja Nachbarn und sollten sich Freund, nicht Feind sein. Nochmals herzlich willkommen Euch allen, ob Ihr nun Christen, Juden, Muslime oder sonst etwas seid. Im Hause Gottes ist ohne Unterschied jede und jeder willkommen.

Jeff Halper, der Anthropologe, Autor und Friedensaktivist ist zu Gast beim Themengottesdienst zur Reihe Palästina

Jeff Halpers Vision von Frieden und Gerechtigkeit in Nahost

Alida Pisu
Jeff, Sie sind in Minnesota in den USA geboren, haben jüdische Wurzeln und leben seit 1973 in Israel. Dort waren Sie Professor der Anthropologie und haben begonnen, sich politisch zu engagieren. Das führte zur Gründung des Israeli Committee Against House Demolition, das sich für die Rechte von Palästinensern in den besetzten Gebieten einsetzt. Warum haben Sie das Komitee gegründet? Was war Ihre ganz persönliche Motivation?

Jeff Halper
Zuerst möchte ich mich dafür bedanken, hier bei Ihnen in dieser Kirche sein zu können. Ich bin so eine Art Museumsstück aus den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten. Ich habe ziemlich alles mitgemacht, was man in dieser Zeit so angestellt hat. Ich bin übrigens in der gleichen Stadt wie Bob Dylan aufgewachsen. Ich war sehr engagiert in verschiedenen Bewegungen, wie die gegen den Vietnamkrieg. Wegen meiner Teilnahme an der Bürgerrechtsbewegung war ich in Mississippi sogar im Gefängnis. Ja, dann war ich noch in Woodstock. Nicht, dass ich damals schon gewusst hätte, welche Bedeutung es gewinnen würde, aber ich war in Woodstock. Im Jahr 1968 nahm ich auch der berühmten Versammlung der Demokraten in Chicago teil, der Democratic Convention. (Dort wurde ein neuer Präsidentschaftskandidat gewählt: Hubert Humphrey, der später die Wahl gegen Richard Nixon verlor). Das einzige, was ich nie war: ein Hippie in San Francisco. Ich hatte das Privileg in einer Atmosphäre des Wandels und der Revolution aufzuwachsen. Als der Geist der Sechziger Jahre verschwand, wurde das Leben in den USA für mich leer und zwecklos.
Die jungen Leute heute sind und denken global, dieses Konzept hatten wir damals nicht. Das Wort unserer Zeit war „Revolution“. Revolution war so ziemlich alles, was einem gerade einfiel: Politik, Musik, Liebe, Kristalle, Drogen, Rock'n Roll. All das war Teil davon. Meine Revolution war die politische. Darum entschied ich mich, nach Israel zu gehen, weil ich dort ein neues Betätigungsfeld erkannte. Ich bin Jude, nicht religiös, aber ich muss gestehen, dass ich von dem Trend der Sechziger Jahre angesteckt war: zurück zu den Wurzeln. Einige von Ihnen erinnern sich vielleicht noch an die bahnbrechende Fernsehserie „Roots“ von Alex Hailey, in der Afroamerikaner nach ihren Wurzeln forschten. Meine Wurzeln und meine Identität suchte ich in Israel, was für mich ein bedeutsamer Schritt war. Es war mir von Anfang klar, dass es sich um ein besetztes Land handelte und ich stieg sofort in die Friedensbewegung ein. Seit 20 Jahren stehe ich dem Israelischen Komitee gegen Hauszerstörung vor. Ich bin aber kein Zionist, und auch niemand, der urplötzlich zu dieser Erkenntnis gelangt wäre und so seinen Weg in die linke politische Bewegung gefunden hat. Mein Einsatz gegen Hauszerstörungen ist die Fortsetzung der Arbeit, die ich auch viele Jahre vorher gemacht habe.

Alida Pisu
Es gab z. B. die Friedensbewegung „Peace Now“, die in den 1980er Jahren Hunderttausende von Menschen auf die Straßen gebracht hat. Warum ist da so wenig im positiven Sinne geschehen?

Jeff Halper
Ja, die Frage ist einfach zu beantworten. Auf der einen Seite sind wir alle denkende Menschen, auf der anderen Seite sind wir in der Logik unserer politischen und ökonomischen Systeme gefangen. Der Zionismus begann in Osteuropa, Polen und Russland, weitete sich nach Mitteleuropa aus, darunter auch in Deutschland. Ich werde jetzt ein klein wenig akademisch, aber ich verspreche, dass es relevant ist. Im 19. Jahrhundert existierten zwei größere Strömungen des Nationalismus'. Im Westen, wie in England, Frankreich und den USA war es ein bürgerliches Konzept, in dem ein Staat den Bürgern gehörte. Die Beantragung einer Staatsbürgerschaft war möglich. In Mittel- und Osteuropa war sie von der Abstammung abhängig. Sie kennen das noch aus dem Deutschland vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals wie heute hängt die Nationalität in einigen Staaten von der Volkszugehörigkeit ab. So sehen das heute noch die Rechten in Deutschland, und besonders ausgeprägt ist der stammesabhängige Nationalismus in Ungarn und Polen. Genau diese Art des Nationalismus' hat sich der Zionismus angeeignet. Auch wenn sich Israel als Demokratie bezeichnet, sogar als die einzige im Nahen Osten, ist es doch eine Ethnokratie. In einer Ethnokratie gehört ein Land einer bestimmten ethnischen Gruppe. Man muss sich nur die israelische Flagge mit dem Davidstern anschauen, um dieses Konzept zu erkennen. Das ist die Falle, in die wir geraten sind, ob wir politisch nun rechts oder links stehen. Wir haben eine Ethnokratie, die sich Israel nennt und die die Kontrolle über das Leben von sechs Millionen Palästinensern hat. In anderen Worten: Nicht einmal die Hälfte der dort lebenden Menschen besitzt die Staatsbürgerschaft. Die größere Hälfte verfügt nicht einmal über Bürgerrechte. Von den fünf Millionen palästinensischen Flüchtlingen, die ein Recht zur Rückkehr in ihre Heimat haben, ganz zu schweigen.
Ich komme jetzt zu Ihrer Frage zurück. Es reicht nicht zu sagen, dass wir Frieden und das Ende der Besatzung wollen. Solange wir das ganze Konzept der Ethnokratie nicht niederreißen, kann es keine binationale Gesellschaft geben. Als die Apartheid in Südafrika endete, hatte das nicht nur zur Folge, dass die schwarzen Südafrikaner wählen durften, Südafrika musste sich ganz neu erfinden und eine völlig neue Verfassung schreiben. Es musste eine Demokratie werden. Auch Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg diesen Prozess durchlaufen, und auch Israel muss das tun, bevor es wahren Frieden und Gerechtigkeit finden kann. Man muss die zionistische Ethnokratie auseinander nehmen, weil es sonst unmöglich ist, Gleichheit für die Palästinenser zu erlangen. Denn das kann nur in einer Demokratie geschehen.

Alida Pisu
Sie haben gesagt, die Palästinenser sind relativ rechtlos.

Jeff Halper
Nicht nur relativ. Völlig rechtlos.

Jeff Halper, der Anthropologe, Autor und Friedensaktivist ist zu Gast beim Themengottesdienst zur Reihe Palästina

Jeff Halper ist trotz der schwierigern Lage guter Dinge.

Jeff Halper, der Anthropologe, Autor und Friedensaktivist ist zu Gast beim Themengottesdienst zur Reihe Palästina

"Ich wünschte, es gäbe einen Friedensprozess"

Alida Pisu
Sie haben vor 20 Jahren das Komitee gegen Hauszerstörung gegründet. Es gibt drei Gründe, aus denen israelische Streitkräfte palästinensische Häuser zerstören. Das sind zum einen die Häuser von Attentätern. Dann gibt es Häuser, die ohne Baugenehmigung erbaut und zerstört wurden. Das ist der größte Teil der zerstörten Häuser. Dann gibt es noch welche, die zu nah an israelischen Siedlungen, Straßen oder Militärbasen liegen. Im Westjordanland waren es 2016 274 Wohnhäuser und 372 andere Gebäude. Warum zerstört Israel palästinensische Häuser? Sehen Sie darin ein gezieltes Mittel?

Jeff Halper
Lassen Sie mich zuerst eines sagen: Man kann Israel nicht von den besetzten Gebieten trennen. Die Taktik der Hauszerstörung begann in den Jahren 1947/48, als Israel gegründet wurde, nicht erst mit dem Sechstagekrieg 1967. Die Hauszerstörungen haben auch nichts mit der Abwehr von Terrorismus zu tun. Das ist ein abgekartetes Spiel. Israel will glauben machen, dass das alles der Verteidigung dient. Seit 1967 hat Israel 50.000 palästinensische Wohnstätten in den besetzten Gebieten zerstört. In nur 1 % der Fälle waren Sicherheitsgründe ausschlaggebend. Kommen wir noch mal zurück zu dem Krieg 1948, den die Palästinenser „Nakba“ - Katastrophe - nennen. Israel zerstörte systematisch 530 palästinensische Städte, Wohnhäuser und Dörfer, NACHDEM die Einwohner sie verlassen hatten. Genau genommen, sind sie vertrieben worden. Von diesen Orten ist nichts mehr übrig geblieben. Insgesamt hat Israel zwischen 1948 und heute rund 140.000 palästinensische Wohnhäuser zerstört. Aber der Grund ist nicht die Sicherheit, sie wollen die Palästinenser vertreiben und sich deren Land aneignen. Und wenn wir sie nicht dazu bringen, das Land zu verlassen, dann schließen wir sie in kleine „Inseln“ ein. Es gibt zwei Hauptgründe, warum die Häuser zerstört werden. Einer davon ist die militärische Invasion. Als Israel 2014 Gaza angriff, wurden in den drei Wochen im August/September 2014 um die 18.000 palästinensische Häuser zerstört. Das waren keine gezielt ausgewählten Häuser. Kollateralschaden nennt sich das. Hinzu kommt, dass Israel 1967, also seit 50 Jahren, keine Baugenehmigungen für Palästinenser mehr erteilt hat. Wenn ein Palästinenser auf seinem eigenen Land für seine Familie ein Haus baut, wird es zerstört. Das ist die Folge der Ethnokratie, die besagt, dass das ganze Land den israelischen Juden gehört.

Alida Pisu
Es geht den Israelis aus Ihrer Sicht darum, immer mehr zu zersiedeln und zu vertreiben, während gleichzeitig die israelischen Siedlungen vermehrt zunehmen. 1993, zu Beginn des Osloer Friedensprozesses, gab es ca. 200.000 israelische Siedler auf besetztem Gebiet, und jetzt sind es 600.000. Es werden immer mehr, und die UN hat auch gesagt, diese Besiedlungen sind illegal. Trotzdem werden sie gebaut. Das heißt letzten Endes, dass das Land, das den Palästinensern zusteht, immer mehr zusammenschrumpft. Was bedeutet das für den Friedensprozess und für die Zweistaatenlösung?

Jeff Halper
Ich wünschte, es gäbe einen Friedensprozess, doch wir sind immer noch in einer Dynamik gefangen, in der ein Volk das exklusive Recht auf das ganze Land beansprucht. Bis heute hat Israel die Existenz des palästinensischen Volkes nicht anerkannt, das war selbst in den besten Tagen von Oslo so. Weder da noch zu irgendeiner anderen Zeit hat Israel jemals durchblicken lassen, dass es einer Zweistaatenlösung zustimmen könnte. Im Gegenteil steht Israel auf dem Standpunkt, dass es gar keine Besatzung gäbe und das ganze Land uns allein gehöre. Und sein eigenes Land kann man ja gar nicht besetzen. Das ist die Einstellung jeder einzelnen Regierungspartei, ob es nun die Linke, Likud, Kadima ist, sie alle betreiben die Besatzung und die Vertreibung der Palästinenser mit gleichem Eifer. Ich kann die Zahl der Siedler vor und während der Verhandlungen in Oslo bestätigen, aber mittlerweile sind es 800.000 jüdische Siedler im besetzten Gebiet. Es ist klar – und es schmerzt mich, das zu sagen – dass Israel zu einem Apartheidstaat geworden ist. Der einzige Weg, diese Apartheid zu beenden, ist die Beendigung der Ethnokratie und die Einführung eines einzigen demokratischen Staates für jeden, der in diesem Land lebt. Wenn Israel ein rein jüdischer Staat sein wollte, wäre das möglich gewesen, wenn es die Zweistaatenlösung akzeptiert hätte. Aber Israel hat sich absichtlich und systematisch das ganze Land einverleibt, um dort dauerhaft zu herrschen. Aber man kann sich nicht fünf Millionen palästinensische Menschen einverleiben, ihnen die Staatsbürgerschaft verweigern und dann immer noch ein jüdischer Staat sein wollen. Aus diesem Grund arbeiten wir an einem binationalen demokratischen Staat.

Alida Pisu
Das wäre dann ein binationaler Staat, in dem sowohl Palästinenser als auch Israelis gleichberechtigte Teile einer einzigen Gemeinschaft sind und zusammen leben. Aber wie realistisch ist das? Wenn ich mir überlege, dass Israelis und Palästinenser gleiche Rechte haben, hieße das auch, dass die Palästinenser Wahlrecht hätten. Glauben Sie wirklich, dass die Israelis das zulassen würden und wäre das nicht das Ende des Staates Israels?

Jeff Halper
Das wäre das Ende Israels, so wie wir es heute kennen. Es muss aber enden, denn man kann doch im 21. Jahrhundert keine Ethnokratie mehr aufrecht erhalten. Aber hier spreche ich von etwas sehr Positivem. Für mich ist das der einzige Weg, zu Frieden und Gerechtigkeit zu gelangen: ein gemeinsames Land zwischen dem Mittelmeer und dem Fluss Jordan, mit gleichen Rechten für alle, einer gemeinsamen Staatsbürgerschaft und einem demokratischen Parlament. Dann kann jeder leben, wo und wie er will. Die jüdischen Siedler könnten in Hebron bleiben, wenn sie das wollten, und die palästinensischen Flüchtlinge könnten heimkehren. Israel/Palästina wäre dann nicht das einzige multinationale Land. Allein Großbritannien besteht aus vier Nationen, dann gibt es noch Kanada, Belgien, die Schweiz, Neuseeland, Südafrika und viele andere Länder. In einer neuen Verfassung würde festgeschrieben, dass alle, sowohl jüdische Israelis wie auch palästinensische Araber, das gleiche Recht auf ihre Identität, ihr Erbe, ihre Sprache und ihre Institutionen haben. Das ist doch eine aufregende Vision. Eine neue bürgerliche Gesellschaft könnte entstehen mit gemeinsamem Zivilrecht und Bildungswesen. Jeder könnte so bleiben, wie er ist, aber insbesondere jüngere Menschen, die sich durch die traditionellen Identitäten eingeengt fühlen, könnten eine neue integrierende Gesellschaft erschaffen. Das ist doch eine positive Vision.

Alida Pisu
Das ist auch eine tolle Vision. Ich denke auch, sowohl die Israelis wie auch die Palästinenser, haben jahrzehntelange Erfahrung mit Gewalt und leben eher in Feindschaft miteinander als in Freundschaft. Was spricht gegen die Zweistaatenlösung? Wäre das nicht die einfachere Lösung?

Jeff Halper
Nein! Wir von der Friedensbewegung waren mit der Zweistaatenlösung einverstanden. Die Palästinenser haben die Zweistaatenlösung schon vor 30 Jahren akzeptiert. Auf der anderen Seite möchte ich nicht katholischer sein als der Papst. Wenn unsere Regierung die Zweistaatenlösung einführen wollte, würden wir das doch niemals ablehnen. Die ist im Übrigen eine sehr pro-israelische Lösung, denn Israel würde 78 % des Territoriums behalten und die Palästinenser nur 22 %. Wir haben mit dieser Lösung gar kein Problem. Nur, dass Israel sie verworfen hat. Diese Ablehnung ist ja nicht das Einzige, mit dem Siedlungsbau in den besetzten Gebieten beseitigt Israel praktisch diese Lösung. Im besetzten Gebiet leben 800.000 Siedler, und es mangelt an internationalem Willen, Israel zurück in die Grenzen von 1967 zu drängen. Die Zweistaatenlösung ist im Prinzip nicht mehr möglich, das wissen auch die Regierungen, wie z. B. die deutsche. Trotzdem bestehen sie auf Verhandlungen in dieser Richtung. Damit geben sie Israel aber die Möglichkeit, mit der Siedlungspolitik fortzufahren, solange die Illusion von Verhandlungen und eines Friedensprozesses aufrecht erhalten wird. So lange das geschieht, kann Israel tun, was immer es will. Somit ist Deutschland eigentlich ein Komplize der Besatzungspolitik. Und das ist sicherlich ein Thema, dass die Kirchen auch aufgreifen sollten.

Alida Pisu
Ja, das ist Politik. So funktioniert die. Letzte Frage, Jeff. Welche Schritte müssen eingeleitet werden, damit die Vision eines binationalen Staates auch tatsächlich realisiert werden kann?

Jeff Halper
Tatsächlich ist das unsere Aufgabe als Israelis und Palästinenser. Die Palästinenser befinden sich in einer schwierigen Lage. Sie wissen, dass die Zweistaatenlösung im Prinzip vom Tisch ist, aber sie glauben nicht, dass ein gemeinsamer Staat möglich ist. Sie sind völlig entmachtet und ständiger Unterdrückung ausgesetzt. Ich gehöre zu einer kleinen Gruppe von Israelis und Palästinensern, die eine Vision von einem Frieden in einem gemeinsamen Staat formulieren will. Wir haben im Februar 2018 ein Treffen, wo wir die beteiligten Gruppen für diese Idee gewinnen wollen. Wir hoffen, dass daraus eine Stimme der Hoffnung entsteht und dass Sie uns unterstützen werden. Wir leben mit einem großen Missverständnis. Unsere Regierungen behaupten, uns zu führen. Sie haben das exklusive Recht, für uns Außenpolitik zu betreiben, Verhandlungen durchzuführen, Verträge abzuschließen, ja sogar Krieg in unserem Namen zu führen. Aber Regierungen verwalten Konflikte doch nur, sie lösen sie nicht. Nur wenn die Bürger sich organisieren und Druck ausüben, kann eine Änderung der Politik entstehen. Wir machen also unsere „Hausaufgaben“ in Israel, aber wir brauchen internationale Unterstützung, um Druck aus Israel ausüben zu können, um die Besatzung zu beenden und sich in Richtung eines gerechten Friedens zu bewegen.

Alida Pisu
Danke Jeff, Ich glaube, dass alle Menschen hier genau so beeindruckt von Ihnen sind wie ich. Herzlichen Dank. Ich finde es toll. Sie gehören zu den viel zu seltenen Menschen, die nicht nur an sich selbst und ihre eigenen Interessen denken, sondern sich für ein größeres Ganzes einsetzen. Mir haben Sie heute geholfen, diese schwierigen Konflikte und Probleme in Israel etwas besser zu verstehen. Einfach noch mal Dankeschön.
(Übersetzt und redigiert von Helga Fitzner)

Jeff Halper, der Anthropologe, Autor und Friedensaktivist ist zu Gast beim Themengottesdienst zur Reihe Palästina

Jeff Halper und Alida Pisu: Trotz des Ernstes des Themas fehlte der Humor nicht, auch Dank der guten Übersetzung.