Ostermorgen mit Osterfeuer

Entgegen allem Augenschein vertrauen wir

"Um fünf oder sechs Uhr früh (je nachdem wie Ostern fällt), treffen wir uns an der Lutherkirche und gehen dann gemeinsam durch die Dunkelh eit in den Volksgarten. Der Karfreitag geht vom Ostersamstag über in den noch dunklen Ostermorgen. Ganz archaisch. Im Volksgarten brennt schon das Osterfeuer. Da braucht man gar nichts zu sagen, außer beim Vorlesen der „Schuld“-Scheine: Der Ritus mit dem Feuer, das Anzünden der Osterkerze, das alles spricht für sich.

Dann wird mit dem anbrechenden Morgen das Element Licht immer stärker. Man steht im Park, man hört die Vögel singen, es entsteht eine ganz eigene Atmosphäre. Später sitzen wir dann in der Kirche, die anfangs noch dunkel ist und in die allmählich immer mehr Licht einfällt. Das ist noch einmal die Gelegenheit, eine Verdichtung zu suchen, auf die Suche nach Lebensspuren zu gehen. Das entdecken wir in jedem Jahr wieder neu, weil es davon abhängt, was im Augenblick Thema ist, was uns gerade als Menschen bewegt oder auch verhindert. Wir versuchen, da eine Öffnung zu erreichen.

Nach dem Ostermorgen-Gottesdienst ist es immer schön, noch zu verweilen und mit ganz vielen Leuten ein tolles Frühstück einzunehmen, das im Gemeindesaal schon vorbereitet ist.

Über Auferstehung und Urvertrauen
Der Ostersonntag ist im Grunde genommen eine ganz heikle Geschichte. Was ist Auferstehung? Wie erkläre ich Auferstehung? Der Paulus hat einmal gesagt, wenn wir als Christen nicht glauben, dass wir leibhaftig auferstehen - leibhaftig im Sinne von allem, was uns ausmacht, unserer Wesentlichkeit - dann können wir unseren Glauben vergessen. Dann ist alles nur tumbes Gerede, und wir sind nur ein Kleingärtnerverein. Wir würden uns nur beschäftigen, betäuben und mit irgendeiner Ideologie über Wasser halten. Dabei geht es in Wahrheit doch um etwas Abenteuerliches. Seit es Menschen gibt, haben sie sich Gedanken darüber gemacht, wie der Mensch weiterlebt, ob es die Seelenwanderung gibt. Da sind die Ägypter, die glauben, mit dem Schiff überzusetzen, dann gibt es den Glauben an die Unterwelt des Hades oder dass wir im Großen Geist des Manitu aufgehen. Bei allen Kulturen ist unglaublich viel Verbindendes. Überall wird beschrieben, dass die menschliche Existenz einen Kern hat, der unzerstörbar ist, auch in der Individualität. Wie das dann zusammenfließt, weiß keiner von uns. Auch Christen, die behaupten zu wissen, dass Auferstehung so oder so geht, die können einpacken. Das ist Blödsinn. Das ist etwas, was nur entgegen aller Zweifel geglaubt werden kann. Entgegen allem Augenschein vertrauen wir.

Ich werde mit dem Urvertrauen geboren, so komme ich zur Welt, und das gilt zumindest für die Anfangsmonate meines Lebens. Dann kann ich nur hoffen, dass ich gute Eltern habe. Aber selbst diejenigen, denen es nicht gut geht, haben das Urvertrauen mitbekommen. Einer, der noch so chancenlos geboren ist, einer, der immer klein gemacht wurde, kann einen Lebensprozess durchmachen, in dem er dieses Urvertrauen wiedererkennt. Das hängt davon ab, welchen Menschen er begegnet, in welche Situationen er gerät, welche Krankheiten er bekommt, welchen existenziellen Herausforderungen er sich stellen muss. Manchmal, ganz unerwartet, zuckt dann etwas auf. Denn dieses Quäntchen Urvertrauen ist stärker, als wir denken. Dann geht es darum, sich zu öffnen. Man braucht gar nicht zu definieren, was das eigentlich ist. Sicher ist: Da ist etwas und auf das ist Verlass. Ich bin mit einer Matrix geboren und spüre, dass mein Leben Ewigkeits-Charakter hat.

Mit der Osterbotschaft lerne ich Vokabeln und Geschichten, die versuchen, mir etwas zu vermitteln, was im Grunde nicht beschreibbar ist. Weil wir Menschen Bilder brauchen, brauchen wir solche Geschichten. Kleine Kinder brauchen Märchen, um zwischen gut und böse unterscheiden zu können. Das dient dann aber nur als Anhaltspunkt. Irgendwann werden sie merken, dass es diese Unterscheidung vielleicht gar nicht gibt. Gut ist manchmal böse, und böse ist manchmal gut. Ein Problem des Protestantismus ist, dass wir immer neu entscheiden müssen. Es gibt keine universalen Antworten. Der Ostermorgen-Gottesdienst ist ein solche Gratwanderung, jedes Mal neu zu schauen, wo befinden wir uns heute? in diesem Jahr? was bewegt uns? wie stark ist unsere Hoffnung und unsere Sehnsucht? Wenn ich spüren kann, dass der Himmel mein eigentliches Element ist, dann kann ich ihn auch auf der Erde leben, dann kann das Himmlische etwas ganz Irdisches sein."
Hans Mörtter

Fotos: Timo Belger

Das Entzünden der neuen Osterkerze Osterfeuer am Ostersonntag vor Tagesanbruch, Foto: Timo Belger
Ostersonntagsgottesdienst in aller Frühe in der noch dunklen Lutherkirche, Foto: Timo Belger
Osterfeuer im Volkgarten mit Pfarrer Hans Mörtter, Lutherkirche, Köln. Foto: Frank Oliver Sielisch

Impression vom Osterfeuer 2014 von Frank Oliver Sielisch

Osterfeuer im Volkgarten mit Pfarrer Hans Mörtter, Lutherkirche, Köln, Foto: Frank Oliver Sielisch

Impression vom Osterfeuer 2014 von Frank Oliver Sielisch