Lutherkirche

Maria Flink-Schütz

Die Vorleserin für Kinder


Jeden Sonntag, mit Ausnahme des letzten Sonntags im Monat, an dem der Kindergottesdienst stattfindet, vollzieht Maria Flink im Gemeindesaal der Lutherkirche dasselbe Ritual. Sie rollt den roten Teppich aus, stellt Tisch und Stühle auf, legt Bilderbücher auf den Tisch, setzt sich auf einen Stuhl - und wartet. Es dauert nie lange, bis die Tür zum Gemeindesaal aufgeht und ein Kind mit strahlenden Augen auf sie zukommt. Denn Maria Flink ist „die Vorleserin“ für Kinder, deren Eltern den Gottesdienst besuchen und ihre Kinder während dieser Zeit in guten Händen wissen wollen. In wie guten Händen sie sich befinden, das drückte eine Mutter einmal so aus: „Sie haben das Herz meines Sohnes gewonnen!“ Eine Aussage, die Maria Flink tief berührt hat: „Die Liebe der Kinder beruht auf meiner Gegenliebe.“

Der Anstoß, diese Aufgabe zu übernehmen, kam von Pfarrer Mörtter. Maria erinnert sich: „Nach dem Tod meines Mannes kam Herr Mörtter zu einem geistlichen Gespräch. Als er so auf der Couch saß und sich die Bücherwand anschaute, fragte er unversehens: „Wie stellen Sie sich eigentlich Ihre Zukunft vor? Haben Sie nicht Lust, Kindern etwas vorzulesen?“

Eine Frage, über die Maria Flink intensiv nachdachte und schließlich die Entscheidung fällte: „Ja, ich möchte etwas mit Kindern machen!“ Vielleicht trug zu diesem Entschluss mit bei, dass sie das Glück eines liebevollen Elternhauses hatte und sich noch gut an ihre eigene Kindheit erinnern kann. „Wir haben so viele Phantasiespiele gemacht. Ein Rhabarberblatt auf den Kopf, ein Gänseblümchen rein, schon war der Hut fertig! Heute ist das anders. Heute ist für Kinder vieles so reglementiert, dass sie nur noch wenig Freizeit haben.“

Sich für die Kinder Zeit zu nehmen, sie nicht zu drängen und sie so sein zu lassen, wie sie sind, das ist ihr besonders wichtig. „Die Kinder wissen: da ist eine Person, die ist immer da, sie ist freundlich, sie hat mich gern. Ich warte ab, bis ein Kind kommt, biete ihm an, vorzulesen und schaue, wie es sich ergibt. Viele der Kinder kommen kontinuierlich, wenn sie mal nicht da sind, vermisse ich sie.“ Und dann erzählt sie von einem Kind, das im Begriff ist, sprechen zu lernen. Bevor es damit anfing, sagte es immer: „Omama“, zu ihr. Plötzlich fragte es sie: „Wie heißt du?“ „Maria!“ Das Kind kam einige male zu ihr, um sich den Namen zu merken. Maria lächelt, während sie an das Erlebnis zurückdenkt. Ihr Lächeln ist das einer stillen, bescheidenen Frau, die das beruhigende Gefühl vermittelt, für einen anderen ganz da zu sein, mit Herz und Verstand, auf eine sehr verständnisvolle, unaufdringliche Art.

„Kleine Kinder sind so interessant! Wenn man sieht, wie ein Zweijähriger sich um einen Einjährigen kümmert und sagt: „Mein Bruder hat Hunger!“ oder wie ein kleines Mädchen, das ich einige Zeit nicht gesehen hatte, wiederkam und stolz erzählte: „Ich gehe jetzt in den Kindergarten! Oder wenn sie noch nicht reden können, wie sie sich durch Mimik und Laute ausdrücken! Einfach wunderbar!“ Die Verbundenheit zu den ihr anvertrauten Kindern steht Maria Flink im Gesicht geschrieben. Sie spricht mit Freude davon, dass sich aus den sonntäglichen Begegnungen Beziehungen entwickeln und hat auch die Einladung eines Jungen, zu seinem Geburtstag zu kommen, angenommen.

„Kinder“, sagt Maria Flink, „sind bereits kleine Persönlichkeiten. Ich sehe es als meine, insbesondere jedoch als Aufgabe der Eltern an, diese Persönlichkeit zu fördern, auf sie einzugehen. Die Kinder geben mir so viel, sie haben mir nach dem Tod meines Mannes Trost gespendet und es erfüllt mich mit Fröhlichkeit, ihnen vorzulesen. Ich mache es gerne.“

Man glaubt es ihr aufs Wort, dieser liebenswürdigen Frau, die so viel Ruhe und Anteilnahme ausstrahlt, dass man sich fast wünscht, wieder Kind zu sein und ihr zuhören zu dürfen, wenn sie vorliest.

Text: Alida Pisu 
Foto: Lothar Wages

(Anmerkung der Redaktion: Frau Flink-Schütz hat diese Aufgabe bis 2010 inne gehabt.)
 



Maria Flink

Die Vorleserin Maria Flink, Foto: Lothar Wages
Die Vorleserin