23. Kölner Talkgottesdienst am 20.09.2015
zu Gast: Christoph Bangert

Fotojournalist, Buchautor und Rallyefahrer

Christoph Bangert wurde 1978 in der Eifel geboren, studierte Fotodesign in Dortmund und Fotojournalismus in New York. Er fotografierte seither unter anderem in Palästina, Japan, Tschad/Darfur, Afghanistan, Indonesien, Pakistan, den USA, Libanon, Nigeria, Simbabwe und Irak. Seine Bilder erschienen in führenden Zeitschriften weltweit.

Bangert ist Autor von vier Büchern, zwei davon sind Reisedokumentationen. In den Jahren 2006 und 2007 war er für die New York Times im Irak. 2007 wurde ein Bildband "Iraq - The Space Between" veröffentlicht: "Für mich geht es um die Kluft zwischen den Völkern und Kulturen im Irak", schrieb er darin. "Es versucht den Raum zwischen zwei Kriegen sichtbar zu machen, der amerikanischen Invasion und dem irakischen Bürgerkrieg, den Raum zwischen uns und ihnen, meiner Erfahrung und eurer Erfahrung, der Angst und dem Misstrauen unter Menschen".

Bei den Fotos aus Krisen- und Kriegsgebieten hat er sehr genau hingeschaut und versucht, nicht schon im Vorfeld zu zensieren. Er wurde von den Opfern von Krieg und Folter häufiger gebeten, gerade die schrecklichen Bilder zu veröffentlichen. Das machen Magazine nur ungern mit dem Argument der "Pornografie der Gewalt". Bangert will aber mit seinen Fotos keinen Voyeurismus betreiben. Sein neuestes Buch von 2014 hat er allerdings ein wenig provokativ "War Porn" genannt, Kriegsporno. Er meint, dass die betroffenen Menschen ein Recht haben, dokumentiert zu bekommen, was ihnen widerfahren ist. Schließlich kann sich nichts ändern, wenn wir ignorieren oder verdrängen, was in der Welt geschieht.

Bangert sagt, wenn alle Menschen das gesehen hätten, was er gesehen habe, gäbe es keine Kriege mehr. Dadurch, dass er seine Bilder in ihren Kontext stellt, verringert sich auch die mögliche Gefahr, dass sich gewaltverherrlichende Voyeure an diesen Fotos delektieren.

Ein berühmt gewordenes Beispiel ist das Foto der neunjährigen Phan Th? Kim Phúc, die 1972 nach einem Napalm-Angriff in Vietnam nackt und mit schweren Verbrennungen Fotografen entgegenläuft. Dieses Foto wurde u. a. mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und ließ viele der damaligen Befürworter des Vietnamkrieges an dessen Sinn zweifeln.

Improvisation Text/Musik mit Hans Mörtter und Thomas Frerichs

Fotoausstellung "Hello Camel" von Christoph Bangert in der Lutherkirche

Text: Helga Fitzner
Fotos: Sonja Grupe



„MAN IST IMMER ERST MENSCH UND DANN JOURNALIST“

„Die besten Menschen haben die schlechtesten Politiker“

Hans Mörtter
Es gibt eine Flut von Interviews, Radiosendungen und anderen Beiträgen, wenn man den Namen Christoph Bangert googelt. Darin heißt es oft, du seist Kriegsfotograf, aber das hörst Du nicht so gerne.

Christoph Bangert
Ich bin Fotograf und versuche, Themen zu fotografieren, die mich persönlich beschäftigen. Ich nenne mich aber, wie du gerade sagtest, nicht Kriegsfotograf. Das versuche ich zu vermeiden, weil es so ein Mythos ist. Dann haben wir alle so Bilder im Kopf...

Hans Mörtter
… von einem, der schnell mit dem Fotoapparat schießt und dann in Deckung springt, weil direkt die Kugeln und Granaten angeflogen kommen.

Christoph Bangert
Genau. Das stellen wir uns vor wie im Kriegsfilm und es wird geschossen und dann müssen wir schnell laufen und so, aber eigentlich ist das ganz anders. Das ist viel ruhiger, es ist 90 Prozent Langeweile und zehn Prozent wird es schon gefährlich, aber es ist nicht wie im Kriegsfilm. Deshalb versuche ich immer, diesen Mythos zu umgehen. Die Leute sind manchmal auch ein bisschen enttäuscht. Wenn sie meine Bilder zuerst sehen und danach mich...

Hans Mörtter
… du machst kein Bodybuilding und …

Christoph Bangert
… nein, ich habe auch keine Tätowierungen …

Hans Mörtter
… lässt dich auch nicht strecken und länger ziehen …

Christoph Bangert
Ich habe auch nur einen einzigen Ring und keine Schals oder so. Es gibt viele Kollegen, die mehr so cowboymäßig rüberkommen, wilde Kerle sind, und manchmal sind die Leute ziemlich enttäuscht, wenn sie mich einladen als berühmten Kriegsfotografen und ich dann als ganz normaler Mensch auftauche.

Hans Mörtter
Das macht dich aber sehr sympathisch. - Du hattest in deinen jungen Jahren eine Karriere als Rallyefahrer vor dir, hast dich dann aber für die Fotografie und den Journalismus entschieden. Du sagst immer, die Wüste und die Wüstenrallye faszinieren dich immer wieder und gehören bei dir zum Menschsein dazu.

Christoph Bangert
Ja, wobei das auch wiederum so ein Mythos ist und nicht weniger gefährlich. Man wird dann auch oft in die Ecke des Adrenalinjunkies gedrängt. Wenn diese Leute dann noch lesen, dass ich Rallye fahre und Motorsport mache, dann ist das natürlich noch viel, viel schlimmer. Das mit dem Adrenalin stimmt auch ein bisschen, das muss ich ganz ehrlich zugeben. Als ich als junger Mensch so Mitte 20 anfing,als Fotograf in Kriegsgebieten zu arbeiten oder auch Rallyes zu fahren, dieses Ausbrechen, war der Adrenalinkick auch ein Grund, dieses Etwas-tun-was-andere-Leute-nicht-tun dieses Sich-Beweisen, was junge Männer immer machen müssen und wohl immer machen werden. Somit ist also meine Motivation für die Arbeit in Krisengebieten gar nicht so unähnlich wie die der jungen Soldaten, die da vor Ort sind, diese Idee, auszubrechen aus dieser heilen Welt zu Hause, vielleicht die Eltern ein bisschen zu ärgern, etwas von Bedeutung zu machen. Die Suche nach Bedeutung ist in jungen Männern sehr, sehr stark und wird es wohl auch immer geben, glaube ich. Das nutzen dann alte Männer aus, um Kriege zu führen, oder man kann natürlich diese Energie auch in andere Bahnen lenken wie zum Beispiel in den Motorsport. Ich komme aus der Eifel, da macht man so was, das ist also ganz normal. Wer da nicht Rallye fährt, der wird da komisch angeguckt. So ist das bei mir mit dem Motorsport entstanden. Ich komme aus Daun, das ist eine halbe Stunde entfernt vom Nürburgring. Mittlerweile mache ich Wüstenrallyes, eine tolle Art des Motorsports, weil man da niemanden stört. Da fährt man also durch die Wüste und da ist niemand. Das hat tatsächlich auch etwas Meditatives, so durch die Wüste zu cruisen.

Hans Mörtter
Wie kam denn der Umschwung, dass du da nicht wirklich hauptberuflich drangeblieben bist, sondern dass du Journalist und dann Fotojournalist geworden bist? Gab es da einen Auslöser dafür?

Christoph Bangert
Ach, das lief so jahrelang gleichzeitig mit dem Rallyefahren und der Fotografie, und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich in der Fotografie doch Dinge tun kann, die nicht nur mir selbst nutzen, sondern auch anderen Menschen. Ich habe quasi den journalistischen Auftrag entdeckt und das ist eigentlich der zweite große Motivationsfaktor für Leute, die in meinem Beruf arbeiten. Ich fahre in Länder und in Situationen, wo die meisten Leute nicht hinfahren, und ich versuche, das, was ich erlebe, zu dokumentieren. Meine Bilder werden veröffentlicht und informieren uns alle zu Hause über das, was dort geschieht, also eine ganz altmodische journalistische Herangehensweise, die sehr wichtig ist. Das hat man beim Rallyefahren nicht, dass man anderen nützt und dient.

Hans Mörtter
Du bist mir jetzt schon fast ein bisschen zu weit vorgeprescht…

Christoph Bangert
Ja, ich mache das Interview so in fünf Minuten fertig, dann können wir wieder singen …

Hans Mörtter
Ja, das merke ich gerade! Aber ich komme trotzdem noch mal zu deinen Reisen zurück! Du hast ja auch beeindruckende Reiseberichte geschrieben über die Fahrten, die du gemacht hast, unter anderem warst du mit deiner Frau in einem klassischen Landrover in Afrika unterwegs.

Christoph Bangert
Genau, wir waren damals noch nicht verheiratet, und sind 14 Monate durch Afrika gefahren. Das war eine Reise, die als Ausgleich diente für diese Arbeit in Krisen- und Kriegsgebieten. Da wird man manchmal gefragt, wie das ist, wie man das so aushält, solche Arbeit zu machen. Es ist ganz wichtig, sich immer wieder Auszeiten zu nehmen. Wir waren dann über ein Jahr weg und das war auch wunderbar, einfach nur reisen zu können, sich Dinge ansehen zu können, Menschen treffen zu können in ganz normalen Situationen. Wir haben einmal den afrikanischen Kontinent umrundet, sind also die Westküste runter bis nach Südafrika, die Ostküste wieder rauf und durch den Nahen Osten zurück. Damals gab es noch keinen Krieg in Syrien, also sind wir durch Syrien gefahren und über die Türkei wieder nach Hause.

Hans Mörtter
Was ist denn für dich so das Faszinosum Afrika?

Christoph Bangert
Ja, diese Vielfalt war erstaunlich, diese verschiedenen Kulturen, das ist etwas, was wir irgendwie nie in den Kopf kriegen. Wir denken immer an Afrika als Einheit, aber das ist natürlich sehr vielfältig. Die Leute, die in Angola wohnen, haben nicht viel mit den Leuten im Sudan gemeinsam. Das ist ganz anders und immer faszinierend und neu. Macht aber auch irgendwie Sinn, die Leute aus Nordschweden sind ja auch anders als die Leute aus Südportugal.

Hans Mörtter
Genau. Gibt es eine Kraft Afrikas, die du gespürt hast?

Christoph Bangert
Ja, ganz stark. Die Leute nehmen sich einfach Zeit, sich miteinander zu unterhalten und sich mal hinzusetzen, um eine Stunde Tee zu trinken. Da herrscht eine Gastfreundschaft, die wir hier in Nordeuropa so ein bisschen verlernt haben. Das ist faszinierend, das ist unbeschreiblich. Das ist das, was man von so einer Reise eigentlich auch mitbringen kann, sich immer wieder auch Auszeiten zu nehmen und Zeit zu nehmen und zu überlegen, okay, ist das jetzt wirklich so wichtig, noch die 25 E-Mails zu schreiben, oder setze ich mich vielleicht mal mit meinem Nachbarn in den Garten?

Hans Mörtter
Also kann man auch sagen, eine Stärke Afrikas ist die Kostbarkeit menschlicher Begegnung als geschenkte Zeit?

Christoph Bangert
Ja, ganz genau. Und die Gemeinsamkeit. Das Schlimmste, was in Afrika passieren kann, ist es, allein zu sein. Das ist undenkbar, das ist eigentlich in den meisten afrikanischen Ländern so, diese Gemeinschaft, die Familie, dass man etwas gemeinsam tut, sich aber auch immer mit anderen umgibt.

Hans Mörtter
Hunderttausende Afrikaner und Afrikanerinnen sind auf der Flucht. Siehst du eine Perspektive, eine Perspektive Afrika, eine Perspektive Europa?

Christoph Bangert
Ja, natürlich, Afrika ging es noch nie so gut wie heute. Das darf man nicht vergessen. Natürlich gibt es auch riesige Probleme, gerade gab es wieder einen Coup in Burkina Faso, ein ganz tolles Land mit wunderbaren Menschen. Die sind zum Beispiel völlig anders als die Leute aus Mali, die direkt nördlich wohnen, das ist eine ganz andere Kultur. Die sind unheimlich fleißig, die stehen morgens auf und gehen zur Arbeit. Es war ganz faszinierend zu sehen. Da geht es gerade wieder heiß her politisch. Ich sage immer, die besten Menschen haben die schlechtesten Politiker. Simbabwe ist auch so ein Beispiel, wo das eine völlige Katastrophe ist. - Worauf ich eigentlich hinaus wollte, bei diesen ganzen politischen Problemen, muss man sagen, geht es Afrika besser als je zuvor. Dann kann man aber natürlich sagen, es ist noch schlimmer als früher! Es gibt in gewissen Grenzen einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung in vielen afrikanischen Ländern, und ich sehe das überhaupt nicht hoffnungslos. Es gibt immer wieder einzelne Länder und Regionen, wo es ganz schlimm ist, aber im Großen und Ganzen läuft es gar nicht so schlecht. Es ist natürlich schwierig, dass Flüchtlinge kommen, ist aber eigentlich auch nichts völlig Neues. Wenn man sich die europäische Geschichte anguckt, gab es immer riesige Flüchtlingsbewegungen. Das wird wohl immer so sein, so schwierig das für alle Beteiligten ist. Ich denke, man muss das Beste daraus machen. Eine Patentlösung oder den absoluten Hoffnungsschimmer habe ich allerdings auch noch nicht entdeckt!

"Ich hatte ziemlich Angst hierher zu kommen"

Hans Mörtter
Du warst und bist in den Krisen- und Kriegsgebieten unserer Welt, in Palästina, Japan mit Fukushima, Darfur, Afghanistan, Jemen, Indonesien, Libanon, Nigeria, Simbabwe, Irak unterwegs. Dann ist dieses fürchterliche Buch daraus geworden, so würden manche sagen, aber ich sage das nicht. Es ist kein schlechtes Buch, es ist ein böses Buch. Denn allein schon der Titel ist echt böse: „War Porn“ ist der Titel, „Kriegspornografie“. Erzähl mal, wie du auf den Titel gekommen bist!

Christoph Bangert
In Diskussionen, wenn es um Bilder aus Krisen- und Kriegsgebieten geht, kommt immer wieder der Vorwurf, dass die Arbeit voyeuristisch, pornografisch ist, im Grunde entmenschlichend ist. Dieser Vorwurf ist auch völlig legitim. Ich muss da zwar immer gegen ankämpfen, das ist mein täglich Brot. Aber ich denke, das ist völlig legitim. Die Fotos, die den Schrecken selbst zeigen, diesen Horror, die haben auch immer etwas Entmenschlichendes in sich. Das kann man gar nicht verhindern, denn das, was diesen Menschen passiert, ist unglaublich entmenschlichend. Aber mich stört, dass dieser Vorwurf, Kriegspornografie zu produzieren, oft als Vorwand gebraucht wird, diese Bilder nicht ansehen zu müssen und sich auch nicht mit diesen Themen und Ereignissen beschäftigen zu müssen. Daher habe ich diesen Titel auch aus Trotz gewählt: Ich bin der Fotograf, der vor Ort ist und die Bilder macht, ich habe den Auftrag, diese Bilder zu veröffentlichen. Ich darf die doch nicht nur machen und dann nicht veröffentlichen, denn dann dürfte ich eigentlich nicht vor Ort sein. Ich fahre da nicht zu meiner persönlichen Unterhaltung hin, sondern ich mache das im Auftrag anderer. Wenn ich es nicht schaffe, die zu veröffentlichen, dann habe ich eigentlich versagt. Die meisten Bilder, die im Buch gelandet sind, sind nie veröffentlicht worden, weil sie so schrecklich sind, und es war so ein bisschen eine Trotzreaktion zu sagen, ich muss es veröffentlichen, hier ist es, guckt euch das mal an!

Hans Mörtter
Hier ist ein Bild von dir von einem ungefähr achtjährigen toten Mädchen und einem trauernden Mann, wahrscheinlich der Vater. Es ist kein Blut zu sehen, nichts Zerfetztes, aber der Kontext ist klar und sagt deutlich, das war nicht gut, wie sie gestorben ist. Eine klare Botschaft. Anders als bei Alyan, dem Dreijährigen, dessen Leiche am türkischen Strand lag und in Zeitungen weiß retuschiert wurde. Ist das vergleichbar?

Christoph Bangert
Das zeigt auch diese Hilflosigkeit, die wir angesichts solcher Bilder haben, mit denen wir auch überfordert sind. Mein Buch ist sehr einseitig, es ist ein schreckliches Buch, das kann ich nicht als Weihnachtsgeschenk empfehlen. Es ist ein Buch, das aufrütteln und auch irgendwo überfordern soll. Wir sind damit überfordert, weil wir natürlich auch mit den Ereignissen selbst überfordert sind. Aber ich denke, solange wir uns dem aussetzen, solange wir bewusst entscheiden, dass wir uns diese Bilder ansehen in einem gewissen Kontext, ist es okay, ist es gut. Es muss aber in uns selbst eine Entscheidung stattfinden, wir können es nicht so machen, wie wir es tun, wenn wir Fernsehen schauen, dass wir uns nur so berieseln lassen: Wenn die „tagesschau“ es bringt, ist es okay, wenn nicht, dann nicht … Diese Passivität ist eigentlich mein Vorwurf, diese Selbstzensur, die wir betreiben aus so einer Passivität heraus. Das ist mein Vorwurf, den ich da im Buch stelle, da bin ich – ist auch eine ganz klare Selbstkritik, eine Medienkritik, aber auch eine Gesellschaftskritik –, da haben wir alle mit zu kämpfen, auch ich selbst. Als ich an dem Buch gearbeitet habe, bin ich durch mein Archiv gegangen und habe also nicht die besten Bilder gesucht, sondern die schrecklichsten. Dabei habe ich Bilder gefunden habe, an die ich mich gar nicht erinnern konnte, dass ich sie gemacht hatte. Das Gehirn schützt einen, oder es versucht, einen zu schützen. Das ist natürlich eine gute Sache, deshalb kann ich nachts auch schlafen, aber es kann auch sehr gefährlich sein. Wenn selbst ich mich nicht erinnere, wie soll denn der Betrachter sich daran erinnern?

Hans Mörtter
Ich war sehr beeindruckt von der Einleitung zu deinem Buch: "Our brains try to protect us by preventing us from looking". Unser Gehirne, unser Kopf versucht uns zu schützen, indem sie das Sehen verhindern. Und dann noch: "We are afraid that we might be afraid." Ich glaube, das ist etwas ungeheuer Deutsches. Wir haben Angst, dass wir Angst haben könnten.

Christoph Bangert
Ja, aber die Amerikaner können das auch ganz gut.

Hans Mörtter
Ich finde das Englische auch schön. Du bist in dem englischen Text noch mal sehr viel klarer als im deutschen, glaube ich.

Christoph Bangert
Ich habe lange in New York gelebt. Manchmal ist Englisch die einfachere, klarere Sprache. Das mit der Angst vor der Angst können wir Deutsche und auch die Amerikaner sehr gut – wir haben Angst, wir könnten Angst haben. Ich denke, das ist mit ein Grund, warum wir uns auch oft nicht mit solchen Bildern, Büchern und Themen auseinandersetzen, weil uns das dann vielleicht auch zu viel ist. Ich würde da gerne ein Lob aussprechen, dass heute so viele Leute in die Kirche gekommen sind. An so einem Sonntagmorgen bei schönem Wetter noch mal über Krieg nachdenken ist nicht einfach, da muss man sich ein bisschen überwinden, aber es geht natürlich genau um diese Überwindung in meiner Arbeit.

Hans Mörtter
Du musst dich also auch überwinden. Bekommst Du Angst?

Christoph Bangert
Ich hatte ziemlich Angst herzukommen! Ich bin gerne gekommen, noch mal vielen Dank für die Einladung, das ist ganz toll, ich bin froh, dass ich gekommen bin. Allein die Musik ist es wert, zu kommen. (Zu Burkhard Müller und Thomas Frerichs). Ich finde es ganz toll, was ihr beiden da macht, also wirklich, ganz super. Ich bin kein Kirchgänger, ich bin in der Eifel aufgewachsen, musste jeden Sonntag in die katholische Kirche gehen und als ich 16 war, habe ich gesagt, Mama, jetzt reicht es!

Hans Mörtter
Wird nicht behauptet, dass es in der tiefen Eifel noch Wald-, Berg- und Höhlengeister gibt?

Christoph Bangert
Nein, nein. Das Christentum ist mittlerweile bis in die Eifel vorgedrungen. Wir haben auch elektrischen Strom und Fernseher, aber – Sie lachen jetzt – es gibt viele Dörfer in der Eifel, wo es tatsächlich kein Internet gibt und kein Handyempfang. Ganze Dörfer. Da wohnen 500 Leute und da gibt es nichts.

Hans Mörtter
Die aber glücklich sind.

Christoph Bangert
Ja, aber wenn man 14, 15 ist, findet man das nicht so toll. Jetzt würde ich da wieder hinziehen. Ich bin vor einem Jahr bei den sozialen Netzwerken ausgestiegen, das war interessant – ich weiche ein bisschen ab –, da habe ich einen Sozialen-Netzwerk-Selbstmord begangen, und das war faszinierend.

Hans Mörtter
Du lebst! Du existierst! Ganz real!

Christoph Bangert
Ich habe sogar richtige Freunde! Das war wirklich faszinierend, kann ich nur empfehlen. Wer mal was Mutiges machen will: Sozialer-Netzwerk-Selbstmord ist eine gute Sache, sehr zu empfehlen. (Anm. d. Red.: Am Ende steht der englischsprachige Text, mit dem Christoph Bangert aus den sozialen Netzwerken ausgestiegen ist). Da bin ich jetzt abgeschweift. Katholisch bin ich erzogen worden, meine Mutter katholisch, mein Vater evangelisch, der ist immer brav mit in die katholische Kirche gegangen, hat als einziger gestanden, das war toll.

Hans Mörtter
Protestanten stehen.

Christoph Bangert
Ja, die knien nicht. - Bei meinem Vater kann man was zum Thema Rückgrat lernen. Wie dem auch sei, habe ich mit Kirche nichts am Hut, aber ich bin gerne gekommen. Ich hatte also Angst vor der Angst, vielleicht wegen der katholischen Kirche in der Eifel. Wenn man sich in einem Raum, in einem Umfeld nicht ganz heimisch fühlt, dann macht das Angst. Das ist genau das, was uns Angst macht bei solchen Themen, weil das ist uns fremd, und vor dem Fremden haben wir eben Angst. Das ist etwas sehr Menschliches.

Hans Mörtter
Wenn du in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs warst, wie im Irak, und dann mit einer Patrouille auf Fahrt warst oder in die Geschehen reingekommen bist, da warst du der professionelle Fotograf und hast keine Angst gehabt. Das war ein Raum, der war dir vertraut war.

Christoph Bangert
Ja, das ist kein Problem.

Hans Mörtter
Im Unterschied zu dieser Kirche.

Christoph Bangert
Ja, das ist viel beängstigender für mich! Tatsächlich. Vor Ort ist man konzentriert, da hat man eine Aufgabe, man arbeitet professionell und so gut man kann. Man versucht, so ehrlich wie möglich zu berichten, und das ist sehr einfach, das ist gar nicht schwer, das kommt automatisch. Man verlässt sich auf seine Instinkte, man hört sehr genau auch die einheimischen Kollegen. Wir sind nie alleine unterwegs als Ausländer, sondern immer mit einheimischen Fahrern und Übersetzern, die nicht nur Sprachübersetzer sind, sondern auch kulturelle Übersetzer, die einem auch Dinge erklären und verstehen lassen, was überhaupt passiert vor Ort. Das sind auch ein bisschen die stillen Helden dieses ganzen Journalismus. Diese einheimischen Journalisten, Fahrer, Übersetzer.

Hans Mörtter
Das sind auch Brückenbauer.

Christoph Bangert
Genau.

Hans Mörtter
Die zwischen den Welten jonglieren.

Christoph Bangert
Ganz genau. Bin ich natürlich auch. Diese Einheimischen versuchen mir zu erklären, was da passiert, und ich versuche den Leuten zu Hause zu erklären, was da passiert. In meinem Fall in Bildern, nicht in Text. Ich arbeite dann auch immer mit einem Schreiber zusammen, wir sind also immer im Team unterwegs, und der schreibende Kollege macht seine Interviews und schreibt und ich mache die Fotos dazu. Wie sind wir denn da drauf gekommen jetzt?

Hans Mörtter
Es ging um die Angst vor der Angst letztlich, darüber haben wir einen weiten Bogen gemacht.

Christoph Bangert
Ach so! Dann fühle ich mich natürlich wohl, das ist vor Ort. Man muss sich natürlich auch gleichzeitig wieder sehr zusammenreißen und unheimlich bemühen, wenn man nach Hause kommt, diesen Alltag, dieses Banale, diese Wohlstandsgesellschaft auch ernst zu nehmen, diese Probleme zu Hause, die natürlich winzig klein und banal sind in den meisten Fällen.

Hans Mörtter
Du hast die Teller nicht weggeräumt nach dem Essen, zum Beispiel.

Christoph Bangert
Ja, so. Schatz, bring doch mal den Müll raus. Da muss man sich unheimlich bemühen und anstrengen. Hat der den Müll wieder nicht rausgebracht! So, ja! Die Fenster müssen auch mal wieder geputzt werden. Dieses Banale, dieses Kleine, da muss man sich unheimlich bemühen, das kostet unheimlich viel Kraft. Dieses Nach-Hause-Kommen ist viel schwieriger, als vor Ort zu sein, aber man muss das machen, das ist ganz wichtig, nicht nur für die eigene Familie, für die Freunde, für sein eigenes Umfeld zu Hause, sondern auch für sich selbst. Denn wenn man das nicht mehr schafft, diesen Sprung aus der Extremsituation in das normale Zuhause, dann ist man verloren. Ich kenne viele Kollegen, die dann dageblieben sind, die es nicht mehr schaffen oder nicht mehr wollen und sich in der Extremsituation wohler fühlen als in dem normalen Zuhause. Das rettet einen anzuerkennen, dass es auch noch das Normale gibt. Man lernt das dann auch wieder sehr zu schätzen. Wenn Sie heute nach Hause gehen, lernen Sie das vielleicht auch zu schätzen, dass in Köln gerade Frieden ist. Das ist ja genau mit ein Grund, warum wir uns mit solchen Themen beschäftigen – nicht nur, um informiert zu sein, nicht nur, um das Leid der anderen anzuerkennen, sondern auch zu erkennen, was wir alles haben und das auch zu schätzen wissen. Denn wir sind in einer eigentlich schwierigen Lage, wo wir alle oder die Leute meiner Generation zumindest keine persönliche Erfahrung mit Krieg haben. Das ist eigentlich kompliziert, das ist sehr abstrakt, sehr weit weg, und das fällt uns sehr schwer, das nachzuvollziehen, weil das so eine extreme Erfahrung ist, die man kaum in Worte oder Bilder fassen kann.

„Ich glaube, dass Menschen Kriege beenden können“

Hans Mörtter
In unserem Mittwochskreis für Senioren erzählte vor ein paar Tagen eine Dame noch mal von ihrer Flucht aus Ostpreußen. Viele Babys haben den harten Winter nicht überstanden und mussten am Wegrand abgelegt werden. Sie konnten nicht einmal beerdigt werden, weil die Erde so hart gefroren war. Der Dame kämpfte dabei mit Tränen. Wir beschäftigen uns hier auch mit Kriegskindern, Kriegsenkeln und Kriegstraumatisierung – in der Bibel heißt es, der Schrecken wirkt nach bis ins 7. Glied, bis in die 7. Generation. So lange werden wir in unserem Verhalten, in unseren Gefühlen, in unseren Verhinderungen geprägt. Diese Geschichte ist wie eins deiner Bilder, das ist eine Erinnerung, die ist da, und dann weiß ich ganz genau, Krieg kann nie im Leben eine Möglichkeit sein, ich darf mich nie verführen lassen, den sogenannten gerechten Krieg zu befürworten– das war ja im Kosovo so, wo die Grünen umgekippt sind –, und es natürlich keinen gerechten Krieg gab.

Christoph Bangert
Ja, ich sehe das genau so. Manchmal werde ich gefragt: ja, sind Sie denn Pazifist. Dann sage ich: na ja, also ich bin genauso wenig Kriegsfotograf wie ich Pazifist bin. Wenn man selbst solche Situationen erlebt hat, dann merkt man auch, wie kompliziert das ist. Ich stimme mit dir völlig überein, wenn du sagst, man müsste den Krieg um jeden Preis verhindern. Wir können keine Kriege führen, und natürlich werden wir immer Kriege führen, aber unsere Aufgabe ist, informiert zu sein, diese Themen präsent zu haben und uns an das Geschehene zu erinnern, das in unser tägliches Leben und unsere jetzigen Entscheidungen mit einzuarbeiten. Es gibt natürlich keine gerechten Kriege, allerdings war ich in Situationen, wo bewaffnete Menschen Kriege verhindert haben. Das macht es natürlich sehr kompliziert, wo ist man dann da Pazifist. Ich stimme völlig mit dir überein, sage aber, dass es kompliziert ist. Man kann nicht sagen, Krieg ist jetzt immer schlecht und alle Waffen sollten wir vergraben – so einfach ist es leider nicht.

Hans Mörtter
Es ist nicht einfach, und den Pazifisten, den gibt es, glaube ich, auch nicht. Das wäre gelogen.

Christoph Bangert
Genau, ja. Wie den Kriegsfotografen.

Hans Mörtter
Im Buch steht: „I’m a political person.“ Du wehrst dich dagegen, dass es diese Medienzensur gibt, bestimmte Bilder nicht zu zeigen, weil sie angeblich zu grausam sind. Nicht angeblich, sie sind zu grausam. „Tief in mir drin schreie ich aus meiner vollen Lunge heraus: du kannst nicht meine Bilder ansehen, okay, dann noch eine Nummer härter, du Softie-First-World-Winner!“

Christoph Bangert
Das muss ich jetzt ein bisschen erklären. Das hat mit der Wut zu tun, die man als Berichterstatter empfindet, der vor Ort ist und Bilder macht, die genau dokumentieren, was da passiert. Ich schicke sie zur Redaktion, und sie werden nicht veröffentlicht. Das ist unglaublich frustrierend. Ist natürlich verständlich, denn eine Tageszeitung kann auch von Kindern angeschaut werden. Da muss man vorsichtig sein, das ist ein Dilemma, aber man muss es diskutieren. Die Redaktion muss immer wieder entscheiden: was wollen wir zeigen, was wollen wir nicht zeigen. Meine Frustration ist dann natürlich sehr groß, ihr könnt euch noch nicht mal die Bilder ansehen, wobei es gleichzeitig Menschen gibt, die durchleben diese Kriege tatsächlich, das ist nicht fiktiv, es ist real, es passiert tatsächlich jetzt, gerade im Moment.

Hans Mörtter
Es ist kein Computerspiel, es ist nicht beliebig. Wir haben die Freiheit, wir können uns entscheiden, nein, wir wollen das nicht sehen, das ist nicht zumutbar, das können wir nicht ertragen. Nur die Menschen, die auf diesen Bildern, die in dieser Situation fotografiert sind, die müssen das jeden Tag, jetzt in diesem Augenblick ertragen.

Christoph Bangert
Genau, und wir meinen, es nicht zu schaffen, uns die Bilder anzusehen, wobei das ja nur Bilder sind, es ist ja nur ein Abbild. Es ist ja nur eine Interpretation des Geschehenen. Es ist ja eigentlich nichts. Aber noch nicht mal das muten wir uns zu. Man muss natürlich die Leute auch ein bisschen verstehen. Es ist nicht gut, die Leuten nur vor den Kopf zu stoßen. Deswegen versuche ich auch mit dem Buch, irgendwie die Kurve zu kriegen, z. B. mit dem Epilog über meinen Großvater. Der war überzeugter Nazi bis zu seinem Ende, und das ist ein kurzer Epilog. Er hat immer sehr positiv vom Krieg erzählt, genau das Gegenteil von dem, was du gerade gesagt hast, dieses sehr persönliche, schreckliche Erlebnis dieser Frau. Er hat immer nur positiv berichtet – es war also wie eine große Abenteuerfahrt nach Russland, und er hat tatsächlich von seinem Pferd erzählt, weil er auf einem Pferd geritten ist. Er hat sich selbst unheimlich belogen. Dieser Epilog, wo es um diesen Großvater geht, ist auch ein bisschen als Warnung zu verstehen, zu sagen, wenn wir uns selbst zensieren –

Hans Mörtter
Belügen auch.

Christoph Bangert
– belügen, ja, dann kann das auf einer persönlichen Ebene stattfinden, dann kann das aber auch auf einer gesellschaftlichen Ebene stattfinden, und wenn man das dann noch mit einer gewissen Ideologie, wie der Nazi-Ideologie, verbindet, kann das eine unheimlich gefährliche Sache werden.

Hans Mörtter
Du redest auch von „Wake up, you have to look“, und dann sind wir bei der Bedeutung der Bilder, der Notwendigkeit der Bilder, der Bedeutung, der Erinnerung.

Christoph Bangert
Ja, wir erinnern uns in stehenden Bildern, wir erinnern uns nicht in Filmsequenzen oder in Texten. Unsere Erinnerung funktioniert in stehenden Bildern. Daraus resultiert eine große Verantwortung, die wir als Bildermacher haben – wir dokumentieren nicht nur Ereignisse, wir erschaffen auch Erinnerungen in den Köpfen der Menschen, und ich denke, Kriege müssen genauso dokumentiert werden, wie alles andere auch. Leider sind Kriege etwas Alltägliches, was sehr banal ist, es passiert ständig, und wir müssen das dokumentieren, und was dann die Gesellschaft daraus macht, das ist nicht mehr so richtig in unserer Hand. Wir als Journalisten können natürlich nicht den Anspruch haben, dass wir die Kriege beenden können. Wir haben manchmal die Illusion, dass wir denken, Bilder können Kriege beenden – daran glaube ich nicht so richtig. Ich glaube, dass Menschen Kriege beenden können, und Menschen werden sehr stark durch Bilder beeinflusst und erinnern sich eben in Bildern. Da liegt eine große Kraft, aber meine Aufgabe ist nicht, den Krieg zu beenden, meine Aufgabe ist auch nicht, Leuten zu helfen, sondern meine Aufgabe ist nur, Dinge, die ich erlebe, zu dokumentieren und dann zu veröffentlichen.

Hans Mörtter
Stumpft man dabei nicht auch irgendwie ab?

Christoph Bangert
Nein, gerade nicht. Es ist eigentlich umgekehrt.

Hans Mörtter
Ich rede da von Nähe und Distanz – das wird in der Seelsorge-Ausbildung immer gesagt, nicht zu nah, das frisst dich auf, also entwickele Schutzmechanismen. So, ich bin jetzt zum hundertsten Mal im Einsatz und sehe Bilder, die ich schon oft gesehen habe, vergleichbare Bilder. Was ist mit deinen Gefühlen dabei? Du redest ja auch von der Gefahr der Abstumpfung.

Christoph Bangert
Ja, ich denke, man stumpft nicht ab, das geht gar nicht. Diese Erfahrungen, die sind so extrem – wer da abstumpfen würde, der wäre kein Mensch mehr. Das geht gar nicht. Man kann vielleicht so tun, als wäre man abgestumpft, aber das ist so extrem, das wird einen immer berühren, und muss auch einen berühren. Wenn man dort arbeiten will und keine Gefühle hätte, dann könnte man dort auch nicht arbeiten. Man ist ja immer erst Mensch und dann Journalist. Natürlich muss man da auch investieren. Eine professionelle Distanz gibt es eigentlich in meinem Beruf nicht und kann es auch nicht geben. Ich denke, in deinem Beruf ist das ähnlich.

Hans Mörtter
Ich habe mir hier noch mal diesen schönen Satz aufgeschrieben von Clausewitz, einem deutschen General aus dem vorletzten Jahrhundert, der aber zum Gesetz geworden ist bis heute: „Der Krieg ist eine Fortführung der Politik mit anderen Mitteln.“ Wie empfindest du diesen Satz angesichts dessen, was du alles erlebt und gesehen hast?

Christoph Bangert
Ja, ich kann dem eigentlich nur zustimmen. Das ist halt so. Krieg ist ein politisches Ereignis in den meisten Fällen und leider sehr banal. Ich denke, wir sollten auch den Krieg nicht zu sehr romantisieren, wir müssen den Krieg so sehen, wie er ist, er ist das Allerschrecklichste , was man sich überhaupt vorstellen kann oder eben auch nicht vorstellen kann, wenn man auf meine Generation schaut. Man sollte sich sehr an den Fakten und an den tatsächlichen Ereignissen orientieren, und dann sieht man eigentlich sehr schnell, wie schlimm das tatsächlich ist. Wenn man sich an dem nicht orientiert, was man so gesagt kriegt oder was die UN sagt oder irgendwelche Regierungen, sondern wenn man tatsächlich da hinschaut, was da tatsächlich geschieht.

Hans Mörtter
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland, inklusive der „Bild“-Zeitung, eine große Mehrheit der Deutschen, die sagten, nie wieder Krieg, nie wieder eine Armee. Adenauer als Bundeskanzler hat dann unter dem Zwang mit dem Westen – das war unter dem Diktat der USA – als Einstieg in den Kalten Krieg die Bundeswehr gegründet gegen die Mehrheit der Deutschen damals. Er ging gegen das eigene Volk vor und machte eine Militärpolitik. Ich finde es schon seltsam, dass das funktionieren konnte in einer Demokratie. Aber wenn ich mir die Politik heute anschaue, wundert es mich nicht mehr.

Christoph Bangert
Ja, genau dasselbe ist diese Woche in Japan passiert. Das Volk ist gegen eine Expansion der Möglichkeiten eines Militäreinsatzes japanischer Streitkräfte im Ausland. Es gibt also eine große japanische Armee, die durfte nie im Ausland eingesetzt werden, und das wurde jetzt geändert. Aber seit dieser Woche darf sie das, obwohl die Mehrheit der Japaner dagegen ist. Interessant, oder?

Hans Mörtter
Eine ähnliche Geschichte wie in Deutschland, nur dass wir uns schon lange daran gewöhnt haben und die Japaner es jetzt diskutieren müssen und sich damit auseinandersetzen. Wie fatal das wirkt, sieht man am Irakkrieg. Das war die Büchse der Pandora, die da geöffnet wurde, eine totale Destabilisierung der Region, ein fürchterliches Leid für Hunderttausende von Menschen, ohne dass man sieht, dass da irgendwo eine Perspektive ist. Oder?

Christoph Bangert
Ja, das ist ja das Gemeine an diesen Ereignissen, dass sie so lange dauern. Das sieht man an den Balkankriegen – das dauert eine Generation oder zwei, bis dann halbwegs wieder Ruhe einkehrt, aber gelöst werden diese Konflikte eigentlich nie. Das sind ja Bürgerkriege. Schiiten gegen Sunniten – was macht man da? Keine Ahnung, sie wohnen halt alle da. Und Nordirland – was macht man, das sind immer noch Protestanten und Katholiken, die wohnen immer noch da. Wenigstens bringen sie sich im Moment nicht um, das ist ja schon mal was, aber gelöst ist dieser Konflikt auch nicht. Aber so ist das, es braucht Zeit. Das ist das Gemeine, gerade wenn man mit Leuten spricht vor Ort, dann kann man natürlich als Ausländer nicht sagen: ja, das dauert jetzt zwei Generationen, da haben die Leute nichts von. Es braucht eine lange Zeit. Kein Krieg hält ewig – das ist vielleicht das einzige Positive an dem Ganzen. Es gibt keine Kriege, die für immer stattfinden.

Hans Mörtter
Ich habe hier ein Zitat von Edward Snowden – ich hoffe, dass er irgendwann die deutsche Staatsangehörigkeit bekommt. „We all have a limit of injustice, of incivility, of inhumanity in our daily life that we can kind of accept and ignore. We turn our eyes away from the beggar on the street. We also have a breaking point and when people find that, they act.“. Wir haben eine innere Grenze, das ist unser Ur-Menschsein, das ist unsere Matrix des Menschseins, und das sehen wir auch in den Bildern, und wenn wir sie sehen, sagen wir nein, hier ist die Grenze überschritten. Er sagt, wir haben eine Grenze, was die Ungerechtigkeit angeht, was die Unhöflichkeit angeht, was die Unmenschlichkeit angeht, in all dem, was wir täglich erleben, was wir akzeptieren oder ignorieren, und er sagt, wir wenden unsere Augen vom Bettler in der Straße ab, wir haben aber auch einen Bruchpunkt, einen Umbruchpunkt, und wenn wir diesen Punkt finden, dann handeln wir. Danke, Christoph.

Christoph Bangert
Vielen Dank!

P. S.: Christoph Bangerts Ausstieg aus den sozialen Netzwerken (in englisch)

I’m quitting Facebook. And Twitter, LinkedIn, Amazon and Google.

Here is why: I’m about to publish a new book. It’s called War Porn and it deals with self-censorship and memory, both on a personal and collective level. It’s a rough book. There will be plenty of people who will be offended by it, but hopefully an equal amount of people will appreciate it.
The book looks like this: http://warporn.christophbangert.com/
The thought of having to deal with the fallout of the book, both, the well intended but distanced shoulder patting and the self-righteous criticism that will inevitably be triggered on social media makes me feel sick.

I’ve been thinking about the future recently. And I’ve read some things that made me question my own behavior. Below is a list of books and articles that informed my decision to no longer use services that are provided by the private companies Facebook, Twitter, LinkedIn, Amazon and Google. (I never used Instagram, Pinterest, Flickr, WhatsApp, MySpace or the Apple iTunes store) I found some interesting alternatives to some of these services, which I also listed below.

I never posted personal stuff about my family, never any of my professional images on social media. But still. I published my ideas. I shared thoughts, information and articles about subject matters that are dear to my heart. And I gave it all away for free. I invested countless hours of my time and gave it all away not only to you, my actual friends, but also to a giant private company that makes billions of dollars thanks to stupid sheep like you and me who deliver content (our photographs!), contacts and information for free and happily accept that every aspect of our lives is being spied upon in return.
My personal freedom is my most treasured possession. And yes, I have secrets. Many of them. And they belong to me. We live in a capitalistic free market economy. This system is based on money, not on likes, not on followers, not on exposure. NOTHING IS FOR FREE.

Additionally, I’m also really tired of having to kick out “friends” from my newsfeed because they are posting awful pictures of their pets. I don’t need to spend my precious time with all this useless activity. This is not information, this is just noise. I have 2,603 Facebook friends, but – my dear friends – I have to inform you today that only maybe 200 of you guys actually ever showed up on my newsfeed. (sorry “Gupta L. Freak” and “Leica Wedding-Photographer” I never saw your posts. Like, ever.) I also find it strange that some secret algorithm on some giant computer in California determines who gets to see whatever I am publishing. I wonder how many of my 2,603 Facebook friends actually will see this very piece. Probably only few, as the keywords “Facebook” and “quitting” must surely trigger something…
I find it hard not to call this censorship. It’s as if I’d publish an opinion piece in a newspaper and some weirdo anonymous computer software (who programs software? People do!) would determine, based on god knows what, in which subscriber’s paper the piece is actually showing up. Or not.

Then there is face recognition technology, Google Glass, Street View and the indiscriminate collecting of everyone’s personal data by the NSA. Where does it all end? It doesn’t end unless we make it end. But to be perfectly clear about this: I do not believe in conspiracies. Unfortunately we are doing all this to ourselves.

I’m not naïve. I’m sure that my emails were read and my phone was hacked while I was working in Iraq and Afghanistan, for example. But it bothers me and it’s not right (or legal). Why would I just accept it? And why would I voluntarily agree to being spied on when it comes to my travel habits, online shopping, finances, reading, politics, weirdo ideas, health status, food preferences or the people that I love?

Please don’t worry about me. I won’t start knitting my own clothes or live alone in the woods and write poetry. I’ll continue to follow the news. I’m subscribing to several newspapers and magazines online and in print. I’m reading books (on paper!). I listen to public radio and to music (I still own CDs!). I’m meeting (real!) friends.
And I’ll still use the internet. I love the internet! I’ll also continue to write emails. Huge amounts of emails. Once every two years or so I’ll publish a book. And I’ll try to have my pictures published in editorial publications. I might even send you a hand made post card some time. So you’ll hear from me sooner or later, no doubt.

And with this I’m out. See you on email. One on one. Or even better: in person. Face to face.

Christoph

Talkgottesdienst mit dem Fotojournalisten Christoph Bangert, Foto: Sonja Grupe

Pfarrer Hans Mörtter im Gespräch mit Christoph Bangert

Christoph Bangert

Harte Realität: Pfarrer Hans Mörtter zeigt eins von Christoph Bangerts Fotos

Talkgottesdienst mit dem Fotojournalisten Christoph Bangert und den Musikern Burkhard Müller und Thomas Frerichs, Foto: Sonja Grupe

Christoph Bangert würdigte unsere Musiker Burkhard Müller und unseren Kantor Thomas Frerichs.

Talkgottesdienst mit dem Fotojournalisten Christoph Bangert, Foto: Sonja Grupe

Pfarrer Hans Mörtter und Christoph Bangert nach dem Talk