Mathias Bonhoeffer: Zur Sache

Heute Pfarrer der Kartäuserkirche

Mathias Bonhoeffer, Pfarrer an der Kartäuserkirche Köln, Foto: urheberrechtlich geschützt

Pfarrer Mathias Bonhoeffer ist der Lutherkirche seit vielen Jahren verbunden. Er war bis 2005 als Pastor im Sonderdienst hier tätig. Nun ist er Pfarrer an der Kartäuserkirche, gelegentlich haben wir aber das Vergnügen, ihn hier predigen zu hören. Er hat als Gottesdienst-Format das Feierabendmahl am Gründonnerstag entwickelt und ist regelmäßig am Karfreitagsgottesdienst beteiligt. Hier haben wir eine kleine Auswahl seiner Predigten.


Hier ist ein Kurzportrait über ihn

Afghanistan - über die Notwendigkeit der Vergebung

Predigt von Mathias Bonhoeffer gehalten am 3. Advent 2001

Gnade sei mit euch und Friede, von dem, der da ist, und dem, der da war, und dem der da sein wird. Amen.

Liebe Gemeinde,
der Krieg in Afghanistan ist von den Amerikanern und Ihren Verbündeten gewonnen. Die Bombardements gehen weiter bis die letzten Taliban und El Kaida-Kämpfer sich ergeben haben oder tot sind. In Israel/Palästina deutet alles auf eine blutig rote, denn eine friedliche Weihnacht hin.

Zehn Wochen nach dem Beginn des Bombardements der Amerikaner und Briten in Afghanistan und gut 13 Wochen nach dem Terrorangriff auf Amerika, möchte ich mit Ihnen über ein zentrales Thema der Bibel nachdenken: Dem Vergeben.

Dass Krieg nicht die Lösung der Probleme ist, sondern ein Teil des Problems, sollte sich herumgesprochen haben. Gewalt erzeugt Gewalt. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter. Nirgends besser zu sehen als im Nahen Osten.

Mit Menschen, die ich hasse, kann ich nicht reden. Hass richtet sich auf die Zerstörung des anderen. Hat sein Ziel in der Verletzung in der physischen oder psychischen Vernichtung des anderen. Um dies zu erreichen, muss ich ihn zum Tier, zum Dämon, zum Bösen schlechthin machen, das vom Erdboden vertilgt werden muss. Wen wundert's, dass so ein Tier sich wehrt?!

Vergebung wird in diesem Zusammenhang häufig als Dummheit, Nachgiebigkeit oder Schwäche ausgelegt. Stärke sei gefragt. Gesicht wahren.

Das Spannende am Thema Vergeben ist nicht nur die Auseinandersetzung zwischen dem hohen christlichen Anspruch und den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern auch das Phänomen, Vergebung selbst zu praktizieren und ihre Wirkung zu erleben.
Es geht also um den Anspruch Gottes „vergebt, so wird euch vergeben“ (Lk 6,37).
Um das, was bei uns Wirklichkeit ist, „...Hass, Groll, Vergeltung“ und um die Erfahrung, was geschieht, wenn man vergibt, bzw. Vergebung erfährt.

Zunächst:
Verletztwerden gehört zum Leben.
Es geschieht tagtäglich. Kleine Verletzungen und große Verletzungen. Da wird dort unsanft gerempelt oder wüst beschimpft. Hier wird ein Kind angefahren, dort geschieht eine Vergewaltigung. Hier geschieht ein Mord, dort ein Terroranschlag, mal mit wenig Toten mal mit Tausenden. Hier wird bombardiert, dort Milzbrand ausgesetzt.

Im christlichen Bereich wird schnell die biblische Keule herausgeholt und die im Vaterunser festgeschriebene Selbstverpflichtung zur Vergebung „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ als eine praktische Selbstverständlichkeit behauptet, die keiner weiteren Erörterung bedarf. Christen haben zu vergeben . Ende, aus, basta.
Wie sie das machen sollen, wie sie mit ihren Hassgefühlen, ihrem Groll und ihren Vergeltungswünschen umgehen sollen, das erzählt ihnen keiner. Und auch denen, die sich beleidigt zurückziehen, jeden Kontakt abbrechen, wird nicht geholfen.

Der Umgang mit Verletzungen und die darauf Not wendende, also notwendige Vergebung wird selten gelernt.
Häufig werden dabei Vergebung und Versöhnung auch noch durcheinander geworfen und miteinander verwechselt.
Dabei meinen sie etwas sehr verschiedenes und es sind sehr verschiedene Prozesse.

Versöhnung geschieht, wenn überhaupt, zwischen zwei oder mehr Personen. Ihr voran geht die Vergebung.
Vergebung ist ein Prozess, der sich innerhalb einer Person abspielt, ist ein Prozess, den jede, jeder mit sich selbst ausmacht. Oder auch nicht. Vergebung ist nicht vom Verletzer und dessen Reue oder Einsicht abhängig. Oder anders: Reue und Einsicht sind keine notwendige Voraussetzung, Bedingung für Vergebung.
Mit dieser Definition befinden wir uns mitten im Zentrum der Lehre Jesu und damit beim Anspruch.
Gerade in den Geboten zur Feindesliebe sowie zur bedingungslosen notwendenden Vergebungsbereitschaft ist diese Lehre von unmissverständlicher Deutlichkeit.
Sowohl in dem Gebot »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt. 5, 43) als auch in der Aufforderung »Und wenn ihr hinsteht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemand habt, damit auch euer Vater, der in den Himmeln, euch eure Verfehlungen vergebe« (Mk. 11. 25) wird deutlich, dass unsere Haltung dem Verletzer - und damit Feind - gegenüber nicht re-aktiv, sondern kreativ sein soll. Geprägt von einer Vergebungsbereitschaft (vgl. Mt. 18, 21ff.), die an keine Bedingung geknüpft ist und damit unabhängig vom Schuldprinzip.

Biblisch heißt das:

I.
1. Indem wir unserem Mitmenschen vergeben, kommt Gottes Vergebung in uns selbst zur Entfaltung, sie kann sozusagen »Frucht bringen“, oder

2. andersherum: ein Mensch, der gegenüber seinem Nächsten verhärtet ist, muss unweigerlich auch Gott gegenüber verhärtet sein.

3. Bedingungslose notwendende Vergebungsbereitschaft ist das Zeichen, dass die „normale“ Logik der zwischenmenschlichen Beziehungen eine fundamentale Veränderung erfahren hat: Statt vom Gesetz der Selbstbehauptung lassen sich Christen leiten von der Freiheit von sich selbst, die es ihnen ermöglicht, den anderen anzunehmen und auf Hass, Groll oder Vergeltung als Akt der Selbstbehauptung zu verzichten.

4. Wir können Vergebung nur empfangen, wenn - oder weil - wir bereit sind, sie anzubieten, und wir können Vergebung nur gewähren, wenn - oder weil - wir sie selbst empfangen haben.
So weit der biblische, der exegetische Befund. Soweit der Anspruch.

II.
Dem entspricht jedoch die Praxis des menschlichen Umgangs mit
Verletzungen keineswegs.
Beherrschend sind zwei Reaktionsmuster in unterschiedlicher Ausprägung. Dem - meist beleidigten - Rückzug bis hin zum Beziehungsabbruch oder der Vormarsch bestimmt von Wut, Hass und Vergeltungswünschen.

Doch was geschieht eigentlich, wenn ich verletzt werde?
Psychologisch gesehen geschieht folgendes:
Neben den eventuell körperlichen Schäden erfahre ich eine mehr oder weniger massive Missachtung oder Abwertung meiner Person.
Diese Bedrohung oder Erschütterung meines Selbsts bzw. Selbstwertgefühls erlebe ich als Gefahr. Ich gerate in Stress, der den Körper auf Kampf oder Flucht, auf Angriff oder Rückzug vorbereitet und eine Selbstschutzreaktion ist.

Diese Stressreaktion klingt keineswegs automatisch ab, nachdem ich mich gewehrt bzw. gerächt oder vom Angreifer zurückgezogen habe. Entscheidend für das Abklingen der körperlichen Anspannung ist stattdessen das Abklingen der seelischen Anspannung. Solange die Gefühle von Angst, Wut, Hass und Groll als Folge der Verletzung weiterbestehen, wird auch die körperliche Stressreaktion nur unvollständig oder gar nicht abgebaut.

Was kann ich also tun?
Um so einen Stressabbau zu erreichen, darf ich bei den Gefühlen, die mein angegriffenes und bedrohtes Selbst schützen sollen, sprich: bei Wut, Groll, Hass etc. nicht stehen bleiben. Diese Gefühle bilden vielmehr die Ausgangsbasis, um in einen Prozess der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Verletzungserfahrung einzutreten.

In einem ersten Schritt muss ich mir meine Emotionen offen eingestehen - und zugestehen -, ich darf sie weder bagatellisieren noch leugnen oder verdrängen. Denn: nur etwas im Bewusstsein zugelassen wird, kann auch losgelassen werden!

In einem zweiten Schritt beginnt die intensive Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, und zwar unter mindestens zwei Gesichtspunkten:

1. Zum einen muss der Versuch einer Einfühlung in den Verletzer unternommen werden. Ich muss versuchen zu verstehen, was den anderen dazu bewogen hat, so zu handeln, wie er gehandelt hat. Alles verstehen, heißt nicht, alles richtig finden, doch kann Einfühlung durchaus als die Mutter des Verzeihens bezeichnet werden. Ohne Einfühlung ist keine tiefere Bearbeitung und damit verbunden keine neue Sicht der Verletzung möglich.

2. Der zweite Gesichtspunkt besteht in der kritischen Reflexion des eigenen Verhaltens, des möglichen eigenen Anteils am Geschehen. Das heißt nicht, mich als Opfer automatisch nachträglich zum Täter zu machen und die Schuld umzudrehen. Aber Selbsterkenntnis und Selbstgerechtigkeit schließen sich in der Regel aus. Das Ergebnis dieser Phase besteht in einem verfeinerten Bild des Verletzers, aber auch des Verletzten selbst. Damit verbunden ist ein Blickwechsel, der eine Neubewertung der Verletzungserfahrung ermöglicht. Manche Dinge erscheinen so in einem anderen Licht.

3. Ausgehend von dieser Phase kann in einem dritten Schritt der Entschluss zur Vergebung getroffen werden.
Dieser Entschluss zur Vergebung geschieht vorwiegend aus der Erkenntnis heraus, sich damit selbst zu entlasten, sich quasi vom Bann des Geschehenen zu befreien.
Vergebung wird so als Befreiung erfahren.
Wieso kann so etwas gelingen und warum haben Christen, die Möglichkeit zu so einem Schritt?

»Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft der Starken.« hat Mahatma Gandhi einmal gesagt, der, weiß Gott, viele Demütigungen und Schläge hat einstecken müssen.

Woher kommt unsere Stärke? Für die eine oder den anderen etwas platt, unsere Stärke kommt vom Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht, siehe der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
Oder aus dem Jesus Wort: „Wer an mich glaubt, wird nicht zu schanden werden.“

Oder: Kommt her, alle die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und vom Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe für eure Seelen finden. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Christen fühlen sich nicht restlos menschlicher Willkür ausgeliefert, sondern letzten Endes »in Gottes Hand“; sie können der massiven Abwertung von Seiten des Verletzers die Gewissheit des Angenommen- und Anerkanntseins von Gott entgegen setzen;
Sie beziehen aus ihrem Glauben die Kraft zur Vergebung.

Und der Friede Gottes, welcher ist höher als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus. Amen 

Predigt zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Turm Auschwitz-Birkenau 2010, Foto: Helga Fitzner

Predigt vom 27. Januar 2001 von Mathias Bonhoeffer

Heilig, heilig ist mein Herr, Gott der Heerscharen, der da war, der da ist und der da kommt

Liebe Gemeinde,
Babylon: An den Wassern dieser großen Stadt fern der Heimat sitzt Israel und trauert. Ins Exil geführt, gefangen.

Begonnen hatte diese Nacht mit der Niederlage gegen die Perser 587. Zuvor war es zum Krieg zwischen dem kleinen Israel und dem großen Nachbarn Persien gekommen.


Der König von Jerusalem hatte auf die ägyptische Karte gesetzt und verloren.

Nach einer langen Belagerung wurde Jerusalem eingenommen. Nebukadnezar, der Perserkönig ließ durch seine Soldaten ganze Arbeit verrichten. Die Mauern wurden geschliffen. Der Tempel mitsamt seinem Heiligtum wurde zerstört. Die Bundeslade mit den Geboten und der gesamte Tempelschatz wurde konfisziert und der persischen Staatskasse einverleibt. Die Bevölkerung wurde nach Babylon verschleppt. Gut 1500 Kilometer entfernt. Endlose Tagesmärsche durch die Wüste, wenig Wasser, wenig Brot. Die Perser sahen keinen Anlass, schonend mit den Marschierenden umzugehen. Israel war geschlagen, lag am Boden. Der Kontakt zu Gott, aufrechterhalten durch den Opferdienst im Tempel, schien unterbrochen. Das Allerheiligste war geschändet.

"An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein: «Singet uns ein Lied von Zion!» Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande? Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein."

Im Exil. Getrennt von Gott. Warum? Wieso? Israel suchte Antworten und fand sie in der eigenen Schuld. In seiner Nichtbeachtung der Gebote. In der Bestrafung durch Gott. 

Aber nach einer Zeit des Exils kam Hoffnung auf. Vielleicht erwies sich Gott doch noch einmal als der gnädige Gott. Vielleicht vergab er noch einmal seinem Volk. Vielleicht erinnert er sich an seinen Bund, den er mit Abraham geschlossen hatte und mit Isaak und Jakob erneuert hatte.

„Tröstet, tröstet, Mein Volk! Spricht euer Gott.
Sprecht zum Herzen Jerusalems und ruft ihm (tröstend) zu:
Erfüllt ist seine Dienstzeit,
gesühnt seine Schuld,
empfangen hat es vielfach aus der Hand des Herrn um alle seiner Sünden willen!“

Das Volk Israel hat danach noch viele Nächte in seiner Geschichte erleben müssen. Keine aber war so dunkel und so grausam, so lang und so kalt, wie die Nacht in den Todeslagern, wie die Nacht der brennenden Öfen mit ihrem dunklen Feuer.  - Auschwitz.

Auschwitz - Birkenau steht für ein Ereignis in der Geschichte der Menschheit, das seinesgleichen nicht hatte und hoffentlich nie haben wird.
Auschwitz - Birkenau steht für Millionen ermordeter Menschen, steht für den Tod all derer, die in der nationalsozialistischen Sprachregelung den Todesstempel „unwertes Leben“ aufgedrückt bekamen.

Auschwitz - Birkenau steht synonym für den - und das meine ich ernst - Gott sei Dank - gescheiterten Versuch eines Volkes ein Volk, das Volk Israel, Gottes Augapfel, auszurotten.

Der Name Auschwitz - Birkenau ist der Versuch, einem Ereignis einen Namen zu geben, dessen Monstrosität bei den Betroffenen bis heute nichts von seinem Schrecken verloren hat und wohl auch nie verlieren kann.
Dieser Ort steht für ein Beben, dessen Wellen bis heute noch zu spüren sind.

Auschwitz Birkenau steht dafür, was Menschen Menschen antun können und nie wieder antun dürfen.

Auschwitz - Birkenau stellt die Frage nach dem Handeln Gottes. Stellt die Frage: Wo war Gott in dieser Nacht?

Diese Nacht ist nicht mehr mit der eigenen Schuld zu erklären, auch wenn einzelne jüdische Theologen dies versuchen. Ihre Argumentation zerschellt an der Monstrosität des Geschehenen.

Im Namen Gottes wird Einspruch gegen eine Theologie erhoben, in der Gott tötet, in der Gott den Armen und Hilflosen straft. In der Hitler und seine Todesmaschinerie entschuldigt und zu einem bloßen Werkzeug degradiert wird.

Auschwitz ist nicht Werk Gottes, sondern Werk von Deutschen und ihren Helfershelfern in den besetzten Gebieten.

Und doch bleibt die Frage, wo Gott in dieser Nacht war.

"Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die mein Leben in eine einzige lange Nacht verwandelte, siebenfach verflucht, siebenfach versiegelt. Nie werde ich den Rauch vergessen. Nie werde ich die kleinen Gesichter der Kinder vergessen, die ich in Rauch aufgehen sah unter einem schweigenden blauen Himmel.
Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verschlangen.
Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mir für immer den Wunsch zum Leben nahm. Nie werde ich diese Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele töteten, die meine Träume zu Staub werden ließen. Nie werde ich dies alles vergessen - und wenn ich dazu verdammt wäre, so lange zu leben wie Gott selbst. Nie.

Eines Tages, als wir von der Arbeit kamen, sahen wir drei Galgen auf dem Appellplatz aufgerichtet, drei schwarze Krähen. Abendappell. Um uns die SS, Maschinengewehre am Abzug: Die übliche Zeremonie. Drei Opfer in Ketten - und eines von ihnen ist der kleine Diener, der Engel mit den traurigen Augen.
Die SS war unruhiger, nervöser als gewöhnlich. Einen kleinen Jungen vor Tausenden von Augenzeugen zu hängen, war gar nicht so einfach. Der Lagerkommandant verlas das Urteil. Alle Augen blickten auf den Jungen. Er war totenblass, beinahe ruhig. Er biss sich auf die Lippen. Die Galgen warfen ihren Schatten auf ihn.
Diesmal weigerte sich der Lagerkapo, als Henker zu fungieren. Drei SS-Leute traten an seine Stelle.
Gleichzeitig stiegen die drei Opfer auf die Hocker.
Gleichzeitig wurden die drei Nacken in Schlingen gelegt.
'Es lebe die Freiheit', riefen die beiden Erwachsenen. Das Kind aber schwieg.
'Wo ist Gott? Wo ist Er?' fragte jemand hinter mir.
Auf ein Zeichen des Lagerkommandanten hin wurden die drei Hocker umgestoßen.
Völlige Stille im Lager. Am Horizont ging die Sonne unter.
'Mützen ab!' schrie der Lagerkommandant. Seine Stimme war heiser. Wir weinten.
'Mützen auf!'
Dann begann der Vorbeimarsch. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Ihre Zungen waren geschwollen, bläulich. Aber das dritte Seil bewegte sich noch. Das Kind war zu leicht, es lebte noch...
Mehr als eine halbe Stunde hing er so, im Kampf zwischen Leben und Tod, im langsamen Todeskampf starb er vor unseren Augen. Und wir mussten ihm ins Gesicht sehen. Er lebte noch, als ich an ihm vorbeiging. Seine Zunge war noch rot, seine Augen waren noch klar.

Hinter mir hörte ich denselben Mann fragen: 'Wo ist Gott jetzt?' Und in mir hörte ich eine Stimme antworten: 'Wo Er ist? Er ist hier - Er hängt hier an diesem Galgen...'
An jenem Abend schmeckte die Suppe nach Toten."

(Elie Wiesel aus: Erzählbuch zur Kirchengeschichte 2, Von der beginnenden Neuzeit bis zur Gegenwart, hg. v. D. Steinwede, Jahr 1987, 544-545)
Text: Mathias Bonhoeffer
Fotos: Helga Fitzner

Auschwitz Lager 1, 2010, Foto: Helga Fitzner
Auschwitz Lager 1, 2010

Briefe aus der Haft - von Paulus und Dietrich Bonhoeffer

Predigt vom 30. Dezember 2001 von Mathias Bonhoeffer

Friede sei mit euch von dem, der da war, und dem, der da ist, und dem, der da kommen wird.

Ich möchte Sie heute mit zwei Texten aus zwei Jahrtausenden bekannt machen. Der erste stammt vom Apostel Paulus. Er ist im Gefängnis von Ephesus um die Jahre 54 oder 55 nach Christus entstanden und ist an die Gemeinde zu Philippi gerichtet.

Der zweite stammt von Dietrich Bonhoeffer. Er ist im Gestapogefängnis in der Prinz Albrecht Strasse am 19. Dezember 1944 entstanden und ist an seine Verlobte Maria von Wedemeyer gerichtet.

Beide Briefe sind Gefängnisbriefe
Beide Briefe sind Dankesbriefe.

Zunächst Paulus

Phil. 4,10-13
"Ich bin aber hoch erfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr ward zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat’s nicht zugelassen.
Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie es mir auch geht.
Ich kann niedrig sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides Überfluss haben und Mangel leiden;
Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.
Doch ihr habt wohl daran getan, dass ihr euch meiner Bedrängnis angenommen habt. Denn ihr Philipper wisst, dass am Anfang meiner Predigt des Evangeliums, als ich auszog aus Mazedonien, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und im Nehmen als ihr allein.
Denn auch nach Thessalonisch habt ihr mir etwas gesandt für meinen Bedarf, einmal und dann noch einmal.
Nicht, dass ich das Geschenk suche, sondern ich suche die Frucht, damit sie euch reichlich angerechnet wird. Ich aber habe alles erhalten und habe Überfluss. Ich habe in Fülle, nachdem ich durch Epaphroditus empfangen habe, was von euch gekommen ist; ein lieblicher Geruch, ein angenehmes Opfer, Gott gefällig. Mein Gott wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. Gott aber, unserem Vater, sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen."

Da gibt es also eine Gemeinde, hoch im Norden von Griechenland, die für ihren Apostel sorgt. Sie schaffte es nicht immer, weil es die Zeit oder die Umstände nicht zuließen, aber sie schafft es immer rechtzeitig.
Diese Gemeinde zu Philippi ist insofern etwas besonderes, weil sie die einzige Gemeinde ist, von der sich der Apostel Paulus beschenken lässt. Ansonsten ist er peinlich darauf bedacht, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Und das nicht mit der Predigt des Evangelium. Paulus möchte sich von den anderen Wanderpredigern deutlich unterscheiden. Die lassen sich nämlich von ihren Zuhörern, denen sie alles Mögliche erzählen, aushalten und leben nicht schlecht dabei. Paulus will das Evangelium verkünden, möchte von Christus Jesus erzählen, und dazu braucht er materielle Unabhängigkeit.

Paulus hat lernen müssen, sich genügen zu lassen, wie es ihm auch geht. Er kann niedrig sein; ihm ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides Überfluss haben und Mangel leiden;
Denn Paulus sitzt im Moment wieder einmal im Gefängnis und dürfte die Gaben auch dorthin bekommen haben. Eines jener im Gefängnis so heiß ersehnten Päckchen.

Überhaupt ist sein Leben nach seiner Bekehrung und der Predigt des Evangeliums alles andere als in ruhigen Bahnen verlaufen.
Er ist fünfmal mit 39 Hieben gegeißelt worden, dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden, hat dreimal Schiffbruch erlitten. Das Reisen war damals alles andere als eine Freude, mehr eine Tortour, denn die Entfernungen mussten größtenteils zu Fuß durch unbekanntes Gebiet überwunden werden. (2 Kor. 11,24ff; Apg 14, Apg 16)

Und doch, durch den, der ihn mächtig, stark macht, durch Gott, kann er alles.

Paulus wird ein weiteres mal verhaftet werden, ihm wird in Rom der Prozess gemacht werden, und er wird den Tod am Kreuz erleiden.


Zu einer anderen Zeit

"Meine liebe Maria!
Ich bin so froh, dass ich dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch dich auch die Eltern und Geschwister grüßen und euch danken kann.“
..beginnt Dietrich Bonhoeffer seinen Brief an Maria von Wedemeyer, seine Verlobte.

Seit zweieinhalb Jahren sitzt er im Gefängnis. Zuerst in der Haftanstalt Tegel, später nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler durch General Graf Schenk von Stauffenberg im Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht Strasse. Von diesem und von den anderen misslungenen Attentaten hat Dietrich Bonhoeffer nicht nur gewusst, sondern er hat sie mit vorbereitet und verantwortet.

Sein fester Glaube an den einen Gott, der uns in Jesus seinen Messias, den Christus, gesendet hat, sein Wissen um das bestialische Unrechtsregime mit all seinen schier unglaublichen Gräueltaten, dass die Nazis in Deutschland errichtet haben, seine tiefe Überzeugung, dass der geplanten und begonnenen Ausrottung der Juden, die der Christen folgen würde, hat ihn früh zum Mitwisser und im Jahre 1938 zum Mittäter, zum Attentäter werden lassen. Jetzt im Dezember 1944 weiß er, dass er nur überleben wird, wenn die Alliierten schneller eine Niederlage Deutschlands herbeiführen würden, als die Militärjustiz seinen Prozess. Zwei Briefe im Monat darf er schreiben, und die Gestapo liest mit.

"Meine liebe Maria!
Ich bin so froh, dass ich dir zu Weihnachten schreiben kann, und durch dich auch die Eltern und Geschwister grüßen und euch danken kann. Es werden sehr stille Tage in unseren Häusern sein. Aber ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, je stiller es um mich herum geworden ist, desto deutlicher habe ich die Verbindung mit Euch gespürt. Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du, die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld. Ihr seid mir ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes und unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: 'zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken', so ist dieses Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als die Kinder. Du darfst also nicht denken, ich sei unglücklich. Was heißt denn glücklich oder unglücklich? Es hängt ja so wenig von den Umständen ab, sondern eigentlich nur von dem, was im Menschen vorgeht. Ich bin jeden Tag froh, daß ich Dich, Euch habe und das macht mich glücklich und froh.

Das Äußere ist hier kaum anders als in Tegel, der Tagesablauf derselbe, das Mittagessen wesentlich besser, Frühstück und Abendbrot etwas knapper (genauer gesagt nur ein Drittel dessen, was es in Tegel gab, aber das schönt Bonhoeffer). Ich danke euch für alles, was ihr mir mitgebracht habt. Die Behandlung ist gut und korrekt. Es ist gut geheizt. Nur die Bewegung fehlt mir, so schaffe ich sie mir bei offenem Fenster in der Zelle mit Turnen und Gehen. Einige Bitten: Ich würde gerne von Wilhelm Raabe: Abu Telfan oder Südderump lesen. Könnt ihr meine Unterhosen so konstruieren, daß sie nicht rutschen? Man hat hier keine Hosenträger. Ich bin froh, dass ich rauchen darf! Daß Ihr alle für mich denkt und tut, was Ihr könnt, dafür danke ich euch; das zu wissen ist für mich das wichtigste. Es sind nun fast zwei Jahre, daß wir aufeinander warten, liebste Maria. Werde nicht mutlos! Ich bin froh, daß du bei den Eltern bist. Grüße deine Mutter und das ganze Haus von mir. Hier noch ein paar Verse, die mir in den letzten Abenden einfielen. Sie sind der Weihnachstgruß für Dich und die Eltern und Geschwister:

Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar
so will ich diese Tag mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen
noch drückt uns böser Tage schwere Last
ach, Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das du uns bereitet hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch den bittren
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz
dann wollen wir des Vergangenen gedenken
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Laß warm uns still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns bereitet
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar um uns sich weitet
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost was kommen mag
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.

Sei mit Eltern und Geschwistern in großer Liebe und Dankbarkeit gegrüßt.

Es umarmt dich
Dein Dietrich."

Die Familie wird nicht mehr zusammengeführt werden. Dietrich Bonhoeffer wird den schweren Kelch, den bittren, austrinken müssen. Er wird nur noch einen kurzen Brief an seine Eltern im Januar 1945 schreiben können, bevor die Verbindung dann endgültig abreißt. Am 5. April wird ein Standgericht Dietrich Bonhoeffer zum Tode durch den Strang verurteilen und am 9. April 1945 wird das Urteil im Konzentrationslager Flossenbürg vollstreckt werden. Ein Urteil, das im übrigen bis vor kurzem noch rechtskräftig war.

Die Gefangenschaft beider, des Apostel Paulus und die Dietrich Bonhoeffers.

Das Gottvertrauen beider jeder auf seine Art:
Paulus mit seinem Glauben, der sich in dem Vertrauen ausdrückt:
Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Und Dietrich Bonhoeffer mit seinem Glauben, der sich in dem Vertrauen ausdrückt: Von guten Mächten wunderbar geborgen zu sein, bilden den Spannungsbogen, in dem ich Ihnen und mir wünsche, unseren Glauben an Gott gemeinsam leben zu können. Ich wünsche Ihnen, daß Sie diese guten Mächte um sich wissen. Und das hoffentlich ohne die erniedrigenden und entbehrungsreichen Erfahrungen, die diese beiden Menschen haben machen müssen.

Abends will ich schlafen gehen, vierzehn Engel um mich stehen, zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen, zwei zu meiner Rechten, zwei zu meiner linken, zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken, zwei, die mich weisen zu Himmels Paradeisen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen in Christus Jesus.

Die Heiligen Drei Könige

Predigt vom 6. Januar 2002 von Mathias Bonhoeffer
Matthäus 2,1ff

Die Geschichte der Weisen hat eine sehr weitreichende Wirkung gehabt. Sie gipfelt in der Anbetung der Gebeine der Heiligen drei Könige im Kölner Dom. Dabei sind strikt gesehen diese Könige gar keine Heiligen: Ein Heiliger oder eine Heilige muss von der Katholischen Kirche in einem eigenen Verfahren dazu erhoben werden und ein solches Verfahren hat es für die Heiligen Drei Könige nie gegeben.

Auch Könige sind die Herren Kaspar, Balthasar und Melchior nie gewesen - in der Bibel ist nur von "Weisen", "Magiern" bzw. "Sterndeutern" die Rede. Und all diese Künste sind der Bibel mehr als suspekt. Nirgends wird das Wort mit positiver Bedeutung gebraucht. Wenn also Weise die Knie vor dem Kind beugen hat alle Wahrsagerei und Sterndeuterei ihre Erfüllung im Christus gefunden.

Aber auch die Namen werden in der Bibel nirgendwo erwähnt; zum ersten Mal ist in einer um 500 nach Christus in armenischer Sprache abgefassten Kindheitsgeschichte Jesu von den drei Königen Melkon (Lichtkönig) von Persien, Gaspar (Schatzträger )von Indien und Baltassar (Gottesschutz) von Arabien die Rede, vorher nicht. Damit werden die bekannten Erdteile genannt. Ein vierter fehlt. Der Norden. Deswegen gibt es unzählige Legenden vom sogenannten vierten König. Aber dies vielleicht später einmal. Darüber hinaus vertritt jeder ein anderes Alter:

Kaspar ist der bartlose Jüngling
Melchior ein bärtiger Greis
Balthasar ein Schwarzer.

Dazu wurde den dreien Schutzfunktion zugeordnet. Sie kennen das: Die Jahreszahl mit dem C+M+B. Es sind die Anfangsbuchstaben der Könige, die aufgelöst bedeuten:(hinzu kommt die Jahreszahl). Das heißt: »Christus mansionem benedicat« (»Christus segne das Haus«).

Der Evangelist Matthäus, der als einziger im Neuen Testament von der Anbetung berichtet, erwähnt mit keiner Silbe, wie die Anbeter heißen oder wie viele es überhaupt waren. Dass es drei gewesen seien, wurde aus den drei Gaben - Weihrauch, Myrrhe, Gold - zurückgeschlossen oder man hat die in der christlichen Mythologie so wichtige Zahl Drei auf die Anbetung im Stall zu Bethlehem übertragen. Andere sprechen von 12 Königen. Eine genau so wichtige Zahl der Vollkommenheit. Zu Königen wurden die Sterndeuter erst in nachträglichen Interpretationen, u. U. wegen einer missverständlichen Übersetzung von "Magier". "König" meinte zu Zeiten Jesu etwas ganz anderes als im Mittelalter, nämlich weit weniger: fast jeder Vasall der Römer war damals ein "König". Jede zweite Stadt hatte einen König. Oder aber aufgrund einer Prophezeiung aus dem Alten Testament, wo es heißt: "Die Könige von Tarsis und auf den Inseln sollen Geschenke bringen ...".

Nach Köln kamen die Könige bzw. deren Gebeine im Jahr 1158 auf Veranlassung des Reichskanzlers und Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel; er hatte sie einem Reliquienhändler in Mailand abgekauft, vielleicht sich auch von den Bürgern der Stadt Mailand schenken lassen - die näheren Umstände sind nicht genau geklärt. Die Mailänder hatten die Reliquien angeblich Ende des 4. Jahrhunderts selbst als ein Geschenk erhalten, und zwar vom Kaiser aus Byzanz, wohin wiederum sie aus Palästina gekommen sein sollen, wo sie die Mutter des Kaisers bei einer Pilgerfahrt gefunden haben will.

Aber was tun die Gebeine der Sterndeuter in Palästina? So heißt es in der Bibel, die Weisen seien nach Anbetung in ihre Heimat, wahrscheinlich das Zweistromland Mesopotamien, zurückgekehrt, so dass dort auch ihre Knochen liegen. Und auch die Überführung von Konstantinopel nach Mailand ist nur in einer posthumen Biographie eines Mailänder Bischofs erwähnt, der "Vita Eutorgii", die mehrere hundert Jahre später ausgerechnet in Köln entstand. Vermutlich hat also Rainald von Dassel als rechte Hand des Deutschen Kaisers [Friedrich I. Barbarossa, Anm. MNA] diese Legende einfach politisch ausgenützt, um im damaligen Streit zwischen Papst und Kaiser seinem Herrn, dem Kaiser, einen Vorteil zu verschaffen: Die Könige, also die weltlichen Herrscher, waren die ersten, die das Christkind anbeteten, und haben deshalb, so die Logik Dassels, Vorrecht vor dem Papst. Daher ist auch klar, warum die Partei des Papstes keine Eile hatte, durch eine Heiligsprechung diese Sicht der Dinge zu befördern. Und für den Kölner Erzbischof gab es noch einen unschätzbaren Vorteil. Mit den Gebeinen dieser „Heiligen drei Könige“ stieg Köln neben Rom und Santiago di Compostella zur dritten großen Pilgerstadt der römisch-katholischen Welt auf. Dies bedeutete Einfluss, Macht und Reichtum. Bis heute ist Köln die reichste Erzdiözese der römischen Kirche.


Doch zurück zu dem, was in unserem Text steht. Dem Stammbaum und der Schwangerschaft Marias und der Hochzeit mit Joseph im ersten Kapitel folgt mit einem knappen Satz die Tatsache der Geburt Jesu in Bethlehem. Kein Wort, wie sie dahinkommen. Kein Wort von den schwierigen Umständen, die Lukas uns erzählt. Von all dem weiß die Geschichte von Matthäus nichts. Doch sie weiß von ganz anderen Gefahren. Matthäus stellt die Bedrohung und Ablehnung Jesu von Anfang an dar. Aber auch seine Bewahrung durch Gott. Die Gefahren sind vielfältig. Und das geht im ersten Satz los. Weise aus dem Osten treffen in Jerusalem ein. Allein ihr Auftauchen signalisiert Gefahr. Ihre Handlungsweise macht dies deutlich. Sie fragen in der ganzen Stadt nach dem neugeborenen Judenkönig. So ganz bei Trost können diese Weisen nicht gewesen sein. (Sind sie deshalb später zu Königen mutiert?) In der ganzen Stadt nach dem neuen Judenkönig herumzufragen, während auf dem Thron ein Tyrann von Roms Gnaden sitzt. Und so ganz haben sie wohl auch ihrer astrologischen Kunst nicht getraut. Oder ist vorstellbar, dass der Stern, dem sie folgten, diese Weisen absichtlich in das Machtzentrum führte und sie dort verlassen hat? Oder verliert man im Zentrum der Macht die Übersicht, die Orientierung, das Wissen um gut und böse, richtig und falsch? Nun jedenfalls verwundert es wohl niemanden, dass der momentan herrschende Tyrann Herodes erschrak, wie der Text es vornehm ausdrückt. Das Herodes alarmiert ist, steigert die Spannung. Schlauer Fuchs, der er ist, lässt er die Weisen zu sich rufen. Fragt sie nach ihren Erkenntnissen und setzt seine Berater ein. Diese brauchen nicht lange, bis sie heraus haben, dass der Gesuchte wohl in Bethlehem zu finden sei. Herodes entlässt die Weisen mit dem festen Auftrag, nach erfolgreicher Suche zu ihm zurückzukehren, damit auch er dem neuen König huldigen könnte. Dass dieses eine faustdicke Lüge ist, weiß der, der Herodes kennt und sein Bestreben, seine Dynastie zu erhalten. Das letzte, was Herodes tun wird, ist diesem neuen Judenkönig zu huldigen.

Dem Zuhörer wird bange bei dem Gedanken, dass die Weisen so dumm sein könnten, nach Jerusalem zurückzukehren. Die Weisen aber ziehen ahnungslos weiter und merkwürdig, kaum dem direkten Zugriff Herodes entronnen, sehen sie wieder klar und den Stern, der ihnen vorangeht. In Bethlehem angekommen, fallen sie vor dem Kind nieder und unterwerfen sich ihm. Die Magier - stellvertretend für die Völker der Welt - beugen ihre Knie vor dem Kind. Sie beschenken es reich. Lassen Gold, Weihrauch und Myrre da. Mit viel Lärm und Getöse in Jerusalem eingezogen, schleichen sie auf Weisung eines Traums leise von dannen. Immerhin den haben sie mitbekommen. Hier scheint ihre Wahrnehmung funktioniert zu haben. Der Zuhörer ist erleichtert, das Kind ist fürs erste gerettet.

Wie groß die Gefahr war, aus der Gott das Kind errettet hat und zu was Herodes in der Lage ist, erfährt der Zuhörer erst später. Was folgt, ist die Flucht Josephs mit Maria und dem Kind nach Ägypten. Herodes wird – seiner Informanten beraubt - zu drastischen Mitteln greifen und rücksichtslos alle Kinder bis zum Alter von zwei Jahren in Bethlehem ermorden lassen. So zumindest der matthäische Bericht. Doch historisch erwiesen ist dieses Ereignis nicht. Zeigt aber, was Herodes an Gräueltaten zugetraut wurde. Erst als Herodes tot ist, kehren die drei bekanntermaßen zurück.

Hinter dieser tröstlichen Geschichte der Bewahrung gibt es noch eine andere Geschichte. Ich weiß nicht, ob Sie diese Geschichte hören wollen. Keine Ahnung, ob es Ihnen so geht wie mir: Doch die Huldigung der Weisen und der daraus konstruierte und behauptete alleinige Anspruch auf Jesus, die daraus postulierte Vorrangstellung der Christen vor den Juden; die Ablehnung durch Herodes im speziellen und Jerusalem im allgemeinen, die all dies bekräftigen, ja angesichts des anschließenden Kindermords, der nie stattgefunden hat, geradezu nach Rache und Sühne schreit. Als weitere Steigerung sind einzelne Steine der Bibel, aus denen gewissenlose Theologen und Menschen die Schlote der Krematorien der Vernichtungslager gemauert haben. Die Bewahrung des einen hat den Tod der vielen nicht verhindert. An dieser Stelle bricht mit Wucht die Frage nach dem Warum auf, die wenn überhaupt nur mit Ostern beantwortet werden kann.

Matthäus hat diese andere Geschichte so nicht geschrieben. Aber, die es eigentlich hätten besser wissen müssen und können, haben sie aus Matthäus Geschichte machen können. Das sollte nicht vergessen werden. Schon als Mahnung und als Hilfe die eigentlich schöne, tröstliche Geschichte der Bewahrung des Kindes zu hören.

Und der Friede Gottes, welcher ist höher als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus. Amen 

Krippenfiguren der Kartäuserkirche, Foto: Helga Fitzner

Trommelgottesdienst

Trommelgottesdienst mit Mathias Bonhoeffer

Es sollten keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, solange es kein Recht und keine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, fordert der biblische Prophet Amos (um 750 vor Christus.) Der Provokateur gilt als der erste Sozialkritiker der bekannten Geschichte und macht sich recht unbeliebt. Pfarrer Mathias Bonhoeffer spezifiziert die Aussagen des Amos: „Das ist die massive Kritik des Propheten an Gottesdiensten, die inhaltsleer und folgenlos sind“.

Damit ihre Gottesdienste nicht inhaltsleer und folgenlos werden, hat auch die Lutherkirche immer wieder neue Formate ausprobiert (wie zum Beispiel die Salbungs- und Tangogottesdienste). Pfarrer Mathias Bonhoeffer führte an verschiedenen Kirchen der Evangelischen Kirchengemeinde Köln die Serie der EiGenSinn-Gottesdienste durch, die sich insbesondere an die Jugend richteten. Die seltsame Schreibweise bezieht sich auf das Ei, die Genesis und Sinnhaftigkeit.

Jeder dieser Gottesdienste war individuell gestaltet und bei dem in der Lutherkirche wurde Krach gemacht. Der Musiker Dietmar Dietrich hatte Trommeln mitgebracht und alle durften sich an ihrem Talent zur Percussion versuchen. Die Lutherkirche hat eine passable Akustik, so dass das gemeinsame Trommeln nicht nur für abwechslungsreiche Action während des Gottesdienstes sorgte, sondern sich zu einem Klangerlebnis entwickelte, das auch den hallenden Kirchenraum mal anders und neu erfahrbar machte.

Wer neugierig auf die Brisanz und Aktualität des Propheten Amos geworden ist, kann hier den Predigttext von Pfarrer Bonhoeffer nachlesen.

Text: Helga Fitzner

Predigt von Mathias Bonhoeffer vom 3. März 2006

Der Tempel von Bet-El ist voll. In den diversen Höfen und Säulengängen herrscht ein großes Geschiebe und Gedränge. Man sieht sich und wird gesehen. Kopfnicken hier, grüßen da. Feiertag. Gottesdienst zu Ehren Gottes. Keiner muss arbeiten. Die größeren Kinder spielen zwischen den Beinen der Erwachsenen, rennen um die Säulen. Die etwas kleineren quengeln und wollen auf die Schulter gehoben werden, wollen sehen, was da vorne passiert. Die Luft ist angefüllt von Wohlgerüchen, schwirrt von den vielen Stimmen.

Nein knauserig kann man die Israeliten nicht nennen, wenn sie Opfergaben an den Tempel senden. Für einen geregelten, reichhaltigen Opferkult ist gesorgt. Es gibt zu essen und zu trinken. Es wird musiziert, gesungen, gelacht. Gottesdienst wird zum Gemeinschaftserlebnis, mitreißend und begeisternd.

Doch völlig unvermittelt tritt Amos auf. Scharf durchschneidet seine Stimme den Gesang. Seine Worte zerschlagen die fröhliche Stimmung:

Amos 5,21-25
21“Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. 22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.25
Stille, Erstaunen, Unverständnis, Wut, dann ein Sturm der Entrüstung.
‚Wie denn? Das darf doch nicht wahr sein! Unverschämtheit! Wie kommt der dazu, uns und unseren Gottesdienst so zu beschimpfen? Er beleidigt uns. Wir geben uns Gott ganz her, spenden reichlich! So war es doch seit je her üblich. Gott soll uns hassen. Nein. Er ist es, der Gott lästert. Weg mit ihm?’

Amos hat sich vor das Volk – und seine Herrscher – gestellt. Hart und schonungslos demaskiert er ihre grundfalsche religiöse Haltung, hält ihnen ihre soziale Korruption vor, rüttelt an ihrer Selbstsicherheit.
‚Ich hasse, verachte Eure Gottesdienste. Ich kann und will Euer Gedröhn und Geplärr nicht mehr hören. Ihr mögt euch ja noch in die Tasche lügen können und wollen, aber hört auf mich anzulügen, hört auf mir dauernd irgendwelche Kompensationsgeschäfte vorzuschlagen nach dem Motto: Du betest, und ich erhöre und handele. Du kriechst zu Kreuze und jammerst mir vor, wie schlecht du doch bist und bittest mich um Verzeihung und kurze Zeit später passieren die gleichen Dinge wieder.’

Kümmert euch um das, was außerhalb des Gottesdienstes passiert. Kümmert euch um das, was vor eurer Nase passiert. Mischt euch ein. Sorgt dafür, dass das Recht wie Wasser fließt in Politik, in Schule, in Kirche, in der Familie, in der Wirtschaft und in der öffentlichen Meinung. Wer an mich glaubt, ist politisch. Glaubt nicht, ihr könntet mich in den Sonntagsgottesdienst sperren und einmal in der Woche oder einmal im Jahr heraus holen, damit ich euch tröste und erbaue. Es könnte sein, dass ihr mich in eurem Gottesdienst nicht mehr findet. Ich werde bei denen sein, die mich brauchen, bei jenen, die durch eure Heuchelei, durch euer politisches Desinteresse zu Grunde gehen. Ich werde bei denen sein, die ihr zu Recht als Bedrohung empfindet für Eure Feiern der Selbstsicherheit, Selbstgerechtigkeit und Selbstvergessenheit, die ihr mir zum Trotz auch noch Gottesdienst nennt.

Die Rede von Amos war offensichtlich so eindringlich und hatte einen solch nachhaltigen Effekt, dass Amazja der Oberpriester von Bet-El sich gezwungen sah, ihm Sprechverbot zu erteilen, ihn fort zu jagen. Er solle woanders sein Glück mit seinen aufreizenden Reden versuchen. Hier in Bet-El habe er nichts zu suchen.

„Ohne die beständige Herrschaft von Recht und Gerechtigkeit ist Glaube nichts anderes denn ein Trug, Gott zum Abscheu.“
Immer wieder sitzen Menschen dem Fehlglauben, dem Trugschluss auf, dass reichliche Opferspenden und schöne Gottesdienste das eigene Fehlverhalten in den mitmenschlichen Beziehungen aufhebt. Doch wo die Nächstenliebe mit Füßen getreten wird, ist die gesamte Hinwendung zu Gott in Spende, Gebet und Gottesdienst nicht nur umsonst, sondern Gotteslästerung. Gottesdienst kann Recht und Gerechtigkeit nicht ersetzen. Vielmehr kommt das Streben nach Recht und Gerechtigkeit im Tun und Hören auf die Gebote Gottes vor dem Gottesdienst. Recht und Gerechtigkeit müssen zum Maßstab des Alltags werden.
In der Bergpredigt liest sich das so: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. 25Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist.“

Die Fakten sehen freilich anders aus. Das war zu Amos Zeiten so. Das ist zu unseren Zeiten so. Rechtsverdrehung, Bestechung, Vorteilnahme, Diebstahl an den Armen, Rechtsbeugung zu Gunsten der Reichen und Übeltäter bis hinauf in die höchsten Spitzen von Regierung und Verwaltung. All das war mehr oder weniger an der Tagesordnung in dem kleinen Reich Israel. Den Reichen ging es immer besser und den Armen immer schlechter. Das soziale Gefälle war riesig und es wuchs.
In welchem Maße das für Deutschland gilt, überlasse ich mal dem Urteil jedes einzelnen. Aber Machtmissbrauch, Vorteilnahme im Amt, Bestechung, Betrug, Mord und Todschlag, es vergeht kein Tag ohne eine entsprechende Meldung in den Medien. Eines ist jedoch sicher im großen und ganzen funktioniert unsere Rechtsprechung, unsere Gesellschaftsordnung. Glaube ich wenigstens.
Auch wenn vieles notwendig verändert, bzw. reformiert werden muss. Aber und da sage ich sicher nichts neues, im Gegenteil ich wiederhole mich - im globalen Zusammenhang ist Grundlegenderes im argen.
Die Welt soll in Gute und Böse geteilt werden. Wobei die Bösen natürlich immer die anderen sind.

Geteilt ist die Welt hingegen in die Reichen und die Habenichtse, Armen, Verhungernden.

Wobei die Reichen immer weniger und reicher und die Armen immer mehr und ärmer werden.

„Armut und Terrorismus sind Zwillinge“


„Armut und Fundamentalismus ebenfalls“
Gewalt, Unterdrückung, Knechtschaft, Folter und Hunger hat aus Menschen guten Willens immer noch Menschen bösen Willens gemacht. Und aus Menschen bösen Willens werden selten Menschen guten Willens.
Erfahrenes Unrecht wird noch nach Jahren, Jahrzehnten bisweilen Jahrhunderten mit der gleichen oder gar doppelten Münze heimgezahlt. In dieser Beziehung können wir uns über unsere Gedächtnisleistung nicht beklagen.

Das eigene Leid mit dem Leid des anderen zu kompensieren scheint den Menschen auszuzeichnen, ja als Naturgesetz hingenommen zu werden.
Wer sich davon frei macht, wird als Verräter, Phantast, Spinner oder Feigling bezeichnet.

„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Ohne Wasser ist Leben nicht möglich. Im trockenen Klima des Landes Israel ist die Versorgung mit Wasser oft ein großes Problem, damals wie heute. Werden die Kriege im Moment um Öl geführt, die nächsten Kriege werden um Wasser geführt. Wie der Mensch Wasser braucht, um nicht zu Grunde zu gehen, so braucht er das Recht und die Gerechtigkeit, um nicht innerlich zu zerbrechen oder zu verrohen und zum Terror zur greifen. Und zwar im ergiebigen Maß: Das Recht muss sich ergießen, wie ein beständiger Bach fließen, der nicht in der Trockenheit des Sommers versiegt. Recht soll wie das Wasser eines Baches in Bewegung bleiben, dynamisch sein. Kein Fels ist so hart, dass Wasser ihn nicht durchdringen könnte. Recht und Gerechtigkeit ist nicht nur eine Norm, sondern eine kämpferische Herausforderung, ein ruheloser Drang. Gerechtigkeit ist ein breiter und mächtiger Strom, weil Gott seine nie versiegende Quelle ist, aus der wir leben und schöpfen dürfen.