Lutherkirche

Einführungstext zu der Ausstellung „T.G.B.“ von Gerhard Winkler
von Julia Köster M. A.

"Altes trifft auf Neues"


Schon der Ausstellungstitel „Time Goes By“ zeigt uns ganz klar, um was es dem Künstler Gerhard Winkler geht – um die Zeit und diese Zeit vergeht. Es ist das Leitmotiv, welches sich durch das so vielseitige Gesamtwerk des Künstlers zieht. Er findet ganz unterschiedliche Formen dieses Thema zu verbildlichen. Der Betrachter wird in dieser Ausstellung immer wieder mit dem Begriff konfrontiert, er zieht sich über das Geländer bis hoch in den Turm und auch die Drehlampen mit dem Titel symbolisieren den Fluss der Zeit.  Man trifft hier auf unterschiedliche Zeitebenen, nicht chronologisch oder wissenschaftlich, sondern rein künstlerisch.                                                                                                                         
Im übertragenen Sinne ist natürlich die Vergänglichkeit gemeint. Auch das Medium, die Fotografie ist vergänglich. Durch sie hält Herr Winkler einen bestimmten Moment fest, er konserviert ihn, da er in der Wirklichkeit schon längst vergangen ist. Die Fotografie ist beim Versuch des Festhaltens eines Moments gleichzeitig Anzeichen dessen Vergänglichkeit.

Bei Gerhard Winkler, der eigentlich von der Malerei kommt, sind die Fotografien Dokumente der aktuellen Zeit und auch vergangener Zeiten. Durch seine Technik erst alles analog in s/w zu fotografieren und im Anschluss mit Lasurfarbe zu kolorieren, nimmt er Bezug auf historische Techniken der Fotografie aus dem 19.Jh. Er widmet sich der Vergangenheit und fragt, welche Rolle diese für die Wirklichkeit spielt. Die aufgetragene Farbe führt zu einer gewissen Haptik, es kommt Volumen auf die Fläche. Nur ganz minimal und es kann von Motiv zu Motiv in der Wirkung ganz unterschiedlich sein. Doch so bekommen die Bilder eine Präsenz im Raum.
Die Motive sind im Vergleich zu der Technik aus unserer Zeit. So gibt es einen Zusammenhang zwischen Vergangenem und Aktuellem. 

Auf der Einladungskarte wird es vom Künstler inhaltlich ganz gut zusammen gefasst: Wir treffen auf altersschwache Kampfhunde, vogelartige Rhabarberblätter, müde Handwerker, Tintenfische und ihre Abdrücke und auf die ganze Menschheitsgeschichte, dessen Bestandteile fast schon lakonisch auf weißem Grund dargestellt sind, so dass man sich allein auf das Objekt konzentrieren kann.

Sie befinden sich nicht im luftleeren Raum, da sehr reduziert Schatten auf der Platte oder der Pappe und auch deren Stoßkanten zu sehen sind, so dass eine minimale Räumlichkeit entsteht. Der Künstler findet die Motive an ganz unterschiedlichen Orten. Er wird immer wieder in seinem Alltag mit ihnen konfrontiert.

Jeder kennt das Abgebildete, sei es selbst von einer Abbildung oder aus dem eigenen Leben. Der Betrachter bringt seine Erinnerungen und Erlebnisse mit in die Bilder. Wir finden in unserer Erinnerung Parallelen und genau das möchte der Künstler auch. Es sollen unsere Bilder werden. Er löst etwas aus der Wirklichkeit um bei jedem Betrachter eine eigene Wirklichkeit zu erzeugen. Zudem haben die Fotografien fast Lebensgröße und stehen teilweise auf dem Boden, was den Zugang noch mehr erleichtert.

Die abgebildeten Menschen sind für den Betrachter nur fremde Gesichter, die jedoch an Bekannte erinnern können. Bekannte aus jeder Altersklasse, da wir durch die 3 präsentierten Porträts 3 verschiedene Altersstufen präsentiert bekommen – den alten Herrn, das kleine Mädchen und auch Personen mittleren Alters.

Die Hunde scheinen wie in der Wirklichkeit in der Ecke zu liegen. Sie tauchen im Werk des Künstlers immer wieder auf, da man ihnen auch überall begegnet. Sie sind so gründlich domestiziert wie kein anderes Tier. Der Hund ist das 1. Stück feindliche Natur, das der Mensch häuslich gemacht hat.

Doch trotz des leichten Zugangs zu den Motiven ist da auch eine gewisse Befremdlichkeit und Irritation beim ersten Kontakt mit den Bildern, ein Nähertreten, um sich zu vergewissern, um was für eine Art Darstellung es sich konkret handelt. Und selbst dann sieht man es nicht und genau das genau ist die Intention des Künstlers. Er selbst sagt:“Ich finde es am besten, wenn man leicht irritiert ist.“

Besonders die Plastik  „ca. 600.000.000 v. o. n. Chr.“, die aus Gießharzplatten und Wachs besteht, wirft Fragen beim Betrachter auf. Diese Arbeit ist sehr aktuell und aus einer noch nicht abgeschlossenen Serie. Wir sehen organische Formen, die an Korallen oder Eisschollen erinnern können. Ganz unterschiedliche Interpretationsansätze, die etwas beschreiben, was sowohl 600 Millionen Jahre vor und auch 600 Millionen Jahre nach Christus existieren könnte. Der Künstler selbst nahm die Zeit des Cambrium als eine Inspirationsquelle und auch die Kunst des französischen Symbolisten Odilon Redon mit seinen phantastisch-komischen Wesen.

Genau dieses phantastisch-komische Gefühl hat man bei den Skulpturen aus verschiedenfarbigem Wachs. Das organische Material, das weich und somit leicht zu verarbeiten ist bringt Herrn Winkler einen guten Ausgleich zur Fotografie. Der Weg in den Raum, in die 3-Dimensionalität ermöglicht einen ganz anderen Zugang für den Betrachter. Er kann die Skulptur umschreiten und hat so die Möglichkeit ganz unterschiedliche Ansichten zu sehen. Der Künstler schafft mit ihnen eine surreale Scheinwirklichkeit - eine weit in den Raum keimende Riesenkartoffel, die Zimmerpflanzen oder Tiere, sehr häufig Kalmare, die in einem bestimmten Moment festgefroren zu sein scheinen. Ob es eine Homogenität zwischen diesen Objekten gibt, muss jeder selbst herausfinden. Bei allen Werken ist die Auswahl rein intuitiv geschehen, jedoch lassen sich viele Querbezüge zwischen den auf den ersten Blick so unterschiedlich wirkenden Objekten herstellen. Besonders deutlich ist die Ähnlichkeit zwischen tierischem und pflanzlichem Leben. Die Zimmerpflanzen erinnern an Riesenspinnen.
                                                                                                                  Bei allen Wirken wird eins schnell klar: Bild und Objekt sind gleichrangig und der  Ausgangspunkt jedes Schaffens ist die Fotografie. Der Künstler hat neben seinem großen Interesse an naturwissenschaftlichen Darstellungen auch eine sehr enge Verbindung zu Büchern und Bibliotheken. Er selbst fotografiert nicht nur, sondern erstellt auch Texte, die wie ein Tagebuch Eindrücke aus seinem Leben festhalten. Diesmal nicht mit der Kamera, sondern mit dem Wort. Im Treppenhaus finden Sie auch fotografierte Zettel mit unterschiedlichen Gedicht- oder Liedzeilen, die Bekannte für den Künstler aufgeschrieben haben. Ganz banale Sachen, die für den Künstler wie ein Vehikel sind, auch die Schrift zu verarbeiten. Er bringt sie alleine auf die Fläche und nur so funktioniert sie für ihn. Die Fotografien von fiktiven Buchrücken passen in den Umgang mit dem Wort, da der Künstler so einen Trick findet um Wörter in Bilder zu schmuggeln.
Ganz zuletzt sei noch kurz auf den doch sehr naheliegenden Bezug zu dem Ausstellungsort hingewiesen, da auch das Beschreiten des Turmes der Lutherkirche eine Zeitreise ist, da er aus Elementen unterschiedlicher Epochen besteht. Nach dem Krieg konnte einiges gerettet, anderes musste erneuert werden.

Altes trifft auf Neues, wie im Werk von Gerhard Winkler.                                                                                                    
 



Vogelartige Rhababerblätter

Plakatausschnitt der Ausstellung "Time Goes By" von Gerhard Winkler
"T.G.B." von Gerhard Winkler