11. Kölner Talkgottesdienst am 25.10.2009
zu Gast: Friedrich Nowottny

Journalist, ehemaliger Intendant des WDR

„ES GIBT JA NICHTS SPANNENDERES ALS DIE GEGENWART“

Das verschmitzte Lächeln ist sein Markenzeichen und irgendwie hat er es geschafft, dass ihm das Leben in 80 Jahren dieses Lächeln nicht vergällt.
Friedrich Nowottny wird 1929 in Hindenburg, Oberschlesien geboren. Nach der Vertreibung aus der mittlerweile polnischen Heimat arbeitet er 1946 bei der britischen Besatzungsmacht in Bielefeld. Seine facettenreiche Karriere können wir an dieser Stelle nur in Form von zwei ganz großen Stationen wiedergeben. Von 1973 an leitet er das Studio Bonn des Westdeutschen Rundfunks. Er moderiert insgesamt 1000 Mal den „Bericht aus Bonn“, den er so populär macht, dass für viele Zeitgenossen das Wochenende erst nach dieser Freitagabendsendung im Fernsehen wirklich beginnt. Ein freiwilliges Pflichtprogramm für etliche Zuschauer, bei dem Friedrich Nowottny insbesondere wirtschafts- und sozialpolitische Themen auf verständliche und unterhaltsame Weise darbietet. Er kreiert damit eine Variante des gehobenen Infotainment, lange bevor das Privatfernsehen dieses  „erfindet“.

Pfarrer Hans Mörtter erinnert sich: „Seine Sendungen, Interviews und Kommentare haben mich als politisch heranwachsenden jungen Menschen beeindruckt und geprägt. Er hat mich mit seinen Fragen und seiner authentischen Art neugierig und offen gemacht für die Politik und deren öffentlich hinterfragende aufmerksame Begleitung. Für mich ist er dafür einfach eine beeindruckende Journalisten-Legende, ein Glaubwürdiger, ein unbestechlich Fragender. Und damit hat er dem Zuschauer ermöglicht, sich ganz frei ein eigenes Bild zu machen. Mit seiner professionellen Art hat er kritische Achtung vor seinen Interview-PartnerInnen bewiesen, ebenso damit aber auch die Achtung vor der freien Meinungsbildung seiner ZuschauerInnen.“

1985 wird Friedrich Nowottny Intendant des WDR. Da hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch die Einführung des Privatfernsehens 1984 gerade seine Monopolstellung verloren und ist in eine zunehmende Finanzkrise geraten. Die privaten Sender finanzieren sich durch Werbeeinnahmen, die an den Einschaltquoten gemessen werden. Der Zuschauerwille wird dadurch zum Diktat, in den frühen Jahren nicht immer zum Wohle der Qualität der Sendungen. Friedrich Nowottny leitet den WDR durch diese schwierige Phase der Umstrukturierung. In die Zeit seiner Intendanz fällt die zunehmende Digitalisierung der Technik, die Einführung des Videotextes, die Regionalisierung der Programme u. a. durch das regionale Informationsprogramm WDR 5, das Frühstücksfernsehen und vieles mehr. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 ist Nowottny an der Rundfunkneuordnung beteiligt, die notwendig geworden ist, weil auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine „Ost-Erweiterung“ erfährt.  Als er 1995 in den Ruhestand geht und den Intendantensessel an Fritz Pleitgen abgibt, hat Friedrich Nowottny den Balance-Akt zwischen Publikumswirksamkeit/ Einschaltquoten und dem öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag auf einen guten Weg gebracht.

Friedrich Nowottny ist Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. 2006 erhält er den Deutschen Fernsehpreis. 2007 macht er als „Schwangerschafts-vertretung“ für die Talkmasterin Sandra Maischberger von sich reden. Wie es ihm es in der Rolle des Talk-Gastes gehen wird, das können Interessierte am 25.10.2009 beim Talk-Gottesdienst in der Lutherkirche erleben. Vielleicht erfahren wir dann mehr über das Geheimnis, das hinter dem verschmitzten und hintergründigen Lächeln steckt.

MODERATION: Gerd Krebber

Text: Helga Fitzner
Fotos: Lothar Wages

Artikel in kirche-koeln.de

Talk Teil 1:  Hungrige Zeiten

Gerd Krebber
Guten Morgen. Gerd Krebber ist mein Name. Hans Mörtter hat es vorhin schon erwähnt. Wir sind alte Freunde und haben uns früher sehr häufig hier in der Martin-Luther-Kirche getroffen, als wir noch jünger waren und als noch Elan und Feuer in uns waren. – Nein, Elan und Feuer sind natürlich immer noch da, aber manchmal gehen die Wege einfach in verschiedene Richtungen. Heute haben sie uns wieder zusammengeführt.

Ich freue mich sehr, dass ich hier sein darf, um meinen Kollegen und ehemaligen Chef Friedrich Nowottny zu begrüßen. - Herr Nowottny, Sie sind in Hindenburg in Oberschlesien geboren und Ihre Familie musste gegen Kriegsende fliehen. Ihr Vater war zu dieser Zeit schon gefallen. Haben Sie als junger Mensch Ihren Vater in diesen schwierigen Zeiten vermisst?

Friedrich Nowottny
Ich hatte eine sehr enge Beziehung zu ihm. Wir waren beide im Volkssturm und haben gemeinsam im Schützenloch gestanden. Mir selbst ist es gelungen, von der Ostfront nach Bayern zu marschieren, um dort das Kriegsende zu erleben. Aber mein Vater ist dageblieben und gefallen. - Ja, ich habe meinen Vater vermisst.

Gerd Krebber
Auch Sie haben sich nach dem Krieg irgendwie durchgeschlagen müssen und unter anderem als Schlagzeuger und Dolmetscher für die Engländer gearbeitet. Konnten Sie damals schon gut Englisch?

Friedrich Nowottny
Ja, das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich meinem Englischlehrer dankbar war, der uns Englisch richtig eingepaukt hatte. Ich war also durchaus in der Lage, auf Englisch zu kommunizieren. Unmittelbar nachdem die Amerikaner uns einkassiert hatten, wurden wir gefragt: „Ist irgendjemand hier, der Englisch spricht?“ Das war ausgerechnet in einem wunderschönen österreichischen Städtchen namens Braunau am Inn, dort wo jener Herr geboren wurde, der das ganze Unheil  angerichtet hat, nämlich Adolf Hitler. Da ich Englisch sprach, wurde ich plötzlich und unerwartet Dolmetscher vom Stadtkommandanten von Braunau am Inn. Ich weiß noch, wie er hieß: Es war Captain Cox.

Gerd Krebber
Dann sind Sie aber in Ostwestfalen, in Bielefeld gelandet: Treffen wir uns nicht auf dieser Welt, dann treffen wir uns in Bielefeld …

Friedrich Nowottny
Genauso war das. - Man traf sich unter schwierigsten Bedingungen. So richtig wollte einen ja keiner haben. Ich hatte meine Familie aufgesammelt und wir versuchten in die damals britische Zone zu kommen, was nicht so ganz einfach war. Wir wollten nach Bielefeld, weil wir dort Verwandtschaft vermuteten. Es stellte sich heraus, dass die natürlich ausgebombt und irgendwo anders gelandet waren. Aber so kamen wir nach Nordrhein-Westfalen. Bahnhofsmission, Massenlager, noch ein Massenlager, und dann wurden wir zu alten Nazis einquartiert, sozusagen zur Strafe. Die wurden durch das Erscheinen von uns drei Flüchtlingen dafür bestraft, dass sie in der Nazizeit Ämter hatten. Es war nicht sehr erfreulich, aber gut. Sie sehen, man hat’s überlebt. Es waren schwierige Zeiten, hungrige Zeiten, aber auch sehr lehrreiche.

Gerd Krebber
Dann kam der Schritt zum Journalismus als Volontär bei der Freien Presse Bielefeld.

Friedrich Nowottny
Das war nicht so einfach, Herr Krebber. So, wie es den jungen Menschen, die einen Job suchen, heute geht, ging es den jungen Menschen damals auch. Ich war erst einmal freier Mitarbeiter. Als ich mich um ein Volontariat bewarb, bekam ich ein Schreiben, das heute auch viele junge Leute bekommen. Darin stand: Sie sind der 486. Bewerber, wir haben nur zwei Stellen zu vergeben. Es tut uns leid, aber Sie können ja als freier Mitarbeiter weitermachen. Gut, ich habe mir dann einen anderen Job gesucht und bei einer Versicherung gelernt.

Gerd Krebber
Sie waren bei der Eisenbahnversicherungskasse. Was haben Sie da gemacht?

Friedrich Nowottny
Ich habe versucht, die Geheimnisse der Versicherungswirtschaft zu ergründen. Das ist mir auch gelungen. Was ich dort gelernt habe, war für meinen späteren Lebensweg von großer Bedeutung. Ich wusste von da an, wie ein Büro funktioniert, wie man Briefe schreibt und wie man eine Bilanz liest - nicht wie man sie fälscht. Zum Schluss saß ich im Vorzimmer des Vorstandsvorsitzenden.

Gerd Krebber
Sie haben aber den Journalismus im Auge behalten und waren auch in dieser Zeit als freier Mitarbeiter journalistisch tätig. Wie kam es dann, dass Sie bei der Zeitung und schließlich beim Fernsehen landeten?

Friedrich Nowottny
Mein Chef bei der Versicherung war damals Paul Bencke, ein unvergesslicher Mann, der sich fast väterlich um mich gekümmert hat und dem ich zu sehr großem Dank verpflichtet bin. Der drängte zur Entscheidung: Entweder Sie werden jetzt Journalist oder Sie bleiben bei uns und gehen auf die Versicherungsakademie. Da brach ich meine strahlende Berufskarriere als Versicherungskaufmann ab und wurde Volontär bei der Freien Presse in Bielefeld. Ich hab’s auch nie bedauert.

Gerd Krebber
Es sind einige aus Bielefeld gekommen. Fritz Pleitgen, der nach Ihnen Intendant des WDR wurde, Harald Brand, der Chef der Landesprogramme. Wieso schwärmen die Bielefelder so aus in die weite Welt, um als Journalisten tätig zu sein? Wissen Sie den Grund dafür?

Friedrich Nowottny
Wir hatten als Volontäre eine unglaublich harte Schule durchzustehen. Herbert Wehner hätte gesagt: „Sie werden uns häuten!“ So sind die da tatsächlich mit uns umgegangen, aber ich habe das nie bedauert. Das waren Jahre, in denen man das Handwerk des Journalismus eingeprügelt bekam. Es war noch nicht so „ver-akademisiert“ wie heute, es lebte vom praktischen Bezug des Volontärs, des Jungredakteurs, des Redakteurs zu seinen Lesern. Das waren alles sehr komplizierte und schwierige Zeiten. Aber man hat fürs Leben gelernt.

Gerd Krebber
Sie haben ihr Handwerk sozusagen von der Pike auf gelernt. Also, Polizeimeldungen, dann …

Friedrich Nowottny
... „Herzlichen Glückwunsch an unsere Leserinnen und Leser“ nicht zu vergessen. „Herzlichen Glückwunsch“ war eine der beliebtesten Rubriken. Die Daten mussten wir mühsam aus Kirchenblättern heraussuchen. Ab dem 70. Lebensjahr wurden die gedruckt. Wir mussten die jeden Tag neu in der Großstadt Bielefeld heraussuchen. Das war sehr umfangreich und sehr zeitraubend …

Gerd Krebber
... mit Fotografien?

Friedrich Nowottny
Ein Foto gab es erst ab 80 Jahre.

Gerd Krebber
Dann wären Sie in diesem Jahr erstmalig mit Foto in der Bielefelder Presse erschienen.

Friedrich Nowottny
Richtig. „Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag“ mit Foto. Ja.

Gerd Krebber
Dann ging es ins politische Leben hinaus. Sie haben damals in Ostwestfalen auch zum ersten Mal Konrad Adenauer getroffen?

Friedrich Nowottny
Ich habe die Wahlkämpfe aller lebenden Bundeskanzler mitgemacht und auch der toten. - 1957 kam Konrad Adenauer nach Ostwestfalen, ein älterer betagter Herr, aber von einer unglaublichen Kondition. Der machte an einem Tag vier Kundgebungen, besichtigte die von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, marschierte durch diese Straßen und Institute, als wäre ein rüstiger Fünfziger unterwegs. Das war eine sehr eindrucksvolle Zeit. Ich fuhr immer mit meinem Opel Rekord mit dem Fotografen hinterher. Wir machten Aufnahmen, was damals viel mühsamer war als heute. Es waren andere Zeiten. Heute geht das alles elektronisch. -  Alle Bundeskanzler: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt und Kohl. Kohl war mein letzter, mit dem ich als Journalist zu tun hatte. Mit Herrn Schröder und Frau Merkel war ich auch schon unterwegs, allerdings bevor sie das Kanzleramt übernahmen.

Ich erinnere mich noch an Kohl als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident 1976 mit seiner sehr strengen Frau, die in dem Film, den ich neulich im ZDF gesehen habe, nicht gut wegkam. Sie war eine bemerkenswerte und kritische Persönlichkeit und sie ging mit uns mitreisenden Journalisten völlig ungeniert und untaktisch um. Aber wenn sie A sagte, dann meinte sie A. Das ist ja für eine Politikerfrau nicht ganz selbstverständlich.

Gerd Krebber
Der Film, den Sie gerade erwähnt haben, war eine Spielfilm-Dokumentation über Helmut Kohl „Der Mann aus der Pfalz“, die am 20.10.2009 im ZDF ausgestrahlt wurde. Sie haben sehr viele Politiker der Nachkriegszeit persönlich kennen gelernt. Was halten Sie generell davon, wenn man Politiker so darstellt?

Friedrich Nowottny
Ich bin da innerlich hin- und hergerissen. Helmut Kohl lebt noch. Es geht ihm nicht gut, aber er berappelt sich mühsam. Er ist sehr, sehr angeschlagen, in einem Reha-Zustand, wenn Sie so wollen, Rehabilitation seit Monaten, um nicht zu sagen seit zwei Jahren. Einen Film über einen solchen Mann zu machen, der auch noch lebendig in Erinnerung ist, ist schwierig, zweischneidig und nicht immer plausibel. Ich weiß nicht, wer den Film gedreht hat. Es gibt weite Passagen, da führt Kohl Selbstgespräche, ehe er dann zur Tat schreitet. Ich habe meine Zweifel, ob das die richtige Art und Weise ist. 

Talk Teil 2:  „Nowottny ist eine eigene Partei“

Gerd Krebber
Anfang der 60er kam ihr Durchbruch als Fernsehjournalist.

Friedrich Nowottny
Der Saarländische Rundfunk suchte 1962 einen Wirtschaftsredakteur. Ich war bei meiner Bielefelder Zeitung Wirtschaftsredakteur, habe mich beim SR beworben und die haben mich nach zwei Vorstellungsgesprächen auch überraschenderweise genommen. Dort habe ich eine Sendung entwickelt und moderiert: „Der Markt - Wirtschaft für jedermann“. Die war so erfolgreich, dass sie in der ARD ausgestrahlt wurde. Innerhalb dieser Sendung gab es auch einen Börsenteil. Ich war der erste Mensch, der im deutschen Fernsehen eine Börsensendung gemacht hat. Das war vielleicht auch so ein Riesenerfolg, weil wir unmittelbar nach der Bundesliga-Berichterstattung gesendet wurden.

Gerd Krebber
1967 wechselten Sie dann zum WDR ins Studio Bonn. Wie kam es dazu?

Friedrich Nowottny
Die Frau des Bonner Studioleiters Müggenburg hatte meine Markt-Sendung gesehen und machte ihren Mann darauf aufmerksam: „Ihr sucht doch immer jemanden, der Mifrifi, mittelfristige Finanzplanung, erklären kann. Da ist einer, der kann das.“ Da rief mich Herr Müggenburg an und bat mich, bei ihm vorbei zu kommen. Er hat mich dann als stellvertretenden Studioleiter eingestellt.

Gerd Krebber
Ab 1973 waren Sie dann Chef.

Friedrich Nowottny
Ab 1973 Chef, ja.

Gerd Krebber
Sie haben tausend Mal den Bericht aus Bonn gemacht. Wie haben Sie sich immer verabschiedet?

Friedrich Nowottny
Meine Abmoderation lautete: „Bericht aus Bonn am nächsten Freitag, auf Wiedersehen, das Wetter.“ Ich wollte es kurz und bündig ohne einen klugen Spruch zur Verabschiedung machen. Die Deutsche Presse-Agentur hat das dann allerdings verhunzt. Die behaupten, es wäre: „Guten Abend. Das Wetter“ und da die DPA eine Macht für sich ist, die bleibenden Wert und bleibenden Einfluss auf alle Zeitungen hat, wird mir der falsche Spruch immer noch nachgesagt.

Gerd Krebber
Ja richtig, Mr. Wetter.

Friedrich Nowottny
Ich habe damals auch geunkt, dass ich mit dem Bericht aus Bonn aufhören müsse, bevor auf meinen Grabstein stehen würde: „Hier ruht ... Das Wetter.“

Gerd Krebber
Sie haben in diesen Jahren die Sendung aber geprägt.

Friedrich Nowottny
Ich musste mich immer um Dinge kümmern wie Bundeshaushalt, Krankenversicherung und Rentenversicherung. Meine Damen und Herren, glauben Sie mir, das war in den 18 Jahren, in denen ich in Bonn war und darüber berichtet habe, die Topthemen. Es ging von den 60er-Jahren bis weit in die 80er-Jahre um Krankenversicherung, um Rentenversicherung und zwischendurch immer wieder um Arbeitslosenversicherung. Es ging um Inflation, Staatsschulden, um die Themen, die uns heute auch umtreiben und auf dem Magen liegen. Ich war immer dazu verdonnert, die komplizierten Sachen zu machen. Warum? Weil eben die Kollegen gesagt haben, für Mifrifi ist der Chef zuständig, der ich inzwischen geworden war. Ich habe mich nie ganz davor drücken können.

Gerd Krebber
Edmund Stoiber hat mal von Ihnen gesagt: Nowottny ist eine eigene Partei. Das finde ich sehr bemerkenswert.

Friedrich Nowottny
Politik und Journalisten, Herr Krebber, das ist ja das Stichwort, das Sie ansprechen, waren schon immer eine tolle Sache. Natürlich versucht die Politik auf Journalisten Einfluss zu nehmen, gleichgültig ob bei Zeitungen, beim Radio oder beim Fernsehen. Da gibt es diese berühmten Listen der „Nahesteher“. Wer steht wem nahe? Die Hanns-Seidel-Stiftung, das ist die Stiftung der CSU, hat einmal eine Untersuchung gemacht, welcher Journalist welcher Partei nahe steht.  Darauf standen natürlich auch die Kommentatoren der ARD. Ich war in Bonn ein herausragender Kommentator, was die Stückzahl angeht, vielleicht auch, was die Texte angeht. Da haben die also aufgelistet: Dieter Gütt war SPD-nah, der sowieso war CDU-nah, und dann kam Friedrich Nowottny, der – hat dann die Seidel-Stiftung festgestellt – ist Nowottny-nah. Ich muss sagen, so falsch war das nicht. Ich habe mir immer nahegestanden, mit aller kritischen Distanz mit Blick auf mich selbst.

Gerd Krebber
Ich bin seit fast 25 Jahren freier Mitarbeiter des WDR und habe Friedrich Nowottny persönlich kennen gelernt, als er zwei Amtszeiten lang Intendant war. Im Jahr 1994 feierten wir die ersten zehn Jahre des Regionalprogramms „Fenster Köln“. Da habe ich mir überlegt, wie ich den Zuschauer einbinden kann. Ich habe mir eine Couch geholt, eine Stehlampe dazu, einen Fernseher, habe das am Severinstor aufgebaut und dann die Zuschauer auf die Couch gebeten. Ich habe sie interviewt oder sie erzählen lassen, wie ihnen das Programm bisher gefallen hat. Sie haben das damals gesehen und gesagt: „Herr Krebber, das ist doch ein klasse Format, machen Sie das doch weiter.“ So ist die Serie „Die Couch“ entstanden, die ich über zwei, drei Jahre gemacht habe. Das war für mich ein schönes Erlebnis, weil mein Intendant mich gelobt hatte. Wo findet man das noch?

Friedrich Nowottny
Es hat Ihnen nicht geschadet.

Gerd Krebber
Nein.

Gerd Krebber
Sie haben übrigens das Fernsehballett des ehemaligen DDR-Fernsehens gerettet. Wie haben Sie das geschafft?

Friedrich Nowottny
Mithilfe der katholischen Kirche. Aber sie hat’s nicht gewusst, dass sie das Ballett rettet. Denn Kirche, evangelische oder katholische, und Ballett geht nicht. Aber wir haben einen Verlag, der der katholischen Kirche gehört hat, dazu überredet, dass er Geld beisteuert zur Sicherung der Existenz des Fernsehballetts.

Gerd Krebber
Ein Sponsoring durch einen katholischen Verlag für das Fernsehballett der DDR, meine Güte! Das ist eine großartige Sache. - Sind Sie eigentlich ein religiöser Mensch?

Friedrich Nowottny
Ich bin ein gläubiger Mensch. Ob man das mit „religiös“ gleichsetzen kann, weiß ich nicht. Da müssen wir vielleicht den Herrn Pastor befragen. Ich bin Katholik von Hause aus. In Oberschlesien war man Katholik, aber dann bin ich in dieses „Heidenland“ Ostwestfalen-Lippe gekommen. In meiner Familie sind außer mir alle evangelisch. Es funktioniert ganz gut. Ich bin seit über 50 Jahren evangelisch verheiratet. Ich habe eine Tapferkeitsmedaille verdient – oder meine Frau. Wahrscheinlich sie mehr als ich.

Gerd Krebber
Wie viel Einfluss hat die Kirche eigentlich innerhalb einer öffentlich-rechtlichen Anstalt wie dem WDR?

Friedrich Nowottny
Die Kirche hat eine besondere Rolle in den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Sie hat ein Verkündigungsrecht. Wenn Sie morgens um kurz vor sieben den WDR 5 im Radio einschalten, hören Sie abwechselnd einen evangelischen und einen katholischen Pastor mit einer Morgenandacht.

Die Kirchen befinden sich in einer schwierigen Situation. Die Situation ist deshalb so schwierig, weil sich die Lebensumstände der Menschen verändern, weil sich diese Gesellschaft zutiefst verändert. Wenn ich überlege, was ich allein in meinem Leben an gesellschaftlichen Veränderungen, Einbrüchen, Erdbeben erlebt habe. Die Kirchen aber gibt es noch immer, sie stellen immer noch Existenzen dar und spielen ihre Rolle in der Gesellschaft. Da muss ich sagen: „Chapeau, Hut ab, vor denen, denen es gelingt, noch immer Menschen zu finden, die sich zu ihnen bekennen und in der Kirche Halt finden.“ Die Kirchen versuchen, auch über die Bibel hinaus, Orientierung zu geben. Das ist eigentlich eine starke Leistung. Denn in dieser Zeit, in der wir leben, ist so wenig Orientierung vorhanden, sei es Orientierung für das eigene Leben, aber auch für das Leben der gesellschaftlichen Gruppe, in der man sich befindet.

Gerd Krebber
Sie haben heute Morgen hier ein modernes Gottesdienstformat wie den Talkgottesdienst kennen gelernt. Wie spricht Sie so was an?

Friedrich Nowottny
Um ehrlich zu sein, bin ich positiv überrascht. Ich habe noch nie einen Tango in einer Kirche gehört, wie der, den wir vorhin gehört haben. Man war ja versucht, eine der jüngeren hübschen Damen ab 75 zum Tanzen aufzufordern. Ich finde das sehr eindrucksvoll und ich werde mir den Ablauf des Gottesdienstes zu Hause noch einmal genau vergegenwärtigen. Schon die Tatsache, dass es hier keine Gesangbücher gibt, die verteilt werden – ich habe jedenfalls keine gesehen –, ist anders, wenn ich das etwa mit der Lutherkirche in Bonn vergleiche. Zu der habe ich eine besondere Beziehung, weil meine älteste Tochter dort Prädikantin ist, das heißt, sie hält auch Gottesdienste –, und das ist verglichen mit dem, was ich heute hier erlebt habe, etwas anders.

Talk Teil 3:  „Alle reden über Kommunikation, aber keiner hört mehr zu“

Gerd Krebber
Sie haben nie richtig aufgehört zu arbeiten und direkt nach Ihrer Intendanz beim WDR Tourneen als Redner oder Gastkommentator übernommen. War das der Drang, es weitermachen zu müssen, nicht aufhören zu wollen, oder war das die Nachfrage?

Friedrich Nowottny
Es war beides. Es war zunächst die Nachfrage und dann die sich daraus ergebenden Gewohnheiten. Ich bin 1995 aus meinem Amt ausgeschieden, ein Jahr vor Ende meines Vertrages, weil ich mir gesagt habe: Den Zeitpunkt deines Abschieds bestimmst du selbst. Das war ein Riesengewinn für mich. Ich habe sicherlich fünf Jahre meines Lebens dadurch gewonnen. Ich bin dann durch die Lande gereist, habe Vorträge zum Thema Kommunikation gehalten. Ich habe immer gesagt: Alle reden über Kommunikation, aber kein Mensch hört mehr zu. Das ist das große Drama unserer Zeit, meine Damen und Herren, denken Sie im Alltag daran. Kein Mensch hört mehr zu, weil er mit seinen tausend Gedanken irgendwo ist, nur nicht dabei, seinem Gegenüber Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe also über Kommunikation und Medienentwicklung geredet. Ich habe über die Machtfrage geredet. Im Augenblick läuft ein Vortrag ganz gut, der heißt: „Wenn es um die Macht geht – von Konrad Adenauer bis Angela Merkel“. Das ist eine Spanne unseres Lebens, die ich resümieren kann. Es ist ganz spannend, das alles noch machen zu können.

Gerd Krebber
Sie machen das ohne Internet.

Friedrich Nowottny
Ohne Internet. Ich hatte das alles, aber das Internet hat mich so abgelenkt. Ich habe so ein wunderbares Archiv. Wenn ich wissen will, was Adenauer wann gesagt hat, dann benutze ich mein Archiv. Ich überlege immer, was ich mit all den Büchern mache, wenn ich dann mal nicht mehr tätig bin oder wenn ich das meiner Frau hinterlassen sollte. Die armen Menschen, die das aussortieren müssen. Na gut, es wird sich ein Weg finden. - Ich finde die Spanne meines jetzigen, wenn auch reduzierten, Berufslebens noch immer eine ungeheure spannende Geschichte.

Gerd Krebber
Sie haben einmal gesagt, Sie wären der teuerste Gast der Harald-Schmidt-Show gewesen. Das fand ich sehr beeindruckend. Wie ist das zustande gekommen?

Friedrich Nowottny
Normalerweise gab es eine Gage von 500 Mark. Aber meine Tochter ist Physiotherapeutin und hat sich viele Jahre um die Basketball-Nationalmannschaft der Rollstuhlfahrer gekümmert. Die sind im internationalen Basketballgeschäft eine hervorragende Mannschaft gewesen. Die waren Welt- und Europameister und sie wollte mit denen zur Olympiade nach Atlanta: „Wir brauchen Geld, wir haben so wenig“, sagte sie. Ich hatte gerade eine Einladung in die Harald-Schmidt-Show erhalten. Da ergab sich eine Situation, bei der er sagte: „Da können wir doch wetten.“ „Prima“, sagte ich, „wir wetten um Ihre Gage“.  – Ich habe gewonnen! Er hat viele tausend Mark überwiesen und Harald Schmidt freute sich, dass er eine schöne Spendenquittung bekam. So war allen geholfen.

Gerd Krebber
Sie haben immer wieder Aufsätze und Beiträge geschrieben. Aber Sie haben nie eine Biografie oder eine Autobiografie geschrieben. Haben Sie das noch vor?

Friedrich Nowottny
Ich habe einen ganzen Ordner von Verlagsangeboten. Es wird einem angeboten, dass man gar nichts zu machen braucht. Die wollen Leute schicken, die die Biografien schreiben. Man müsste nur für ein längeres Interview zur Verfügung stehen. Da kann ich nur sagen, dass das nicht mein Ding ist.

Gerd Krebber
Das geben Sie nicht aus der Hand?

Friedrich Nowottny
Ich möchte doch gefälligst das, was ich zu sagen habe, selbst zu Papier bringen. Außerdem sage ich mir: „Ich hatte meine Zeit, wen interessiert das noch?“ Ich habe zu viele Kollegenbücher in den Billigangeboten der großen Buchhandlungen gesehen, die statt 19,90 dann 3,20 Euro gekostet haben. Für mich wäre es eine grausame Vorstellung, wenn auch ich mich da wiederfinden würde. Man ist ja auch eitel. Man möchte doch, dass …

Gerd Krebber
... Friedrich Nowottny möchte nicht verramscht werden.

Friedrich Nowottny
Ich möchte nicht verramscht werden. - Na ja, also vielleicht werde ich doch einmal etwas zu Papier bringen, was aber nichts mit der Vergangenheit, sondern mehr mit der Gegenwart zu tun hat, denn es gibt ja nichts Spannenderes als die Gegenwart.

Gerd Krebber
Wie könnte der Titel heißen?

Friedrich Nowottny
Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich kann nur sagen: Die Welt dreht sich im Kreis, nicht nur der Globus, sondern auch unsere Welt, die überschaubare Welt. Die menschlichen Ansprüche an sich selbst verändern sich. Die Ansprüche an das, was man heute die Gesellschaft nennt, ändern sich, die ja in den verrückten 60-er-und 70-er-Jahren noch an allem Schuld gewesen ist. Die Ansprüche an den Staat haben sich verändert. Darüber möchte man gern mal nachdenken, ohne gleich in irgendeinen Streit zu verfallen. Ich finde, das, was wir heute erleben, ist faszinierend. Wir erleben nicht nur den Zerfall vieler gesellschaftlicher, sondern auch politischer Strukturen. Denken Sie an die letzte Bundestagswahl. Das sind alles Hinweise darauf, dass irgendetwas nicht mehr so funktioniert, wie es eigentlich funktionieren sollte. Darüber muss man sich Gedanken machen, darüber muss man reden und man muss die politischen Akteure dazu bewegen, dass sie denen, um deren Stimmen sie buhlen, gefälligst auch zuhören. Also, was ich im zurückliegenden Wahlkampf alles erlebt habe, war von einer Oberflächlichkeit, die ihresgleichen sucht. Es gab keine Botschaft, es gab nichts, es gab nur den Anflug von Verheißungen: Wenn ihr mich wählt, wird alles schöner, besser, größer, feiner, sicherer und so weiter. Das ist alles für die Katz, wie wir seit spätestens gestern wissen. (Anm. d. Red.: Herr Nowottny spielt in der Bemerkung auf die am Vortag veröffentlichte Liste des neuen Bundeskabinetts an.)

Gerd Krebber
Vielen Dank, Friedrich Nowottny!

Hans Mörtter
Friedrich Nowottny, Sie haben gesagt, die Gegenwart ist das Faszinierende und das Spannende. Aber Sie haben durch Ihre Tätigkeit in der Vergangenheit unserer Generation etwas mitgegeben: Dieses In-Den-Stand-Gehen und vor niemandem buckeln. Auge in Auge dem anderen gegenüber treten, egal wer dieser andere ist. Sie haben sich nicht beeindrucken lassen von der Position, der Macht, dem Einfluss oder dem Geld des anderen.

Und das betrifft uns auch in der Gegenwart: Lassen wir nicht viel zu oft zu, dass mit uns gemacht wird und wir einfach nur noch Zuschauer eines medialen Geschehens um uns herum werden? Oder Sklaven der E-Mails und des Internets? Deswegen gefällt mir Friedrich Nowottny so. Weil er einen Standpunkt eingenommen hat, weil er es immer weiter tut und nicht locker lässt. Er steht auf seine ganz eigene Weise für unsere Zeit ein, unabhängig und nicht korrumpierbar, weder im Denken noch im Tun.
Amen.

Redigiert von Helga Fitzner

Kölner Talkgottesdienst an der Lutherkirche mit Friedrich Nowottny, Moderator Gerd Krebber, Foto: Lothar Wages
Kölner Talkgottesdienst an der Lutherkirche mit Friedrich Nowottny, Foto: Lothar Wages
Talkgottesdienst mit Friedrich Nowottny und Hans Mörtter, Moderation: Gerd Krebber, Foto: Lothar Wages