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Coro Getsemani - Ehemalige Straßenkinder aus Nicaragua singen und tanzen gegen den Hunger
inklusive Interview mit Mathias Bonhoeffer
Der „Coro Getsemani“ gastierte am 19.Juni 2005 in der Lutherkirche. Der Abend begann mit einer Video-präsentation über die Anfänge des Projekts.
Hätte die Dame nicht darauf bestanden, wäre er niemals zur Müllhalde gegangen, erzählt der Projektleiter. Die Müllhalde liegt in der Stadt Chinandega im mittelamerikanischen Nicaragua. Der Anblick, der sich dem Padre bot, ließ ihn nicht mehr los. Hunderte von Kindern durchkämmten das Depot. Sie nahmen verdorbene Essenreste zu sich und sammelten alles, was sich irgendwie zu Geld machen ließe. Der Padre - Marco Dessi - ist ein katholischer Geistlicher, dem sein Gewissen von Stund’ an keine Ruhe ließ. Also gründete er notdürftig eine Schule, damit die Straßen- und Waisenkinder wenigstens etwas Bildung bekämen. - Aber die Kinder kamen nicht. Der leere Magen ist ein Schulmeister der anderen Art. Als der Padre dann irgendwie das Geld für Schulspeisung auftrieb, kamen die Kinder. Zuerst waren es rund 80 Wissenshungrige. Dann wurden es schnell mehr.
Der Auftritt in der Lutherkirche Der Kampf gegen Hunger und Armut nimmt manchmal seltsame Formen an. Eine der schönsten davon ist die Musik. Am 19. Juni 2005 gastierten siebzehn Jungen aus Nicaragua in der Lutherkirche. Zwölf von ihnen sind Sänger, und fünf davon Tänzer. Die Jungen sind zwischen zwölf und sechzehn Jahre alt, und doch obliegt ihnen schon eine Verantwortung, unter der mancher Erwachsene zusammenbrechen würde. Zu Hause in Nicaragua gibt es eine Einrichtung, die sich heute um rund 1500 Straßenkinder kümmert. Um dieses Projekt zu finanzieren, gibt der Chor der Schule, der „Coro Getsemani“, gelegentlich Gastspiele in den USA und in Europa. Die Kinder tun das mit Begeisterung und Verantwortungsgefühl. Sie wissen, dass sie es geschafft haben, und um das auch anderen zu ermöglichen, scheuen sie keine Mühe und Disziplin. Trotzdem sind sie privilegiert, denn sie haben eine gute Schulbildung bekommen und werden auch einen Beruf erlernen. Mittlerweile hat die Schule schon Abiturienten ausgebildet. Einer von ihnen bekam ein Stipendium in Italien. Nachdem er dort sein Musikstudium beendet hatte, kehrte er nach Chinandega zurück und ist heute der Leiter des „Coro Getsemani“.
Die lateinamerikanischen Rhythmen sind rund um den Globus beliebt. Salsa, Merengue, Mambo und Chachacha sind dabei. Am bekanntesten ist wohl der Song „Guantanamera“, der rhythmisch sehr aufgepeppt wurde. Es klingt sehr lustig, wenn dabei ein 12jähriger Junge seine Qualitäten als Mann besingt, der gerade eine Frau umwirbt:: “Io soy un hombre sincero“ frei übersetzt „Ich meine es ehrlich mit dir“. Die Jungen und Jugendlichen haben eine fundierte gesangliche und tänzerische Ausbildung, die das künstlerische Niveau der Darbietungen garantiert. Im Mai 2003 lud der Startenor den Chor sogar zu seiner Benefiz-Gala „Pavarotti & Friends“ ein.
Bevor der Chor seine Abendvorstellung in der Lutherkirche gab, nahm er am Morgen am Gottesdienst teil. Dort wurden auch Marienlieder und ein mittelamerikanischer Segen gesungen. Gerade die leisen Töne berührten sehr, weil spürbar war, dass sie von Herzen kamen. Mathias Bonhoeffer hatte um den gemeinsamen Gottesdienst mit seinem katholischen Kollegen gebeten, der dieser Bitte mit sichtlicher Freude nachkam. Als das Credo dann gleichzeitig in deutsch und spanisch gesprochen wurde, kam es allerdings zu einem kleinen babylonischen Sprachgewirr. Dies störte die Harmonie dieses ökumenischen Gottesdienstes überhaupt nicht.
Mathias Bonhoeffer über Fürsorge und Kreidestriche Vor rund drei Jahren habe ihn Heidi Rusnak, die Vorsitzende des Vereins „Getsemani e. V“ kontaktiert. Als sie ihm von dem Projekt erzählte und nach einem möglichen Aufritt in der Lutherkirche, konnte er eine spontane Zusage geben. 2003 trat der Chor dann das erste Mal dort auf. Da er alle zwei Jahre durch Europa tourt kommt er wahrscheinlich 2007 wieder.
Frage Wie haben Sie die Kinder erlebt?
Mathias Bonhoeffer Die Kinder sind so brav, wie sie sich im Gottesdienst und im Konzert gegeben haben. Diese Kinder entsprechen nicht unserer Vorstellung von einer Jugendgruppe, die irgendwo unterwegs ist. Ich bin mir nicht sicher, ob sich eine meiner Jugendgruppen im Ausland genauso vorbildhaft benehmen würde.
Frage Waren das keine Lausbuben?
Mathias Bonhoeffer Nicht solange sie in der Öffentlichkeit unter Beobachtung standen. Ich weiß, dass diese Kinder auch über die Stränge schlagen können. Aber gute Erziehung zeichnet sich dadurch aus, dass man weiß, wann man sie anwenden soll und wann nicht. Zudem musizieren und tanzen sie gemeinsam. Daher kennen sie Disziplin und haben gelernt, aufeinander zu achten und zu hören. Ohne Disziplin und Üben ist der Erfolg dieser Gruppe nicht möglich.
Frage Der Erfolg ist den Kindern bestimmt nicht in den Schoß gefallen. Einige von ihnen sind erst zwölf Jahre alt. Ist das nicht ein bisschen jung für eine solche Verantwortung?
Mathias Bonhoeffer Ich denke, dass an der Stelle auch ein Stück Drill mit dabei ist. Da lassen die Kinder einen Teil ihrer Freiheit. Aber die Freiheit, die sie sonst hätten, wäre die der Müllkippe. Die macht nicht wirklich frei.
Frage Bei aller Disziplin waren die Kinder sehr charmant. War das auch hinter der Bühne so?
Mathias Bonhoeffer Die Kinder sind ausgesprochene Schätze und Herzchen. Es ist rührend, wie sehr sie an Pater Marco hängen, der für sie eine liebende und fürsorgliche Vaterfigur ist. Die Kinder, die es bis hierher geschafft haben, haben einen Sechser im Lotto. Ich selbst bin noch nicht so viel gereist, die aber fahren alle zwei Jahre in wechselnder Besetzung nach Amerika und Europa. Das ist schon ein großes Erlebnis. Dafür tut man auch das ein oder andere. Und dann weiß man auch, wo die Kreidestriche sind, über die man dann eben nicht zu gehen hat.
Leben in Nicaragua Zum Schluss wurde dann eifrig gespendet. Nicaragua gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Bei einer Arbeitslosenrate von 80 Prozent ist das kein Wunder. Das durchschnittliche Einkommen beträgt 749 € im Jahr.!! Die Leidtragenden sind, wie so oft, die Jüngsten. Aber manchmal sind die Jüngsten auch die Überlebensfähigsten. Die Chorknaben sind erstaunlich. Kaum einer der Jungen hat eine stabile Familie, die ihm Kraft gäbe, Eltern, die ihn ernähren und fördern könnten. Die Müllhalde war einmal das Zentrum ihres Überlebens, Infektionen und andere Erkrankungen inklusive. Es ist fast unerklärlich, wie Kinder, die derartige Erfahrungen hinter sich haben, mit solcher Inbrunst und Freude singen und tanzen können. Aber sie tun es mit einer Hingabe, die einfach hinreißend ist.
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Coro Getsemani
Tanzen und Singen für eine bessere Zukunft
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