Agnes Erkens

Mezzo-Sopranistin

Agnes Erkens, Mezzosopran, Foto: urheberrechtlich geschützt

Sie wurde in Braunsrath geboren und begann ihre Gesangsausbildung hier in Köln. Ihr Interesse gilt dem klassischen Liedgesang bevorzugt Johannes Brahms, Felix Mendelssohn-Bartholdy und Gustav Mahler und der geistlichen Musik. Ihre besondere Liebe gilt den alten hebräischen, biblischen Gesängen und den Liedern der sephardischen (in Spanien ansässigen) Juden sowie den altportugiesisch/galizischen Cantigas des frühen Mittelalters (z.B. Cantigas de Santa Maria). Im Mai 2002 trat sie im Rahmen der Jüdischen Kulturtage in der Lutherkirche auf und präsentierte ihre Liedsammlung "chai ani ohevet otcha", eine musikalische Reise durch drei Zeitepochen der jüdischen Kultur. Der Kölner Stadtanzeiger zitierte sie in seiner

Überschrift mit: "Die Liebe ist die größte Religion". Für diese musikalische Arbeit und der damit einhergehenden geschichtlichen, kulturellen und spirituellen Auseinandersetzung sowie der gesanglichen Interpretation und Darstellung wurde sie mit ihrem Trio im Jahr 2007 für den 1. Preis für Weltmusik in NRW nominiert. Mit ihren feinfühligen Interpretationen bereichert die Mezzo-Sopranistin seit 2000 die Gottesdienste und Veranstaltungen der Lutherkirche. Agnes Erkens wurde katholisch getauft, betont heute aber entschieden ihr überkonfessionelles Religionsverständnis.

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Interview mit Agnes Erkens: "Wer hat die Macht?"

Frage
Sie betonen, dass jüdischer Liedgesang eine Besinnung auf die „Wurzeln der abendländischen Religionen“ ist ! Würden Sie das erläutern?

Agnes Erkens
Sowohl das Christentum als auch der Islam basieren auf dem gemeinsamen geistlichen Erbe Israels. Das Alte Testament, die Thora, ist unser aller Ursprung, Teil unserer Identität. Gestritten wird nur darum, ob Jesus der Messias ist oder nicht. Die Juden warten noch auf den Messias, die Christen sagen, dass sie ihn in Jesus von Nazareth gefunden haben, und die Muslime erkennen Jesus als großen Propheten an. Weil Mohammed aber als letzter Prophet aufgetreten ist, messen ihm die Muslime besondere Bedeutung zu. Die Bedeutung der Thora, des Alten Testaments, wird dabei von allen drei Religionen anerkannt.

Frage
Warum vertragen wir uns dann nicht?

Agnes Erkens
Jede der Religionen beansprucht für sich das Recht zu wissen, dass sie die einzig richtige ist. Daraus entwickelt sie oft den Anspruch auf ein Herrschaftsrecht. Darum wurden und werden immer noch Kriege geführt. Leider gibt es Menschen, denen da die Toleranz fehlt. Dabei ist es doch eigentlich egal, welcher Religion man angehört, solange sie der Schlüssel zu meinem Herzen und letztendlich zu Gott ist.

Frage
Worin liegen die Gemeinsamkeiten?

Agnes Erkens
Vergleicht man die verschiedenen Religionen miteinander, geht es in allen darum, die Liebe und die Einheit in sich und mit Gott zu finden. Alle Völker und Kulturen haben da verschiedene Wege beschrieben. Für den einen Teil der Welt ist der Buddhismus maßgeblich, weil er genau der Kultur dieser Völker entspricht. In Indien ist der Hinduismus sehr weit verbreitet. Ich finde es wunderbar, dass diese Religionen alle da sind. Entscheidend ist, wo ich mich finden kann, wo mir der Zugang zu Gott ermöglicht wird.

Frage
Wie haben Sie sich „gefunden“?

Agnes Erkens
Ich hatte schon immer eine ganz starke Sehnsucht in mir zu erfahren, warum ich hier auf dieser Welt bin. In der katholischen Kirche, der ich als Kind angehörte, wurde mir Spiritualität in einer Form vermittelt, in der ich sie nicht annehmen konnte. Also habe ich gesucht. Ein Schlüsselerlebnis war der Unfalltod meines Bruders. Ich wollte herausfinden, wer die Macht hat. Als erstes habe ich mich mit dem Buddhismus beschäftigt. Dann war ich lange in der spirituellen indischen Bewegung und habe mich mit dem Hinduismus auseinandergesetzt. Nach einer Ausbildung in autogenem Training und Yoga, habe ich Meditation gelernt. Die praktiziere ich seit rund 25 Jahren. Gott schulte mich auch ganz gut im Praktizieren, in der Geistausrichtung. Aber ich fühlte, dass ich noch nicht angekommen war.
Während einer Reise nach Israel kam ich nach Golgatha. Dort machte ich Erfahrungen, in denen mir Gnade gewährt wurde. Seitdem weiß ich, wo mein zu Hause ist, meine Quelle, wo meine spirituellen Wurzeln sind.

Frage
Auf Golgatha wurde Jesus gekreuzigt. Ist das nicht eher ein trauriger Ort?

Agnes Erkens
Für mich ist Golgatha die Erlösung schlechthin. Golgatha ist das, wo ich mir wünschte, dass das Mysterium endlich richtig verstanden würde. Die Kreuzigung steht nicht ausschließlich für diesen Schmerz und den Tod. Die Kreuzigung steht für die absolute Hingabe. Es gibt Gemälde, in denen gezeigt wird, wie Jesus von einem einzigartigen Gnadenfluss überströmt wird. Da ist die Kreuzigung die Erlösung von allem Weltlichen. Es ist die Hingabe nur noch an die Liebe, an Gott. Das möchte ich richtig verstanden wissen.

Frage
Das klingt wunderschön. Doch wurde in der dinglichen Welt den Juden nicht vielmehr vorgeworfen, Jesus getötet zu haben? Und wurde damit nicht eine Schuldzuweisung geboren, die zu Jahrhunderten der Verfolgung bis hin zur Massenvernichtung geführt hat?

Agnes Erkens
Im Mai 2006  war Papst Benedikt XVI. in Auschwitz. Das hat mich damals tief berührt, denn er hat etwas geäußert, was ich schon seit langer Zeit denke. Hitlers Plan zur Vernichtung der Juden war nur der Anfang. Und um die Juden zu vernichten, brauchte er zuerst noch die Judenfeindlichkeit vieler Christen. Aber später hat er in den christlichen Schulen überall die Kreuze herausgeholt. Auch meine Großeltern erzählen, dass sie erst dann begriffen haben, dass es mit dem Holocaust nicht getan war. Das ging ja noch weiter. Der Holocaust war die erste Etappe. Was der Papst in Auschwitz gesagt hat, war explizit. Hitler duldete GAR keinen Gott, auch keinen christlichen. Es ging ihm um die Vernichtung des Göttlichen. Und deshalb musste er beim Judentum ansetzen, weil das die Wurzel ist. Der wollte Gott an der Wurzel herausreißen, denn er hat sich zu Gott erhoben. Er wollte an Gottes Stelle treten und erfand einen eigenen „Glauben“, den Glauben an die Überlegenheit und Macht.

Frage
Der Katholizismus hat Sie in Ihrer Kindheit und Jugend nicht erreichen können. Es gibt viele Menschen, die durch Kirche – ob katholisch oder evangelisch – Verletzungen erlitten haben. Jetzt können Sie wertfrei das Wirken des Papstes schauen. Wie sind Sie dahin gekommen?

Agnes Erkens
Meine „Heilung“ habe ich in der direkten Zuwendung zu Jesus erfahren. Ich habe mich mit all meinen Schmerzen an ihn gewandt. Dadurch konnte ich auch in die Vergebung gehen. Das geht, wenn man verstanden hat, dass es Kirchenvertreter gibt, die das noch nicht verstanden haben. Das ist auch eine Sache, die Joseph Ratzinger gesagt hat: Es gibt nur noch einen liebenden Gott zu verkünden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man einen liebenden Gott aber nur verkünden kann, wenn man ihn als solchen erfahren hat. Und zwar in einer Dimension, die vielleicht für den Moment die ganze Welt mit einbezieht. Dann weiß man, dass es einen zornigen, einen strafenden Gott gar nicht geben kann. Das ist alles durch Menschen aus Schattenbewusstsein entstanden, die diese Erfahrung noch nicht machen konnten. Da wird Gott missbraucht. Es sind die Machtmenschen, die sagen: Wir wissen, wer dieser Gott ist. - Die wissen gar nichts. Die einzig wirkliche „Macht“ liegt in der Hingabe zu Gott. 

Das Interview führte Helga Fitzner