Lutherkirche

Was ist "Kölner Talk-Gottesdienst?"

Interviews mit Peter Clös und Hans Mörtter

 
Die Lutherkirche lädt seit 2007 viermal im Jahr einen prominenten Gast zum Talk ein. Die Reihe begann mit dem ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum und wurde mit weiteren interessanten Gästen fortgesetzt. Die Transkripte dazu finden Sie unterTalkgäste. Wie die Idee dazu entstand und was mit diesen Talk-Gottesdiensten beabsichtigt ist, davon erzählen der Schauspieler und Moderator Peter Clös und Pfarrer Hans Mörtter im folgenden Interview.

Frage
Der Kölner Talk-Gottesdienst ist ein Gottesdienst-Format, das Pfarrer Hans Mörtter und Sie im Februar 2007 eingeführt haben. Wie würden Sie diese etwas andere Art des Gottesdienstes beschreiben?

Peter Clös
Das Gespräch ist eingebettet in Liturgie und Liedgesang und muss von Charakter, Inhalt und Substanz her rechtfertigen, dass es in einer Kirche stattfindet. Der Gast darf das Thema vorschlagen und sollte persönliche Farbe und argumentative Kraft mitbringen. Hans Mörtter ist - ebenso wie ich - der Meinung, dass das Lebendige in jedweder Form in der Kirche Platz hat, wenn es echt und authentisch ist. Deshalb sucht er nach neuen Wegen. Ich lasse mich vom Respekt vor dem Raum und vor dem Gast leiten. Und das Wichtigste: Wir sind hier nicht bei Kerner oder Beckmann.

Frage 
Was ist in Fernseh-Talkshows anders?

Peter Clös
Sie betreiben oft eine intime Nabelschau, wühlen in privaten Sachen herum. Das ist anders. Sie sind auf Auskünfte aus um des Effektes, um der Quote willen. Beckmann und Kerner reden nicht mit den Gesprächspartnern, sondern verhören sie. Ich sehe mich in der Tradition von Alfred Biolek, der eine persönliche Atmosphäre geschaffen und sich selber wohl dabei gefühlt hat. Deshalb haben sich die Gäste auch bei ihm wohlgefühlt. Wie Biolek sitze ich neben meinem Gast - und nicht hinter einem Pult, das mich abschottet. Der Gast spielt die Hauptrolle, aber ich möchte am Gespräch auch teilhaben, meine eigene Sichtweise hineingeben - allerdings nur soweit, dass sie den Gast ermuntert, wiederum von sich zu erzählen.

Frage
Ein paar Kritiker haben Alfred Biolek vorgeworfen, dass er mit seinen Gästen all zu sehr auf "Kuschel-Kurs" ginge.

Peter Clös
Gegen Sanftmut habe ich nichts einzuwenden. Ich will niemanden an die Wand drücken oder zu einer Äußerung nötigen. Aber klare Antworten hätte ich schon gern. Wenn ich merke, dass jemand ausweicht, würde ich nachhaken.

Frage 
Es fällt auf, dass in Ihren Talk-Runden kein christliches Gesülze vorkommt...

Peter Clös 
... dagegen bin ich allergisch. Ich mag es nicht, wenn Worte allzu groß daherkommen, weil so vieles vom Reden niemals Wirklichkeit wird. Eine christliche Haltung interessiert mich nur, wenn sie konkret im Handeln spürbar ist.

Frage
Können Sie sich einen Talk-Gottesdienst mit mehreren Gästen vorstellen?

Peter Clös
Nein, nicht in der Kirche. Wenn man einmal mit einem Gast ein Gespräch von mehr als 20 Minuten geführt hat, weiß man, warum im Fernsehen die "Verhöre" immer nach einer Viertelstunde enden. Man kann fast die Uhr danach stellen, dass ungefähr nach 15 Minuten der Oberflächenreiz eines Talks erschöpft ist. Dann müsste das Gespräch auf eine nächst tiefere Ebene kommen. Das tut es normalerweise auch - sofern das Gespräch weitergeht. Aber genau hier endet es im Fernsehen. Deshalb erfahren wir nicht wirklich etwas über die jeweilige Person. Wir glauben nur, wir hätten etwas erfahren. Ich bevorzuge eine Gesprächsdauer von 45 Minuten. Nur so kann man in die Tiefe gehen.

Frage
Was kommt im Idealfall bei dem Gespräch heraus?

Peter Clös 
Man weiß nie, was herauskommt. Das ist ja das Spannende. Schön wäre es, wenn ich den jeweiligen Gast ermuntern könnte, sich zu seinem Thema, seinem Lebenslauf usw. sehr persönlich und kenntnisreich zu äußern. Ich hoffe, dass am Ende immer etwas "da" sein wird, was mit einer echten Substanz zu tun hat. Ich mag kein lautes Getöse. Als Jugendlicher hab ich mal eine Zeile von Hölderlin gelesen, die mich beeindruckt hat: "Der Menge gefällt, was für den Marktplatz taugt." Für mich ist Kirche das Gegenteil eines Marktplatzes.

Frage
Wie bereiten Sie sich auf ein solches Gespräch vor?

Peter Clös
Ich maße mir nicht an, in ein paar Wochen so viel Wissen über einen Menschen oder ein Thema sammeln zu können wie mein Gast in seinem ganzen Leben. Es geht nicht darum, vorher schon über alles Bescheid zu wissen und dann so zu tun, als müsste ich das noch fragen. Man sollte nicht allzu kenntnisreich, aber sehr interessiert sein. Ich bemühe mich, die Fragen stellvertretend fürs Publikum - sozusagen aus seiner Perspektive - zu stellen. Aber am wichtigsten ist, dass es mir gelingt, die persönliche Schwingung des jeweiligen Gastes zu erfassen: Welche Energie bringt er mit? Was macht ihn aus? Wie tickt er? Und diese Schwingung möchte ich mit ihm teilen.

Mehr überPeter Clös
Frage an Pfarrer Hans Mörtter
Wie ist die Idee zum Talk-Gottesdienst entstanden?

Hans Mörtter 
Die Idee, Gäste in den Gottesdienst einzuladen, kam durch Peter Clös. Der hat vor ein paar Jahren mal im Freien Werkstatt Theater sehr einfühlsame Moderationen gemacht. Da habe ich gemerkt, wie kurzweilig und interessant eine Stunde Gespräch für ein Publikum sein kann. So etwas wollte ich dann auch machen und habe mir den Peter Clös als jemanden gemerkt, der das gut kann und darin ein guter Partner ist. Dann brauchte es aber noch ungefähr zwei Jahre „Gärzeit“, in der ich auch die Kontakte für mögliche Gesprächsgäste wachsen lassen konnte. Irgendwann habe ich innerlich gespürt, dass es jetzt soweit ist und wir damit loslegen können.

Frage
Welche Art von Gästen können wir in diesen Gottesdiensten erwarten?

Hans Mörtter 
Für mich ist der Grundgedanke entscheidend, dass wir in diesem Land eine ganze Menge authentische Menschen haben, die einfach durch ihre Persönlichkeit und ihr dem entsprechendes Agieren überzeugend sind, bei denen Reden und Tun eine Einheit bilden. Ich finde es wichtig, dass Menschen diese Menschen erleben können, weil das eine Ermutigung für das eigene Dasein ist. Wenn jemand zu seiner Persönlichkeit steht und nach seinen Maximen handelt, kann er ein Ansporn für andere sein, ihr eigenes Potential auszuprobieren. Unsere Gäste haben sich in dieser Gesellschaft nicht herausgehalten, sondern reingeredet, und weil sie gut sind, sind sie auch gehört worden. Sie lassen sich durch nichts erschrecken, sind nicht korrumpierbar, sind nicht käuflich. Sie verkörpern letztlich also ganz alte Werte. Ich finde, Menschen müssen sehen, dass es das gibt. Das ist für mich das A und O an den Talk-Gottesdiensten.

Die Interviews führte
Helga Fitzner
Freie Journalistin, Köln



Vier Gäste pro Jahr

Talksessel, Foto: Helga Fitzner
Jeder Gast bringt ein Thema mit