Trommel-Gottesdienst
mit Mathias Bonhoeffer am 3. März 2006
Es sollten keine Gottesdienste mehr gefeiert werden, solange es kein Recht und keine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, fordert der biblische Prophet Amos (um 750 vor Christus.) Der Provokateur gilt als der erste Sozialkritiker der bekannten Geschichte und macht sich recht unbeliebt. Pfarrer Mathias Bonhoeffer spezifiziert die Aussagen des Amos: „Das ist die massive Kritik des Propheten an Gottesdiensten, die inhaltsleer und folgenlos sind“.
Damit ihre Gottesdienste nicht inhaltsleer und folgenlos werden, hat auch die Lutherkirche immer wieder neue Formate ausprobiert (wie zum Beispiel die Salbungs- und Tangogottesdienste). Pfarrer Mathias Bonhoeffer führte an verschiedenen Kirchen der Evangelischen Kirchengemeinde Köln die Serie der EiGenSinn-Gottesdienste durch, die sich insbesondere an die Jugend richteten. Die seltsame Schreibweise bezieht sich auf das Ei, die Genesis und Sinnhaftigkeit.
Jeder dieser Gottesdienste war individuell gestaltet und bei dem in der Lutherkirche wurde Krach gemacht. Der Musiker Dietmar Dietrich hatte Trommeln mitgebracht und alle durften sich an ihrem Talent zur Percussion versuchen. Die Lutherkirche hat eine passable Akustik, so dass das gemeinsame Trommeln nicht nur für abwechslungsreiche Action während des Gottesdienstes sorgte, sondern sich zu einem Klangerlebnis entwickelte, das auch den hallenden Kirchenraum mal anders und neu erfahrbar machte.
Wer neugierig auf die Brisanz und Aktualität des Propheten Amos geworden ist, kann hier den Predigttext von Pfarrer Bonhoeffer nachlesen.
Predigt von Mathias Bonhoeffer vom 3. März 2006
Der Tempel von Bet-El ist voll. In den diversen Höfen und Säulengängen herrscht ein großes Geschiebe und Gedränge. Man sieht sich und wird gesehen. Kopfnicken hier, grüßen da. Feiertag. Gottesdienst zu Ehren Gottes. Keiner muss arbeiten. Die größeren Kinder spielen zwischen den Beinen der Erwachsenen, rennen um die Säulen. Die etwas kleineren quengeln und wollen auf die Schulter gehoben werden, wollen sehen, was da vorne passiert. Die Luft ist angefüllt von Wohlgerüchen, schwirrt von den vielen Stimmen.
Nein knauserig kann man die Israeliten nicht nennen, wenn sie Opfergaben an den Tempel senden. Für einen geregelten, reichhaltigen Opferkult ist gesorgt. Es gibt zu essen und zu trinken. Es wird musiziert, gesungen, gelacht. Gottesdienst wird zum Gemeinschaftserlebnis, mitreißend und begeisternd.
Doch völlig unvermittelt tritt Amos auf. Scharf durchschneidet seine Stimme den Gesang. Seine Worte zerschlagen die fröhliche Stimmung:
Amos 5,21-25
21“Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. 22 Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. 23 Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! 24 Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.25
Stille, Erstaunen, Unverständnis, Wut, dann ein Sturm der Entrüstung.
‚Wie denn? Das darf doch nicht wahr sein! Unverschämtheit! Wie kommt der dazu, uns und unseren Gottesdienst so zu beschimpfen? Er beleidigt uns. Wir geben uns Gott ganz her, spenden reichlich! So war es doch seit je her üblich. Gott soll uns hassen. Nein. Er ist es, der Gott lästert. Weg mit ihm?’
Amos hat sich vor das Volk – und seine Herrscher – gestellt. Hart und schonungslos demaskiert er ihre grundfalsche religiöse Haltung, hält ihnen ihre soziale Korruption vor, rüttelt an ihrer Selbstsicherheit.
‚Ich hasse, verachte Eure Gottesdienste. Ich kann und will Euer Gedröhn und Geplärr nicht mehr hören. Ihr mögt euch ja noch in die Tasche lügen können und wollen, aber hört auf mich anzulügen, hört auf mir dauernd irgendwelche Kompensationsgeschäfte vorzuschlagen nach dem Motto: Du betest, und ich erhöre und handele. Du kriechst zu Kreuze und jammerst mir vor, wie schlecht du doch bist und bittest mich um Verzeihung und kurze Zeit später passieren die gleichen Dinge wieder.’
Kümmert euch um das, was außerhalb des Gottesdienstes passiert. Kümmert euch um das, was vor euerer Nase passiert. Mischt euch ein. Sorgt dafür, dass das Recht wie Wasser fließt in Politik, in Schule, in Kirche, in der Familie, in der Wirtschaft und in der öffentlichen Meinung. Wer an mich glaubt, ist politisch. Glaubt nicht ihr könntet mich in den Sonntagsgottesdienst sperren und einmal in der Woche oder einmal im Jahr heraus holen, damit ich euch tröste und erbaue. Es könnte sein, dass ihr mich in eurem Gottesdienst nicht mehr findet. Ich werde bei denen sein, die mich brauchen, bei jenen, die durch eure Heuchelei, durch euer politisches Desinteresse zu Grunde gehen. Ich werde bei denen sein, die ihr zu Recht als Bedrohung empfindet für Eure Feiern der Selbstsicherheit, Selbstgerechtigkeit und Selbstvergessenheit, die ihr mir zum Trotz auch noch Gottesdienst nennt.
Die Rede von Amos war offensichtlich so eindringlich und hatte einen solch nachhaltigen Effekt, dass Amazja der Oberpriester von Bet-El sich gezwungen sah ihm Sprechverbot zu erteilt, ihn fort zu jagen. Er solle woanders sein Glück mit seinen aufreizenden Reden versuchen. Hier in Bet-El habe er nichts zu suchen.
„Ohne die beständige Herrschaft von Recht und Gerechtigkeit ist Glaube nichts anderes denn ein Trug, Gott zum Abscheu.“
Immer wieder sitzen Menschen dem Fehlglauben, dem Trugschluss auf, dass reichliche Opferspenden und schöne Gottesdienste das eigene Fehlverhalten in den mitmenschlichen Beziehungen aufhebt. Doch wo die Nächstenliebe mit Füßen getreten wird, ist die gesamte Hinwendung zu Gott in Spende, Gebet und Gottesdienst nicht nur umsonst, sondern Gotteslästerung. Gottesdienst kann Recht und Gerechtigkeit nicht ersetzen. Vielmehr kommt das Streben nach Recht und Gerechtigkeit im Tun und Hören auf die Gebote Gottes vor dem Gottesdienst. Recht und Gerechtigkeit müssen zum Maßstab des Alltags werden.
In der Bergpredigt liest sich das so: „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe. 25Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist.“
Die Fakten sehen freilich anders aus. Das war zu Amos Zeiten so. Das ist zu unseren Zeiten so. Rechtsverdrehung, Bestechung, Vorteilnahme, Diebstahl an den Armen, Rechtsbeugung zu Gunsten der Reichen und Übeltäter bis hinauf in die höchsten Spitzen von Regierung und Verwaltung. All das war mehr oder weniger an der Tagesordnung in dem kleinen Reich Israel. Den Reichen ging es immer besser und den Armen immer schlechter. Das soziale Gefälle war riesig und es wuchs.
In welchem Maße das für Deutschland gilt, überlasse ich mal dem Urteil jedes einzelnen. Aber Machtmissbrauch, Vorteilnahme im Amt, Bestechung, Betrug, Mord und Todschlag, es vergeht kein Tag ohne eine entsprechende Meldung in den Medien. Eines ist jedoch sicher im großen und ganzen funktioniert unsere Rechtsprechung, unsere Gesellschaftsordnung. Glaube ich wenigstens.
Auch wenn vieles notwendig verändert, bzw. reformiert werden muss. Aber und da sage ich sicher nichts neues, im Gegenteil ich wiederhole mich - im globalen Zusammenhang ist Grundlegenderes im argen.
Die Welt soll in Gute und Böse geteilt werden. Wobei die Bösen natürlich immer die anderen sind.
Geteilt ist die Welt hingegen in die Reichen und die Habenichtse, Armen, Verhungernden.
Wobei die Reichen immer weniger und reicher und die Armen immer mehr und ärmer werden.
„Armut und Terrorismus sind Zwillinge“
„Armut und Fundamentalismus ebenfalls“
Gewalt, Unterdrückung, Knechtschaft, Folter und Hunger hat aus Menschen guten Willens immer noch Menschen bösen Willens gemacht. Und aus Menschen bösen Willens selten Menschen guten Willens.
Erfahrenes Unrecht wird noch nach Jahren, Jahrzehnten bisweilen Jahrhunderten mit der gleichen oder gar doppelten Münze heimgezahlt. In dieser Beziehung können wir uns über unsere Gedächtnisleistung nicht beklagen.
Das eigene Leid mit dem Leid des anderen zu kompensieren scheint den Menschen auszuzeichnen, ja als Naturgesetz hingenommen zu werden.
Wer sich davon frei macht, wird als Verräter, Phantast, Spinner oder Feigling bezeichnet.
„Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“
Ohne Wasser ist Leben nicht möglich. Im trockenen Klima des Landes Israel ist die Versorgung mit Wasser oft ein großes Problem, damals wie heute. Werden die Kriege im Moment um Öl geführt, die nächsten Kriege werden um Wasser geführt. Wie der Mensch Wasser braucht, um nicht zu Grunde zu gehen, so braucht er das Recht und die Gerechtigkeit, um nicht innerlich zu zerbrechen oder zu verrohen und zum Terror zur greifen. Und zwar im ergiebigen Maß: Das Recht muss sich ergießen, wie ein beständiger Bach fließen, der nicht in der Trockenheit des Sommers versiegt. Recht soll wie das Wasser eines Baches in Bewegung bleiben, dynamisch sein. Kein Fels ist so hart, dass Wasser ihn nicht durchdringen könnte. Recht und Gerechtigkeit ist nicht nur eine Norm, sondern eine kämpferische Herausforderung, ein ruheloser Drang. Gerechtigkeit ist ein breiter und mächtiger Strom, weil Gott seine nie versiegende Quelle ist aus der wir leben und schöpfen dürfen.