Salbungsgottesdienst in der Lutherkirche

Denn Gott ist niemals weit weg

„Ich will die Menschen berühren. Ich will, dass Gott spürbar ist, mitten unter uns“. Wenn Pfarrer Hans Mörtter von Berührung spricht, meint er das mitunter wörtlich. Zweimal im Jahr zelebriert er in der Lutherkirche das urchristliche Ritual der Salbung. „Entscheidend ist, dass wir Gott wirken lassen“, erklärt er. Dazu setzt sich das Gemeindeglied auf einen Stuhl. Ein Team von drei Personen umringt den Salbungsempfänger. Zwei davon stehen hinter ihm/ihr und berühren leicht die Schultern. So entsteht eine gewisse Geborgenheit, wenn die dritte Person das Salböl auf Stirn und Handflächen verteilt und dabei Segensworte ausspricht. Durch die individuelle Zuwendung wird die Salbung zu einer ganz persönlichen, manchmal sehr tiefen Erfahrung, besonders wenn der Salbende unseren Namen kennt und ausspricht. Bei dieser Zeremonie steht aber keineswegs das Salbungsteam im Vordergrund, vielmehr sind sie nur das Instrument, durch das die göttliche Gnade wirken kann.

Pfarrer Mörtter benutzt keine vorgefertigten Formeln. Danach befragt, wie er es denn schaffe, so bewegende und anrührende Worte zu finden, zuckt er mit den Schulter: „Ich lasse das einfach aus mir herausfließen, so wie es kommt. Im Grunde versuche ich, so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen“. Damit stellt er sicher, dass die mögliche heilende Wirkung von Gott ausgeht und von der inneren Bereitschaft des Gesalbten abhängt.

Salbungen waren zu Zeiten Jesu eine durchaus übliche Praxis. In der Bibel finden wir etliche Anspielungen darauf, so unter Jakobus 5, 13 - 15: "Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank; der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben."

Heute steht meistens die Krankensalbung und die letzte Ölung im Vordergrund. Bei Pfarrer Mörtter sollen aber auch Gesunde zur Salbung gehen. Es geht ihm in erster Linie darum, uns die Nähe Gottes spüren zu lassen. „Denn Gott ist niemals weit weg. Den müssen wir nicht erst in der Ferne suchen. Der steht direkt vor unserem Herzen und wartet darauf, dass wir es ihm öffnen.“

Bei den Salbungsgottesdiensten der Lutherkirche spielt die Intensität der begleitenden Musik eine wesentliche Rolle. Die Musik ist nicht nur Kulisse, sie verschönert und intensiviert das Erleben der Salbung erheblich. Deshalb gibt es auch immer Solo-Gesang, der wesentlicher Bestandteil des Rituals ist. Mit von der Partie ist natürlich auch immer unser Kirchenmusiker Thomas Frerichs.

Die Salbungsgottesdienste dauern immer recht lange (an der Lutherkirche nichts Ungewöhnliches.) Trotz allem herrscht während der Zeremonie eine Art meditatives Schweigen. Es entsteht eine Atmosphäre, die man mit dem altmodischen Begriff Andacht wohl am besten beschreibt. Im geringsten Fall entsteht bei der Salbung ein wohliges Gefühl, das aus der ungeteilten Aufmerksamkeit für uns entsteht. Es gibt aber auch viele, die tief berührt sind. Und damit geht das auf, was Pfarrer Mörtter säen will: „Nur wer berührt wird, kann auch berührt sein“.

Text und Fotos: Helga Fitzner 

Pfarrer Hans Mörtter und Team beim Salbungsgottesdienst, Foto: Helga Fitzner
Pfarrer Hans Mörtter und Team beim Salbungsgottesdienst, Foto: Helga Fitzner
Pfarrer Hans Mörtter und Team beim Salbungsgottesdienst, Foto: Helga Fitzner