13. Kölner Talkgottesdienst 09.05.2010
zu Gast: Georgette Dee

Talkgast mit Raucherlaubnis

“DA SAGT DAS KIND: JA, ICH BIN DIE SEELE DES DRACHEN“


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Schon lange stand sie auf der Gäste-Wunschliste der Lutherkirche. Jetzt hat es endlich geklappt: Georgette Dee, die "größte lebende Diseuse" (Die Zeit) gibt sich und uns im 13. Kölner Talk-Gottesdienst die Ehre.

Wer trägt die Zigarette so lakonisch im Mundwinkel wie sie? Wer spricht so beherzt dem Champagner zu? Wer verströmt eine solch unbändige Lust aufs Leben, allen Widrigkeiten zum Trotz? Wer meistert wie sie jeden Tag den Spagat zwischen Hausfrau und Diva, zwischen Alltag und Feiertag? Wer trägt Hirn und Herz so unverblümt auf der Zunge? Wer gibt sich jeden Tag die "volle Packung Leben" in der felsenfesten Überzeugung, dass die "Mühe" sich lohnt?

Schauspieler Peter Clös, bekennender Dee-Fan, wird Georgette zu den Stationen ihres Werdeganges befragen - und zu all den Themen, die seit Jahren den "Kosmos" dieser ganz besonderen Dame bilden, frei nach dem Motto:

"Wenn ich gehe, gehe ich.
Wenn ich bleibe, gehe ich auch.
Ist es möglich, auf einer Graden im Kreis zu laufen?
In der wievielten Wiederholung blüht unser Glück?"

Text: Peter Clös
Fotos: Timo Belger

Besprechung im Kölner Stadtanzeiger 

Talk Teil 1: “Ich hätte so gern einen eigenen Gott gehabt“

Hans Mörtter
Es gibt zwei Utensilien, die bei Georgette Dee einfach dazu gehören. Deshalb steht hier die Champagner-Flasche und deswegen habe ich sicherheitshalber schon mal den Aschenbecher bereit gestellt. Es gibt zwei Menschen in Deutschland, die in der Lutherkirche eventuell rauchen dürfen: Helmut Schmidt und Georgette Dee. Ich freue mich sehr, dass Sie hier sind und ich begrüße auch den Schauspieler Peter Clös, der die Moderation des Talkgottesdienstes übernehmen wird.

Moderator Peter Clös
Liebe Georgette! Sie stammen aus einer lutherischen Familie und sind in der Lüneburger Heide als jüngstes von fünf Geschwistern aufgewachsen. Waren bei ihnen Gottesbild und Weltanschauung dadurch schon vorgeprägt oder konnten Sie von Anfang an frei wählen?

Georgette Dee
Mein Vater war ein sehr handfester Lutheraner und ich glaube, für ihn war die Weitergabe der Religion an seine Kinder sehr wichtig. Allerdings hat er im Krieg viele schreckliche Sachen erlebt. Er hat als Soldat sicherlich Menschen erschossen und war auch in Gefangenschaft. Ich denke, der Glaube hat ihm über vieles hinweg geholfen, viele Traumata erträglich gemacht. Deshalb hat er wohl versucht, seine Sichtweise auf uns Kinder zu übertragen. Nach seinem Tod redete ich mit meiner Schwester über ihn und meinte: „Ich weiß auch nicht, mir ist das mit dem Glauben immer schwergefallen, weil das immer Vatis Gott war. Ich hätte gern einen eigenen Gott gehabt“. Da sagte meine Schwester: „Ja, stimmt, da habe ich noch nie so drüber nachgedacht.“ Ein halbes Jahr später schrieb sie mir: „Ja, du hast recht, ich habe heute Vatis Gott beerdigt. Ich hab jetzt einen eigenen.“ Ich denke mal, Religion ist schon eine sehr eigene, individuelle Angelegenheit.

Peter Clös
Haben auch Sie im Laufe der Jahre Ihren eigenen Gott bekommen?

Georgette Dee
Im "Graf von Monte Christo" gibt es einen schönen Satz. Als der im Gefängnis sitzt, begegnet er einem alten Priester, der im Sterben liegt. Dem gesteht er, dass er nicht mehr an Gott glaube. Der sterbende Priester erklärt ihm, dass er sich keine Sorgen darüber machen brauche: „Gott glaubt an dich“. Ich glaube, ich halte das lieber so mit diesem Satz.

Peter Clös
Der „traditionelle“ Gott, wie er in Ihrer und auch in meiner Kindheit gepredigt wurde, war ja ein absoluter Gott. Wenn ich mich nach diesem ausrichte, dann ist doch mein eigenes Leben relativ. Ist da nicht irgendwie eine Schnittstelle zwischen einer eigenständigen freien Lebensgestaltung und nicht mein, sondern dein Wille geschehe?

Georgette Dee
Ob man davon ausgehen kann, einen freien Willen zu haben, weiß ich nicht. Für mich ist Gott, wie gesagt, eine sehr individuelle Angelegenheit. Das muss man irgendwie mit sich selbst ausmachen. In den christlichen Kirchen, aber auch in anderen Religionen wie im Buddhismus und Islam, finden wir gewachsene Strukturen. Denn wir Menschen sind soziale Wesen. Wir brauchen das Miteinander. Es reicht nicht, dass wir Leute zum Hausbauen oder andere Dinge brauchen, weil wir es alleine nicht hinkriegen. Wir brauchen unsere Mitmenschen auch, um bestätigt zu werden, dass wir da sind. Das findet sich in der Religion wieder. Schon im Taufritual kommt dieser wunderschöne Satz: „Ich habe dich beim Namen gerufen, du bist mein.“ Da könnte man immer wieder in Tränen ausbrechen, wenn man darüber nachdenkt, was das heißt. Dabei geht es also um die Wahrnehmung: geliebt werden, geliebt werden wollen, zu lieben, auch Liebe zu geben.
Aber das wird in der Kirche ja nicht wirklich vermittelt. Insofern bin ich jemand, der überhaupt keine große Zuneigung zu Dogmen hat. Ich muss dazu eine kleine Geschichte erzählen, die ich irgendwo gelesen habe: Es gab ein großes Familienfest und eine Frau machte einen Kasseler Braten. Seit zwei Generationen schnitten die Frauen immer die äußeren Enden des Bratens ab, wussten aber nicht, warum sie es taten. Das war halt schon immer so gewesen. Bei dem Fest wurde die Großmutter befragt, ob sie noch wisse, warum das so sei. „Ich hatte damals keinen größeren Topf“, erklärte diese.  - Und so ist das mit Dogmen irgendwie auch. Die müsste man vielleicht auch einmal hinterfragen.

Peter Clös
Sie haben neulich gesagt, dass höchste Ziel ist die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen. Haben Sie es verstanden, sich zu eigenen Lebensentscheidungen zu befreien?

Georgette Dee
Nein, ich bin Raucher! – Aber ich glaube, ich zäume das  Pferd lieber von hinten auf. Irgendwann einmal habe ich den Spruch geprägt: „Auch verkehrt herum aufs falsche Pferd gesetzt, ist in die richtige Richtung geritten.“ Das Leben ist viel reicher und vielfältiger, als dass man einen festen Plan machen sollte. Oft kommt doch so und so etwas anderes dabei heraus. Man rackert sich Ewigkeiten mit etwas ab, bis man feststellt, dass es einem gar nicht entspricht. Dann merke ich, dass ich es nicht einmal kann und nur der totale Mist  dabei herauskommt.
Sich die Freiheit nehmen - man ist doch immer wieder so vielen Zwängen unterworfen, von Natur aus schon, mit Essen, Trinken usw. Dazu kommen dann noch die Dogmen. Ich glaube, dass ich ein sehr unfreier Mensch bin. Aber ich würde für das politische System, in dem wir leben und das über ein hohes Maß an Freiheit verfügt, doch immer ein paar Hände ins Feuer legen, wenn es brenzlig wird. Das denke ich schon.

Talk Teil 2:  „Da kann ich doch jeden herumhurenden Atheisten verstehen“

Peter Clös
Seit ich 50 geworden bin, habe ich eine neue Art von Respekt vor mir selber, so in dem Sinne: Mein Gott, du bist jetzt schon so lange da, das ist doch eine Leistung. Ich habe mir selbst so eine Art Einladung geschickt, nach meinem 50. Geburtstag auf mich aufzupassen, gut mit mir umzugehen. Ich habe in Ihrem Buch "Gib mir Liebeslied" den Satz gelesen: „Also 1982, als ich da in Holland war, bevor dann der Erfolg einsetzte nach der Traktortournee, da habe ich ja mehrmals mein Leben riskiert und ich bin mit mir umgegangen wie die Axt im Wald. Erst als der Erfolg kam, habe ich mich begonnen ernst zu nehmen.“

Georgette Dee
Das war einfach eine wilde Zeit. Wenn man jung ist, gut aussieht und doof ist, dann ist das meistens sehr kompliziert. Da spielt man auch mit seinem Leben, weil man natürlich glaubt, unsterblich zu sein. Da nimmt man irgendwelche Sachen ein und liegt in irgendwelchen Parks herum. Dann kommen aber ältere Leute, geben einem etwas zu essen und sagen: „Das wird schon wieder besser.“ Wir glauben, dass es immer schön ist, aber das Leben ist nicht immer schön. Da muss man irgendwie durch. Das ist auch ein Grund, warum es Religionen gibt. Wenn es dann gar nicht mehr schön ist, rennen sie alle in den Tempel und schimpfen. Dann geht es besser. Man muss das mal jemandem sagen können.

Peter Clös
1993 bin ich zum ersten Mal in eines Ihrer Programme gekommen. Das war für mich eine Einladung in ein Land, auch in ein Land meines eigenen Lebens, das ich vorher nicht den Mut gehabt hätte, zu betreten. Ich sehe in Ihnen jemanden, der stellvertretend für mich diesen Mut hat. Ja, allein Ihre Erlebnisfülle auf erotischem Gebiet, da wird man ja echt neidisch.

Georgette Dee
Ja, ich hatte immer schon viel Fantasie.

Peter Clös
Die Georgette kann das aber nicht erlebt haben, indem sie zu Hause wartet nach dem Motto: Erlebnis, komm mal vorbei. Sie werden da auch zu den Erlebnissen hingegangen sein.

Georgette Dee
Nun ja, es geht um Bereitschaft, was die Erlebnisse anbelangt.

Peter Clös
Ich habe in einer Esoterik-Durchhalte-CD einmal die ganz banale, aber auch sinnige Empfehlung gelesen: Wenn du willst, dass jemand in dein Leben kommt, dann mach eine Schublade leer, mach die Hälfte eines Schrankes leer, damit jemand überhaupt bleiben kann, wenn er bleiben soll.

Georgette Dee
Ich kannte einmal einen Menschen, der so „romantisch“ war und sein Bett mit Plüschtieren voll hatte, auch noch mit 50, und sich dann wunderte, dass keiner kam.  Wenn man so viele Plüschtiere auf seinem Bett hat, wer soll denn da auch liegen? Das heißt doch: Eigentlich soll da keiner sein. Ich habe mich ihm darüber sehr gestritten und wir haben auch zwei Jahre nicht mehr miteinander geredet. Das Gejammer war auch nicht mehr mit anzuhören.

Um noch einmal auf die Freiheit und die Religion zurückzukommen. Ich glaube, dass wir mit dem Tod ein Höllenproblem haben. Ich denke, darin begründen sich ganz viele unserer Probleme. Wir wollen leben, aber nicht zu laut, dann könnte der Tod es ja hören und haut uns vielleicht eine herein, wenn wir es gar nicht wollen. Damit muss man sich auseinandersetzen und gerade das hat die abendländische, christliche Religion doch sehr versaut in den letzten 2000 Jahren. Dieses unnatürliche und lebensfeindliche Verhältnis der Kirche zum Tod hat mich immer sehr gestört.

Wir wurden früher immer zum Kindergottesdienst gescheucht. Ich hab den manchmal verpasst und gesagt: „Ich hab mich verspielt.“ Ich fand den schrecklich. Das waren noch die schweren 60-er-Jahre und es war alles so ordentlich. Es gab nur eine Botschaft und es war auch immer zu lang. Aber ich habe einmal im Kindergottesdienst ein Wunder erlebt. Wir waren beim Schlusssegen für die Kinder und plötzlich rumpelte es höllisch und die Glocke fiel vom Turm. Der Turm war direkt über dem Ausgang. Drei Minuten später hätten Kinder darunter liegen können.  Daran muss ich manchmal noch denken: Es  ist doch wirklich merkwürdig, dass ich gerade in dieser Kirche war, als die Glocke aus dem Turm fiel. Die Kirche war „durchgerottet“...

Peter Clös
Bei einem kürzlichen Gespräch zwischen uns behauptete ich, der Tod will eine Ursache haben, und wenn er die nicht hat, dann sterben wir nicht. Sie sagten dagegen ganz hoffnungsfroh: Eines Tages klappt es schon mit dem Tod.

Georgette Dee
Ich versuche mich damit zu beschäftigen, dass der Tod ein Teil des Lebens ist. Einige Menschen, die mir nahe standen, sind schon gestorben. Die sind jetzt „weg“. Das gehört zum Leben. Aber was das jetzt eigentlich bedeutet, mit dieser Frage bin ich noch nicht weiter gekommen. Da habe ich noch keine Ahnung.
Natürlich bin ich von dem Wertesystem der evangelischen Religion sehr geprägt. Was mich aber schon immer gestört hat, ist das Dogma, dass alles vorbei sein soll, wenn man sich nicht anständig benimmt. Da kann ich doch jeden herumhurenden Atheisten verstehen, wenn dem der Kragen platzt und er sich sagt: „Jetzt habe ich es so und so versaut, jetzt ist es auch egal.“ Das kann nicht der Sinn der Sache sein, auch nicht der von Religion. Ich denke, dass sich die christlichen Kirchen noch nicht genug damit auseinandergesetzt haben. Wir sind sterblich, aber mich gruselt es, dass ich irgendwie vor einem Gott, den ich mir sowieso nicht vorstellen kann, das Abrechnungsbuch aufschlagen muss.

Peter Clös
Das gruselt mich auch.

Georgette Dee
Da stünde man da und denkt: „Ich hab’ alles falsch gemacht, wat'n Scheiß.“  Da weigere ich mich. Dann bleibe ich lieber bei Petrus im Pförtnerhäuschen sitzen…

Peter Clös
Dieser Gott Ihrer und auch meiner Kindheit war immer ausgelagert. Der war immer „outside“, und darauf bezog man sich. Man war selber hier, aber das Zentrum war eigentlich außerhalb. Jetzt gibt es aber auch diese Worte "Zur Freiheit habe ich euch berufen und zu meinem Ebenbild habe ich euch geschaffen". Warum versuche ich denn nicht das göttliche Prinzip in mir  zu verwirklichen? Also sobald Menschen es vermögen, Ausdruck der Werte zu werden, an die sie glauben, wäre das doch gelöst. Sie sagten eben, dass wir soziale Wesen  sind – im Handeln, im Tun.

Georgette Dee
Ja, im Grunde wäre das meine Antwort. Wenn Sie mich fragen, was haben Sie mit Ihrer Freiheit gemacht, versuche ich das schon, also so zu leben und auch in meinem Umfeld das zum Ausdruck zu bringen, wie ich das für mich verinnerlicht habe oder wie ich innerlich mit mir da im Klaren bin.

Talk Teil 3: "„Man kann sich vergeben“

Peter Clös
Sie befreien sich – das ist jetzt meine Interpretation – auch durch die künstlerische Tätigkeit. Ihre Gesangskollegin Mouron hat über Sie in ihrem Album, ihrem Buch gesagt: „Wenn ich Georgette mit einem Wort charakterisieren dürfte, dann würde ich sagen, sie ist frei, sie ist frei, alles zu wagen und zu tun, alles zu vergessen, alles neu zu beginnen und alles zu verändern wie eine Göttin, so wie eine Göttin, weil alle, die sie lieben, ihr alles verzeihen.“

Georgette Dee
Ja, das ist in meiner Kunst sicherlich möglich, aber in meinem Alltag, in meinem Leben natürlich nicht so.

Peter Clös
Aber die Kunst ist die Flucht nach vorne.

Georgette Dee
Auf jeden Fall.

Peter Clös
Und die Arbeit mit diesen Kräften...

Georgette Dee
Ja. Und sicherlich ist auch meine Kunst Ausdruck davon, was ich vorher gedacht und gefühlt habe und mit was ich mich beschäftigt habe oder was ich gelesen, gehört und an Leben um mich herum erfahren habe und auch aus mir heraus. Es ist auch eine enorme Anzahl von Fehlern und Dingen, die man falsch gemacht hat. Das kommt natürlich mit in die Kunst herein und gibt dann sicherlich dem Zuhörer manchmal das Gefühl: Aha, man kann doch sehr frei sein. Man kann sich vergeben, man kann wieder von vorne anfangen. Man kann verzagen, verzweifeln, hadern, schreien, weinen, schimpfen, und man kann auch vor Glück irgendwie manisch über den Wolken fliegen. Man darf das alles.

Peter Clös
Das Interessante ist, dass Sie einem in Ihren Auftritten über die Ambivalenz des Lebens nichts verschweigen. Sie spannen den Bogen von der guten Fee, von der „Gutmenschin“, bis zu der Person, die am Himmel ein Flugzeug sieht und voller Zynismus sagt: „Stürz ab, die Drecksbande muss nicht in Urlaub.“ Das sind die Amplituden, da verschweigen Sie nichts. Mir geht es so, dass ich nach Ihrem Programm immer selber mehr Mut habe – und ich weiß ja um die Dinge, ich weiß um die Kräfte, um das Archaische in mir und das Tierische in mir und um die dünne Kulturmembran, die ich über mein Wesen gespannt habe und die sehr brüchig ist. Aber wenn ich eines Ihrer Programme gesehen habe, denke ich mir, ich packe das, ich schaffe das.

Georgette Dee
Das ist gut. Also es ist schon enorm, zu was wir fähig sind. Wir können grundgütige Gute sein und wir können Mörder und Verbrecher sein. Ich versuche irgendwie in meiner Kunst, dem Rechnung zu tragen. Man ist nicht nur gut. Ich versuche auch nicht mit meiner Kunst, irgendwie ein Ziel zu erreichen, sondern eher zu kommunizieren, auch das, was in mir vorgeht, und ein Teil der Menschen zu sein, wie sie auch sind. Man ist nur ein kleiner Teil, Menschen sind so verschieden. Wie ich gestern Abend in meinem Konzert sagte: Früher dachte ich immer, ich möchte zu den Sternen fliegen, bis ich dann das erste Mal im Nachbardorf auf einem Schützenfest war – da dachte ich, ich bin da schon auf einem anderen Planeten. Also so vielfältig ist das alles.

Peter Clös
Sie haben sich noch eine andere Freiheit genommen. Sie sind als kleines Kind in den Garten gegangen, und da machten Sie eigentlich das, was Sie heute immer noch tun in Ihren Abenden: Sie haben Welten beschworen, die es gar nicht gab, mit Drachen geredet, mit Feen, mit Prinzen, mit Königen, Sie haben Kinderwelten heraufbeschworen. Dann haben Sie sich an einen Baum gelehnt, sich umgezogen und das nachgespielt, was Sie sich da vorgestellt haben. Das machen Sie heute immer noch.

Georgette Dee
Irgendwie mache ich das sicherlich immer noch, ja. Ich glaube, die Welt ist auch so. Wenn man die Märchen als Beispiel nimmt, die sind voller Bilder, die wir alle in uns haben auch, symbolmäßig. Menschen mit Hoffnungen und Träumen, Menschen, die eine Veränderung wollen, Menschen wie die Stiefmutter von Schneewittchen, die böse ist, die aber auch nur ihren Wünschen und Nöten nachgeht. So eine verabredete Märchenwelt ist mir lieber, als wenn ich mir so einen hart prosaischen Ostberliner Lyrikschinken hereinziehe, wo ich schon nach zehn Seiten mit den Zähnen irgendwie im Beton stecke, weil ich diese emotionale Quälerei nicht miterleben möchte. Ich bin ungerecht, ich weiß. Für jemand anders mag das genau das Buch sein. Aber in diesen Märchen- und Fantasy-Büchern findet man oft ganz schöne Sachen. Da gibt es Drachen, die irgendwie ganz viel Macht haben und die sich auch ganz selten blicken lassen, und die sind irgendwie Glückssymbole, aber ganz geheimnisvoll. Dann passiert eine Katastrophe und die Drachen müssen auch kommen. Der Held ist dann mit einem Drachen alleine in diesem Versammlungssaal und plötzlich löst sich dieses Hässliche des Drachens vor den Augen des Betrachters auf, und was übrig bleibt, ist ein Kind. Da sagt das Kind: Ja, ich bin die Seele des Drachens. Der Drache, dieses grässliche, Furcht einflößende, machtvolle Wesen, ist im Grunde genommen nur ein Symbol, eine Schutzhülle für dieses Kind, das die Seele des Drachens ist. Solche Bilder finde ich ganz schön. Ich las das Buch gerade, als eine Bekannte von mir an einer ganz schrecklichen Magersucht gestorben ist. Ich musste immer an sie denken, weil sie sah zum Schluss so schrecklich aus, dass man sie wirklich kaum noch angucken konnte, und sie war ein bisschen jünger als ich. Ich dachte immer, ja, das ist die Drachenhülle, und irgendwo ist dieses Kind und bald ist es frei. Es war auch nicht mehr zu retten, denn es hatte sich so entschieden.


„Das Gute und das Böse bildeten immer eine Einheit“

Peter Clös
Hier sind zwei Beispiele für den „ernsten Humor“ von Georgette Dee: "Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an, von vor dem Frühstück bis nach dem Zubettgehen, in der Regel täglich." Oder: "Man hat ein Recht darauf, sich gehen zu lassen, man muss ja nicht mitkommen." Das war mein Problem, wenn ich mich gehen ließ, ich war immer dabei.

Georgette Dee
Ja, das kann sowohl ein Fluch als auch ein Segen sein. - Mir fällt noch ein, als Sie vorhin über die Dinge sprachen, die von innen heraus kommen und dieser Gott immer einer von außen war und angesagt hat, was gut und schlecht ist. Es gibt ein sehr schönes Buch, "Die Universalgeschichte des Bösen" des Franzosen Gerald Messadié, der als Kind im Keller eingesperrt wurde mit der Ansage: „Wenn du dich jetzt nicht benimmst, holt dich der Teufel.“ Da war er sieben oder acht Jahre alt. Er hat also im Keller gesessen und gedacht: „So, wenn jetzt der Teufel kommt, dann habe ich keinen Respekt mehr vor ihm, weil der so viel Zeit hat, sich um so jemand Unwichtiges wie mich zu kümmern. Dann kann der nicht besonders mächtig sein.“ Der Teufel kam auch nicht, aber das war die Initialzündung für dieses Buch. Als Erwachsener ist Messadié lange um die Welt gereist und hat sich alle möglichen Kulturen angesehen, um herauszufinden, was eigentlich das Böse für die Menschen auf der Welt ist. In Ozeanien entdeckte er Völker, denen es extrem wichtig ist, dass sie mit sich im Reinen sind, für die es schrecklich wäre, mit irgendeiner ungeklärten Geschichte zu einem anderen Menschen zu sterben. Das heißt, sie machen alles untereinander aus, weil das gar keine guten „Vibrations“ gibt, wenn sie mit ungeklärten Sachen verscheiden. Denen war klar, dass in ihnen das Gute wie das Böse wohnt. Das Gute und das Böse bildeten immer eine Einheit. Dann fand Messadié heraus, dass es im Kaukasischen ein Volk gab, das einen Satangott hatte. Da war das Böse das erste Mal belegbar ausgelagert. Die Naturvölker wussten immer schon, dass beides in einem ist – der Dolch und die streichelnde Hand. Diese kleine Religion wanderte nach Mesopotamien und die Priester, die da am Werkeln waren, haben sofort begriffen, was das für eine Macht ist, wenn man das Böse auslagert und nur noch die Priester wissen, was jetzt richtig oder was falsch ist. Von da aus hat sich diese Idee und dann auch die Idee von der Hölle verbreitet. Satan war außen und wir stehen wie tumbe, leere Fässer im Kosmos herum und entweder schüttet uns das Böse oder das Gute eine Dröhnung herein.
Ich denke darum geht es. Wenn man das Gute und das Böse in sich trägt, dann wird das Thema mit dem freien Willen interessant. Denn dann kann man sich entscheiden.

Peter Clös
Das ist für mich auch die Einladung, die von Ihnen immer ausgeht, das zu ändern, die Tür aufzumachen, sich dem Wettbewerb der Kräfte, den Ambivalenzen zu stellen. Das spielt auch die Sexualität eine Rolle. Meine rechte Seite, sage ich jetzt mal, ist Geilheit, ist Sex, und die linke Hälfte ist Kreativität, ist geistige Kraft, ist Nobelpreis. Ist es nicht dieselbe Urkraft, die sowohl zum Nobelpreis als auch zum Orgasmus führt?

Georgette Dee
Bestimmt, ich bin mir sicher. Aber auch das ist ganz unterschiedlich. Ich habe Sex gehabt, der ist auch in der Erinnerung noch unglaublich, den kann man überhaupt nicht beschreiben, der war symphonisch. Dann gibt es aber auch Sex, das war wie ein Bratwürstchen im Regen im Stehen zu essen. Qualität und Quantität gibt es da natürlich auch. Aber die Kraft ist die Gleiche. Manchmal denke ich auch, dass Sex ein bisschen überbewertet ist. Ich bin vielleicht ein sexueller Mensch geworden, weil mein Elternhaus sehr prüde war, da war das alles sehr verpönt und man durfte auch nicht darüber sprechen. Ich habe mich dann bei einem Psychologen kundig gemacht und stellte fest: „Du bist nicht verrückt, es gibt ganz Viele, die so drauf sind“. Es ist so,  dass sehr sexuelle Menschen oft aus Elternhäusern kommen, wo zu viel Sex oder zu wenig war. Es gibt da aber eine Mitte. Sex ist eine schöne Sache, aber jetzt wird man älter und da ist auch ein blühender Apfelbaum ganz schön.

Peter Clös
Im Triebbereich wird, das, was klein gehalten werden soll, besonders groß.

Georgette Dee
Da kann man sich drehen und wenden, wie man will, die Einflüsse sind einfach da. Also muss man irgendwann, wenn man in die Pubertät kommt, einen Weg finden. Aber mein Traum wäre schon, dass die Menschen in der Familie wesentlich offener wären für alles Mögliche und für alle Möglichkeiten, ganz besonders, was das schwul-lesbische Leben anbelangt, das ist immer noch sehr schwierig. Ich wäre viel gerader in mein Leben hineingewachsen, wenn ich in meiner entsprechenden Pubertätsphase „Support“ gehabt hätte. Als ich in den ersten Jungen verliebt war, hätten die sagen können: „Das ist doch wunderbar.“ Hat man aber nicht, es wurde sofort tabuisiert, verboten. Das Schlimmste war, dass überhaupt nicht darüber gesprochen wurde, es wurde noch nicht mal darüber gestritten.
Ich war aber wild genug zu sagen: So, wenn hier keiner mit mir darüber redet, dann laufe ich jetzt so lange durchs Land, bis jemand ich jemanden finde, der es tut. Und die habe ich auch gefunden - die Jungs.

Peter Clös
In meiner Kindheit war das eine Bedrohung, da musste man die Finger davon lassen. Heute sage ich, wenn Sex und Liebe zusammen kommen, dann ist das wunderbar. Aber es ist natürlich ein Drama, wenn zu viel an Trieb auf zu wenig Gelegenheit trifft, aber nehmen wir jetzt mal an, die Gelegenheiten sind da und sie werden auch genutzt – dann ist doch ein ordentliches Sexerlebnis ohne Liebe immer noch besser als gar keins?

Georgette Dee
Ich glaube, das kommt wirklich auf den Lebensabschnitt an. Für junge Menschen mag das sicherlich noch zutreffen, aber irgendwann, wenn man älter wird, verändern sich die Prioritäten. Heutzutage ist zwar alles sehr tolerant, aber das heißt noch lange nicht, dass viele Dinge akzeptiert sind. Das gilt für heterosexuelle junge Paare genauso. Ich weiß noch, dass meine Schwester mal sehr die Nase gerümpft hat, als mein Neffe seine erste Freundin mit nach Hause brachte und dort auch die Nacht mit ihm verbringen wollte. Sie hüstelte sich einen ab, und ich musste so lachen und dachte: "Ja, ja, genau wie früher, wir machen es auch nicht besser.“

Peter Clös
Wir sind beide zu einer Zeit groß geworden, da waren laut § 175 homosexuelle Aktivitäten noch ein Straftatbestand.

Georgette Dee
Ja, aber die wichtige Sache an der Sexualität ist ihr Zusammenhang mit einem größeren zwischenmenschlichen Beziehungsrahmen. Es wäre natürlich schön, wenn das noch viel selbstverständlicher wäre. Denn das ist das Gleiche, was wir vorhin hatten: Man will erkannt werden, man will akzeptiert werden und nicht nur von dem Menschen, den man liebt oder mit dem man eine Liebesbeziehung hat, sondern auch von denen drum herum. Das findet sich in den alten Ritualen wie Hochzeit usw. Es ist schon viel besser geworden, aber es ist halt doch zu einem großen Teil immer noch ein Traum.

Peter Clös
Sie haben eine sehr schöne Definition von Glück formuliert:  "Werfe ich meine Freude an den Himmel, und wo sie hinabfällt, will ich hingehen. Senke ich meine Lust ins Wasser, und wo sie aufsteigt, kann ich bleiben. Gebe ich mein Glück aus meinen Händen, und wer es auffängt, ist mein Zuhaus."

Georgette Dee
Guck mal an, da war ich noch gerade mal über 20, als ich das geschrieben habe.

Peter Clös
Frau Georgette, weiterhin alles Gute für Sie, dass wir, ich eingeschlossen, noch viele Abende mit Ihnen verbringen dürfen und dass das mit dem Tod bei Ihnen noch lange nicht klappt.

Redigiert von Helga Fitzner

P. S.: Georgette Dee hat während des Gottesdienstes NICHT geraucht. 

Georgette Dee mit Peter Clös beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Timo Belger
Georgette Dee beim Kölner Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Timo Belger
Georgette Dee mit Peter Clös und Pfarrer Hans Mörtter beim Talkgottesdienst in der Lutherkirche, Foto: Timo Belger