Lutherkirche

Über den Karikaturenstreit, das "Wort zum Sonntag" und eine Charta des religiösen Miteinanders

Predigt von Rolf Doming am 12. Februar 2006


Superintendent Rolf Domning, heute Hausherr der Kartause, ist gern gesehener Gast in der Lutherkirche, weil er dort bis 2004 als Pfarrer gewirkt hat. Für viele ist sein alljährlicher Auftritt unverzichtbarer Bestandteil der berüchtigten Karnevalsgottesdienste, in denen er zusammen mit Pfarrer Hans Mörtter einmal im Jahr so richtig die Post abgehen lässt. Als er am 12. Februar 2006 eine Predigt in der Lutherkirche hält, ist die Karnevalszeit zwar schon im Gange, imminent ist aber der Karikaturenstreit, der gewalttätige Formen angenommen hat. „Wenn wir in diesen Tagen über Gott und die Religionen reden, dann ist das wahrlich nicht mehr meditativ-betulich“, bedauert Domning in seiner Predigt. „Manche reden schon vom Kampf der Kulturen. Das kleine nördliche Dänemark macht Weltkarriere. Tötet die Dänen! Verbrennt ihre Botschaften! So heißt es plötzlich, weil ihre auflagenstärkste Tageszeitung Karikaturen über Mohammed veröffentlicht hat.“

In den insgesamt zwölf Karikaturen der dänischen Zeitschrift ‚Jyllands Posten’ werden beispielsweise im Jenseits ankommende Selbstmordattentäter verhöhnt. Der eigentliche Affront liegt aber in der Tatsache, dass sie den Propheten Mohammed zeigen. Genau wie im Christentum ist im Islam eine bildliche Darstellung Gottes verboten: Im Christentum heißt es im Zweiten Buch Mose, 20, 4-5 „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“. Das ist zweite Gebot. Im Islam herrscht sogar ein absolutes Bilderverbot. Die bildliche Darstellung Mohammeds allein wäre also Beleidigung genug gewesen. Auf einem der Bilder trägt er gar einen Turban, aus dem eine Bombe mit brennender Lunte herausschaut. Diese und ähnliche Abbildungen des Friedenstifters waren der Funke, der zu einem Flächenbrand in vielen islamischen Ländern führte. „Vielleicht haben wir als Christen eine andere Tradition, ein anderes Selbstverständnis, um mit Spott und Kritik umzugehen“, fragt sich Domning. „Angesichts des Karikaturenstreits stehen wir fassungslos da, und man kann sagen: Der Satire und dem Humor wurde offensichtlich der Dschihad angedroht. In den Karnevalshochburgen gibt es schon Selbstverpflichtungen der Narren, keine islamkritischen Reden zu halten“.

Dann stellt Domning Überlegungen an, warum Christen und Muslime so unterschiedlich auf religiöse Satire reagieren. Er geht zunächst auf den Spott ein, den das Christentum zu ertragen hatte und hat. In seinen theologischen Überlegungen geht er auf Paulus ein: „ Das Kreuz selbst, so Paulus, ist ein Skandalon. Es ist die Karikatur eines Gottes, der ohnmächtig ist und erniedrigt wurde.“ Im Christentum wandelte sich das Kreuz von einem Zeichen der Schande und Erniedrigung zum ultimativen Symbol des Triumphes. „Und Jesus, der Narr, wurde Teil eines wichtigen theologischen Entwurfs“, erklärt Domning, „das Kreuz wandelt sich zum Lebensbaum“. Im Islam hat es ein solches Phänomen nicht gegeben.

Dann zitiert er nochmals den Lesungstext, aus Jeremia, den er zu Anfang als eingängig wie ‚Das Wort zum Sonntag’ bezeichnet hatte: „Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums. Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich (Gott) kenne...“ Doch aus aktuellem Anlass wäre Domning das Gegenteil dieser Anweisung lieber. „Ja, ja, das ist gut und richtig, aber mir sind ja die schon fast lieber. die sich selbst rühmen, ihre Weisheit, ihre Stärke, ihren Reichtum als die, die sich rühmen, Gott zu kennen“, unkt er. „ Die, die sich selbst rühmen, die sind einkalkulierbar, rein menschlich in ihren Bedürftigkeiten und Widersprüchen leicht zu identifizieren. Diejenigen, die sich rühmen, Gott zu kennen, die können einem leicht unheimlich werden, egal welcher Religion sie angehören und welche Wahrheiten sie propagieren.“

Der Bibeltext richtete sich an König Jojakim, der sein weltliches Reich ganz auf Macht, Reichtum und Weisheit gründete. Der Prophet Jeremia machte sich mit seinen Äußerungen unbeliebt, in denen er den Verfall der Sitten und den Abfall vom Glauben beklagte. „Es geht dem Propheten darum, die guten Gaben Gottes ins Gedächtnis zu rufen: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit auf Erden“ erläutert Domning weiter. „Jetzt komme ich doch ins Grübeln über den Stellenwert dieses Wortes. Das ist gar kein festliches Wort zum Sonntag, es redet den Mächtigen ins Gewissen. Es weiß um deren Unterdrückung und Demütigung des Volkes. Es ist ein mutiges Wort, ein scharfes Wort, kein übliches Wort zum Sonntag“. Im echten Wort zum Sonntag, das am Vorabend in der ARD ausgestrahlt wurde, war der Sprecher Burkhard Müller auf den Karikaturenstreit eingegangen. Zum Abschluss seiner Predigt zitiert Rolf Domning aus dieser Sendung.
 
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Das Fass läuft über

Wort zum Sonntag von Burkhard Müller

Dieses Wort zum Sonntag wurde am 11. Februar 2006 in der ARD ausgestrahlt.

Der Islam ist eine großartige Religion.
Vielen von uns ist sie fremd oder weithin unbekannt. Menschen, die den Islam lieben, bedauern zutiefst die Bilder der Gewalt in den Medien:
die abgefackelten Fahnen,
die gestürmten Botschaften,
die zertrümmerten Autos,
die aufgehetzten grölenden Massen.

Dies und anderes lässt uns von der Schönheit und Tiefe ihrer Religion wenig ahnen. Ich weiß aber, dass trotzdem manche aus meiner christlichen Kirche mit mir überzeugt sind: der Islam hat viel Segen über die Welt gebracht.

Wenn ich in Teheran geboren wäre oder in dem Armenviertel zu Djakarta, wäre der Islam auch für mich Halt und großer Hoffnungsanker. Aber nun bin ich in der christlichen Welt geboren.
Und ich bin von Herzen Christ.

Auch der christliche Glaube ist eine großartige Religion. Diese Religion ist vielen fremd und weithin unbekannt. Und es wird den Muslimen nicht leicht gemacht, die Schönheit und Tiefe der christlichen Religion zu erkennen. Die amerikanischen Soldaten im Irak werden als Besatzer erlebt. Über bombardierte Orte in Afghanistan wird berichtet. Die Bilder von Abu Ghraib, die Gerüchte von Schändungen des Koran in Guantanamo, und jetzt die gemeinen und diffamierenden Karikaturen aus Dänemark!.
Die dänischen Karikaturen waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und dieses Fass ist voll mit Demütigungen und Verletzungen der islamischen Welt durch die christliche, die westliche Welt während vieler Jahrhunderte: Die Kreuzzüge sind nicht vergessen, denn das Gedächtnis der Völker ist lang, die demütigende Kolonialisierung, der Wirtschaftsimperialismus des Westens, der nicht an den Völkern, nur an ihrem Öl interessiert ist. Wie soll man da als Muslim glauben, dass die christliche Religion viel Segen in die Welt gebracht hat! Viele Christen bedauern das zutiefst und schämen sich zwar nicht ihres Glaubens, aber dieser Geschichte.

Ich träume davon, dass irgendwann Christen und Muslime eine "Charta des religiösen Miteinanders" erarbeiten und durch ihre geistlichen Führer öffentlich feierlich unterzeichnen und dann den Mitgliedern zur Unterschrift vorlegen. Folgendes könnte die Selbstverpflichtung beinhalten:
"Wir wollen einander mit Respekt begegnen.

Wir wollen die gegenseitigen Vorurteile im Gespräch abbauen.
Wir wollen einander besser kennen lernen.
Wir wollen den Glauben des andern respektieren.
Wir wollen einmal jährlich gemeinsam feiern.
Wir Christen bitten Gott, dass er uns um Jesu willen zu wahren Christen macht.
Wir Muslime bitten Gott, dass er uns durch den Koran zu wahren Muslimen macht. Wir bitten gemeinsam um Geduld, wenn wir auf dem Weg zu einander hin nur langsam vorankommen. Gelobt sei Gott."

© ARD Fernsehen Das Erste
Burkhard Müller (Jahrgang 1938) ist bereits im Ruhestand und arbeitet als Sprecher im ARD-Team „Das Wort zum Sonntag“. Zuletzt war der fünffache Vater Superintendent in Bonn. 2009 übernahm er erstmalig die Moderation eines unserer Talkgottesdienste.



"Du sollst Dir kein Bildnis machen"

Symbol für den Islam, der Halbmond
Auch im Christentum gibt es ein Bilderverbot