24. Kölner Talkgottesdienst am 17.01.2016
zu Gast: Elias Bierdel

Elias Bierdel über die Flüchtlingsproblematik auf der Insel Lesbos und andere Themen

Der Irrglaube, mit „Mauern“ die Zukunft verhindern zu können

Der 24. Kölner Talkgottesdienst war allein schon deshalb ein besonderer, weil unser Gast, Elias Bierdel, im Jahr 2009 schon einmal bei uns war. Bierdel war neben vielen anderen Aktivitäten früher der Vorsitzende der Kölner Hilfsorganisation
Cap Anamur  und auf dem gleichnamigen Schiff unterwegs. Seit 2007 ist Bierdel Gründungsmitglied und Vorstand der Organisation
„borderline europe – Menschenrechte ohne Grenzen e. V.“, die sich die Situation an den europäischen Außengrenzen anschaut, Hilfe leistet sowie umfassend und authentisch darüber berichtet.

Bierdel lebt derzeit sechs Monate im Jahr auf der griechischen Insel Lesbos, die nur 10 Kilometer vom türkischen Festland gelegen ist und eine große Anzahl von Flüchtlingen anzieht. Er ist also sehr vertraut mit der aktuellen Lage, da er dort das Projekt Proti stassi mitbegründet hat.

Die Verbindung zwischen Elias Bierdel und Pfarrer Hans Mörtter ist seit dem ersten Talk nicht abgerissen. Es ging u. a. um den fundamentalen Wandel gehen, in dem sich unsere Erde befindet, sowie mangelnde Konzepte und Protagonisten. Bierdel macht auf unsere Mitverantwortung aufmerksam, die wir durch unser Konsumverhalten und einen allgemeinen Selbstbetrug teilweise mittragen. Dabei könne man den Paradigmenwechsel durchaus als „Chance sehen und mit Freude mitgestalten“. Die konzeptlose Flüchtlingspolitik erinnere ihn an das Bühnenstück von Max Frisch „Die chinesische Mauer“, in dem der Kaiser mit einer großen Mauer die „Zukunft verhindern“ will, meinte Bierdel im Vorfeld.

Musikalisch wurde die Veranstaltung von unseren Kantor Thomas Frerichs gestaltet und durch die Crossover-Reggae Band "Bermooda“ ergänzt.
Text: Helga Fitzner
Fotos: Lothar Wages

Die ist ein Transkript des letzten öffentlichen Auftritts von Elias Bierdel zum Thema Flüchtlinge und europäische Außengrenzen.

Link zum ersten Talkgottesdienst mit Elias Bierdel
Besprechung des Buches "Fucking Greece - Wem nützt die 'Griechenland-Krise?'"

„Wir dürfen es nicht zulassen, dass man zum Sterbenlassen übergeht.“

Hans Mörtter
Als du das letzte Mal hier warst, das war im Jahr 2009, da hat dein Herz noch sehr geschlagen …

Elias Bierdel
… heute auch noch gelegentlich... (Gelächter).

Hans Mörtter
(Immer noch lachend.) Aber damals schwebten drohend der Richter und die Staatsanwaltschaft in Italien über dir. - 19 Tage nach dem Talkgottesdienst standest du in Italien vor Gericht, denn die Staatsanwaltschaft hatte 4 Jahre Haft und 400.000 Euro Geldstrafe gefordert. So ausgeliefert zu sein, das hat dich damals auf jeden Fall sehr beschäftigt. Das war Teil eines Gerichtsverfahrens, das sich über Jahre hingezogen hatte.

Elias Bierdel
Ja, das ist sehr belastend, wenn man in so eine Situation kommt. Wir hatten ja nichts Böses vor, das kann ich bis heute sagen. Wir wollten im Mittelmeer nur schauen, was da eigentlich mit den Leuten in den Booten passiert. Wir haben dann 37 Schiffbrüchige gerettet – das ist mittlerweile eine legendäre Geschichte, und dass wir dann so hart dafür angefasst und so bösartige Verdrehungen gegen uns vorgebracht wurden, gefälschte Protokolle usw., das hat mich total überrascht. Damit rechnet man nicht, und entsprechend war ich auch durchaus niedergeschlagen. Und dann die Aussicht, wirklich ins Gefängnis gehen zu müssen – ohne Bewährung, vier Jahre – für so eine Geschichte, das war dann schon ziemlich bedrückend. Am Anfang hatte ich so eine Trotzphase: Jetzt haben die aber den Richtigen, jetzt werde ich es denen zeigen. Dann wird man doch ein bisschen kleinlauter, vor allen Dingen wenn man sich klarmacht, dass ein Staat einfach über alle Möglichkeiten verfügt, die Sache immer weiter auszudehnen. Dann hätten wir Widerspruch gegen das Urteil eingelegt und dann wäre es in die nächste Instanz gegangen und so weiter, das hätte noch zehn Jahre weitergehen können. Da wurde es mir allerdings ein bisschen bang. Da suche ich dann immer die Nähe vom Hans, instinktiv. (Tätscheln einander scherzhaft).

Hans Mörtter
Das ist schön. - Ich glaube, die Aktion mit der Cap Anamur und die ganze Öffentlichkeit darum haben eine ganz wichtige Funktion erfüllt. Dadurch wurde der tausendfache Tod im Mittelmeer endlich zum Thema in den Medien. Das fing da erst so richtig an.

Elias Bierdel
Vielleicht hat man dazu beitragen können, das fände ich natürlich gut. Du fragst dich dann ja auch, was bringt das eigentlich. Die von uns geretteten Flüchtlinge sind abgeschoben worden, die Asylanten verprügelt, wir waren im Gefängnis, das Schiff wurde beschlagnahmt. Es war ein einziges Debakel. Aber wenn ich das an dieser Stelle sagen darf: Mein Kleinverleger, Ralf Liebe, zwingt mich immer dazu. Ich hab damals ein Buch über diese Ereignisse geschrieben „Ende einer Rettungsfahrt – Das Flüchtlingsdrama der Cap Anamur“, und wie zufällig gibt es noch ein paar Exemplare, die da vorne zur Ansicht liegen, falls sich jemand dafür interessiert.

Hans Mörtter
Ich hab’s gelesen und es lohnt sich, weil es einfach viel deutlich macht. Von Oktober 2013 bis Oktober 2014 gab es die Operation Mare Nostrum. Die Italiener hatten entdeckt, dass es nicht geht, dass in ihrem Meer, in unserem Urlaubsmeer, im Traummeer, Menschen ertrinken und massenweise auch Kinder. Bei Mare Nostrum haben sie alles aufgefahren, was sie hatten, um Menschen aus den Booten vor dem Ertrinken zu retten, bis ihnen das Geld ausging. Wie siehst du in der Folge den Umgang mit dem Tod Zehntausender im Mittelmeer, der ja schon lange vorher beginnt, auf der Landroute, von der kaum jemand berichtet? Aber das Mittelmeer ist eben ein Bereich, wo wir handeln können. Frontex hat das jetzt übernommen, ohne wirklich Menschen zu retten. Hat sich in deinen Augen im Mittelmeer was geändert?

Elias Bierdel
Das hat mich von Beginn an am allermeisten bedrückt und uns alle – wir haben ja da noch einen anderen Verein gegründet, "borderline europe - Menschenrechte ohne Grenzen", der sich speziell damit beschäftigt hat, was an den Außengrenzen alles los ist. Wir wussten, hier sterben Menschen zu Tausenden jedes Jahr, und das war aber überhaupt kein Thema, das hat einfach niemanden interessiert. Das war nirgendwo nachzulesen, die Staaten wollten nicht, dass das publik wird, die Öffentlichkeit interessierte sich nicht, Journalisten hatten kein Bock auf dieses Thema, das war total schlimm. Wir hatten schon zu dem Zeitpunkt an die 20.000 Tote über die Jahre, unbekannte, unbeweinte Tote. Dann kam der 3. Oktober 2013, wo mal ein richtig großes Schiff mit Flüchtlingen direkt vor der Hafeneinfahrt von Lampedusa sank, und dann konnte man es nicht mehr ignorieren. Jetzt musste man da hin, und dann waren auch die Politiker, der Papst und alle da, und es wurde endlich klar, hier muss sich was ändern. Dann haben die Italiener angefangen, Schiffbrüchige zu retten. Das muss man sich mal klarmachen, das heißt im Umkehrschluss genau das, was wir auch wussten: das haben sie nämlich bis dahin nicht gemacht. Die haben die Leute ertrinken lassen, zu Hunderten, und dann haben sie gesagt, so, jetzt Befehl an die Marine, bitte alles retten, was zu retten ist! Und Soldaten sind ja gar nicht böse, sondern die machen genau, was man ihnen sagt, und also sind die los und haben gerettet. Auf einmal retten die Tausende Leute, und schon hieß es plötzlich: Warte mal ganz kurz, wie jetzt? Tausende Leute hier an Land bringen, wollen wir die denn überhaupt? Auf einmal war die Frage neu gestellt. Dann gab es keine Mittel mehr, auf diesem Niveau weiterhin Leute zu retten, und es wurde versucht, das Ganze wieder in Richtung auf eine Abwehrschlacht umzumodeln. Ich finde, es ist ein Unterschied, als ob man vorher so tut, als hätte man nichts gesehen, oder ob man hinterher, nachdem man weiß, wie viele Menschenleben man mit diesen wunderbare Schiffen retten konnte, das dann wieder bleiben lässt. Wir dürfen es nicht zulassen, dass man jetzt wieder zum Sterbenlassen übergeht.

Hans Mörtter
Also das geschieht, es wird wieder gestorben?

Elias Bierdel
Das war die ganze Zeit so. Wenn Leute in großer Zahl umkommen, dann ist das eben völlig klar, dass es auf der europäischen Seite nicht wirklich ein Interesse gibt, das zu verhindern. Natürlich könntest du das – mit unseren Möglichkeiten, wie Satelliten und anderen Techniken, die alle im Einsatz sind. Es ist die Frage, worauf wir eben Wert legen: Jedes Menschenleben zu retten oder dafür zu sorgen, dass Leute, die wir hier vielleicht nicht haben wollen oder die uns hier Schwierigkeiten machen könnten, um den Preis ihres Todes nicht zu retten. Das ist eigentlich die Kernfrage.

Hans Mörtter
Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat gesagt: Wenn wir den Fluchtweg zu einfach machen, dann lädt das ein, dann kommen noch mehr und dann ist die Route ganz auf. Die müssten wissen, auf was sie sich einlassen und dass sie dabei sterben können, dann überlegen sie sich das vielleicht dreimal. Aber wenn die Verzweiflung so groß ist, wenn das Leid so groß ist, dann überlegen sie nur einmal, und das heißt, sie gehen mit ihren Kindern zusammen nach Norden über das Meer. Es gibt keine Abschreckung, egal was wir tun, und es wird auch keine Abschreckung geben, wenn Europa Grenzzäune mit NATO-Stacheldraht baut und Schießanlagen einrichtet, um sie abzuhalten, denn anders wird es in Zukunft ja gar nicht gehen, glaube ich.

Elias Bierdel
Das ist wissenschaftlich belegt, dass du auf diese Weise Migration und Flucht nicht verhindern kannst. Das Einzige, was du dadurch verhinderst, ist, dass die Menschen lebend ankommen. Du machst es immer schwerer und dadurch immer gefährlicher für sie. Wenn man sich das klarmacht, dass es eine akzeptierte europäische Politik ist, dass man Leuten zwar Schutz und Hilfe verspricht, aber gleichzeitig keinen legalen, gefahrlosen Weg für sie offen lässt, und dass man sie zwingt, irgendein Boot zu besteigen, dass man sie zwingt, mit irgendwelchen, ja, weiß Gott wie zwielichtigen Gestalten Geschäfte zu machen. Dann beschwert man sich über die Schlepperkriminalität, obwohl wir alle wissen, dass wir die selber dadurch produzieren, weil wir ihnen einen legalen Zugang eben nicht erlauben. In Griechenland, auf der Insel Lesbos, da ist das besonders augenfällig. Die gegenüberliegende Küste ist nur 10 Kilometer entfernt und es fahren die kleinen Fähren hin und her. Da drüben stehen die syrischen Familien und wollen in Sicherheit. Die hätten auch das Geld, die Fähre zu bezahlen, aber die dürfen sie nicht betreten. Stattdessen müssen sie irgendeinen finden, der ihnen für horrende Summen so ein Drecksboot gibt, und sie müssen ihr Leben riskieren, um über diese Schwelle zu kommen. Viele sterben eben dabei, darunter auch Kinder. Wir haben gestern die Meldung bekommen, vor Agathonisi, einer dieser kleinen Ägäis-Inseln, sind auch wieder Leute ertrunken, da waren auch wieder Kinder dabei. Hört das gar nicht auf, ist das wirklich eine akzeptierte Politik?

"Es geht nicht um Verlust sondern darum, Zukunft zu gewinnen"

Hans Mörtter
So manche Politiker bezahlen lieber die Türkei und schließen einen Pakt mit Ministerpräsident Erdoğan, damit der die Flüchtlinge in den türkischen Lagern behält. Wenn sie dort so sicher sind, wieso kommen sie trotzdem, Elias?

Elias Bierdel
Für mich bleibt die Kernfrage im Prinzip bei uns selbst hängen. Sind wir am Ende bereit zu teilen und unseren Lebenswandel hier, der ja auch wahnhafte Züge hat, wirklich zu überdenken. Oder verschulden wir das Elend von Leuten, die woanders herkommen, zu großen Teilen mit. Entschuldigung –, wir kommen da nicht raus. Wir haben extrem unfaire Handelsbedingungen gegenüber weiten Teilen unserer Nachbarregionen. Das gilt besonders für Afrika. Unsere Agrarsubventionen machen die Märkte da kaputt, wir wissen das alles. Durch den Klimawandel gibt es in bestimmten Gegenden für die Leute keine Lebensgrundlage mehr, die müssen die Regionen verlassen. Was ist das für ein Irrsinn, dass wir Leute quasi durch unsere Initiativen, auch durch unseren Lebenswandel, den wir uns hier anmaßen, vertreiben – wir wollen vom Waffenhandel gar nicht reden usw. Sie versuchen sich hier vor den Folgen zu schützen, und ich kann es einfach nicht akzeptieren, dass wir sie einfach abschmieren lassen. Ich will nicht Teil einer solchen Gesellschaft sein. Die Dynamik im Klimawandel bleibt doch nicht bei den Afrikanern oder in Bangladesch hängen, das ist doch unser gemeinsamer Lebensraum, der hier vor die Hunde geht. Und dazu fällt uns im Moment leider nicht viel mehr ein, als Abgaswerte zu manipulieren. Ich finde wirklich, das ist enorm politisch. Das ist so eine Zeit - eine Übergangszeit, wie ich das sehe! - , in der wir noch versuchen, uns selbst und andere zu bescheißen und zu manipulieren. Dass auf diese Weise keine Lösung zustande kommt, das sollte uns schon klar sein.

Hans Mörtter
Gestern stand in der Süddeutschen Zeitung ein interessanter Kommentar. „Nichts ist den Menschen hier fremder als Beschränkung im persönlichen Bereich, im persönlichen Alltag. Freiheit ist erstens der Kneipenbesuch und zweitens, dass der Wirt Heizpilze auf den Gehsteig stellt, damit man auch im Januar den Wein und den Barsch draußen genießen kann. Freiheit ist, dass Amerikaner 6,6 Milliarden Kilowattstunden Strom allein für Weihnachtsbeleuchtung aufwenden, mehr als Tansania im gesamten Jahr verbraucht.“ Das ist der Wahnsinn. Wer sind wir, was maßen wir uns an? Dann sehe ich hier Angst, Angst, Angst. Aber vor was denn? Dass wir was verlieren? Dass wir vielleicht nicht mehr unterm Heizpilz draußen sitzen können? Ich brauche keinen Heizpilz, ich ziehe einen dicken Pullover an und sitze auch so gerne draußen.

Elias Bierdel
Okay, das ist das Gute am Klimawandel, den Heizpilz brauchen wir dann auch bald nicht mehr. - Nein, ich meine, wir müssen aufpassen, dass das nicht banal wird, dass das nicht wohlfeil wird, weil wir das alle wissen, und nicht nur hier in diesem Raum, sondern die gesamte Gesellschaft hat das schon irgendwie verstanden. Ich sehe das so: Wir sind in einer Phase des Übergangs, das spüren wir, dass die alten Konzepte, die Rezepte meistens nicht mehr funktionieren, wir wissen aber noch nicht genau, wo die Kiste hingeht. Das verunsichert durchaus. Ich bin auch der Meinung, dass Angst, also sagen wir mal tiefe Sorge sehr berechtigt ist, wenn wir hingucken, wie sich das Ganze entwickelt. Es gibt einem ja auch Energie, wenn man sich engagiert und etwas tut, um was zu verändern. Welche Möglichkeiten da sind und was da wirklich noch für Interessen eine Rolle spielen, ist eine andere Frage, aber wie kriegen wir wirklich zusammen den mutigen, entschlossenen Schritt hin. - (Jauchzendes Baby im Hintergrund). Das ist übrigens meine Enkelin Maya, es geht ja eigentlich um sie. Natürlich möchte sie gerne schon mitreden, aber sie ist noch nicht so weit, dass sie das jetzt äußern könnte. - Also wie kriegen wir das hin, dass die Maya hier noch in 20 Jahren zum Talkgottesdienst kommen kann, und dass wir alle zusammen den Mut nicht verlieren und auch nicht die Gelassenheit, die gute Laune, die wir dazu brauchen. Es geht ja nicht um etwas, was wir verlieren würden, sondern es geht ja darum, dass wir Zukunft gewinnen, dass wir überhaupt Perspektiven gewinnen. Warum wenden sich so viele Leute von der Politik ab, auch viele junge Leute? Die ist halt nicht sehr überzeugend, das ist immer noch das alte Denken, das alte „Rumfummeln“. Das ist ein Spiel, was eigentlich keiner mehr will, was auch überhaupt kein bisschen weiterführt. Ich frage mich, wo die Räume, die Plattformen und die Begegnungsmöglichkeiten sind, um was anders zu machen. Da ist das Beispiel eurer Südstadt-Kirchengemeinde schon mal nicht schlecht. Kirchenräume sind sehr geeignete Räume, wo man angstfrei miteinander ernsthaft reden kann darüber, was eigentlich und wie weitergehen sollte. Denn dass es weitergeht, Maya, also daran gibt es keinen Zweifel. (Applaus)

Hans Mörtter
Wir haben am Freitag ein Treffen bei mir gehabt mit Vertretern der Willkommensgruppen hier in Köln. Es gibt einen Arbeitskreis Politik, und wir haben gesagt, wir müssen unbedingt was sagen zu der Situation seit den Silvesterübergriffen hier in Köln und drei anderen Städten, und haben eine Stellungnahme verabschiedet im Konsens mit ganz vielen Freiwilligen, die in den Initiativen hier in Köln und in ganz Deutschland arbeiten. Die gehen alle in die gleiche Richtung, nämlich wir sagen: Jetzt erst recht! Wir stehen hier und wir setzen uns ein, und wir machen das mit einer hohen Professionalität, weil der Staat da völlig versagt – finanziell wie logistisch, strukturell und von der Strategie her. Wir schaffen die Orte, wir schaffen die Räume miteinander, stehen dafür ein, und wir lernen in einer rasenden Geschwindigkeit dazu, wie wir handeln können, wie wir handeln müssen oder wie wir manch einem Arschloch unter den Männern in den Arsch treten müssen. Auch das tun wir in den Flüchtlingsinitiativen. Das sage ich einfach mal, das gehört nämlich mit dazu. Es ist nicht neu, was Silvester passiert ist, ist uns allen nicht neu in der Flüchtlingsarbeit, weil wir wissen, Männer sind Männer, egal woher sie kommen. Und dieses Gerede, der böse Araber und der kann ja gar nicht anders, ist völliger Schwachsinn. Ein Stück weit ist da was dran natürlich am patriarchalen Männerbild, aber wer sagt, dass wir das in Deutschland nicht haben, der lügt, das ist einfach so. Dem müssen wir uns stellen, das ist eine ganz andere Nummer, und das tun wir eben. Das sind die Räume, die neu entstehen, glaube ich, aber wir müssen uns trauen. Wenn wir uns nicht trauen, das Handeln in die Hand zu nehmen, dann geht’s schief, dann geht’s richtig schief. Du gehörst einfach auch zu denen, die das immer getan haben, und da würde ich mal sagen: Danke, Elias!

Jetzt frage ich dich aber zu Lesbos noch mal: Du bist nach Lesbos gefahren, weil es irgendwie auch deine Insel ist, du wolltest endlich dein Buch schreiben. Vor zwei oder drei Jahren, als wir in Österreich zusammen waren, hast du gesagt: Ich steige aus der Flüchtlingsarbeit aus, ich schreibe jetzt mein Buch. Ich fand das toll. Dann bist du nach Lesbos gefahren, um deine Ruhe zu haben, das Meer, um zu schreiben, und was ist passiert?

Elias Bierdel
Der Herr hatte was anderes mit mir vor. Ich habe zwar doch ein paar Bücher geschrieben, aber eben nicht jene Geschichte, die ich gerne aufschreiben wollte. Es war eben noch nicht der richtige Moment, aber jetzt möchte ich das trotzdem machen und mich auch von der Flüchtlingshilfe zurückziehen. Ich hab mich jetzt schon sehr lange Zeit mit diesen sehr, sehr ernsten Fragen und speziell auch den Umständen an den Außengrenzen mit den vielen Toten befasst. Das ist sehr belastend, sehr schwer und jetzt würde ich mich gerne mal um andere Themen kümmern. Das war die Grundidee, und das mach ich auch.
Eigentlich wollte ich schon ab diesem Jahr keine Termine in Sachen Flüchtlingshilfe mehr annehmen und habe für Hans Mörtter eine Ausnahme gemacht. Deshalb ist das hier das letzte Mal heute, dass ich hier öffentlich etwas zu diesem Thema sagen möchte und werde. Das geht auch aus dem Gefühl heraus, dass das jetzt so viele tun und dass das eine riesige Bewegung geworden ist. Ich finde das wunderbar, es ist alles richtig und gut. Auch wenn Behinderungen durch die Obrigkeit und durch extrem fragwürdige Politik entstehen, werden wir uns davon nicht mehr abbringen lassen. Denn es geht hier wirklich um die Zukunft dieser Gesellschaft, unseres Lebens und dessen, was wir wichtig finden. Wir können das jetzt neu definieren, wir können das neu bestimmen, in welchem Land wir leben wollen und wie das aussehen soll. Das werden wir diskutieren, schlauerweise auch mit einigen Leuten, die möglicherweise nicht so direkt in Deutschland geboren sind.
Ich finde die Tatsache bedrückend, dass diese Entwicklungen der Massenflucht, wie der Bürgerkrieg in Syrien, nicht neu sind. Leider, leider. Man hätte es voraussehen können, dass sich da viele Leute auf den Weg machen werden. Aber die Politik hat das ignoriert und dann am Ende den Notstand ausgerufen, das nervt mich natürlich total. Mein Begriff von Verantwortung bei Regierungsmitgliedern wäre schon so, dass ich den jeweiligen Minister fragen möchte, wo warst du denn die letzten fünf Jahre, wenn du mir jetzt erzählst, du bist total überfordert und du weißt nicht, was du machen sollst. Natürlich ist es viel besser, wenn wir etwas vorhersehen, entsprechend steuern und planen. Wenn man es jetzt aber dazu kommen lässt, dass quasi der Zaun umfällt und die Leute gerannt kommen, das ist nicht optimal. Aber das ist die Situation, mit der wir jetzt umgehen müssen. Wenn wir das hinkriegen, dann können wir im Jahr 2016 ein bisschen vernünftiger planen und die Sachen so gestalten, dass die auch gar nicht mehr jene Bilder erzeugen, die dann wieder Ängste auslösen und verstärken. Denn das ganze Chaos von den Außengrenzen wirkt ja wie ein einziges großes Programm, um die Ultrarechten in Europa stark zu machen. Es ist ja nicht zu fassen! Das ist natürlich bedenklich, da müssen wir raus. (Applaus)

Hans Mörtter
Da müssen wir raus. Wir sind gefragt, wir sind die Experten. - Noch mal zurück zu Lesbos.
Du hast gesehen, was passiert, und so, wie du nun mal gestrickt bist, hast du dann auch nicht zusehen können, sondern hast gehandelt und ein Flüchtlingscamp gegründet. Das ist ein ehemaliger Campingplatz, der schon eine Grundstruktur hatte. Erzähl mal davon, was da gelaufen ist. Das Projekt heißt Proti Stassi, erste Station.

Elias Bierdel
Das war so ähnlich, wie du gesagt hast. Ich habe früher viele Jahre auf Lesbos gelebt und auch meine Tochter Sophie, die Mama von Maya, ist da aufgewachsen. Als ich jetzt im Juni dort war und mir klar wurde, was sich da abspielt, musste ich irgendwas tun. Ich habe dann versucht, mit dem Verein borderline Europe, den wir 2007 gegründet haben, dort was aufzuziehen. Es sollte kein Camp werden, es ging uns darum, einen ersten Empfang zu organisieren, denn an diesen Stellen gibt es keinen Staat. Da gibt es nichts, was für Menschen da ist, die mit ihren Schlauchbooten ankommen, die da irgendwo auf die Felsen prallen. Dann sind aber sehr, sehr viele Leute auf die Idee gekommen, dass man da was machen müsste, fast könnte man sagen auch mal ein paar zu viele vielleicht. Es kam da leider zu Auswüchsen von hysterischen humanitären Überreaktionen. Das ist ein heikles Thema. Navid Kermani hat das in einem langen SPIEGEL-Essay sehr, sehr schön beschrieben, wie da blonde Mädchen aus skandinavischen Ländern am Strand im Bikini rumhüpfen und wahllos in Schlauchbooten ankommende Flüchtlinge an sich drücken oder sie umarmen usw. Das muss ich einfach sagen, das hat vielleicht auch mit der Wahrnehmung zu tun. Wer da aus Afghanistan, Pakistan oder so kommt – hier bei Dir darf man ja eine klare Sprache führen –, die dachten, sie sind im Nuttenparadies gelandet. Ist ja klar, die konnten das doch gar nicht einordnen. - Wir haben versucht, da etwas Vernünftiges aufzuziehen, und merkten dann schnell, dass die lokale Bevölkerung, und das hat mich entsetzt, entschieden gegen unser Projekt war. Ich verstehe, dass in Griechenland die Bevölkerung komplett mürbe ist nach diesen Jahren von Sparauflagen und diesen ganzen EU-"Reform"-Programmen, die glauben im Prinzip an gar nichts mehr. Jetzt kriegen die oben drauf noch Flüchtlinge in einer unglaublichen Größenordnung. Durch Lesbos zogen alleine im Oktober 100.000 Leute, das ist weit mehr als die Gesamtbevölkerung der Insel. Manche kleine Dörfer an der Küste bestehen aus 300 Menschen, und jede Nacht kamen da 1.000 bis 1.200 Leute an. Ja, das macht total Angst. Wir wollten unsere Hilfe anbieten - für Flüchtlinge, aber auch für die Einheimischen, die mit der Situation sichtbar überfordert waren. Nachdem wir einen leerstehenden Campingplatz nicht bekommen hatten, wollten wir eine alte Fabrik zum Winterquartier umbauen. Was dann passierte, war entsetzlich bürokratisch und fies. Plötzlich wurde Stimmung gegen uns gemacht, wir bekamen auf einmal antideutsche Sachen zu hören und es wurde behauptet, dass wir nur gekommen wären, um hier Geld zu machen. Dabei sind wir alle völlige Trottel und ehrenamtliche „Garnixe“ da. Aber es war nicht mehr durchzukommen, man hat uns das Wasser abgestellt und verhindert, dass wir das Winterquartier bauen können. So, und jetzt, wie schön ist das denn, vor drei Tagen rufen mich unsere Leute aus Lesbos an und sagen: Elias, wir wollten dir nur mitteilen, wir haben es jetzt gerade eröffnet. Vor drei Tagen, „Proti Stassi“, immer noch gibt es da bestimmt Widerstand und Schwierigkeiten und sonst was. Aber das ist das erste Winterquartier für Flüchtlinge, weil es auf der Insel extrem kalt werden kann – wir haben das selber erlebt früher, bis zu minus 20 Grad, das ist gar nicht witzig. Die Eröffnung ist für mich eine unheimlich schöne Sache, dass ich sagen kann, jawohl, irgendwas klappt doch. Aber es war enorm zäh, und man musste durch all diese Sachen durch – Bürgerversammlungen, sich beschimpfen lassen, ja, wie das hier eben auch ist.

Hans Mörtter
Ist dieses Gelingen auf euren Einsatz oder auf ein Einlenken der Bevölkerung zurückzuführen?

Elias Bierdel
Manchmal ist es ein bisschen banal und trivial, und die Wege des Herrn sind unergründlich. Die haben gemerkt, dass es überall dort, wo solche Einrichtungen sind, auch Jobs für die lokale Bevölkerung gibt. An dem Punkt haben sie gemerkt, dass sie im Winter Geld verdienen könnten. Dann hat das eben auf diese Weise gezogen. Es ist uns ja wichtig, auch der lokalen Bevölkerung zu helfen. Es ist ja nicht so, als ginge es denen super, und den anderen, die kommen, allen schlecht. Natürlich haben die gemerkt, dass viele von den syrischen Familien prächtigere Handys hatten als die lokalen Jugendlichen. Ja, da ist das wirklich auffällig, und damit muss man auch argumentativ umgehen. Aber anscheinend ist das Winterquartier jetzt in Gang gesetzt. Das ist für mich auch deshalb wichtig, weil ich mich selbst da so reingehängt habe, weil Leute dafür Geld gespendet haben. Wenn du dann nach Hause kommst und sagst, dass es nicht geklappt hat, obwohl es total wichtig wäre, dann ist das natürlich nicht so schön. Jetzt kann man sagen kann, dass wir da wenigstens noch ein bisschen was Gutes machen können.

Hans Mörtter
Christos Koutsouras ist der Künstler, der unser Altarbild gemalt hat. Der war über Weihnachten bei seiner Familie auf Samos und hat mir Bilder geschickt. Auf denen sind die Schwimmwesten und die Rettungsringe an der Küste zu sehen. Da sind aber auch Kochtöpfe drauf. Die Familie lebt in einem sehr kleinen Dorf. Christos sagt, dass die Griechen aufgrund des Erwürgens durch die Europäische Union einfach nichts mehr haben und es allen mittlerweile sogar egal ist, dass das so ist und sie sogar noch beschimpft werden. Diese Menschen haben tonnenweise Essen gekocht. Die haben nichts und kochen für 1.200 Menschen in diesen Tagen Essen, die ständig neu mit den Booten da ankommen. Das war das, was den Christos so bewegt hat, es ist der Wahnsinn, was da passiert. Das ist eben auch Griechenland, dass es einfach Menschen gibt, die dieses Ur-Recht aufrecht erhalten. Die Gastfreundschaft ist nämlich ein heiliges Recht, und wer davon redet, dass wir unsere Kultur verteidigen müssen, aber nicht mehr weiß, dass Gastfreundschaft ein wesentliches Standbein unserer Kultur ist, der weiß nicht, wovon er redet. Wir in Deutschland haben die Chance, das wieder tun zu können, weil wir es wieder lernen, dass das zum Ur-Menschsein dazugehört. Das heißt aber nicht, dass wir unkritisch oder blauäugig mit den Situationen umgehen, sondern dass wir sehr wachsam sind, aber ein Gehirn haben, das der liebe Gott uns auch geschenkt hat und das wir gut benutzen können.

Elias Bierdel
Ja, wollen wir denn wirklich mit denen, die da ankommen, zusammensitzen und neu diskutieren, wie wir unser gemeinsames Leben hier künftig gestalten, oder sind viele doch noch wieder nur in irgendeiner Warteschleife, in einer Duldung oder irgendwo abgestellt? Ich weiß, dass es hier in Köln ganz viele Gruppen gibt und ganz engagierte Politik gemacht wird. Aber da gibt es im Zeichen dieser Notsituation die Lösung, dass man im Umland irgendwelche Einrichtungen anmietet – Jugendherbergen und Ähnliches – und da jetzt erst mal Leute reinstopft. Im Fachterminus: ohne Tagesstruktur. Das heißt ohne eine Betreuung, die irgendeinen Sinn ergibt. Ich habe mit meinen Freunden darüber geredet, wenn du uns in dem Alter mal irgendwie einen Monat in einem Kaff eingeschlossen hättest, die Ideen, die uns dann gekommen wären, und zwar besonders mir, wären nicht die schlauesten gewesen, das steht mal fest. Also wer will das? Es ist doch völlig klar, wenn die Leute da sind, dann brauchst du auch eine entsprechende Kultur und den Willen, was mit denen anzufangen. Darf ich noch kurz sagen: Die Schweden sind da auch schon ziemlich fertig, weil es ihnen zu viel wird, aber was die seit Jahren machen ist total schlau: Jeder, der da ankam, dem haben die gesagt, die gute Nachricht ist: Herzlich willkommen, du hast ’n Job. Oh, jetzt schon? Ja, und zwar, du lernst jetzt Schwedisch, aber richtig, drei Jahre, und wenn du das hast, dann reden wir darüber, wie es hier für dich weitergeht. Viel Erfolg! Das finde ich total richtig. Absolut super! Wir in Deutschland haben das nicht gemacht. Wir haben die Leute nicht in dieser Weise eingeladen, hier dabei zu sein, sondern sie sich selbst überlassen. Dann passieren die Sachen eben so ruckweise. Das ist nicht gut. Deutschland hat eine ganz besondere Situation gegenüber anderen europäischen Ländern, wir haben nämlich ein echt demografisches Problem. Und die Kanzlerin hat das wohl gewittert, dass sie hier eine Möglichkeit hat, in einer extremen Hauruckaktion an diesem Problem ein bisschen was zu ändern. Ich denke, dass man in zehn Jahren das ganz klar sehen wird, wie Deutschland seine demografische Lücke, jedenfalls in Teilen, aufgepolstert hat im Interesse unserer gemeinsamen Zukunft. Aber im Moment könnte es sein, dass sogar die alles überstrahlende Superkanzlerin dabei kopfheister geht, dass die jetzt fällt, weil sie, auf mittlere Sicht, zwar spät, aber das Richtige getan hat.

Wir treten in eine ganz neue Ära ein

Hans Mörtter
Zum Thema Angst noch mal: Es sind ja gerade Politiker der CDU und der CSU, aber auch bei der SPD, die Angst haben, dass es eben zu viel wird, dass wir nicht klarkommen. Das ist wie so ein wabernder Nebel, der sich durchs Land zieht. Ich hab gestern jemanden aus unserer Gemeinde getroffen, der sagte, das ist Wahnsinn. Die unterschiedlichen Sichtweisen ziehen sich durch Freundeskreise und Familien. Er sagte, wir streiten uns, wir sagen, wie kannst du nur so denken, dass Flüchtlinge eine Gefahr sind oder dass man Angst haben muss vor der Situation und vor ihnen. Das wird ja medial genährt.

Elias Bierdel
Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Aber ich finde es schon höchst berechtigt dass wir uns ernsthafte Sorgen machen: Staatsschuldenkrise, EU-Krise, Klimawandel... da gibt es sehr schwerwiegende Probleme, die unbedingt schnelles Handeln erfordern.
Die populistischen Stimmenfänger wollen aber gar keine Lösungen anbieten, die schüren nur Ängste - und erzeugen damit eine Stimmung, die ihnen ein paar Prozent bringt. Ich habe ja hunderte öffentliche Veranstaltungen zum Flüchtlingsthema gemacht, auch international. Einmal saß ich in Brüssel in der schwedischen Botschaft - auf neutralem Boden! - mit einem Vertreter von "Flams Belang" auf dem Podium. Das sind üble Rassisten und Obertrottel, die sogar noch das kleine Belgien nach ethnischen Kriterien zerlegen wollen, damit dort angeblich alles besser werden kann! Die haben ganz heftige Sprüche drauf, von wegen drohende Islamisierung und so. Im Publikum saßen internationale Wirtschaftsstudierende, die fanden das durchaus interessant, was da so kam, das konnte ich spüren. Und ich habe die ganze Zeit überlegt, wie ich diesem Widerling neben mir argumentativ beikommen könnte. Und schließlich habe ich aber den richtigen Punkt erwischt, da habe ich nämlich zu dem Mann gesagt: Wenn Sie so viel Angst haben dass hier so viele Flüchtlinge ankommen, dann möchte ich von Ihnen jetzt eins wissen. Sie sind doch Politiker seit vielen Jahren, Sie sitzen im Europäischen Parlament, wie viele Initiativen hat Ihre Partei in Gang gebracht, um die Lebensbedingungen in den Herkunftsregionen zu verbessern? Pfffff ... da ging dem Typen auf einmal die Luft raus. Da war natürlich nichts Konstruktives gewesen. Das ist für mich auch so ein ganz wichtiger Punkt geblieben: Man kann über alles reden, dass sich Leute Sorgen machen und dass es zum Beispiel überhaupt nicht lustig ist, was hier in Köln zu Silvester passiert ist. Jetzt wollen wir aber mal abwarten, was da wirklich los war, ich hab das noch nicht vollständig verstanden, und wahrscheinlich wird da auch noch einiges rauskommen, was die Dinge anders erscheinen lässt. Es gibt ja einen Aspekt von Männergewalt überhaupt –, und lass uns das anschauen, was da war. Aber pauschal hier in dieser Weise das zu benutzen, ist doch allzu durchsichtig, aber darauf sollten wir nicht reinfallen, denn da gibt es ja noch ganz andere Dinge. Wir haben ja gestern auch gesehen, wie sich vor dem Dom auch Flüchtlinge ganz eindeutig davon distanziert haben, das ist auch wichtig. Wir müssen ja dann fragen, wenn wir über Vergewaltigungen reden zum Beispiel, Entschuldigung, wie genau ist die Täterstruktur, wie viel Vergewaltigungen gibt es hier in Köln und so weiter und so fort. Du kannst ja da nicht einfach irgendwas rausnehmen und das dann benutzen, um das gegen Minderheiten zu wenden. Aber Angst kann berechtigt sein, im Prinzip, nur wer sie bewusst schürt, der hat meine volle Verachtung. Wir erwarten auch von Menschen in der Politik und überall: Gebt uns Konzepte, gebt uns Ideen, wie wir damit umgehen, lasst uns darüber sprechen, was wir tun wollen. Aber wenn du immer nur dasselbe hörst, nämlich was "die Ausländer" da angeblich machen, das ist ja ersichtlich völlig unzureichend und dient nur dazu, dass irgendwelche Gruppierungen in die Parlamente einziehen, die wir da wirklich nicht brauchen. Aber auch da bin ich relativ gelassen – notfalls lassen wir die eben mal eine Weile da rumkaspern, und dann sehen wir auch schon ganz genau, wie dürftig das ist und dass sie nämlich nichts anzubieten haben, was uns weiterhelfen kann, sondern im Gegenteil im Prinzip zurück wollen zu einer Zeit, von der wir wissen, dass sie vorbei ist. Diese Abschottungsgeschichten und so funktionieren nicht mehr, und die wird auch keiner mehr akzeptieren.

Hans Mörtter
Zur Angst wollte ich noch sagen, dass man gucken sollte, woher die Angst eigentlich kommt und nach einer Perspektive suchen. Ich will doch nicht mein Leben lang in der Angst stecken bleiben, also muss ich die Situation lösen. Das ist ganz wesentlich. Für die Kölner Flüchtlingsgruppen kann ich sagen, da gehen wir es an, da gucken wir genau hin, wir reden, wir setzen uns auseinander, und da ist nichts mit Blauäugigkeit, vorne und hinten nicht. Denise, wolltest du was dazu sagen?

Zwischenruf von Denise
Ich wollte mal sagen, dass wir mit unserer Arbeit „Willkommen in der Moselstraße“, sehr erfolgreich sind .Wir haben es mit christlichen und muslimischen Flüchtlingen zu tun. Durch die Einbindung in viele Aktionen ist da eine so gute Stimmung, dass da nichts passiert an Aggression oder Übergriffen. Die sind integriert, sie fühlen sich uns verbunden. Und dann will ich noch sagen: Schaut euch Volker Pispers neues Programm an, das ist nur noch ein paar Tage im Internet. Das ist eine Analyse, die uns zeigt, was wirklich gespielt wird und wo auch Lösungen sind. Es gibt sie für diese ganze schwierige Situation in den Städten, aber es muss gewollt sein. Auch für Griechenland gibt es die Lösung. Und es ist auch noch humorvoll und wir lachen darüber. Insofern, es macht Spaß – anstelle vom „Tatort“ heute Abend!

Hans Mörtter
Danke, Denise! Wer einfach noch mehr dazu wissen will, ihr habt sie gesehen, Denise gehört zu den ganz Aktiven in der Willkommensgruppe Moselstraße/Südstadt. Ein ganz wesentliches Element gegen die Angst ist dabei auch das Eins-zu-eins-Prinzip. Wir versuchen, dass jeder Flüchtling einen Alt-Kölner an die Seite bekommt, der ihn begleitet. Da liegen wir jetzt schon bei etwas 70 Prozent. Die „Alt-Kölner“ nehmen den „Neu-Kölner“ ja auch mit in ihre Freundeskreise rein, und die lernen dadurch viel schneller Deutsch als nur durch die Kurse, also es passiert da ganz viel. Das ist der einzige Weg, den wir gehen können, eins zu eins in Freundschaften zu gehen, das auszuhalten, zu lernen, zu staunen, sich zu wundern, zwischendurch frustriert zu sein, weil es nicht so läuft, wie wir Deutschen dann denken, weil ein Afrikaner auch noch mal eine andere Zeitvorstellung hat. Die uns vielleicht auch gut tun könnte und manch einen vor dem Herzinfarkt bewahren könnte.
Ich hab hier noch mal aus der „Süddeutschen“ so ein schönes Zitat, das zergeht mir quasi auf der Zunge: „Wir haben unseren Wohlstand auf dem Rücken der Entwicklungsländer aufgebaut, das wird nicht mehr lang gut gehen.“ Was meint ihr, wer so was sagt? Ist das ein SPD-Mann, sind das Grüne, ist das jemand von Nichtregierungsorganisationen, war das der Elias, der Papst? Es war der Herr Müller. Herr Müller ist Entwicklungsminister in der deutschen Bundesregierung und Mitglied der CSU. Wenn ich so was lese, was der Müller da sagt – er ergänzt das noch: dass man sich nur nichts von Obergrenzen für Flüchtlinge versprechen soll, wieder Zitat, „die Menschen werden uns nicht fragen, ob sie kommen können, sie kommen“. Deswegen fordert Müller eine ganz andere Entwicklungspolitik. - Wir könnten aufhören, bei Shell zu tanken, weil die in Nigeria bei der Ölförderung Verbrechen begehen. Wir könnten generell mal genauer hingucken. Vielleicht könnten wir auch weniger Fleisch essen. Weil es bei uns nicht genug Anbauflächen für die Unmengen an benötigtem Viehfutter gibt, kommt es u. a. in Afrika zu massivem Landraub. Das wäre doch revolutionär. Wer hätte sich denn vorgestellt, dass noch vor einem Jahr ein CSU-Politiker in der Funktion eines Entwicklungsministers solche Sätze sagt? Wie siehst du das, Elias? Ich meine, dadurch wird er jetzt kein anderer Politiker, aber da ist doch was passiert.

Elias Bierdel
Zur CSU sage ich gerne was. Das habe ich ja viele, viele Jahre beobachtet, und die Älteren hier erinnern sich daran: Die CSU, die hat ja noch quasi bis letzten Dienstag immer noch erzählt: Deutschland ist kein Einwanderungsland, das ist kein Einwanderungsland, ist kein Einwanderungsland, das haben die tausendmal gesagt. Die haben ignoriert, was hier passiert, wie eine Gesellschaft bunter wird und wie sie sich verändert. Das haben wir alle erlebt. Wenn man aber ignoriert, was hier passiert, kann man keine guten Konzepte entwickeln. Dann kann auch die Integration nicht gelingen, weil die ja offensichtlich gar nicht gewollt ist und weil das alles nicht gesehen wird. Das sind jetzt dieselben Tuppese, von denen ein Einzelner das jetzt endlich mal zugibt. Aber die CSU sollte lieber den Schnabel halten, denn die versuchen es schon wieder mit den alten Parolen. Mauerbau, "Grenzschutz" oder die Türken sollen das regeln und die Flüchtlinge aufhalten, so wie früher der Oberst Ghaddafi. Als gebürtiger Berliner kann ich nur sagen: Mauerbau ist keine Option! Das ist alles Augenwischerei, das ist alles Quatsch. Die Wahrheit ist, dass wir zusammen hier in eine ganz neue Ära eintreten, und wie wir das jetzt gestalten, das liegt zentral an uns, und ob da so ein Müller am Ende noch mitkommt oder nicht, das weiß ich nicht, kann ich nicht versprechen, ich glaube, der ist bald weg.

Hans Mörtter
Sag mal, gibt es etwas, wo du sagen kannst, darüber warst du richtig glücklich und das war eine wirklich erfolgreiche Geschichte?

Elias Bierdel
Natürlich bin ich total glücklich, zu sehen, was da überall entsteht, dass plötzlich in meinem gesamten Freundeskreis irgendwie alle mit Flüchtlingen zu tun haben. Früher zeigten die zwar Anteilnahme, waren aber nicht so richtig interessiert. Auf einmal erlebe ich, wie die jetzt alle total dabei sind und etwas gestalten. Es entstehen so viele schöne Aktionen, und ich wünschte mir, dass die auch mehr publiziert und bekannt gemacht werden. Man muss ja nicht die ganze Zeit und monatelang über Sachen reden, die vielleicht auch schieflaufen, das gibt es, beides ist wichtig, aber die Stimmung ist für mich insgesamt unverändert eine ganz positive. Eine gut organisierte rechte Szene soll uns nicht wieder in diese Falle reinjagen, wo man uns glauben macht, als wollte die Bevölkerung das nicht. Es gibt sogar Umfragen im Zuge dieser Silvesterereignisse hier in Köln, die immer noch sagen, dass Abschottung trotzdem kein Weg ist. Es gibt so gesehen doch noch Hoffnung, du hast recht. Eine Freundin meiner Frau, die in Regensburg Flüchtlinge betreut, war von so genervt von den Bemerkungen über die Silvestergeschehnisse, dass sie sagte: Das sind genauso Arschlöcher wie wir. Das gefällt mir irgendwie.

Hans Mörtter
Genau, in Köln sagten die Roten Funken immer, wenn der Feind vor dem Stadttor stand und die schießen sollten: Wieso dat denn, dat sin doch nur Minsche! Die Roten Funken haben lieber gestrickt als geschossen. Wenn es eine kriegerische Situation gab und die Kölner Garden ausrückten, waren die immer die Letzten. Die hatten ein sehr gesundes Menschengespür, und deswegen bin ich auch froh, dass die im Karneval mitmarschieren.

Ich sag das jetzt in der letzten Zeit immer wieder mal. Der jahrhundertelange Maya-Kalender endete im Jahr 2012. Viele haben für die Zeit danach den Weltuntergang prophezeit. Aber anscheinend waren die Maya sehr gescheit, denn die haben die Zeiten beobachtet und eine Zeitenwende vorausgesagt. Dass wir Blötschköppe da immer schnell den Weltuntergang draus machen, ist klar, aber dass eine Welt zu Ende geht und eine neue entsteht, in der Zeit leben wir. Ich bin fest davon überzeugt, das ist eine Zeitenwende. Da gibt es zwei Möglichkeiten, nein, es gibt eigentlich nur die eine: Sie entwickelt sich zum Guten, nämlich weil ich noch nie so viele junge Leute gesehen habe, die sich engagieren, die da sind, die sich einsetzen, und das eben mit einem wahnsinnigen Know-how, das sich immer weiterentwickelt.

Elias Bierdel
Meine Damen und Herren, Hans Mörtter!

Hans Mörtter
Also kein Grund, Angst zu haben, kein Grund, sich zu fürchten, solange es Menschen wie dich gibt, Elias, und uns alle zusammen. Ich wünsche dir einfach, dass du dein Buch schreiben kannst, dass es vollendet wird, dass du viele Nachfolger finden wirst und vielleicht ab und zu dem einen oder anderen mit einem mutigen Schulterklopfen den Rat gibst und sagst, du brauchst mich nicht, du kriegst das auch selbst hin.

Elias Bierdel
Hans, mach es gut, danke für die Einladung noch mal!

Hans Mörtter
Danke, Elias, danke für all das, was du getan hast und noch tun wirst!

Redigiert von Helga Fitzner

Pfarrer Hans Mörtter mit Talkgast Elias Bierdel, Foto: Lothar Wages

Elias Bierdel berichtet über die Lage der Flüchtlinge 

Beim Talkgottesdienst mit Elias Bierdel spielten unser Kantor Thomas Frerichs (Klavier) und Burkhard Müller (Saxophon), Foto: Lothar Wages

Unser Kantor Thomas Frerichs am Klavier und Burkhard Müller am Saxophon

Am Ende des Talkgottesdienstes setzte sich unser Talkgast Elias Bierdel ans Klavier. Er spielte und sang die Eigenkomposition

Nach dem Talk trug Elias Bierdel seine Eigenkomposition "Stolpersteine" vor

Pfarrer Hans Mörtter mit Talkgast Elias Bierdel und dessen Enkeltochter, Foto: Lothar Wages

Pfarrer Hans Mörtter und Elias Bierdel mit seiner Enkeltochter

Elias Bierdel nach dem Talkgottesdienst mit Pfarrer Hans Mörtter, Foto: Lothar Wages

Elias Bierdel stand nach dem Talk für Fragen zur Verfügung

Foto: Elias Bierdel

Elias Bierdel auf der Insel Lesbos, Foto: Elias Bierdel, privat

Beim Talkgottesdienst mit Elias Bierdel spielte die Band Bermooda, Foto: Lothar Wages

Die Crossover-Band Bermooda sorgte vor und nach dem Talk für Stimmung

"Bermoodakustik ist der Akustikableger der Crossover-Reggae Band "Bermooda". Im Gegensatz zur großen Formation schlägt Bermoodakustik eher ruhigere Töne an und befindet sich stilistisch nahe an dem Genre, in dem die Songs von Frontsänger Georg Bermuda ihren Ursprung haben: Im Singer- Songwriter Bereich. Doch die Combo als reines Singer- Songwriter Projekt zu bezeichnen würde der Musik der variablen Besetzung nicht gerecht werden. So fließen hier Einflüsse aus sämtlichen Stilrichtungen mit ein, von Latin über Reggae bis hin zu klassischen Songwriter Stücken. "Ich träum von Revolution, aber nicht mit Steine schmeißen und laut sein, sonder zuerst im Kopf, im Herzen und dann draußen" - könnte die Quintessenz der Aussagen des Frontsängers sein. Er schreibt Lieder über die Liebe, über das Leben, über seine persönlichen Träume und schlägt auch gesellschaftskritische Töne an, stets ohne den mahnenden Zeigefinger zu heben und eröffnet dem ein oder anderen Zuhörer erfrischend neue gedankliche Perspektiven und Ansätze. Mut soll die Musik machen. Mut an sich selbst, seine Träume und an eine friedliche und liebevolle, gemeinsame Zukunft auf dieser Erde zu glauben und sie mitzugestalten." 
Promotext: Bermooda